Rast- aber nie atemlos – Clemens Schick rennt durch „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. Antonio Latella inszeniert Koltès` Endlosmonolog bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele

„Ein Satz von vierzig Seiten, ausgestoßen in einem einzigen Atemzug, ohne Punkt und Komma, die an jeder Stelle die poetische Notwendigkeit des Wortschwalls unterbrechen würden. Die Nacht kurz vor den Wäldern ist die Bejahung eines Theaters als Gesang, ein Manifest des Schreies einer Seele, der Poesie wird, Musik ohne Ende und ohne Anfang. Ununterbrochener Regen wäscht den Körper und lässt die Worte absolut, pur erscheinen. Im pausenlosen Dahinströmen wird die Sprache, die an die Obsession und die Hoffnung eines gottlosen Gebets erinnert, zu Fleisch.“ Antonio Latella

Bernard-Marie Koltès

(9. April 1948 bis 15. April 1989) koltes.jpg

Eine fast schwärmerische aber durchaus passende Umschreibung für das, als schier endlosen Monolog geschriebene, 1976 beim Festival von Avignon uraufgeführte Stück des französischen Autors Bernard-Marie Koltès. Die Inszenierungen von Patrice Chereau haben ihn international bekannt gemacht. Der italienische Theaterregisseur Antonio Latella bringt das Stück jetzt in einer Koproduktion seiner STABILE/MOBILE Compagnia mit den Berliner Festspielen im Rahmen der „Spielzeit Europa“ auf der Seitenbühne des Festspielhauses in der Schaperstraße neu heraus. Koltès, Schwulen- und Künstlerikone der 80er Jahre, wird immer wieder gern genommen, um politisch zu provozieren oder mit seinen unangepassten Wortkaskaden zu experimentieren. Die Berliner Volksbühne hatte ihn öfter mal im Programm, zuletzt mit „Quai West“ in einer Inszenierung des 2010 verstorbenen Werner Schroeter.

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Koltès hatte die kaputte Welt, die er in seinen Stücken beschreibt, selbst bereist und benannte die Probleme des modernen Kapitalismus, wie  soziale Entfremdung und Globalisierung, noch bevor sie im Westen als solche überhaupt erkannt wurden. Sein Zorn dagegen mündete aber nicht in den blinden Aufschrei eines Wutbürgers, sondern in künstlerisch schwer zugängliche, verstörende Poesie. Wie einst Samuel Beckett, legte der bereits 1989 mit 41 Jahren an AIDS verstorbene Autor, schon zu seinen Lebzeiten strenge Aufführungsrichtlinien fest und erboste sich über die deutschen Inszenierungspraktiken seiner Stücke. In dieser Hinsicht war er strikt konservativ gegenüber dem Regietheater und lobte die Arbeiten von Chereau und Stein. Das hat ihn nicht davor bewahrt, immer wieder in die Dekonstruktionsmühlen interpretationswütiger Regisseure zu geraten.

Antonio Latella geht hier dann auch erst einmal ganz behutsam, fast ehrfürchtig mit Koltès‘ Text um. Er hat sich als Darsteller, des ruhelos durch die regnerische Nacht ziehenden Fremden, den Film- und Theaterschauspieler Clemens Schick geholt, noch bekannt aus Falk Richters Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ an der Berliner Schaubühne oder dem Solo „Windows“, einem Stück über Bill Gates, und ihn auf eine leere, tiefe nur mit großen Scheinwerfern bestückte Bühne gestellt. Er ist schon beim Einlass aus der Dunkelheit der Hinterbühne mit einigen Satzsplittern des Textes zu vernehmen. Erst nach und nach lassen die Scheinwerfer die Silhouette des Schauspielers erkennen. Schick, nur mit Hose und offenem Jackett bekleidet, den Wortschwall des Fremden hervorstoßend, beginnt nun leicht zu tänzeln und geht in einen immer schnelleren Laufmodus auf der Stelle über. Zwei Scheinwerfer leuchten in dabei scharf von der Seite aus.

Man kennt die lauten, nervenden Selbstgespräche kaputter Existenzen in den öffentlichen Verkehrsmitteln der großen Städte, man meint alles schon mal irgendwo gehört zu haben. Und doch ist da mehr in diesem Text über einen verzweifelt nach Gesellschaft suchenden Außenseiter. Es schwingt auch stolz über dieses Andersein sein mit, anders zu sein als die Arschgesichter, die ihren Schwanz nicht waschen, die ihn ignorieren, schlagen oder bestehlen. Er fühlt sich größer, schwärmt von einer Gemeinschaft jenseits der Fabriken, gar einer „internationalen Gewerkschaft der in den Arsch Getretenen“. Er ist aber auch ein Getriebener, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit lässt ihn nicht los. Er sucht ein Heim, das er nach seinem Sinn gestalten kann und wird doch wieder nur in einem billigen Hotel landen. Er folgt seinem imaginären Traumbild durch die Nacht.

Latella lässt den Text durch Schick ganz Körper werden. Den Regen bedarf es nicht, Schicks Schweiß glänzt auf dem Gesicht und durchdringt die Kleidung. Seine immer wiederkehrenden Hassausbrüche quälen ihn. Latella macht das mittels schriller Klänge und einer Stimme vom Band deutlich, die sich nicht nur in das Hirn des Protagonisten frist. Im grellen Gegenlicht windet er sich. Das soll nicht nur einfach auf die Nerven, sondern im wahrsten Sinne auf alle Sinnesorgane gehen. Der andauernde stimm- und körperliche Parforceritt wird dadurch immer wieder kurz unterbrochen. Zeit zum Atem holen bleibt aber nicht, die Suche nach seinem Engel geht weiter, bis er meint ihn gefunden zu haben. Die Textmaschine ebbt schließlich ab und Schick knickt unmerklich, langsam in sich zusammen, bis er scheinbar völlig entspannt aber gebrochen am Boden liegt.

Was Antonio Latella hier gelingt, ist diesen Endlostext aus seinem vordergründig sozialprekären oder schwulen Kontext zu lösen und uns diesen vermeintlichen Außenseiter so viel näher zu bringen. Er scheint förmlich unserer Mitte entsprungen, wir stehen mit ihm im Rampenlicht. Natürlich bleibt Koltès‘ Text eine Anklage gegen Vereinsamung, Ausgrenzung und soziale Härte, er ist aber auch ein verzweifelter Sehnsuchtsschrei der menschlichen Seele, die nach außen dringt und hier in der eindrücklichen Darstellung von Clemens Schick nicht ungehört vorbeirauscht. Ihm vor allem ist es zu danken, dass diese körperbetonte Performance aufgeht. Man wird dieses Bild des getriebenen, zum Schluss in sich zusammensinkenden Bündels aus Körper und Sprache lange nicht loswerden.
Eine unbedingte Empfehlung, noch bis zum 16.10.2011 im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Weitere internationale Produktonen werden bis Ende Januar 2012 folgen.

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One Response to “Rast- aber nie atemlos – Clemens Schick rennt durch „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. Antonio Latella inszeniert Koltès` Endlosmonolog bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele”

  1. joachim schmidt sagt:

    <p>tolle aufführung habe sie 2mal gesehen, clemens schick ist herausragend, grandios</p>