Was macht man nur mit diesem Sommer? Drei mehr oder minder verzweifelte Versuche eines Theaterverrückten.

Pack die Regenpelle ein… – Baden gehen mit Mozarts „Zauberflöte“ am Berliner Wannsee

Sonntagnachmittag, S-Bahnhof Wannsee, 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung, es regnet in Strömen. Im Biergarten an der Loretta am Wannsee drängen sich die Leute unter die Sonnenschirme. Sonne hat es lange nicht mehr gegeben und für irgendetwas müssen die Schirme ja schließlich gut sein. Auf geht’s zum Strandbad, Regenschirme sind das vorherrschende Bild auf dem Kronprinzessinnenweg. Endlich, der Regen hat nachgelassen, vor dem Wannseebad tummeln sich Fabelwesen und geleiten die willigen Besucher zum Eingang. Überall werden Programmbücher, CD`s und Regenumhänge feilgeboten. Der nicht nur in diesem Sommer mit allen Wassern gewaschene Berliner hat sich aber selbst schon bestens eingedeckt. Taffe Mütter ziehen ihrem quengelnden Nachwuchs schnell noch die Regenhosen und Ostfriesennerze über. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Dunkel dräut der Himmel. Das würde eher zu Wagner passen, als zum poppig bunten Mozart, dessen Zauberflöte Wagner immerhin in den höchsten Tönen lobte.

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Die Einsamkeit der Strandkörbe, Wannseebad im August

Foto: St. B.

 

Aber die Waldbühnengestählten Mozartfans decken sich frohgemut mit Getränken ein und suchen ihre Plätze auf der riesigen Tribüne vor der mit Palmen umkränzten Pyramide, die Bühnenbildner Momme Röhrbein nun auf den Parkplatz des Wannseebades stellen musste. Man hat sie schon auf Plakaten in Berlin kennen gelernt. In echt sieht sie nun gar nicht so mächtig aus, ein mit Ziegelsteinmusterplane bespanntes Gerüst, davor ein paar Pappmachéberge. Da man die Pyramide nicht in den Wannsee bauen konnte, laufen Komparsen mit Wellenbögen vor der Bühne auf und ab. Zur Ouvertüre wird ein Nessiartiges Seeungeheuer auf einer Karre herangeschoben. Die erst als Nonnen bekleideten drei Damen entblättern sich vor dem baffen Tamino, der gerade erst vor der Schlange entkommnen war und fallen nun über ihn her.
Dann Auftritt Papageno. Guntbert Warns trägt sein Schlauchboot um den Bauch, mit dem er nun nicht mehr in Seenot geraten kann und darüber Witze reißt, von wegen nicht dürfen und so. Er weiß da noch nicht, dass er bald mit seinen Donald-Duck-Füßen über die regennasse Bühne schliddern wird und ein wasserdichtes Boot bitter nötig hätte. Szenenbeifall und Hallo begleiten das Ganze. Die Regentropfen werden immer größer und der Mozartsound vermischt sich immer mehr mit deren Prasseln auf Regencapes und Schirmen. Das hohe C der drallen am Kran hochgehievten Königin der Nacht verweht im Wind und kurz vor der Pause bricht der Himmel über uns zusammen und die Schleusen öffnen sich unbarmherzig.

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Spätestens hier bereue ich, pudelnass bis auf die Unterhose, meinen monsunerprobten Regenumhang zu Hause gelassen zu haben. Wie auf Kommando dreht aber oben wieder einer den Hahn zu und alles strömt fröhlich zum Pausensekt in Richtung Wannsee-Kolonnaden. Frisch geduscht genieße ich nun die Abendsonne, die schüchtern hinter den Wolken über dem Wannsee hervorlugt. Eine freundliche Stimme ermahnt über Lautsprecher zur Eile, da man das schöne Wetter nutzen will, bevor es wieder umschlägt. Von Regencapes befreit und mit der untergehenden Sonne im Rücken gelingt jetzt den Sängern auch der Sieg über die Mikroports und der Flöte starker Zauberton kann sich endlich entfalten. Das von Judith Kubitz dirigierte Orchester der Kammerakademie Potsdam sitzt sicher und trocken in einem kleinen Zelt am Rande der Bühne.
Ein kräftiges Abendrot hinter vorbeiziehenden Wolken entschädigt für die etwas gefällige Inszenierung. Nach dem Untergang der Sonne kommen auch Licht und Pyrotechnik voll zur Geltung. Die Pyramide leuchtet jetzt mal in hellem Blau und tiefem Rot. Katharina Thalbachs Zauberflöte fürs große Volk, mit den grell bunten Kostümen auf der einen und dem streng rituellen, an buddhistische Mönche erinnernden Hofstaat des Sarastro auf der anderen Seite, will die Macht der weiblich besetzten Liebe gegen die Macht der männlich konotierten Angst vor dem Kontrollverlust setzen. Das erschöpft sich aber bei ihr wie immer in jeder Menge Klamauk und Anzüglichkeiten. Letztendlich nehmen sich aber Pamina und Papagena was sie wollen und besiegen das zögerliche Schweigen Taminos und die plappernde Unentschlossenheit Papagenos. Die Masse der Zuschauer folgt unbeirrt, durch diese Feuer- und Wasserprüfung im wahrsten Sinne des Wortes und ist am Ende glücklich dabei gewesen zu sein.

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Fotos: St. B.

Weitere Vorstellungen: 24.08.-28.08

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Bei Hacksen und Radeberger Bier – Fallers Leben. Eine wirtshäusige Deutschlandrevue mit Julia von Sell, Thomas Thieme und Gunter Gabriel in Neuhardenberg

Herr Durst ist ein gestrenger Mann,august_heinrich_hoffmann_von_fallersleben.jpg
der lässt sich gar nicht foppen;
ob’s Wetter gut ist oder schlecht,
er geht nicht ab von seinem Recht,
er fordert seinen Schoppen.

aus „Herr Durst“

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Fürs leibliche Wohl ist daher auch gesorgt und nass muss in Neuhardenberg auch niemand werden. Man sitzt trocken im Zelt, aber nicht auf dem Trockenen, denn es gibt Radeberger Bier, Wein und auf der Speisekarte stehen Spanferkelhackse, Märkische Brotzeit und Alträtzer Grillwurst. Die Schauspieler Julia von Sell und Thomas Thieme haben sich im Rahmen des Movimentos-Festivals in Wolfsburg einen Wirtshausabend über Deutsche Geschichte, Klischees und Lieder ausgedacht, der nun in der ostdeutschen Provinz in Neuhardenberg angekommen ist. Das Problem dabei ist nicht, dass mit den gewohnten Klischees über Deutschland sattsam gespielt wird, sondern wie bieder das Ganze rüber kommt. Das man sich Gunter Gabriel, das Klischee der ehrliche Haut unter den deutschen Schlagersängern schlechthin, eingeladen hat, erweist sich als Stärke und zugleich Schwäche des Abends. Es gibt nichts, dass seine Publikumswirkung annähernd austarieren könnte. Nur der Wolfsburger Männerchor 1952 mit seiner russischstämmigen Leiterin Andjella Harlamova kann noch ein paar klangliche Akzente setzen.
Man bleibt nicht lang allein im Bierzelt, wer einmal auf der Wiesn war, weiß was ich meine und so habe ich auch sofort Anschluss. Ein Herr mit Videokamera und „Hello I´m Johnny Cash“-T-Shirt möchte, dass ich ihn beim Bratwurstessen filme. Er ist Gunter-Gabriel-Fan und bei jedem Konzert dabei. Bevor es los geht bestätigt er schnell noch via Handy nach Hause, dass er wirklich drin ist und dann tritt auch schon ein Herr mit Glitzeranzug und E-Gitarre auf und verzerrt erst mal, wie einst Jimi Hendrix in Woodstock, die ehemalige DDR-Hymne bis von Sell und Thieme einen „Denk ich an Deutschland…“-Rap ins Mikro raunzen. Das verstört die zahlreich erschienen Gäste anfänglich etwas, aber nur solange bis der wahre Star des Abends auf der Bühne erscheint, alle etwaigen Zweifel mit seinen altbekannten Songs vom Kampf des kleinen Mannes hinwegfegt und dazu seine einfachen und absoluten Wahrheiten ins Publikum wirft. Ein deutscher Patriot, der sich für den legitimen Nachfolger von Johnny Cash hält, stellt uns vor, was Deutschland für ihn ist. Rampensau Thieme lässt sich von Rampensau Gabriel freiwillig an den Rand drängen, ohne dass dabei auch nur die leiseste Ahnung einer Gegenwehr zu verspüren wäre.

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Der Fan und sein Idol – Foto St. B.

Das Publikum ist es zufrieden und so verpuffen der Bericht von Julia von Sell über ihren jüdischen Großvater und Paul Celans „Todesfuge“ mit der allbekannten Redewendung „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ fast nebenbei. Thiemes satirische Erinnerungen an die DDR mit der Geschichte der Vera L. (Lengsfeld), die erst Marxismus-Leninismus, dann Religion studierte, von ihrem Mann Knud W. (Wollenberger) an die Stasi verraten wurde und nach der Wende von Grün (Bündnis 90) nach Schwarz (CDU) wechselte, wird kaum jemand wirklich verstanden haben. Der Mitklatschfaktor im Bierzelt ist hoch und die reizenden Backgroundsängerinnen bekommen auch ihre Solonummer. Der deutsche Schlager lebt und wahr nie lebendiger als an diesem Abend. Wenn Moritz von Uslar mit seinen deutschbödigen Zehdenickern plötzlich vorbeikäme, würde das nicht wirklich stören, Julia von Sell begnügt sich mit einigen Auszügen aus seiner teilnehmenden Beobachtung aus der ostdeutschen Provinz. Ansonsten kann sie sich ein Lachen kaum verkneifen und schmunzelt immer mal wieder gut gelaunt zu Thomas Thieme rüber.
Einen echten Grafen gibt es aber doch noch, Gebhard von Hardenberg, Erbe des ehemaligen Besitzers des Schlosses Neuhardenberg, erzählt von seinen Ahnen, die im Umkreis der Hitlerattentäter des 20. Julis standen und noch von den Nazis enteignet wurden. Daher war er auch nach der Wende in Brandenburg wieder willkommen und bekam die Güter der Familie in Lietzen und teils auch in Neuhardenberg zurück. Er wäre hier heimisch geworden, sagt er und erntet viel Beifall dafür. Nach dem „Westhelden“ tritt auch noch ein echter „Ostheld“ auf, der ehemalige Fliegerkosmonaut der Deutschen Demokratischen Republik Sigmund Jähn, der seine Kariere im damaligen Marxwalde begann, sinniert ebenfalls über Heimat, die Freundschaft zur Sowjetunion und die Zukunft unseres Planeten, den er schon mal von der Seite gesehen hat. Zwei frühere Antagonisten im Konsens vereint, Reibung gleich Null. Thieme und von Sell geben noch ein paar deutsche Gemeinplätze von sich und Guido Knopp wird satirisch als gesamtdeutscher Geschichtsonkel gewürdigt, bevor wieder alles an den Lippen von Gunter Gabriel hängt und bereitwillig unter seine Decke kriecht. „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ bleibt dann auch die einzigste kapitalismuskritische Parole des Abends, der in allgemeiner Wein- und Bierseligkeit zu Ende geht. Hier sitzt das Volk, dass sonst nicht ins Theater kommt, es abzuholen verpassen von Sell und Thieme, das besorgt eindrucksvoll der deutsche Countrybarde Gabriel. Eine echte Auseinandersetzung mit Deutschland findet nicht statt, auch als Satire ist der Abend nicht tauglich, da Showstar Gabriel sich natürlich jedweder Selbstironie entzieht.

Foto: St. B. dsc04534.JPG

„Heut‘ schläft ein Lied in allen Dingen. Ich will’s so leise wie möglich singen: Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht, dann schlaf‘ ich weiter bis halb acht.“ Martin Walser

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„Wo ist mein Mond?“ La Luna, Luna – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt Szenen aus Leben und Werk von Federico Garcia Lorca in der ufaFabrik

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Vom 17.08. bis 21.08. legte das Ton und Kirschen Wandertheater wie im letzten Jahr mit „König Ubu“ eine Rast in der Tempelhofer ufaFabrik ein. Zum 75. Jahrestag der Ermordung von Federico Garcia Lorca durch spanische Faschisten hatte es eine neues Stück über das Leben und Werk des spanischen Lyrikers und Dramatikers im Gepäck. Die ufaFabrik hat aus Lottomitteln ein neues Freiluft-Theaterzelt spendiert bekommen und so kann man nun dem Unbilden des diesjährigen Sommers trotzen. Aber das Wetter ist schön zu Premiere und der Mond verspricht ungestört am Abendhimmel zu erscheinen. „Luna, La Luna“ heißt dann auch das mit Szenen aus Werken Lorcas bestehende Stück der internationalen Truppe um Margarete Biereye und David Johnston, die ihr Winterlager im nahen Werder an der Havel beziehen und sonst das ganze Jahr über mit ihrem „Thespiswagen“ durch die Lande ziehen. Die Mitglieder von Ton und Kirschen sind regelrechte Multitalente. Aus dieser Kunst entstehen dann meistens bezaubernde Theaterwunder, bestehend aus Schau- und Puppenspiel, Tanz und Gesang mit musikalische Begleitung, was alle Mitglieder der Truppe wie selbstverständlich beherrschen. Das kommt am deutlichsten in ihrem phantastischen Stück „Perpetuum Mobile“ zum Ausdruck. Scheinbar aus dem Nichts entsteht ein bezauberndes Welt- und Wunder-Sampling der Theaterkunst.

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Federico Garcia Lorca 1934

Foto: wikimedia commons

 „Eine Tür ist keine Tür bis ein Toter durch sie hindurchging.“

Gesampelt wird auch an diesem Abend mit den Texten Federico Garcia Lorcas. Lorca scheint wie geschaffen für die Theater-Philosophie von „Ton und Kirschen“. Selbst Leiter einer Wanderbühne tourte er durch die spanische Provinz. Musik war ebenfalls ein bestimmendes Element in seinen Werken, er hat viele Texte für den „Canto Jonde“, den spanischen Flamenco-Gesang geschrieben. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod (Doña Muerte), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen („La luna y la muerte“). Was im Deutschen romantisch der Mann im Mond genannt wird, ist bei Lorca die erotische aber todbringende Mondfrau. In seinem Theaterstück „Bluthochzeit“ gehen sogar Mond und Tod eine verhängnisvolle Beziehung ein, die schließlich zum Tod der Kontrahenten führt. Ton und Kirschen spielen diese Zwiespältigkeit in mehreren Szenen durch. Messer blitzen dann auch gleich zu Beginn auf, wenn im guten alten Puppentheater die Historie des Doktor Faustus dargestellt wird. In weiteren Szenen stehen Lorcas Lebensstationen sowie seine Affinität zu Zigeunermusik oder dem Stierkampf im Mittelpunkt. Von Anfang an sind aber auch seine zukünftigen Mörder präsent, wie der Oberstleutnant der Guardia Civil, den er schon 1931 beschrieben hatte. Auszüge aus dem schon erwähnten Stück „Bluthochzeit“ oder seinen Erzählungen aus „Dichter in New York“ bilden den ersten Teil des Abends.

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Das alles findet im gewohnten Stil mit Puppen, Musik und Tanz statt, wobei sich der Kolumbianer Nelson Leon besonders hervortut. Der Dichter Lorca ist in Form einer Puppe oder in der Maske eines Protagonisten immer anwesend. Der Humor kommt auch nicht zu kurz, wenn sich eine Dame in der fünfjährigen Abwesendheit ihres Verlobten mit einem muskelbepakten Athleten abgibt, der sonst eher wenig Interesse an sexuellen Avancen zeigt. Das Ensemble verliert sich aber zusehends in Folklore und der Zauber der früheren Inszenierungen will sich nicht recht einstellen. Es gibt weiter Auszüge aus „Doña Rosita bleibt ledig“ und eine Travestie auf „Bernarda Albas Haus“ mit David Johnston als sonnenbebrillte Bernarda, in denen unerfüllte Wünsche von Liebe und Sexualität zum Ausdruck kommen. Diese Unterdrückung von Leidenschaft und individueller Freiheit spiegelt auch die Liebessehnsucht des homosexuellen Lorca wieder. Am Schluss steht die Ermordung des Dichters durch ein Kommando der Guardia Civil. In einem letzen Walzer wird traumhaft die Vereinigung zweier Puppen unter dem allgegenwärtigen Mond dargestellt. In der Tradition des volksnahen Theaters von Federico Garcia Lorca, vermischt mit den Elementen der spanischen Surrealisten, macht dieses Spiel durchaus Sinn, aber die wirkliche Tragik seines Lebens vermag das Stück leider nicht ganz zu vermitteln.

„Das Theater ist eine Schule des Weinens und des Lachens.“ Federico Garcia Lorca

Nächste Termine:

KÖNIG UBU:

  • Pritzwalk, Trappenberg – 9.  September, 18 Uhr
  • at.tension #4, Lärz (Mecklenburg) – 10./11. September

„Nana“ a traditional lullaby sung by Pedro y Inés Bacan.mp3

 dsc04510.JPG Und nächstes Jahr am Balaton? Nö, lieber zu den Wannseefestspielen 2012! – Foto: St. B.

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