Am Rosa-Luxemburg-Platz schmilzt still ein Eisberg. Ibsen ±0 – Von zweierlei Theaterschlaf

Im Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ein Eisklumpen aus Grönland. Und während er dort so vor sich hin schmilzt, macht derweil Christoph Marthaler in der Volksbühne das Vergehen von Zeit erlebbar. „±0 Ein subpolares Basislager“ heißt seine neue Produktion, die bereits in Grönland selbst und bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Mensch scheint gefangen in dieser Basis, der Basis seiner Gedanken und Empfindungen. Und so sind auch wir ganz allgemein gefangen oder befangen in unserer Erwartung dieses Abends. Denken ist immer wie ein „Déja-vu“. Als ein „dilettantisches Unterfangen“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Georg Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe“, einer Beschreibung des menschlichen Scheiterns. Marthaler zitiert daraus und es schwebt wie ein pessimistisches Fatum über dieser Inszenierung. Die Menschheit als Tausendfüssler, der vorwärts strebt ohne an den nächsten Schritt zu denken, um nicht in einer selbstzerstörerischen Blockade ins Stolpern zu geraten. „Ein Gedanke, der einen frösteln lässt.“ wie es Steiner formuliert.
Diese Blockade führt uns Marthaler nun mit diesem Abend über Grönland, schmelzende Gletscher und die Zerstörung der Natur vor. Die Hybris des zivilisierten Menschen, Fortschrittsglauben gegen Tradition, Ignoranz der westlichen Kultur gegenüber den Naturvölkern usw. Es ist auch ein Abend über Vergeblichkeit, die Erkenntnis nichts ausrichten zu können. Man ist in der eigenen antrainierten Gedankenwelt gefangen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist so ein Gedankengefängnis, ausgekleidet mit Matratzen, so dass man sich beim vergeblichen Ausbruchsversuch nicht weh tun kann. Und dennoch versucht man es immer wieder, muss es versuchen. Ein Anheben der Stimmen, ein Innehalten, ein Verstummen und wieder Ansetzen zu einem neuen Choral. Es erklingen Beethoven, Mozart, eine Arie aus Puccinis „Madam Butterfly“ im Hundekäfig, Brahms „Deutsches Requiem“ mit „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und schließlich Procol Harums Song „A wither Shade of Pail“, welcher sich einer eindeutigen Interpretation genauso entzieht wie das Geschehen auf der Bühne.
Eine bisweilen traurig melancholische Langsamkeit, ganz in bewährter Marthaler-Art, nur dass der Meister der theatralen Entschleunigung diesmal noch einen Gang weiter runter geschalten hat. Und trotz all dem fällt dieser Abend nicht in eine totale Froststarre, sondern hebt sich immer wieder aus der Enge des Raums und erwärmt sich an den großartigen Darstellern, die alles mit einer gewissen Leichtigkeit versehen, die über die volle Distanz der gut zwei Stunden trägt. Man singt, tanzt und spielt Eisstockschießen mit Handys. Es werden Sagen über stürzende Schweizer Gletscher und Texte aus Jorge Luis Borges´ „Sandbuch“ vorgetragen, man lauscht dabei einer knarzenden Stimme aus einem Lautsprecher: „Aber, aber … Es muss doch weiter gehen.“ Oft Stillstand und Wiederholung, aber nie sinnloser Leerlauf auf der Bühne. Ein sanftes Hinüberdämmern in die Marthaler´sche Traumwelt breitet sich im Publikum aus, wobei die einen in den Schlaf der gerechten Ignoranz verfallen, während die anderen hineingesogen werden in den Strudel der eigenen Gedanken und Assoziationen. Der Gletscher tropft hörbar und draußen rollt der Donner eines vorbeiziehenden Gewitters. Oder ist es doch nur der starke Beifall der Erwachten?

0.JPG Schmelzendes Eis, Herkunft: Grönland. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz – Foto: St.B.

Weitere Vorstellungen vom 14. bis 17. Dezember 2011 sowie vom 28. Februar bis 2. März 2012.

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Ruhig und bedenkenlos weiterschlafen kann man bei Leander Haußmanns „Suspense“-Veruch über Henrik Ibsen mit dessen psychologisierendem Schuld-und-Sühne-Drama „Rosmersholm“. Ibsens 1887 geschriebenes Drama über den ehemaligen Pfarrer Rosmer und seine verhinderte Liebe zur fortschrittlichen aber geheimnisvollen Rebekka West, leitete sein düster symbolbeladenes Spätwerk ein. Rosmer schwankt zwischen Tradition und modernem Gedankengut. Die Gespräche mit Rebekka geben ihm die Gewissheit mit seinem bisherigen Leben zu brechen. Aber durch Intrigen der verfeindeten Gegenspieler im Ort, Enthüllungen um Rebekkas Vergangenheit und die Tatsache, dass Rosmers verstorbene Frau Beate sich nicht in vermuteter geistiger Umnachtung in den Mühlbach gestürzt hat, sondern durch Rebekka bewußt dazu gedrängt wurde, wird die Beziehung wieder zerstört. Rosmer gibt sich schließlich selbst die Schuld dafür und geht mit Rebekka gemeinsam in den Tod. Diese teilweise recht verquaste Story spannend wie einen Krimi zu erzählen, hatte sich Leander Haußmann für seine Rückkehr an die Theaterbühne vorgenommen.
Nachdem Haußmann Anfang der 90er Jahre nicht an der Volksbühnen-Wiedererweckung mit seinem alten Kumpel Frank Castorf teilnehmen durfte, tingelte er durch die Theaterprovinz und ging 1995 für fünf Jahre als Intendant ans Schauspielhaus Bochum. Nebenbei drehte er auch einige Kinofilme, wie den mittlerweile zum Kult gewordenen Ostalgiestreifen „Sonnenallee“ und der Westvariante „Herr Lehmann“ nach dem erfolgreichem Roman von Sven Regener. 2000 kam Haußmann schließlich doch noch an die Berliner Volksbühne und inszenierte dort den DDR-Filmklassiker „Paul und Paula“. Mit dem damals debütierenden Fabian Hinrichs in der Hauptrolle, verbreitete er eine fröhliche Lagerfeuerstimmung inklusive Gitarre und jeder Menge Hippieflair. Hinrichs hat sich seither glücklicherweise zu einem gefragten Bühnen- und Filmschauspieler entwickelt. Haußmann zog weiter ans Berliner Ensemble und wuchtete dort zweimal optisch gewaltig Shakespeare auf die Bühne. Im „Sommernachtstraum“ jagte er die verirrten Athener Pärchen durch einen riesigen Märchenwald und im „Sturm“, mit seinem Vater Edzard Haußmann als Prospero, strandete ein riesiger Schiffsbug auf der Bühne. Große Ausstattungen und popige Bühnenshows waren von jeher Haußmanns Markenzeichen.
Davon ist nun an der Volksbühne nur noch die Ausstattung übrig geblieben. Ein historisierendes Gründerzeitambiente mit Sesseln, Couch und Schrank hat ihm der Filmbühnenbildner Uli Hanisch gebaut. Der Vorhang gibt später den Blick auf eine gewaltige, drehbare Treppenanlage frei. Davor spielt sich das Drama dann auch über drei lange Stunden ab. Der Filmschauspieler Peter Lohmeier, als vom Kinderglauben abgefallener Pfarrer Rosmer, bewegt sich darin als hätte er einen Stock verschluckt. Annika Mauers freidenkende Rebekka West mit Kurzfrisur wurde von Schwiegermutter Doris Haußmann erst in eine rotseidene Robe und später etwas unvorteilhafter in Reformklamotten eingekleidet. So sitzt sie nun die meiste Zeit mit den anderen Beteiligten, wie dem von Ralf Dittrich verkörperten konservativen Eiferer Rektor Kroll, auf der Couch und gibt erst die mitfühlende Naive, bis dann endlich, zäh entrungen, die ganze schlimme Wahrheit über ihre Vergangenheit, Motivation und Triebe ans Tageslicht gezerrt werden.
Die erste Konversationsrunde zu Beginn hätte durchaus auch im für gediegene Langeweile eigentlich zuständigen Berliner Ensemble stattfinden können, bis dann irgendwann Uwe Dag Berlin als philosophierender Pinkelpenner auftaucht und sich seiner Klamotten entledigt. Ist Rosmers alter Hauslehrer Ulrik Brendel bei Ibsen noch eine tragisch gescheiterte Randfigur, ähnlich einem Dr. Rank in „Nora“, wird er hier zum Running Gag, indem er zum Schluss, nun sichtlich derangiert, noch mal auftaucht, um seinen Trolligen Hampel-Sketch zuende zu spielen. Komplettiert wird der Schrundkrimi noch vom Volksbühnenmimen Axel Wandke, als schmierigem Zeitungsverleger Mortensgárd, der einen Kurzauftritt mit Keksen und Piepsstimme hat und Margit Carstensen als Haushälterin Helseth, die wie ein Gespenst durch die Kulissen geistert und dadurch wenigstens etwas für geheimnisumwitterte Spannung sorgt. Eine große Überraschung ist die Auflösung der Story dann aber zum Schluss nicht mehr. Wie ein Vogel auf dünnen Draht, wie ein Betrunkener in mitternächtlichem Chor stürzt Haußmanns müde Dramaturgie langsam ab. Leonard Cohen säuselt aus den Lautsprechern und Dr. Kroll greift zum Akkordeon und singt Tom Waits. Das unheilvolle Paar steigt schließlich zum Schluss die Stufen zum Steg über den Mühlbach hinauf, dann sind wir endlich frei.
Leander Haußmann hat die gesamte bürgerliche Ibsenrezeption von Strindberg, Hofmannsthal, über die Psychoanalyse der Rebekka von Freud, bis zum schimpfenden Nietzsche aufgesogen und das Ganze, mit einigen Anleihen beim Krimi, vermischt als lahme Satire, angereichert mit etwas Trash, auf die Bühne gespuckt. Ein Hitchkok oder Chandler wird es trotzdem nicht, fesselnder Suspense sieht anders aus. Hier gerät es zu einer nicht enden wollende Folter. Die stocksteife Teeparty wird zum spannungslosen Ibsen-Exorzismus und Annika Mauer windet sich dazu filmreif auf der Couch. Auf die Couch möchte man nun ebenfalls sinken, hat aber über die gesamten drei Stunden nur den, trotz neuem Bezug, noch immer sehr unbequemen Volksbühnentheatersessel. Es staubt zusehends bei all der Lümmelei und Dümmelei auf der Bühne. Nur Kekse und Tee? Nee!
Familienprojekte an der Volksbühne stehen, nach dem ebenfalls missglückten Versuch von Clemens Schönborn Dumas „Kameliendame“ mit Verdis Oper „La Traviata“ zu vermischen, unter einem schlechten Stern. Selbst Sophie Rois und Zazie de Paris konnten die lahme Produktion um Suppenwürfel und Brie nicht retten. Die Frage ist, was Frank Castorf mit dieser aus der Not geborenen Idee von vor einem Jahr erreichen wollte. Leander Haußmann hat sich damit sicher keinen großen Gefallen getan und sollte zukünftig besser beim Kino bleiben. Sein nächster Film „Hotel Lux“ wurde übrigens auch schon als sehr verstörendes Tanztheater von Johann Kresnik an der Volksbühne aufgeführt. Bleibt zu konstatieren, dass es schon wesentlich bedeutendere Ibsen-Interpretationen an diesem Hause gab. Von Castorf selbst und von einem ehemaligen Apologeten des großen Meisters. Dieser hat gerade in Leipzig die Flinte ins Korn geworfen und dürfte nun sicher bald in Berlin aufschlagen, um am Portal und dem Theaterschlaf der Volksbühne zu rütteln. Unvergessen zumindest ist Sophie Rois als Helene Alving mit Turmfrisur in Sebastian Hartmanns Gespenster-Inszenierung. Dagegen war Leander Haußmanns Veralberungsversuch von Ibsens „Rosmersholm“ ein Nullsummenspiel. Der Eisberg im Pavillon ist abgeschmolzen, nichts ist davon übrig geblieben und ±0 geht dann auch die erste Runde in der neuen Volksbühnenspielzeit aus.

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