Winterreise? Andreas Kriegenburg inszeniert Elfriede Jelinek am DT mit fünf Quasselstrippen auf einer Klatschmohnwiese

Mit einem langanhaltenden Kiekser beendet Anette Paulmann als Leiermann diesen leider ebenso langatmigen Jelinek-Abend, der gestern am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. Kaum einen Kiekser mehr ist diese dreistündige Inszenierung des DT-Hausregisseurs Andreas Kriegenburg dann auch wert. Es ist noch nicht all zu lange her, dass die Kammerspiele München mit der „Winterreise“ in einer Inszenierung von Intendant Johan Simons hier zu Gast waren. Auch wenn er mit der Uraufführung des in Mülheim preisgekrönten Stückes von Elfriede Jelinek keinen wirklichen Volltreffer landen konnte, muss sich Kriegenburg nun wohl oder übel daran messen lassen.
Keinen kahlen unwirtlicher Raum, wie bei der Aufführung im Rahmen der Autorentheatertage im Juni, sondern eine Blumenwiese, gepflanzt von Nikolaus Frinke, ist auf der Bühne zu sehen. Hier wandeln fünf elfengleiche Wesen (Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica  und Susanne Wolff) zunächst mit Wanderrucksäcken und im Nachthemd umher und sagen ihren Jelinektext auf. Die Musik aus Schuberts Liederzyklus klingt im Hintergrund und trennt die einzelnen Szenen voneinander. Zu Beginn und während der Aufführung spielt Maria Schrader immer wieder einige Akkorde aus der Winterreise auf einem Flügel. Sie ist dabei regelrecht ans Klavier gefesselt und wird auch mal mit Packband daran festgeklebt. Schrader schlägt sich dabei auf die Hand und macht dazu devote Verbeugungen. Elfriede Jelinek hat seit dem sechsten Lebensjahr selbst Klavier gespielt, diese Art von Selbsterniedrigungen sind aus ihrem Buch „Die Klavierspielerin“ und dem gleichnamigen Film von Michael Haneke bestens bekannt.
Die am Anfang des Stückes stehenden und von Heideggers „Sein und Zeit“ beeinflussten Textpassagen des Wanderers sind auf alle fünf Schauspielerinnen verteilt, man wechselt sich beim Sprechen ab und tummelt sich dabei geschäftig auf der Wiese. Die gestopfte Hypobankbraut ist gestrichen, es geht sofort mit der Kampuschstory und fünf schnatternden Klatschweibern weiter. Zu den folgenden recht expliziten Texten um Sex und unerfüllte Liebe, verletzen sich die Schauspielerinnen immer wieder symbolisch selbst, spielen mit Messern, Hackklötzen und Scheren. Annette Paulmann knüpft sich sogar eine Scherenkrone und Anita Vulesica deutet Verletzungen im Genitalbereich an. Kriegenburg wählt bewusst diese überdeutlichen Bilder, pathologisiert damit aber auch das Stück samt Autorin. Nicht etwa das Elfriede Jelinek nie ihr Innerstes in provozierender Art und Weise nach außen gekehrt hätte, aber hier werden fertige Klischees ausgestellt. Kriegenburg traut der Assoziationskraft des Zuschauers nicht und bebildert den eh schon starken Text eins zu eins.
Nach der Pause wird es dann aber richtig peinlich, wenn Maria Schrader in eine Anzugszwangsjacke gesteckt, mit gebrochener Stimme den dementen Vater der Jelinek mimen muss. Sie befreit sich zwar nach einiger Zeit wieder aus diesem Korsett, dafür tapern jetzt die anderen vier, als senile alte Männer verkleidet, über die Wiese und stecken die Schrader schließlich auch noch in ein Gitterbett. Wo Simons in seiner Inszenierung Kitsch weitestgehend vermieden hat, greift Kriegenburg mit beiden Händen mitten hinein. Erst am Schluss bekommt der Abend wieder ein paar kräftigere Szenen, wenn die Damen immer wieder im Wechsel an die Rampe treten und sehr selbstbewusst und gar nicht larmoyant die Leiermannklage anstimmen. Da ist es aber bereits zu spät, um diesen Abend noch zu retten. Was wollte uns Elfriede Jelinek eigentlich gleich noch sagen? Egal, es hört ja ohnehin kaum jemand zu. Was wirklich bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack und eine bittere Enttäuschung mehr am DT.

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