Kunst und Politik. Das Deutsche Theater Berlin zwischen gesellschaftlichem Anspruch und guter Unterhaltung – Rückschau und Ausblick in die neue Spielzeit

Das Deutsche Theater in Berlin hat die letzte nicht gerade berauschende Spielzeit zeitig beendet, nach den Autorentheatertagen, die sich mit dem Thema Komödie beschäftigten, war Mitte Juni Schluss. Da das DT selbst nichts adäquates beisteuern konnte, setzte man die neue Produktion „Tape“ von Stephen Belber in einer Inszenierung von Stefan Pucher als Knaller ans Ende. Man ist beim diesjährigen Theatertreffen übergangen worden, das schmerzt sicherlich, aber nur ein oder zwei Inszenierungen verdienten überhaupt den Titel „bemerkenswert“. Man denkt da in erster Linie an den starken Beginn im September 2010 mit dem Hacks-Abend „Die Sorgen und die Macht“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner oder vielleicht noch an den von den Kritikern vielgelobten Schauspielerabend „Kinder der Sonne“, ein Stück von Maxim Gorki, das Stephan Kimmig auch schon im Oktober 2010 inszeniert hatte.
Man kann sich am DT auf ein starkes Ensemble stützen, das sich seit dem Antritt von Ulrich Khuon vor 2 Jahren auch aus einigen sehr guten Schauspielern des Thalia Theaters in Hamburg speist. Verstärkt wird dieses große Aufgebot immer wieder mit Darstellern, die sich vor allem auch in Film und Fernsehen einen Namen über die Grenzen des Theaters hinaus gemacht haben. Es sind dies vor allem Ulrich Matthes, Katharina Schüttler, Sophie von Kessel und natürlich immer wieder Nina Hoss, wie gerade eben auch in „Tape“. Dagegen setzte schon Anfang Mai diesen Jahres Jette Steckel mit ihrer Inszenierung „Kleinbürger“ von Maxim Gorki rein auf das hervorragende Ensemble des Deutschen Theaters.

Verwirrspiel mit Band – „Tape“ von Stephen Belber in der Regie von Stefan Pucher

Bandsalat Timo Beil, Wikimedia

Der Regisseur Stefan Pucher, dessen CinemaScope-Version vom „Tod eines Handlungsreisenden“ gerade auf dem Theatertreffen zu sehen war und dafür auch noch zum besten Bühnenbild von Theater Heute gekürt wurde, hat, für diesen eher kleinen Set eines Independentfilms an den Kammerspielen des DT, seinen Kameramann wieder mitgebracht. Dieser fertigt nun live einige Groß- und kunstvolle Detailaufnahmen der Schauspieler und Ausstattungsgegendstände auf der Bühne. Ansonsten vermag er diesmal nicht all zu viel zur Wirkung dieses bizarren Kammerspiels beizutragen. Das Bühnensetting besteht aus einem schäbigen Motelzimmer mit Doppelbett und angegliedertem WC in Lansing, Michigan. Hier hat sich Vince (Felix Goeser) eingemietet, ein abgehalfterter Kleindrogendealer und freiwilliger Feuerwehrmann, der nach 10 Jahren seinen alten Highschool-Kumpel Jon (Bernd Moss) eingeladen hat, um, nach ein wenig Smalltalk, die Sprache auf einen wunden Punkt in ihrer Vergangenheit zu bringen.
Vince hat die ganze Zeit nicht verwinden können, dass Jon in der Abschlussballnacht mit seiner Ex Amy (Nina Hoss) einen One-Night-Stand hatte und er stets leer ausgegangen war. Felix Goeser gibt seinen Vince als hibbeligen, biertrinkenden Versager im Hawaiihemd. Sein Gerede ist seinen Gedanken immer eine Line voraus. Jon will in Lansing als Regisseur seinen ersten eigenen, unabhängigen Film auf dem hiesigen Festival präsentieren. Ihm sind Vince´ Fragen sichtlich unangenehm und er versucht sich ungeschickt herauszureden. Bernd Moss gibt sich alle Mühe dieses Herumlavieren mimisch und gestisch bist ins i-Tüpfelchen zu verdeutlichen. Von Vince Gerede aus der Reserve gelockt, rutscht Jon dann aber doch eine Bemerkung von „unsanften“ Sex heraus. Nachdem er von Vince nun gänzlich in die Enge getrieben wird, brüllt er die gewünschte Wahrheit schließlich heraus. Dieses vermeintliche Geständnis eines sogenannten „Date rapes“ nimmt Vince mit einem Kassettenrekorder auf und glaubt Jon nun in der Hand zu haben.

Ort des Geschehens: Motel 6 in Lansing, Michiganmotel-6-lansing.jpg

Als Überraschung taucht dann schließlich auch noch das Objekt der einstigen Begierde der beiden Kontrahenten auf. Amy ist mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft in Lansing und zeigt nicht die geringste Lust sich als Spielball der Rache von Vince einspannen zu lassen. Auch Jon wird von ihr nicht vollkommen entschuldet. Sie täuscht sogar einen Anruf bei der Polizei vor, was die beiden vollkommen aus der Fassung bringt, Vince spült seinen gesamten Koksvorrat im Klo runter und Jon bricht sichtlich konsterniert zusammen. Amy lässt beide zappeln und bewahrt so letztendlich, mit geschickt in der Schwebe gehaltenem Spiel, ihre Würde und Unabhängigkeit. Als Beweis ihrer Überlegenheit in diesem Spiel, fordert sie die beiden noch zu einem live gespielten satten Rocksong von Liz Phair (Chopsticks) auf, in dem Nina Hoss dann ganz passend von „That way we can fuck and watch TV“ singt.
Stephen Belber hat sein gutgebautes Psychostück genau auf diesen letzen Coup hingeschrieben, den beiden Streithähnen bleibt ein sicher geglaubter Erfolg vorbehalten und die von Nina Hoss etwas zu abgeklärt dargestellte Amy kann voll und ganz triumphieren. Sie spielt die beiden Herren mit buchstäblicher Leichtigkeit an die Wand. Das ist kein großes Theater aber schauspielerisch annehmbare Kost, wenn man auf derart well made Psychospielchen steht und unerwartete Pointen mag. Stefan Pucher erweist sich einmal mehr als guter Setdesigner mit Gespür für den leichten poppigen Genuss. Den Anschluss an aktuelle Fälle sexueller Gewalt, die in den Medien für heftige Diskussionen gesorgt haben, vermag diese Inszenierung nicht zu vollziehen. Selbst eine vielleicht angedeutete Medienschelte, ob deren Sensationsgeilheit, ist kaum spürbar. Es bleibt gut gemachte Dutzendware. In der letzten Saison des DT gab es das aber leider allzu oft, was schließlich auch irgendwann zu vermehrtem Überdruss führen könnte.

Ich will nicht werden, was mein Alter ist. – Gorkis „Kleinbürger”  strampeln sich bei Jette Steckel zwischen Generationenkonflikt und eigenem Glücksanspruch ab.

„Ich habe oft  das Gefühl, dass wir uns alle ganz schön selbst belügen oder Bildern aufsitzen, die wir uns von uns oder von unserer Gesellschaft machen – ich glaube, dass Theater ein Ort ist, an dem man das abbauen kann.“ Jette Steckel in „Regie-Frauen – Ein Männerberuf in Frauenhand“ von Christina Haberlik, herausgegeben vom Deutschen Theatermuseum München, 2010

Verstört wird der Zuschauer bei Stefan Puchers aufgemotzter drehbuchreifer Independentversion „Tape“ also nicht gerade. Gefällige Kost mit etwas Thrill, wobei der Mitdenkfaktor eher gering bleibt. Dagegen wartet Jette Steckel in ihrer recht unkonventionellen Inszenierung von Gorkis erstem Drama „Kleinbürger“ mit einer das Publikum durchaus aufrüttelnden Unmittelbarkeit auf. Gleichzeitig untersucht sie dabei die generationsbedingten Verhaltensmuster der Mittelschicht und die Suche der jungen Leute, gestern wie heute, nach einem Sinn im Leben zwischen eigenem Glücksanspruch und gelegentlichem Drang zur Weltverbesserung. Utopien, Wünsche und Träume, Grenzen und Grenzüberschreitungen, sind das große Thema dieser Inszenierung.
Im Programmheft ist Hans Magnus Enzensbergers Essay „Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums“ abgedruckt, das ein Beitrag zum Kursbuch 45 mit dem Thema „Wir Kleinbürger“ aus dem Jahre 1976 war. (Hier ein Auszug aus dem Spiegel Nr. 38/1976) Der kürzlich verstorbene Maler und Vertreter des kapitalistischen Realismus Sigmar Polke wurde davon zu seinem Bilderzyklus „Wir Kleinbürger“ inspiriert, der vor zwei Jahren in einer mehrteiligen Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle und dieses Jahr noch mal bei der von Klaus Staeck in der Berliner Akademie der Künste ausgerichteten Hommage an Polke zu sehen war. Genau wie Enzensberger ging es Polke dabei um die spöttische Entlarvung des bürgerlichen Mittelstandes in einem Panorama der Bundesrepublik der 70er Jahre mit Pop, Punk und Parolen.

wir-kleinburger_sigmar-polke.jpgS. Polke: Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Die 1970er Jahre – Verlag der Buchhandlung König, 2009, Foto: amazon.de

Enzensberger bezeichnete die deutschen Kleinbürger als: „…weder die herrschende noch die ausgebeutete, sondern die Klasse dazwischen, die Klasse, die übrig bleibt, der schwankende Rest. Ein Rest, zu tragen peinlich, besonders für die Liebhaber sauberer, netter, übersichtlicher Weltbilder.“ Diese störende Klasse zu „liquidieren“, scheint bis heute nicht gelungen zu sein, da sie durch ihre unbändige Fähigkeit zur Anpassung jede Gesellschaftsumwälzung überstanden hat. Dennoch ist der Kleinbürger immer der andere, man versucht sich voneinander abzugrenzen, ständige Identitätssuche und Selbstverwirklichungstrieb sind die Folge. Ungefähr 30 Jahre später widmeten Spiegel und Zeit den Erben der 68er, der sogenannten „Jugend ohne Charakter“, einige Themenbeiträge. Matthias Kalle, Jg. 1975, beschreibt 2008 im Zeitmagazin (siehe Programmheft) die Antriebs- und Ziellosigkeit einer Generation von 30jährigen, die heute so gut wie keine Rolle in der Gesellschaft spielt.
Diesen Zustand zwischen totalem Opportunismus und Gleichgültigkeit im Kleinbürgertum hatte Gorki bereits 1901 in seinen Erstling beschrieben. Im Hause des Handwerksmeisters Bessemjonow (Helmut Mooshammer) lebt eine illustre Gesellschaft von Mietern und Kostgängern, die unter seiner Fuchtel aus ständigen Vorwürfen und übertriebener Sparsamkeit leiden. Besonders seine Kinder betrifft das. Sein Sohn Pjotr neigt zur spontanen Rebellion und ist deshalb von der Uni geflogen, seine Schwester die Lehrerin Tatjana (Natali Seelig) ist depressiv und unglücklich in den Ziehsohn Nil (Felix Goeser) verliebt, der wiederum Polja (Olivia Gräser), die Tochter des Vogelhändlers Pertschichin (Markus Graf) liebt. Diese Konstellation des Stücks wird durch eine ständige, vage Spannung aus Unzufriedenheit und Unvermögen, diese adäquat zu artikulieren, bestimmt. Es herrscht eine Art Aufbruchstimmung unter den jungen Leuten, die sich aus der Enge der Konventionen befreien wollen. Aber wie das zu erreichen ist, da gehen die Meinungen weit auseinander. Zu Beginn noch eine Masse, die sich wie gleichgeschaltet zu elektronischen Klängen vor einer die Bühne überragenden Leitfigur bewegt, die in ihrer Pose an ein Leninmonument erinnert, entfernen sich die Protagonisten im Laufe der Handlung immer weiter voneinander.
Jette Steckel stellt ihrer Inszenierung einige Worte aus Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ voran. Ein Wesen, mit dem Namen der mythischen Nymphe Undine, spricht in einem langen Monolog über die Unmöglichkeit des Lebens unter den Menschen. Eine Anklage, nicht nur gegen den Mann namens Hans, sondern an die gesamte Menschheit gerichtet. Die eigentlich stumme Undine bekommt hier die Stimme eines lyrischen Ich’s, das eine utopische Welt der Liebe verkörpert, die sich aber nicht in die bestehende Welt mit ihren Schwächen wie Eitelkeit, Verrat und Gewalt integrieren kann und sich wieder zurückzieht. Einerseits ein Verweis, neben dem Lenin-Standbild, auf gescheiterten Utopien in der Geschichte, andererseits auch auf die Unfähigkeit der Menschen zur Veränderung. Diese pessimistische Grundhaltung verweist auch auf das vorherrschende Diktum, dass Kunst nichts daran ändern kann und sich vorwiegend distanziert beobachtend zu verhalten hat. Die unglückliche Verstrickung von Kunst und Ideologie hat auch in Gorkis Wirken einen erheblichen Stellenwert. Jette Steckels Inszenierung wird diesen Konflikt nicht auflösen, die Frage aber immer wieder aufwerfen, was Kunst heute bewirken kann.

Leitbilder!? Ivan Shadr. Maxim Gorki Maxim Gorki (Ivan Shadr), Wikimedia

Lenindenkmal in Nischni Nowgorod 82462_r_by_harald-gebel_pixeliode.jpg    © Harald Gebel  / www.pixelio.de

Das Gespielte auf der Bühne wird immer wieder in parallel laufenden Videos hinterfragt. Die Schauspieler steigen aus ihren Rollen und stellen sich der Alltagssituation, vergleichen eigene Jugendträume mit der heutigen Realität, reden über die Erwartungen der Eltern im Vergleich zu dem, was sie selbst erreicht haben oder befreien sich aus Enge und Bedeutungslosigkeit. Barbara Schnitzler in der Rolle der demütigen Mutter, lebt bei einer Karaoke-Party im Mauerpark sichtlich auf. Gorkis Protagonisten, die sich hinter ihren Vorurteilen verschanzen, bzw. es sich in ihnen bequem gemacht haben, sind nicht fähig zu reflektieren. Das geht nur über die von Jette Steckel eingefügten Videosequenzen. Sie geht sogar soweit, das Publikum direkt mit einer „Empört-Euch-Ansparche“ von Felix Goeser zum Aufstehen aufzufordern. Man kann das für peinlich oder sinnlos halten, es ist auch nur eine Provokation, aber eine auf den Sonntagsreden führenden Wutbürger zielende, der den Bekenntnissen kaum Taten folgen lässt. Betroffenheit allein führt noch nicht zur Erkenntnis. Wer hier im Theater aufsteht, ist nur Steckels Idee auf den Leim gekrochen, dies zu verdeutlichen. Die wirkliche Konsequenz zeigt sich im Nachdenken über das Gesehene, nicht in der spontanen Wiederholung einer Parole. Diesem Zwiespalt, der auch in Gorkis Figuren angelegt ist, stellt sich die Inszenierung und denkt so das Politische stets mit.
Eine sprachlose Undine im klassischen Sinne ist bei Gorki, wie auch bei Steckel, die Figur der Lehrerin Tatjana, die trotz großer Sehnsucht nach Liebe und Änderung des Lebens in Untätigkeit verharrt und schließlich nur in einem Selbstmordversuch einen Ausweg sieht. Der Hochzeitsmusikant Teterew stellt einen Intellektuellen dar, der sein Unvermögen erkannt hat, es aber lieber in zynischen Randbemerkungen und Alkohol ersäuft. Auch seine Liebe zu Tatjana wird enttäuscht, sie können nicht zueinander finden. Natürlich löst das Stück zum Schluss etwas Betroffenheit aus. Man ist geneigt, den im Leben gescheiterten Figuren Tatjana oder Teterew seine Sympathie entgegen zu bringen. Sie scheitern letztendlich aus unterschiedlichen Gründen, vor allem aber an ihrer Unfähigkeit zum Handeln und ihrem Verharren im Kleinbürgertum. Pjotr übernimmt immer mehr, trotz seines anfänglichen Aufbegehrens gegen die Alten, deren Lebens- und Verhaltensmuster. Erst auf Drängen der lebenshungrigen Witwe Jelena (Katrin Wichmann) bricht er mit den Eltern. Polja und Nil scheint die Zukunft zu gehören. Bei Gorki noch die eigentliche, in die Zukunft weisende Hauptfigur, ist Nil bei Jette Steckel eher ein charismatischer Phrasendrescher, der nicht nur vom jungen Schischkin (Thomas Schumacher) bewundert wird. Pojechali! Auf geht’s! schreibt Felix Goeser an eine Leinwand. Wohin die Reise geht, lässt die „Reiseleiterin“ Jette Steckel offen.

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge          (Ingeborg Bachmann)

Wie geht’s weiter in der Spielzeit 2011/12?

Das Internetportal „Spielplan Deutschland“ hat nach der Auswertung von 102 der 113 Premierenpläne 2011/12 herausgefunden, dass die Liebe zwar mit 409 Aufführungen thematisch auf Platz eins steht, aber das Ende der Welt immerhin 255 mal auf den Spielplänen der deutschen Theater verkündet wird, gefolgt von Migration (220 mal) und Regionales (220 mal), was auch immer man unter Regionales so zu verstehen hat. Die Themen Identität und Gesellschaftssysteme sind dann 61 bzw. 60 mal vertreten. Das Thema Krise, was laut Spielplan Deutschland die letzte Theatersaison bestimmte, scheint als zählbarer Stoff nicht mehr vertreten zu sein. Wenn man die Liebe als etwas eher Unpolitisches ansehen will, so muss man die anderen Themen zumindest unter politisch relevant einstufen.
Das dabei der eher pessimistische Blick in die Zukunft auch die neue Spielzeit am Deutschen Theater Berlin bestimmen wird, steht dabei zu befürchten. Neben der „Winterreise“ von Elfriede Jelinek, das man durchaus als eine Art Endzeitdrama verstehen kann, beschäftigten sich zumindest Jürgen Kuttner und auch Jette Steckel mit den Gesellschaftssystemen. Kuttner nimmt sich in „Capitalista, Baby!“ Ayn Rand und ihren laissez-faire Wirtschaftsliberalismus vor und Steckel untersucht wieder Ideologien und falsche Utopien im Zusammenhang mit Liebe und Verrat in Sartres „Die schmutzigen Händen“. Eine Geschichte aus der untergehenden DDR erzählt Simon Solberg mit dem Stück „Jochen Schanotta“ des 1990 gestorbenen DDR-Dramatikers Georg Seidel.
Das Thema „Liebe“ hat man sich am DT wohl für die zweite Spielplanhälfte in 2012 aufgespart, außer Kleists „Käthchen von Heilbronn“, was Andreas Kriegenburg eigentlich schon in der letzten Spielzeit aufführen wollte, stehen mit Dea Lohers „Unschuld“ und Eugene O`Neills „Trauer muss Elektra tragen“ (beides in der Regie von Stephan Kimmig) sowie mit Franz Kafkas „Das Schloss“ (Nurkan Erpulat) und Heiner Müllers „Verkommenes Ufer / Medeamaterial / Landschaft mit Argonauten“ (Dimiter Gotscheff) eher düstere Gesellschafts- und Identitätskrisen auf dem Programm. Die von Franz Wille im „Theater heute“-Jahrbuch prognostizierte Wut ist nur in Rebekka Krichldorfs „Alltag & Ekstase. Ein Panoptikum des Scheiterns“ erkennbar. Wo sich da „Die vier Himmelsrichtungen“ von Roland Schimmelpfennig einordnen werden, ist auch nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen nicht ganz klar. An der süßen Droge Gestern hängt dann noch mal Stephan Kimmig mit Anton Tschechows „Kirschgarten“.
Die Komik, die ausgangs der letzten Spielzeit noch bestimmend war, hat man an das Hamburger Studio Braun weiter delegiert. Die Truppe um Rocko Schamonie sorgte bereits im dortigen Schauspielhaus mit ihrer Revue „Rust – ein deutscher Messias“ für reichlich Lachtränen. Obwohl „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ sich an einem Actionfilm mit Charles Bronson orientiert, muss man nicht das dreiköpfige Wanderhodenorakel befragen, um zu wissen, dass es sich hierbei nur um eine Art Parodie handeln kann. Migration und Regionales werden dann noch in einigen kleineren Stücken in der Box behandelt. Romanadaptionen müssen natürlich auch sein. Und so versucht Simon Solberg  an einen „Teil der Lösung“ zu kommen. In seiner Version des Berlin-Romans von Ulrich Peltzer geht es neben Liebe auch um Ideologien und Terror. Die Niederländerin Alize Zandwijk stemmt Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ auf die Bühne. Und schließlich wagt sich Uli Jäckle an Homers „Odyssee“, eine Geschichte über Heimat, das Unterwegssein und Irrwege gestern und heute.
Da dürfte für jeden etwas dabei sein, etwas Kunst, etwas Politik und sicher jede Menge guter Unterhaltung. Im September geht das DT gleich mit vier Premieren an den Start. Zusammen mit der Schaubühne ist man da wieder absoluter Output-Spitzenreiter unter den Berliner Theatern. Die Klage von Bernd Stegemann, dem Chefdramaturgen der Schaubühne scheint keine große Wirkung hinterlassen zu haben. In einigen Wochen wissen wir mehr darüber, ob sich Quantität und Qualität tatsächlich direkt proportional zueinander verhalten. Das ultimative Polit-Stück der Stunde hat dann allerdings doch das Maxim Gorki Theater im Angebot. Rainald Grebe, der bisher eher durch spaßige Liederabende aufgefallen ist, nimmt sich die Berliner Parteienlandschaft im Zuge der Landtagswahl am 18.09. vor. Premiere von „Völker, schaut auf diese Stadt“ ist morgen und damit ist die lange Zeit des Wartens dann auch vorbei. Das DT startet mit einer Vorschau auf die Saison am Sonntag den 04.09. ab 11.00 Uhr im großen Haus, die leider schon ausverkauft ist. Aber für die Premiere der „Winterreise“ am 09.09. gibt es überraschender Weise noch Karten.
In diesem Sinne hier noch ein schönes Zitat des Regisseurs Peter Zadek zum Thema:

„Ich träume von einem Theater, das Mut macht. Es ist ein Theater für hungrige Menschen, gierige Menschen, für Menschen, für die Theater nicht ein delikates Dessert ist, sondern eine notwendige, lebensnotwendige Mahlzeit, ohne die sie in der zerstörten Zivilisation, die wir errichtet haben, zugrunde gehen. … Es ist ein Theater, das sucht, nicht eines, das vorgibt, Antworten zu wissen.“ aus dem Vorwort zu „Das wilde Ufer“ (1990)

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