Hüben wie drüben – Kunst im Schatten der Mauer, ein paar liebgewonnene Tote und jede Menge Jahrestage

berliner_mauer_gedenkmarkierung_doris-antony-put-it-under-the-gfdl-and-cc-by-sa-30.jpg Mauer-Gedenkmarkierung – Foto: Doris Antony (wikimedia commons)

Eine Frage der Perspektive. Die Mauer aus anderer Sicht.

„Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“ Mit Sicherheit eine rethorische Frage, eine Antwort wird der Westberliner Zollbeamte an der Berliner Mauer von seinem Gegenüber auf der Ostberliner Seite nicht bekommen haben. Dass diese Sprüche dennoch überliefert worden sind, ist der Akribie der Grenztruppen der DDR bei ihrem Dienst an der Berliner Mauer geschuldet, die alles genauestens dokumentierten, was in ihren Abschnitten so Tag für Tag vorgefallen war. Bei Recherchen im Militärarchiv Potsdam sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer auf rund 1.500 Fotonegative von der Berliner Mauer gestoßen, die im Jahre 1965 von Grenzsoldaten der DDR entlang des gesamten Verlaufes der Mauer zwischen Ost- und Westberlin aufgenommen worden sind. Messmer hat diese Aufnahmen digitalisiert und zu eindrucksvollen Panoramen zusammengefügt.

Bisher kannte man die Mauer auf der Westseite von diversen Fotografien sehr genau. Fotos der Grenzanlagen von Osten aus waren eher selten, da strengsten verboten. Im Haus der ehemaligen Italienischen Botschaft im 2.Stock Unter den Linden 40 sind diese Fotografien nun zu sehen. Annett Gröschner, die bereits einige Bücher mit Geschichten über Berlin (Mitte, Prenzlauer Berg, Gleimstraße etc.) veröffentlichte, hat sie mit den oben bereits erwähnten Texten aus den Berichten der Grenzer versehen. So entstanden beklemmende Bilder einer fast surrealen Welt, mit menschenleeren Plätzen, Straßenläufen und Friedhöfen, entlang der durch Stacheldrahtverhaue, alte Friedhofsmauern und erste befestigte Grenzanlagen gesicherten Grenze. Das dieses Provisorium immer weiter ausgebaut wurde und schließlich 28 Jahre Bestand haben sollte, hat man damals vermutlich im Westteil der Stadt nicht für möglich gehalten. Der Kontrast der Bilder zu den Texten ermöglicht tatsächlich einen neuen, anderen Blick auf die damals noch trügerisch durchlässig wirkende Mauer.

dsc04481.JPG Plakat der Austellung Unter den Linden 40

 „Die Betrachtung der Berliner Mauer, aus einem Gesichtswinkel, der allein die Proportion dieses Bauwerks berücksichtigt, dürfte doch wohl erlaubt sein. Entschärft sofort die Mauer. Durch inneres Lachen. Vernichtet die Mauer. Man bleibt nicht mehr an der physischen Mauer hängen. Es wird auf die geistige Mauer hingelenkt, und diese zu überwinden, darauf kommt es wohl an. (…) Spontan entstehende Frage: Welches Wesensglied in mir oder anderen Menschen hat dieses Ding entstehen lassen? Wieviel hat jeder von uns zum Möglichsein dieser Mauer beigetragen und trägt weiter bei. Ist jeder Mensch ausreichend am Verschwinden dieser Mauer interessiert?“ Joseph Beuys (1964)

„Gratulation zum Schutzwall. Ihr habt gewonnen eine Runde, aber es ist Tiefschlag. Hätt ich gewußt, daß ich mein eignes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt ich mit Dynamit geladen.“ Brigadier Barka in „Der Bau“ von Heiner Müller, (1964)

Diese beiden Zitate dokumentieren den Unterschied in der Sichtweise der Künstler, abhängig nur von der Seite des „antifaschistischen Schutzwalls“, von der sie auf dieses Bauwerk des kalten Krieges schauten. Die Macher der Ausstellung „Aus anderer Sicht, Die frühe Berliner Mauer“ haben diese beiden Zitate in das Vorwort zum Katalog gesetzt. Was bei Beuys nur eine Art Entschuldigung für die provokante Forderung war, die Mauer aus ästhetischen Gründen 5 cm zu erhöhen, führte bei Heiner Müller zum Verbot des Stücks „Der Bau“, einer sehr freien Bearbeitung des Romans „Spur der Steine“ von Erik Neutsch für das Deutsche Theater in Berlin, und brachte dem Autor harsche Kritik von Seiten der SED-Funktionäre ein. Heiner Müller wurde bis in die 70er Jahre hinein in seiner künstlerischen Tätigkeit stark behindert, er konnte erst ab den 80er Jahren in die Bundesrepublik reisen und bekam fortan auch immer mehr Anerkennung in beiden deutschen Staaten.
Er wird so zum Wanderer zwischen den verfeindeten Systemen hüben wie drüben des Eisernen Vorhangs. Auf der einen Seite ein rigides Grenzsystem, mit Schießbefehl und auf der anderen Seite die freie bürgerliche Gesellschaft, an der Heiner Müller gerade noch die RAF und das Thema Terrorismus interessierten, alles andere aber eher zu Tode langweilte. Die Auseinandersetzung mit totalitären Systemen ist die Fläche an der sich seine Stoffe reiben, er arbeitete sich immer wieder an seinem Vorbild Brecht ab. Die Stücke „Fatzer“ und „Mauser“ entstehen so. Weiter interessierte ihn das Scheitern von Utopien in „Der Auftrag“ und „Hamletmaschine“ sowie Krieg und Verrat in „Die Schlacht“ und „Wolokolamsker Chaussee“. Die BRD konnte ihm diese Themen nicht bieten, dafür brauchte er die DDR. „Die DDR ist mir wichtig, weil alle Trennlinien der Welt durch dieses Land gehen. Das ist der wirkliche Zustand der Welt, und der wird ganz konkret in der Berliner Mauer.“ Die Berliner Mauer war für Heiner Müller eine Art Zeitmauer, die die totale Verlangsamung des Ostens und die Beschleunigung des Westens voneinander trennte. Das Wegfallen dieser Korrektivs, wie er es nannte, verursachte 1989 eine regelrechte Verwirbelung, die Schwindelgefühle erzeugte (Müller zitiert hier Ernst Jünger) und alles einem Mahlstrom gleich mit sich zog. Der so maßlos entfesselte Kapitalismus erzeugte nach dem Wegfall der Blöcke sogar eine regelrechte Schreibblockade bei Heiner Müller, die bis zu seinem Tod 1995 anhalten sollte.

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Heiner Müller. Krieg ohne Schlacht: Leben in zwei Diktaturen, Kiepenheuer & Witsch, 1992

Der 55. Todestag von Bertolt Brecht fällt übrigens genau auf den Tag vor dem 50. Jahrestag des Mauerbaus. Dem 1956 verstorbenen Brecht blieb eine weitere Stellungnahme zur Politik der SED nach dem 17. Juni 1953 erspart. Es mag ihm ähnlich wie Heiner Müller gegangen sein, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Da es für ihn in der DDR nicht mehr all zu viel zu kritisieren gab und Streit mit unfähigen Kulturpolitikern sich in endlosen Formalismusdebatten erschöpften, blieb für Brecht nur die Aufwärmung alter Stoffe oder wie bei Peter Hacks die Flucht in die Klassikerbearbeitung. Hacks, der sich sehr einverstanden mit dem Bau der Mauer zeigte („Lied der Kampfgruppen“) und es auch noch nach deren Fall war, stellte den anderen Teil der unbequemen DDR-Intellektuellen dar. Eigentlich mit allem einverstanden, verlegte er sich ans Kritteln im Detail und zog sich so den Unmut und das Unverständnis der DDR-Oberen zu. Nach Ulbrichts Absetzung war er im Grunde mit der Partei fertig und zog sich aufs Land zurück, um sich seiner klassischen Ästhetik zu widmen. Auch die anfängliche Befürwortung Heiner Müllers schlug in regelrechte Feindschaft um. Sein letzter Kommentar zur Mauer war, sie als ein „der Erdenwunder schönstes“ zu bezeichnen und das in seinem Gedicht „Tamerlan in Berlin“ über den Kulturverfall nach der Wende, in Form von einfallende Usbekenhorden, noch zu bekräftigen. Das ist sicher schwer nachzuvollziehen, aber so war Hacks eben. „Haltungen kann man nicht erläutern; Haltungen nimmt man ein“ war sein unbedingter Wahlspruch.

Westberliner Subkultur und Ostberliner Untergrund

Die Wahrnehmung der Mauer in Ost und West war also eine sehr unterschiedliche. Im Westteil Berlins wurde sie immer mehr ignoriert und von Künstlern in den 70er und 80er Jahren schließlich als Trägerfläche für Graffiti, Sprüche und diverse Kunstaktionen wiederentdeckt. Bekannt sind die Bilder von Keith Haring, Thierry Noir und schließlich die der Neuen Wilden um Rainer Fetting. Die Berlinische Galerie zeigt noch bis 12.09.11 eine Retrospektive mit Berlinmotiven des Malers, die auch eine Reihe von Mauerbildern beinhaltet. Mit dem Bild „Gelbe Mauer“ hat sich Fetting 1977 sogar für ein DAAD-Stipendium beworben und es nach Führsprache seines Lehrers K-H Hödicke auch erhalten. Mit der farbigen Expressivität eine Ernst-Ludwig Kirchners stellte Fetting die Mauer in leuchtendem Gelb mit etwas zart sprießendem Grün an deren Fuße dar. „Weil sie so aberwitzig war, konnte man sie auch überall hin malen. Ich wollte die Mauer zumindest nicht artig realistisch im damals politisch korrekten Sinn gelten lassen.“ Nach seiner Rückkehr aus den USA nach dem Fall der Mauer hat Fetting sofort, neben der blühenden Subkultur, mit der Dokumentation der Veränderungen im nun vereinten Berlin begonnen. Bilder wie „Psychedelic East I“ (1990) und „Ole vor Potse“ (1998) oder von den Baustellen in der Friederichstraße und des Palastes der Republik (1993) zeugen davon.

rainer-fetting-gelbe-mauer-1977-berlinische-galerie-rainer-fetting-foto-kai-annett-becker-berlin.jpg Rainer Fetting, „Gelbe Mauer“, 1977, Berlinische Galerie, © Rainer Fetting, Foto: Kai Annett Becker, Berlin

Das Postdamer museum FLUXUS+ in der Schiffbauergasse nahe dem Hans-Otto-Theater zeigt Werke von Wolf Vostell aus einer großen Privatsammlung, die sich u. a. auch mit dem Thema Mauer befassen. Die Kunst-Provokationen des Fluxus im Sinne von Beuys oder Wolf Vostell, der die Mauer noch mal in Beton goss, waren mit Sicherheit auch Vorbild für weitere Künstlergenerationen, die sich fortan auf der Westseite verewigen sollten. Die Undergroundszene der 80er Jahre ist voll von solchen Beispielen. Besonders in der Punk-Musik und in der Film- und Videokunst spielte die Mauer im Hintergrund immer wieder eine Rolle. Kultbands wie „Die Tödliche Doris“ oder „Malaria!“ verbanden verschiedenste Kunststile mit der Musik des Punk und New Wave. Weitere Protagonisten sind Frieder Butzmann und die Musiker um die Einstürzenden Neubauten Blixa Bargeld, FM Einheit und N. U. Unruh. In der DVD/CD-Box „BERLIN SUPER 80“ und dem beigelegten Buch kann man noch mehr über die rege Westberliner Underground-Kunstszene erfahren. Nach dem Mauerfall waren es die Einstürzenden Neubauten, die als erste der Bands im Dezember 1989 bei einem legendären Konzert im Kultursaal des Ostberliner VEB Elektrokohle auftraten. 2009 hat Uli M. Schueppel mit „Elektrokohle (von wegen)“ einen Dokumentarfilm über die Hintergründe dieses Konzerts gedreht.
Viele junge Westdeutsche nutzten in den Jahren der Teilung die Möglichkeit, vor dem Wehrdienst in der Bundesrepublik nach Westberlin zu flüchten und so entstand eine breite Subkultur im Schatten der Mauer, die aber auch immer mehr im eigenen Saft schmorte. Das gipfelte u.a. darin, dass Annette Humpe, Ikone der Neuen Deutschen Welle und Sängerin der Band Ideal von Eiszeit und Monotonie sang und sich sogar aus lauter Langeweile an der Mauer erschießen lassen wollte.
Auf der Ostseite war dieser makabre Gedanke leider eiskalte Realität. Man kam gar nicht erst unbehelligt in die Nähe des gut bewachten Schutzwalls und mancher der eigentlich nur im Sinn hatte, Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden, fand sich schon nach dem Anzünden von Kerzen vor der nächsten Kaufhalle, bei den netten Herren von der Staatssicherheit wieder. Im Osten hatte sich eine vorerst eher unpolitische Szene des passiven Widerstands gebildet, die sich auf Blues-Messen oder in kleinen Umweltgruppen traf. Der Schriftsteller und Heine-Preisträger Jürgen Rennert, aktiv in der Kirchenszene, fasste diese bleierne Zeit in dem Lied „Schweigen“ für die Hof-Blues-Band 1981 so zusammen:

Euer Schweigen Freunde ist, wie ein frühes Sterben
Wie ein Totsein vor der Frist, geht der Kopf in Scherben
Geht der Kopf in Scherben

In den Schranken Eures Seins, unbewusst vergeht Ihr
Nur das Quieken eines Schweins, sticht man’s ab, versteht Ihr
Sticht man’s ab, versteht Ihr

Wer nicht sagt, was er denkt, der wird bald nicht mehr denken
Was er hofft und was er fühlt, lässt er andere lenken
Lässt er andere lenken

Euer Schweigen Freunde ist, wie ein sich verlieren
Wie ein Totsein vor der Frist, wie ein vegetieren
Wie ein vegetieren

Viele der Bluesmusiker gingen in Folge von Repressionen und Auftrittsverboten in den Westen oder wurden ausgebürgert, u.a. fast die gesamte Klaus Renft Combo, Hansi Biebl, Stefan Diestelmann, noch 1989 Peter Cäsar Gläser und auch der Begründer der Ostberliner Blues-Messen Günter Holly Holwas. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Eine der schillernsten Persönlichkeiten dieser Szene, der vor drei Jahren verstorbene Sänger der Skandal-Band Freygang, André Greiner-Pol, bewegte sich seit den 70er Jahren auf einem schmalen Grat zwischen Knast, Auftrittsverboten und halb unfreiwilligen Stasi-Kontakten. Ein Blatt nahm er dennoch nie vor den Mund. Seine innere Zerrissenheit kommt aber auch in seinen Texten immer wieder zum Ausdruck. „Rette mich, aus dieser Stadt, hol mich raus, aus diesen Mauern … Ich will Leder, um mich zu schützen.“ Mit etwas zeitlichem Abstand schwappte natürlich auch die Punk- und Waveszene nach Ostberlin und die sogenannten anderen Bands wie Die Anderen, Die Art, Feeling B, Herbst in Peking oder Die Skeptiker gründeten sich.

freygang-1990-rock-gegen-rechts-magdeburg.jpg André Greiner-Pol mit Freygang bei Rock gegen Rechts 1990 in Magdeburg – Foto: Hompage Freygang-Band

Freygang – Rette Mich.mp3

Die Undergroundszene des Westens hatte natürlich auch ihr Pendant im Osten. 2008 erschien die DVD „Gegenbilder – DDR-Film im Untergrund“ mit Super-8-Filmen aus den Jahren 1983-1989. Einige der damaligen Künstler sind heute zu einiger Bekanntheit gelangt, wie der Videokünstler Via Lewandowsky und die Malerin Cornelia Schleime, die auch in der Punk-Band Zwitschermaschine mitwirkte und 1984 nach Westberlin ausreiste. Auch hier war immer einer dabei, der mithörte und berichtete, die Geschichte um den Schriftsteller Sascha Anderson ist bekannt. Über die Subkultur der unangepassten Schriftsteller in der Prenzlauer-Berg-Szene ließ sich Heiner Müller in „Krieg ohne Schlacht“ folgendermaßen aus: „Was mich gelangweilt hat, war der Second-Hand-Charakter, das Fremdbestimmte vieler Texte, die verspätete Kopie von Moden. (…) Ich hatte den Eindruck, Sascha Anderson zum Beispiel schrieb in der DDR für Kalifornien. Die DDR hat für diese Generation nicht existiert, aber etwas anderes kannten sie auch nicht.“ Er attestierte ihnen weiter Luftwurzeln wie holländische Treibhaustomaten, Texte wie dünnes Gebäck und eine Scheinexistenz. Viele dieser jungen Literaten saßen auch meist schon auf gepackten Koffern und verließen noch Ende der 80er Jahre die DDR. Die dablieben, schrieben aber munter weiter und veröffentlichten ihre Werke in kleinauflagigen Zeitschriften im Eigenverlag. Beispielhaft zu nennen sind hier Bert Papenfuß, Jan Faktor, Elke Erb oder Peter Wawerzinek, der mit dem Gewinn des Bachmannpreises 2009 auch endlich einem breiteren Publikum bekannt wurde. In der Bildenden Kunst waren es u.a. Künstler wie die Grafiker Manfred Butzmann und Robert Rehfeldt oder die Bildhauer Hans Scheib und Sabine Grzimek. 2010 gab es im Prenzlauer-Berg-Museum in der Prenzlauer Allee eine sehr interessante Ausstellung zum Thema „Poesie des Untergrunds“.

Thomas Brasch und Einar Schleef, zwei Zerrissene und die Berliner Mauer

Im Theater, das ja in der DDR einen besonderen Stellenwert einnahm und in Berlin natürlich vor allem auch in der Tradition von Bertold Brecht stand, taten sich in den 70er Jahren einige Veränderungen. Neben Heiner Müller versuchten vor allem Thomas Brasch und Einar Schleef neue Akzente zu setzen. Zuerst gefördert durch Helene Weigel und B.K. Tragelehn hatten sie erste Erfolge am Berliner Ensemble, fielen aber auch schnell in Ungnade. Schleef zusammen mit Tragelehn nach einer Fräulein-Julie-Inszenierung am BE und Brasch wegen der Verteilung von Flugblättern gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Brasch, der im Havemann-Kreis verkehrte, verließ die DDR nach der Unterzeichnung der Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und Schleef blieb nach den Vorbereitungen einer Inszenierung am Burgtheater Wien 1976 in der Bundesrepublik. Anders als bei Heiner Müller schien ihnen ein Arbeiten in der DDR nicht mehr möglich. Beide fanden u.a. eine neue Heimat am Schauspiel Frankfurt/M. Brasch schrieb seine Shakespeare- und Tschechow-Übersetzungen, einige Theaterstücke und vor allem Gedichte, wie „Halbschlaf – Für Uwe Johnson“, einem anderen bekannten DDR-Flüchtling.

Und wie in dunkle Gänge
mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand:
So lief ich durch das Finster
in meinem Schädelhaus:
Da weint er und da grinst er
und kann nicht mehr heraus.
Das sind die letzten Stufen,
das ist der letzte Schritt,
der Wächter hört mein Rufen
und ruft mein Rufen mit
aus meinem Augenfenster
in eine stille Nacht;
zwei rufende Gespenster:
eins zittert und eins lacht.
Dann schließt mit dunklen Decken
er meine Augen zu:
Jetzt schlafen und verstecken
und endlich Ruh.

Einar Schleef entwickelte sogar eine regelrechte Mauermanie. Seine Freundin, die ihm 1977 in den Westen folgen will, wird an der Grenze zur BRD bei einem Fluchtversuch festgenommen und 1978 vom Westen freigekauft. Er schreibt ihr immer wieder Karten in den Knast. Da Schleef zunächst keinen Erfolg am Theater hat, schreibt er wie besessen den Roman „Gertrud“ und notiert in sein Tagebuch: „Dort die Mauer um alle. Hier die Mauer um jeden.“ Er geht nach West-Berlin und studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Regie. Seine zahlreichen Spaziergänge enden immer wieder an der Mauer. „Ich kann ohne die Mauer nicht leben. Ich bin die Mauer. Gegen mich selbst.“ Seine ständige Begleitung ist eine Fotokamera und so kommt es, dass nun, 10 Jahre nach seinem Tod, ein Band mit Erzählungen und Mauerfotos von ihm veröffentlicht wurde. Der Herausgeber von „Ich habe kein Deutschland gefunden“, Jörg Aufenanger schreibt in seinem Nachwort: „Die Mauer sollte für Einar Schleef bis über ihren Fall hinaus zur Obsession werden, in Leid und Lust, wie ein Süchtiger wird er sie immer wieder meiden. Oder stets suchen.“

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herausgegeben und mit einem Nachwort von Jörg Aufenanger, Elfenbein Verlag, Berlin 2011, gebunden, 152 S., 29 €

Am Mittwoch wurde in den Räumen der Ausstellung „Aus anderer Sicht“ aus dem Buch gelesen. Auf dem Podium saßen der Herausgeber Aufenanger, der Schauspieler Horst Hiemer und die Gesprächsleiterin Marianne Streisand. Hiemer und Aufenanger wechselten sich beim Lesen der Texte und des Nachwortes ab. Es sind sehr persönliche Texte aus Schleefs Leben und immer auch mit Bezug zur Mauer. Hiemer erntete für seine recht gefühlige Vortragsweise etwas Kritik aus dem Publikum. Eine Dame konnte nicht an sich halten und würdigte sehr resolut die Wirkung von Schleefs Theaterarbeit in die Gesellschaft hinein. Nun, über eine Wirkung speziell beim jüngeren Publikum, das immerhin sehr interessiert nach der Schleef´schen Arbeit mit Chören fragte, muss man wohl zweifeln, aber die Texte Schleefs und seine Regiearbeiten kann man schon in diese Richtung hin interpretieren. Auf dem Podium konnte man sich nicht zu einer klaren Aussage durchringen, Aufenanger „verschleefte“ zusehends und auch Hiemer konnte mit den Fragen aus dem Publikum nicht sehr viel anfangen. Das Buch ist aber auf jeden Fall ansehens- und lesenswert. Eine eingehendere Beschäftigung mit Schleefs Texten ist auch heute noch durchaus lohnend. In Berlin gibt es ja immerhin noch Armin Petras, der sich der Pflege des Schleef´schen Erbes gewidmet hat und mit seiner Inszenierung „Droge Faust“, die bereits in Leipzig Premiere hatte, in der kommenden Spielzeit am Maxim-Gorki Theater aufwartet.
Noch einmal zurück zu Thomas Brasch, der wie Einar Schleef viel zu früh verstorben ist, im Dezember jährt sich sein Todestag ebenfalls zum 10. Mal. Auch hier wäre eine Rückkehr auf die Bühne wünschenswert. Aber nicht einmal am BE des Claus Peymann ist, außer einem Prolog zur Wiedereröffnung 2000, mehr als die Verwendung der Brasch´schen Shakespeareübersetzungen herausgekommen. Wie bei Einar Schleef riss der Tod Thomas Brasch mitten aus der Arbeit. Ihr Kampf, ihr Erfolg sowie ihr Scheitern hat mit Sicherheit auch mit der Berliner Mauer und dem gespaltenen Leben zwischen zwei Gesellschaften zu tun. Brasch fasste das so zusammen: „Ich glaub, jeder Schriftsteller fühlt sich immer in einem Niemandsland. (…) Das ist eine sehr isolierte Arbeit, die man macht, die ist es in der DDR oder in der Bundesrepublik ganz sicher auf die gleiche Weise.“

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch aus Kargo. SUHRKAMP Verlag, Frankfurt a.M. 1977

Quellenangaben und eine umfangreiche Literaturliste folgen.

  • Austellungshinweis:

Poesie des Untergrunds – Teil 2: ab 17.08.11 im Jugendwiderstandsmuseum Galiläakirche, Rigaer Straße 9, 10427 Berlin. Die Ausstellung läuft bis zum bis 8. September. Katalog 24, 80 €

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