Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

  • TEIL 1:

Ein starkes Kafka-Doppel mit „Das Schloss“ in der Regie von Nurkan Erpulat und „Amerika“, einem Gastspiel aus Hamburg, am Deutschen Theater Berlin

Genau wie die zahlreichen Theater-Festspiele in den deutschsprachigen Landen bemüht sind, ihr Publikum immer wieder aufs Neue anzuziehen, so dürsten auch die Stadttheater nach Geldquellen, um große Projekte stemmen zu können. Das Kooperationsmodell ist also ein Mittel, dem sich beide Partner schon seid Längerem verschrieben haben, mit mehr oder weniger Erfolg, aber immer mit einem deutlichen Hang zum großen Event, die man nur mit dem entsprechendem Staraufgebot auch zu realisieren glaubt. Wenn man nach Salzburg und Wien schaut, wird man also dementsprechend immer wieder auf die gleichen Namen stoßen, so dass es schon einer mittelgroßer Sensation glich, dass man tief im Westen unserer Republik, bei der Ruhrtriennale, auf ein junges Talent aus dem tiefen Kreuzberg setzte. 2010 inszenierte dort Nurkan Erpulat sein später preisgekröntes und zu mehreren Theatertreffen eingeladene Erfolgsstück „Verrücktes Blut“, das noch immer im Ballhaus Naunynstraße zu sehen ist. Der bisher für postmigrantische Themen bekannte Regisseur hat sich nun am wesentlich besser situierten Deutschen Theater mit Franz Kafkas „Schloss“ zwar die Geschichte eines Fremden in einer ihm feindlich gesinnten Umgebung ausgesucht, ein Stück über die Integration von Ausländern ist aber dennoch nicht daraus geworden. Die Premiere bei der Ruhrtriennale war am 23. September. Seit Oktober steht die Inszenierung nun auf dem Spielplan des DT.

Ist der lachende Kafka auch ein Revolutionär? kafka.jpg

Über „…ein Lachen Kafkas…“ wird in einem Beitrag für das Programmheft gesprochen. Gilles Deleuze und Felix Guattari, die beiden Vertreter der Schizo-Analyse haben es in einem 1976 geschrieben Text entdeckt. Kafka ist für sie ein „.lachender Autor“ und „…ein politischer Autor, Künder der kommenden Welt“. Sie begründen das mit seiner Außenstellung in der deutschen Literaturgeschichte als tschechischer Jude, also Vertreter einer Minderheit, der sich in der großen Kultursprache Deutsch ausdrückte und sehen darin ein gewisses revolutionäres Potential. Kafkas Literatur sei nicht über die Analyse seiner Texte zu verstehen, sondern allein durch die Wirkung der Texte selbst. Das hat nun den in Deutschland lebenden Türken Erpulat interessiert und so untersucht er, anhand Kafkas unvollendetem Roman „Das Schloss“, den Zwiespalt eines Individuums zwischen Integrations- und Emanzipationsversuch in einer ihm fremden Umgebung.

„Lost in a Roman… wilderness of pain / All the children are insane” The Doors

Bei Erpulats Inszenierung geht es dabei vor allem um Wahrnehmungen. Ein wichtiger Bestandteil sind dabei die Songs der Doors, die, gesungen durch einen Kinderchor, in das Geschehen eingebunden werden. Aldous Huxleys „Doors of Perception“ spielen da genauso hinein, wie William Blakes „The Marriage of Heaven and Hell“, das sich auf Dantes „Inferno“ bezieht.  Bei den Songs ist von „People are strange“ über „Break on through to the other side” bis zu „This is the end / My only friend, the end” alles dabei. Das ist die Entscheidungsebene, obwohl man nicht genau weiß, ob die andere Seite nicht auch das Ende bringt. Besonders in „Break on through“ kommt ja dieses sich nicht entscheiden können, ob Tag oder Nacht, Sehnsucht nach Liebe und dann doch wieder Lüge und Einengung, zum Ausdruck. Es gibt keinen großen Unterschied ob drinnen oder draußen, kein klares gut oder böse. Auf der Bühne heben und senken sich durchsichtige Plexiglaswände und spiegeln die sich dahinter oder davor befindlichen Darsteller. Weiterhin baut Erpulat ein paar für uns kulturell fremdartige Elemente ein, wie ein türkisches Dampfbad und ein von Sesede Terziyan gesungenes türkisches Volkslied über die Fremde. Er dreht den Spieß so ein wenig um, das ist zum Teil schon sehr witzig. Kafka hatte Autobiografisches in dem Roman verarbeitet, seine Erlebnisse im Amt oder mit seinen verkorksten Frauengeschichten. Erpulat bringt vermutlich noch eigene Erfahrungen mit ein. Das gibt eine interessante Mischung auf der Bühne.

Es beginnt mit dem Versuch sich in der Gruppe dem Text Kafkas zu nähern. Dabei wird Moritz Grove der Darsteller des K. zum ersten Mal ausgegrenzt. Er geht dann aber selbstbewusst seinen Weg, der ihn in die Rolle des Landvermessers, des Fremden drängt. Unter den anderen werden die übrigen Rollen des Romans aufgeteilt. Der bei Kafka vorgegebene Plot entwickelt sich. Die K anvertrauten Gehilfen (Thorsten Hierse und Tamer Arslan) unterwerfen sich ihm und kriechen vor ihm auf den Bauch. K selbst versucht seinerseits in die undurchschaubaren Hierarchien einzusteigen und sich der Hilfe des Boten Barnabas (Thomas Schumacher) zu versichern. Seine Schwester Olga vermittelt wiederum den Kontakt zum Herrenhaus, ein vermeintlicher Schlüssel zum Schloss. Dort lernt K die im Ausschank arbeitende Frieda (Sesede Terziyan) kennen und gewinnt sie für sich. Er versucht sich die Hierarchien des Schlosses nutzbar zu machen, um auch in sie einsteigen zu können. Parallelen zu Erpulat sind da durchaus erlaubt. Die Theaterszene zu Beginn steht da nur stellvertretend für allgemeine hierarchische Strukturen, aus einer Sicht, die Erpulat kennt.

Parallelgesellschaften?

prag.JPG Kafkas Schloss ist überall.
Hier ein Blick auf den Prager Hradschin. Foto: St. B.

Grove spielt das sehr eindrucksstark, K`s Anpassungswille ist hier noch dominierend. Allein er eckt immer wieder an, besonders am Dorflehrer (wieder Thomas Schumacher), dem er vom Schloss aus zugeteilt wird. K`s Bemühungen scheitern schließlich am undurchdringlichen Geflecht der Abhängigkeiten, seine Gehilfen verlassen ihn und auch die Beziehung zu Frieda scheitert. Olga ist es schließlich, die ihm die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen verdeutlicht. Der Olga-Monolog ist eine der Schlüsselszenen der Inszenierung, in der die Abhängigkeiten und Machtstrukturen erkennbar werden, die ein Eindringen in die innere Ebene des Schlosses verhindern. Ein Überschreiten dieser Grenzen ist K. nicht möglich, er bleibt Außenseiter. Allerdings wird hier auch fragwürdig, ob ein Eindringen in den inneren Kreis überhaupt erstrebenswert wäre. Es ist ein Spiel des scheinbar Anpassens und wieder Entfernens, hin und her. Genauso hin- und hergerissen wie Kafka selbst, der sich nie für etwas entscheiden konnte. Einerseits die sichere Arbeit im Amt, Andererseits der Wunsch kreativ zu sein. Einmal bürgerliches Leben mit Familie und dann doch wieder Rückzug in seine Welt des Künstlers.

„Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, würde den Menschen alles so erscheinen, wie es wirklich ist: Unendlich“ William Blake.

Die drei Romane Kafkas sind alle unvollendet und somit ins Unendliche interpretierbar. Hier greift nun der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Allein das Individuum steht sich dabei selbst im Weg, jeder ist sozusagen sein eigener „Türhüter“. Da nun Erpulat eine wie auch immer geartete Interpretation von Kafkas Text verweigert, ist jeder Zuschauer auf seine eigene Wahrnehmung angewiesen oder muss auf feststehende Interpretationsansätze zurückgreifen. Jeder kann und wird seinen Kafka irgendwo da in Erpulats Inszenierung wiederfinden, das ist Vorteil und Manko gleichermaßen. Ein politischer Kontext ist bei Erpulats Inszenierung nicht wirklich erkennbar, was sich aber auch nicht zwingend negativ auswirkt. Für viele mag das das Erleben dieses Abends etwas mühsam gestalten oder ihn sogar langweilig erscheinen lassen, im Vergleich zu den letzten Großproduktionen des DT ist aber Erpulats Theater auf der Kammerbühne, dass nicht behauptet Großes sein zu wollen, wesentlich sympathischer, als der allgemeine Befindlichkeitsquark von nebenan. Letztendlich überzeugt die unkonventionelle, unfertige Herangehensweise Erpulats, gerade weil sie offen für eigene Wahrnehmungen bleibt.

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„My name is Koarl, … Ich habe mich verlaufen.”

Etwas ganz Neues, Unerwartetes haben Philipp Hochmaier und Bastian Kraft mit ihrer Kleiner-Mann-in-der-Kiste-Performance von Kafkas „Amerika“ gewagt. Die Inszenierung wurde an drei Abenden als Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters in der Gaußstraße in der DT-Box gezeigt. Auch hier, wie in Erpulats „Schloss-Inszenierung“, Plexiglas und Spiegelungen. Dass die Plexiglasbox, in der Philipp Hochmaier in die Welt des Karl Roßmann eintaucht, innen verspiegelt ist, bekommt man erst so nach und nach mit, wenn sich Hochmaier mittels einer Kamera zu vervielfältigen beginnt. Er wird sozusagen zu einer Art multiplen Persönlichkeit, man hat zumindest den Eindruck davon. Das Romanfragment ist auf die wesentlichen Szenen beschränkt, ganze 75 min. dauert die Vorstellung. Hochmaier spricht und spielt alle wichtigen Figuren des Romans selbst, teilweise mit verstellter Stimme, Dialekt und vollstem Körpereinsatz, soweit es die klaustrophobische Enge der Box zulässt. Das er das kann, hat Hochmaier bereits in anderen Soloabenden bewiesen, als Goethes Gefühlsextremist „Werther“ zusammen mit Nicolas Stemann oder als Büchners „Lenz“ in Eigenregie. Es sind die Extreme in den Figuren, die er wie kein anderer so präsent werden lässt.

dt-kammer-kafka-5.JPG Philipp Hochmaier als Karl Roßmann. Schaukasten der Kammerspiele im DT

Wenn man als junger Mensch „Amerika“ liest, leidet man ja mit dem aus seiner sicheren, gewohnten Umgebung Verstoßenen Karl Rossmann mit und ist regelrecht erleichtert, wenn er dann in die Weite Amerikas aufbricht und gleichzeitig enttäuscht, dass es nicht weitergeht. Hier wird nun dieser Naivling aus Europa, wie wir ja auch selbst – und deshalb sollte man Kafka möglichst früh lesen – einmal einer waren, durch die Mühlen einer realen und gleichermaßen auch irrealen, für ihn nicht zu begreifenden Welt gedreht, sinnlos im Kreis gehetzt und verliert nicht nur nach und nach seine Kleider, sondern Würde und Menschlichkeit gleich dazu. Er verspricht ständig Kundenorientiertheit, Teamfähigkeit, hohe Zahlenaffinität, Einsatzfreude und Belastbarkeit. Wie ein Hamster im Rad, rennt Hochmaier durch den Text und repetiert immer wieder Karls Begrüßungsfloskeln und das er sich verlaufen habe. Einer der es mit seinem jugendlichen Gerechtigkeitssinn schließlich jedem Recht machen will, scheitert an der banalen Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft so nicht funktioniert, selbst ganz unten tritt man ihn noch und er landet schließlich wie Gregor Samsa auf dem Rücken.

Rückschlüsse zu Ayn Rand, die parallel in den Kammerspielen lief, sind durchaus erlaubt. Auch Hochmaier und Kraft ironisieren in ihrer Inszenierung und entzaubern unser falsches Mitgefühl für Karl und schließlich den Kafka´schen Go-West-Mythos mit der Utopie des Oklahoma Naturtheaters, das wirklich jeden brauchen kann, inklusive der Zuschauer. Wobei man natürlich nicht genau sagen kann, wofür das Theater bei Kafka wirklich stand, die ironische Art der Inszenierung verweist durchaus auch in eine andere Richtung. Nämlich die, dass es gar keine Utopie ist, sondern nur der nächste endgültige Abgrund. Wieder ein starker Solo-Abend mit Philipp Hochmaier, der einen nicht kalt lässt und Kafkas auf der Suche nach Zugehörigkeit „Verschollenem“ einige politisch aktuelle Akzente abgewinnen kann. Dafür gab es 2010 beim Münchner Festival „Radikal Jung“ den Publikumspreis.

Wird fortgesetzt.

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