Ratio vs. Emotio – ¡Vamos! „Capitalista, Baby!“ Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenieren Ayn Rands „The Fountainhead“ am Deutschen Theater Berlin

„Die Wahrheit aber wissen wir nicht, wo wir nicht den Grund der Sache wissen.“ Aristoteles aus „Metaphysik“

aristotle_1.jpg    immanuel_kant.jpgImmanuel Kant (1724 – 1804)

Aristoteles
(384 v. Chr. – 322 v. Chr.)

Aristoteles gut, Kant böse! Ganz so einfach ist das Weltbild der 1905 in Russland geborenen und 1926 nach Amerika emigrierten Schriftstellerin Ayn Rand dann doch nicht, aber es lässt sich im Großen und Ganzen schon auf diese klare Aussage herunterbrechen. Sie lobt an der Philosophie des Aristoteles vor allem das wissenschaftlich empirische Herangehen als Grundlage seiner Epistemologie und nicht das Diskutieren von Ideen, wie bei Platon. Während sich die mittelalterliche Kirche an Platon orientierte, habe man es der Renaissance der rationalen Vernunft des Aristoteles zu verdanken, dass die Enzyklopädisten schließlich den Weg aus dem Mittelalter gefunden haben.

Immanuel Kant dagegen brachte mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ wieder den Zweifel des Platon und die menschliche Reflexion durch kritische Wissensprüfung, ins Spiel. Außerdem griff er die Schwächen im Weltbild des Aristoteles auf, der von einem „unbewegten Beweger“ sprach, was die Kirchenphilosophen, vor allem Thomas von Aquin, als Gottesbeweis interpretierten, während Aristoteles eigentlich nur von einer unbewegten Quelle als Ausgangspunkt aller Bewegung ausging. Kant spricht von einer moralischen Notwendigkeit, das Dasein Gottes anzunehmen, als göttliches Gebot für den Endzweck des praktischen Gebrauchs der Vernunft. Außerdem stellt er mit seiner Transzendentalphilosophie der Unerkennbarkeit der Dinge die Grundfesten der Philosophie von Ayn Rand in Frage, nämlich die vom unerschütterlichen Zusammenhang von Existenz und Bewusstsein. Für sie spielt da selbst Karl Marx mit seiner konsequenten Kritik an der Religion, wegen seiner Leugnung des Bewusstseins nur noch eine marginale Rolle als „Fußnote Hegels“.

Ayn Rands Philosophie fußt auf nichts anderem als einer idealen Modelannahme nach Aristoteles. Ihr Objektivismus stützt sich in erster Linie auf den Fakt der Existenz, die als gesetzt gilt und nicht bewiesen werden muss. Die Axiome „Existenz“, „Bewusstsein“ und „Identität“ sind dabei die Grundlage jedes Erklärungsversuchs der Welt. Existenz kennt keinen Anfang und kein Ende, keinen Schöpfer, sie ist einfach da. Punkt, aus! Alles was da ist, existiert unabhängig von einem Bewusstsein. Für den Menschen ist aber das Bewusstsein implizit für das Begreifen der Existenz. Die Identität unterscheidet nur die einzelne Dinge voneinander, ist aber dem Grunde nach Existenz. Daraus, und aus dem Prinizip Wirkung und Ursache in Bezug darauf, das alles was existiert auf Handlungen beruht, leitet Rand die These ab, dass ein Ding nicht gegen seine Natur handeln kann. Das ist die Grundlage für ihren „rationalen Egoismus“.

ayn-rand-von-donkeyhotey.jpg von DonkyHotey unter CC-Lizenz, auf flickr.com

Eine sehr vereinfachte Metaphysik, die sich für Ayn Rand im Weiteren nur noch in der romantischen Kunst widerspiegelt. Kunst als emotionaler Treibstoff für das menschliche Bewusstsein. Oha, da hört man als kunstinteressierter und gar Kunst schaffender Mensch doch gerne ein zweites Mal hin. Die Ästhetik Platons hatte Aristoteles weitestgehend korrigiert. Da nun Ayn Rand Gefühle im normalen Leben nicht als Entscheidungsgrundlage gelten lässt und uneingeschränkt an die Ratio des Menschen glaubt, verbannt sie die Emotionen einfach in die Kunst. Jede Kunstrichtung die ihre Empfindung der Umwelt in romantische, idealistische Kunstwerke umzuformen weiß, gilt ihr als erstrebenswert. Künstler, die die Welt nur negativ reflektieren oder abbilden wie sie ist, handeln demnach böswillig und Kunst die nichts aussagt oder irgendetwas sein will, ist keine Kunst, sondern gehört in den Mülleimer.

Ein etwas eingeschränktes Kunstverständnis, das Ayn Rand da an den Tag legt, aber es passt sehr gut zu ihrer gesamten Einstellung gegenüber der real existierenden Welt. Es geht ihr letztendlich nur um die „Macht der Werte“, die ein Mensch erreichen kann, geistig wie materiell. Wobei die Prämisse immer auf dem Fortschritt liegt. Der heroische, unabhängige Mensch im Kampf mit der Natur, verfolgt bestimmte Ziele und schafft Werte, die ihm nützen. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, denn darum geht es durchaus auch im Kommunismus, nur das der schaffende Mensch hier einem höheren gesellschaftlichen Ziel zu Gunsten der breiten Masse dienen soll. Ein Beispiel in der Aufklärung ist dabei sicher Goethes „Faust“ der nach Erkenntnis strebende Mensch, der sich mit seinem Schaffen identifiziert und seine Visionen verwirklicht. Dabei aber schließlich, ohne jegliche Rücksicht auf Andere, völlig darin aufgeht. „Herrschaft gewinn ich, Eigentum! / Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.“ (aus Faust I) Sein Gefährte, oder auch triebgesteuertes Ich, Mephistopheles, der Geist der stets verneint, kann dabei als der Verführer zur bequemen Mittelmäßigkeit gesehen werden, der die Sinnlosigkeit des menschlichen Strebens nach Erkenntnis verlacht.

Der ganze Strudel strebt nach oben;
Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.
Goethe aus Faust I (Mephistopheles)

All das kann man auch im Werk von Ayn Rand und Peter Hacks finden. Dem Ziel der Aufklärung und schöpferischen Kraft der Kunst hatte sich auch Hacks mit seinem Werk verschrieben. Sein unverrückbar klassischer Kunstbegriff lehnte dabei aber die Romantisierung strikt ab. Es stehen sich hier also zwei in den Ansätzen ähnliche aber in den Zielen und der Weltanschauung sehr unterschiedliche Kunstdogmas unversöhnlich gegenüber. Dieser Grundwiderspruch ist es, was Jürgen Kuttner und Tom Kühnel bei ihrer Betrachtung der beiden Antagonisten interessierte. Nach dem sie im letzten Jahr am Deutschen Theater mit „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks kritisch einer Prüfung unterzogen, kommt nun die Gegenseite mit Ayn Rands Roman „The Fountainhead“ (Der ewige Quell) zu Wort. Der kleine Exkurs zu den Grundlagen der Philosophie von Ayn Rand ist dabei nicht explizit notwendig, dient aber schon dem besseren Verständnis für Kuttners und Kühnels Inszenierung des Romans. In „The Fountainhead“ beschreibt sie den idealen Menschen in Form des kompromisslosen und unbestechlichen Architekten Howard Roark. Auf Grundlage der Einfühlung und Katharsis im Theater des Aristoteles entwirft sie musterhaft fiktive Charaktere, denen man nacheifern oder die man ablehnen soll.

„Wer recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.“ Aristoteles

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat nun Bühnenbildner Joe Schramm das Symbol der amerikanischen Finanzwelt schlechthin auf die Bühne gestellt. Ein überdimensionales güldenes Dollarzeichen, das sich heben und senken kann und auch Räume zum spielen bildet. Man kann auf ihm stehen, abrutschen und hinunterfallen. Der Stärkste von allen, Howard Roark, wird zum Schluss dort oben sein Plädoyer für den schaffenden Menschen und sein ideales System, den Laissez-faire-Kapitalismus, halten. Zu Beginn aber steht Kuttner als Ayen Rand selbst auf der Bühne, vor einer Videoeinspielung der New Yorker Skyline und schwärmt von dieser Stadt, über die sie sich, im Falle eines Krieges, wie ein Schutzschild breiten möchte, das Sinnbild der Moderne, des Fortschritts und Schöpfertums, dass aber auch der Inbegriff des Kapitalismus mit der Wallstreet, dem Herzstück der Finanzwelt, ist.

 Bild: St. B.dollar-symbol4.jpg

Alles ist nicht Gold, was gleißt
Wie man oft euch unterweist
Shakespeare aus „Der Kaufmann von Venedig“

Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles.
Ach wir Armen!
Goethe, aus Faust I

Aber der Schein trügt. Nicht um Geld geht es dem Helden Howard Roark (Daniel Hoevels), sondern nur um die Verwirklichung seines Werks, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Er steht gegen das korrumpierte System des Kapitalismus, mit seinen mittelmäßigen Opportunisten und ihm feindlich gesinnten Gutmenschen und nimmt dafür auch in Kauf, niedere Arbeiten zum Gelderwerb ausführen zu müssen. In den Figuren des mittelmäßigen Architekten Peter Keating (Felix Goeser) der Roarks Ideen ausnutzt und des Architekturkritikers Ellsworth Toohey (Matthias Neukirch), der die Genialität zu Gunsten der breiten Mittelmäßigkeit vernichten will, sind rein negativ Charaktere besetzt. Als Personen, deren Einstellung und Handlungsweise sich im Laufe der Handlung ändern, treten die zunächst zynische Journalistin Dominique Francon (Natali Seelig) und der dekadente und selbstzufriedene Zeitungsverleger Gail Wynand (Michael Schweighöfer) auf. Domenique enttäuscht von der Welt, erkennt das Genie in Roark und verliebt sich in ihn. Sie hasst sich aber zunächst dafür und ergibt sich, aus mangelnder Selbstachtung, den Werbungen des Karreristen Peter Keating und später dem alten Wynand, nachdem Toohey seinen einstigen Protégé Keating fallen gelassen hat.

Nachdem Roark seine Ideen durch den Opportunismus Keatings verraten sieht, wird er zum Extremisten in eigener Sache. Er zerstört sein Werk, eine soziale Wohnungsbauanlage, die er auf Bitten Keatings für den Untalentierten entworfen hatte, allerdings unter der Auflage der kompromisslosen Durchsetzung seiner Pläne. Nur Domenique und Wynand halten noch zu Roark. Daraufhin beginnt Toohey eine Kampagne, die die Öffentlichkeit gegen Roark und seine Verteidiger aufbringen soll. Wynand ist schließlich ruiniert, weil keiner mehr seine Zeitung kaufen will und nimmt sich das Leben. In seinem Abschlussplädoyer vor Gericht verteidigt Roark sein Handeln als notwendigen Selbstschutz gegen die Welt des Schmarotzertums der „Second Handers“. Eine flammende Rede auf den schöpferischen Geist des „Prime Movers“, die in dem Satz „Hände weg!“ kulminiert, als Ausdruck der „Befreiung des Menschen von den Menschen“. Er wird daraufhin freigesprochen und kann nun sein Projekt selbst verwirklichen.

Kuttner und Kühnel lassen dieses Happy End weg und überlassen die Reflexion zu Roarks Monolog dem Zuschauer. Sie praktizieren hier wie schon zuvor in „Die Sorgen und die Macht“ den Versuch der Selbsterklärung durch das Spiel. Ansonsten ist das alles wie eine gigantische, amerikanische Soap aus der Intrigenwelt der Reichen und Schönen aufgebaut. Schon zu Beginn werden die Stimmen der beiden bösen Charaktere wie in einer Verfilmung eines Batman Comics verfremdet. Verfremdung ist überhaupt das Stichwort. Die Charaktere sind deutlich überzeichnet und Kuttner lässt es sich auch diesmal nicht nehmen, wieder kommentierend einzugreifen. Er schlüpft in verschieden Nebenrollen und tritt, wie schon erwähnt, als Karikatur von Ayn Rand selbst auf. Mit dem Einwurf des Brechtgedichts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wird die Handlung konterkariert. Kuttner zitiert Slavoj Žižek und Sylvia Plaths „Every Woman adores a fascist“. Wagners „Parsifal“ ertönt als pathetische Begleitmusik und ironisiert Roark als den reinen unschuldigen Helden, der der Verführung widerstehen muss.

guggenheim-museum-ny.jpg Solomon R. Guggenheim Museum von Frank Lloyd Wright in New York. Foto: David Heald, unter CC-Lizenz, auf flickr.com

Die Darsteller spielen ihre Rollen gut ironisch herunter. Der Howard Roark des Daniel Hövels verkörpert ernst und souverän die Philosophie Ayn Rands, allerdings kommt er dabei etwas zu blass rüber. Die personifizierte Ratio, ohne jegliche Emotion. Seine glühende Rede verfehlt aber durchaus nicht ihre Wirkung. Rand hatte ihre Figuren nach tatsächlich lebenden Vorbildern gestaltet. Als Vorbild für Roark kann durchaus der amerikanische Architekt und Kunstliebhaber Frank Lloyd Wrigth (1867 – 1959) gelten, der sich nicht nur durch das Guggenheimmuseum in New York unvergesslich gemacht hat. Seine Utopie Amerikas (Usonia) als echte ganzheitliche Demokratie, in der die Menschen, angeleitet durch den schöpferischen Geist eines Architekten, ihre „wahre Individualität“ genießen können, erinnert aber nur peripher an die Ideen Rands. Hinter der Figur des Ellsworth Toohey verbergen sich mehrere reale Personen, wie der britische Labour-Politiker Harold Laski (1893 – 1950) oder der US-amerikanische Architekturkritiker und Wissenschaftshistoriker Lewis Mamford (1895 – 1990). Sie zeichneten sich u.a. durch ihr Eintreten für eine pluralistische Demokratie und menschengerechte Stadtplanung aus. Bei Rand ist Toohey ganz der verführerische Mephisto, Matthias Neukirch spielt ihn selbstsicher und aasig. Felix Göser karikiert seinen Peter Keating als großen dummen Jungen hin und Natalia Seelig als Dominique Francon kommt ganz als blonder Vamp daher. Michael Schweighöfer sind als Gail Wynand ein paar Brüche erlaubt. Rand sah in ihm einen tragisch gescheiterten Vertreter der Philosophie Nietzsches mit seiner „Herren- und Sklavenmoral“.

Mehr Auseinandersetzung mit der Philosophie Rands findet leider nicht statt, da war der Hacksabend wesentlich ergiebiger. Das in den USA verschiedenste Interessengruppen wie die Tea-Party-Bewegung, die Vertreter des Libertarianismus oder Persönlichkeiten der Finanzpolitik wie Alan Greenspan („Capitalism is not working“) sich auf Ayn Rand berufen, scheint Kuttner und Kühnel nicht erwähnenswert. Man setzt auf Selbstentlarvung durch Ironie. Ayn Rands Ethik, die rein auf dem „Händlerprinzip“ beruht und somit den jeweiligen persönlichen Vorteil aus Tauschgeschäften zum Grundsatz hat, wird nicht hinterfragt. Der sogenannte „tugendhafte Egoist“ steht nicht zur Debatte. Ayn Rand behauptete, wer gegen den Kapitalismus argumentiere, verfüge nicht über die entsprechende Erkenntnistheorie, im Kommunismus sprach man von fehlendem Klassenstandpunkt. Wie ähneln sich doch diese beiden gegensätzlichen Theorien in ihrer Abwertung gegenüber ihren Kritikern. Davon ist in der Inszenierung leider keine Spur. Vielleicht ist das auch die falsche Vorlage. In Ayn Rands Hauptwerk „Atlas Shrugged“ (Atlas wirft die Welt ab oder Wer ist John Galt?) entfernt sich Rand von der Darstellung realer Personen und begibt sich ganz in die Welt der Fiktion, um ihre Philosophie des Objektivismus zu erklären. Aber auch die Inszenierung des „Fountainhead“ ist durchaus sehenswert, wenn sie auch die Welt, wie sie ist, nicht aus den Angeln heben wird.

capitalism.jpg Kundgebung von Occupy San Francisco, Foto: Christian Heilmann, unter CC-Lizenz, auf flickr.com

„Immer sind es die Schwächeren, die nach Recht und Gleichheit suchen, die Stärkeren aber kümmern sich nicht darum.“ Aristoteles

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