Spaßiges Polit-Kabarett und Satire-Theater zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 1)

Die Spielzeitpause der Theater in Berlin ist seit gut einer Woche beendet und da sich auch die Open-Air-Aktivitäten dem Ende zu neigen und wegen andauernd schlechtem Wetter kaum noch jemanden hinter dem häuslichen Ofen hervorzulocken vermochten, drängt der zunehmend gelangweilte Bildungsbürger wieder in die moralischen Anstalten der Stadt. Und nichts anderes erwartet er dort, als, entsprechend dem allgemeinen Bildungsauftrag, umfassend aufgeklärt zu werden. Dem Bestreben kommen das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne dann auch gleich nach, indem sie Staat und Religion, schön getrennt von einander versteht sich, zu verstehen versuchen. Im Gorki hat sich dazu Rainald Grebe, der Entertainer der informationshungrigen Städtebewohner schlechthin, den Berliner Wahlkampf vorgenommen und in der Schaubühne sucht die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ihrem Team die Superreligion, oder was davon am jüngsten Tag übrig bleibt.

„Völker, schaut auf diese Stadt“ – Rainald Grebe zieht den Berliner Wahlkampf durch den Kakao, belässt den wahlmüden Bürger aber in seiner wohligen Lethargie.

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat.
Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

Vicco von Bülow alias Loriot

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Renate Künast in Schieflage. Foto: St. B.

Die Wahrheit ist es, die im Wahlkampf zuerst verloren geht, so klärt uns Rainald Grebe zu Beginn seiner Wahlkrampfparty im Maxim Gorki Theater auf. Wer also Leichen ausgraben will, muss in den Keller steigen. Die Bühne gleicht dann auch einer abgewrackten Wahlkampfzentrale aus dem Berliner Untergrund. Statt Waldbühne nun Wahlurne und so pflügt dann Grebe auch die Berliner Lokalpolitik mit dem Phrasenmäher unter die Grasnarbe der Glaubwürdigkeit.
Die größte Schuld die sich der moderne Mensch aufladen kann, ist die Uninformiertheit, sagt der Schauspieler Wilhelm Eilers, den sich Grebe neben dem Quatsch-Comedy-Club-Comdian und berlinernden Dauernuschler Hans Krüger zur Verstärkung geholt hat. Ursprünglich war auch noch die Schauspielerin Sabine Waibel dabei, doch sie hat wohl das Wahlkampffieber dahingerafft und so wird der Abend zur Three Man Show, immer dem Skandal und der Wahrheit dahinter auf der Spur. Mit den nötigen Informationen versorgt uns dann das Qualkampfteam auch gleich ausführlichst. Was man schon immer über die Politiker wissen wollte, sich aber lieber nie zu fragen wagte, hier und jetzt muss man es erfahren. Wahlen bestehen zu aller erst mal aus Zahlen, Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung, Wahlbezirke und alle bisher in Berlin regierenden Bürgermeister, Ost wie West. Zahlen, Namen und Fakten, Rainald Grebe hat sie alle. Hans Krüger krakelt dazu wirre Diagramme auf einen Polylux und legt Fotos aus vergangenen Zeiten auf. Spätestens aber als Grebe einen dicken Packen mit den Wahlkampfprogrammen aller zugelassenen Parteien auf den Tisch knallt, möchte einem Hören und Sehen vergehen.
Aber es kommt doch noch anders, nach einem kurzen Exkurs in die kuriosen Gedankenwelten der Berliner Pogoanarchisten, die Berlin in drei Zonen aufteilen wollen, muss der Zuschauer nicht etwa an eine Biernotsäule angeschlossen werden, sondern bekommt jetzt reinen Wein eingeschenkt. Dem Volk aufs Maul geschaut, heißt die nächste Spielrunde, die Grebe, Krüger und Eilers jetzt einläuten. Das spielen die drei nun mit Handpuppen durch und es treten ein rasender Reporter – „Mach ick dir, mach ick dir.“ – ein Ostberliner Imbissbudenbesitzer und ein Westberliner Rentner auf. Das erinnert an Kermit und die Muppettshow, der (n)ölige Witz ist aber zäh und vorhersehbar, jeder bekommt seine Klischees bestätigt. Die Heiterkeit im Publikum kennt keine Grenzen und Grebe und Eilers setzten mit Redeparodien von Renate Künast und Klaus Wowereit noch einen drauf.
Es werden dann noch die Büros für die Werbekampagnen der großen Parteien vorgestellt. Zwei sogenannte Spin-Doktoren reden blasiert und mit verzerrter Stimme hinter einem Vorhang über ihre großen Erfolge, ein tatsächlich entlarvender Bericht, auch ohne passendes Gesicht dazu. Die großen Themen im Berliner Wahlkampf entpuppen sich in Wirklichkeit als lokale Befindlichkeiten und der Wutbürger von K21 bis zum Müggelsee ist das wahre Stimmungsbarometer. Die „neue“ FDP darf natürlich nicht fehlen, aber selbst mit dem Slogan: „Erst brennen die Autos und dann…“ kann Hans Krüger als Puppenwahlkämpfer mit FDP-Fähnchen niemanden erschrecken. Ein schräges Panoptikum des Berliner Wahlvolks defiliert an ihm vorbei.
Grebes Fazit ist schlussendlich, sich lieber aus der Politik fern zu halten und unabhängiger Künstler zu bleiben. Festlegen, wem er nun seine Stimme gibt, will er sich also nicht. Ich plädiere da dann auch eher für mein verbrieftes Recht auf Rausch und mehr und besseren Sex, die Pogos haben mich überzeugt. Vielleicht lässt sich auch noch eine vierte Zone einrichten, für all zu ulkige Wahlentertainer. Ich schlage das Berliner Olympiastadion vor. Wer da seinen Wahlsieg feiern kann und ob Rainald Grebe dann wieder mit dabei ist, wird man spätestens am 18.09. sehen. Aber wahrscheinlich fährt dann wieder halb Berlin ins Grüne und geht abends ins Maxim Gorki Theater, um sich zu informieren, wer sie die nächsten 5 Jahre zum Besten halten wird.

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Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? – Ein ironisch fragender Blick in die Zukunft der Menschheit von Yael Ronen und ihrem Team. „The Day before the last Day“ an der Schaubühne Berlin

Die letzte Inszenierung von Yael Ronen „Dritte Generation“, die zum Beginn der Spielzeit an der Schaubühne noch mal gezeigt wurde, endete in einem wilden Getümmel unter den Mitwirkenden. Die jungen Schauspieler aus Israel, Palästina und Deutschland konnten sich nicht einig werden, über das Problem eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Palästinensern und die Deutschen, die noch mit ihrer eigenen Geschichtsbewältigung haderten und schon wieder klug mitreden und in diesem Konflikt vermitteln wollten. Es wird wieder so kommen in der neuen Zusammenarbeit der Truppe unter Leitung der israelischen Regisseurin. Auch in „The Day before the last Day“ drängen alle Beteiligten zum Ende hin fluchartig aus dem Saal. Sie haben kein Patentrezept zur Beantwortung der vorher aufgeworfenen Fragen des Zusammenhangs zwischen weltlichen Konflikten und der Religion gefunden. Jeder glaubt im Besitz der einzigen bestimmenden Wahrheit zu sein und will diese Botschaft in die Welt tragen. Das eine wie das andere Ende ironisiert auf gewisse Weise die Unfähigkeit der Menschheit zum Dialog. Wie so ein Dialog aussehen könnte, versucht die gemischte Theatergruppe nun schon seit Jahren vorzuleben, mit allem Für und Wider. Das ist die einzige zwingende Botschaft, die auch von diesem Abend bleiben wird.
Es ist ein ater Hut, dass immer wieder davon gesprochen wird, dass sich die Menschheit alle paar Jahre an der Schwelle von bedeutenden geschichtlichen Umwälzungen befindet, oder sogar das Ende der Welt bevorsteht. Auf ironische Weise versucht Yael Ronen mit einem gefakten Powerpoint-Vortrag eines angeblichen israelischen Futurologen die Entstehung und genaue Voraussage von Kriegen wissenschaftlich zu erklären. Das geht natürlich schief. Tatkräftig von einem als Jesus kostümierten Darsteller sabotiert, stürzt dessen gutgemeinte Hilfe die Präsentation schließlich vollends ins Chaos. Niels Bormann, der sich in der Rolle des christlichen Messias blamiert, wird dann durch Stromschlag außer Gefecht gesetzt und will, wieder erweckt, als Botschafter aller Weltreligionen agieren. Eine wiederum ironisch gemeinte Phantasie, eine unerfüllbare Utopie, wie sich schnell herausstellt.
So richtig ernst wird der Abend nie. Der neu erweckte Guru Bormann fordert alle auf, sich an der Händen fassen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und es gibt eine Umfrage im Publikum zu persönlichen Vorlieben, um eine Präferenzen für eine bestimmte Religion zu bestimmen. Religion im Sonderangebot aus dem Katalog? Schnell kommen die jungen Leute auf der Bühne zu der Erkenntnis, dass man sich seine Religion nicht einfach so aussuchen kann, sondern zumeist in einer traditionell anerzogenen Zugehörigkeit zu einer Religionsgruppe feststeckt. Die Eltern werden aus Israel zugeschaltet und deren Vorurteile, ethnischer und religiöser Art, gegen Juden und Moslems stürzt die jungen Schauspieler wieder in die allgegenwärtigen Konflikte. Es ist nicht leicht, sich den Traditionen zu entziehen, will man an der Religion festhalten. Eine peinigliche Befragung mit anschließendem Exorzismus und ein unfreiwilliger Verhedderungstanz beim Versuch sich einer Burka zu entledigen, führen die inneren Kämpfe der Mitwirkenden bildlich vor.
Zur Bebilderung von religiösem Wahn und Extremismus von allen Seiten werden Fotosequenzen und Ausschnitte aus YouTube-Videos vorgeführt und nachgespielt. Die typischen Bilder von Islamisten, dem christlichen Kreuzfahrer Anders Behring Breivik, religiöser Erweckungsquatsch, Homophobie und andere Hasstiraden rauschen an uns vorüber. Das ist als Erklärung dafür allerdings zu dünn. So lange Religionsauffassungen vom extremen Rand her interpretiert werden, wird es auch zukünftig Konflikte geben. Die innere Zerrissenheit der Schauspieler und ihre Ängste selbst Opfer der religiösen Wahns zu werden, verdeutlichen das nur zu gut. Ein anschauliches Beispiel wird gleich noch geliefert. Nachdem Niels Bormann kurzzeitig verschwunden war, kommt er mit blutiger Bauchwunde wieder in den Saal. Er ist auf Abwegen im Theater in die Hamletvorstellung nebenan geraten und versehentlich als Polonius vom dänischen Extremisten Hamlet erstochen worden. Der Messias ist also tot und die Jünger zerstreuen sich. Vielleicht hätte sich Yael Ronen mal lieber mehr um die Ursachen der Kriege, die im Zeichen des Gottes Mammon geführt werden, kümmert sollen, anstatt die allgemeine Ratlosigkeit zu bebildern. Das hätte dem Abend vielleicht eine nachhaltigere Denkrichtung geben können. Aber so, bei aller schönen Ironie, weiterhin große Sprach- und Geistesverwirrung.

weiter zu Teil 2

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