Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

  • Teil 2

Erst abgezockt, dann abgerockt – Frank Castorf schickt Dostojewskis „Spieler ins abgeranzte Zockerparadies an der Berliner Volksbühne

Nun ist es also amtlich, Frank Castorf wird 2013 den Jubiläums-Ring bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth verantworten. Oder sollte man besser sagen, die Verantwortung weit von sich weisend, ins ewige Walhall schicken. Geübt dafür hat er zumindest schon, mit den „Meistersingern“ 2006 an der Berliner Volksbühne. Jetzt darf wohl nur noch spekuliert werden, wer ihm das passende Bühnenbild dazu bauen soll, Pressspanplattenmonteur Bert Neumann oder der Kunstbetriebsberserker vom Dienst Jonathan Meese. Man assoziiert sofort Wotan mit Pickelhaube auf einem Containerschrottplatz oder wallende Walkürengewänder auf einem grünen Hügelgrab aus Pappmaché. Dass das nicht zu Castorfs echtem Grab werde, da seien Richard Wagner und Christoph Schlingensief selig vor. Also Wagner pur wird es mit Sicherheit nicht werden, nur ob die Wagner-Sisters auch Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ oder Ernst Tollers „Masse Mensch“ tolerieren, ist wohl eher fraglich. Aber auch einen Schlingensief´schen Fluxus-Ring kann man von Castorf nicht erwarten. Auf jeden Fall dürfte dann schließlich doch die eine oder andere Wehrmachtsuniform oder Stalinbüste im Inszenierungs-Gepäck per Kübelwagen nach Bayreuth unterwegs sein.

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Wagnerbüste in den Giardini und Eingang zum deutschen Biennalepavillion und Schlingensieftempel 2011 in Vendig. Fotos: St.B.

Vorerst begnügen wir Zurückbleibenden uns mit einer neuen Inszenierung, die, wie schon die Drei-Schwestern-Version „Nach Moskau! Nach Moskau!“, in Koproduktion mit den Wiener Festwochen vor Kurzem an der Volksbühne Berlin-Premiere hatte. Mit „Der Spieler“ ist es mal wieder, wie bereits vor einem Jahr im Tagesspiegel angekündigt, eine Dostojewskiadaption geworden. Frank Castorf ist festivalerfahren, von Salzburg bis ins Ruhrgebiet, hat er bereits inszeniert. Ihn verbindet aber vor allem mit den Wiener Festwochen, ähnlich wie Christoph Marthaler, der mit seiner Produktion „±0 schon an er Volkssbühne zu sehen war, eine mittlerweile zwölfjährige Zusammenarbeit. Dort hat er bisher alle seine Dostojewskiinszenierungen am besonders kunstverständigen Wiener Abonnement-Publikum ausprobieren dürfen. Diese nicht enden wollenden Abende sind in Wien besonders beliebt und regelrecht legendär geworden. Nachdem Castorf kurzzeitig auf andere Autoren wie Céline und Tschechow umgestiegen war oder auch mal mit Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ eine Kammeroper inszeniert hatte, nun die Rückbesinnung zum guten alten Dostojewski. Allerdings geht Castorf nicht chronologisch vor, sondern mit der Adaption des Romans „Der Spieler“ wieder hinter das 2005 von ihm inszenierte „Schuld und Sühne“ zurück.

Dostojewski hatte den Roman „Der Spieler“ nach eigenen Spielerfahrungen in Europa geschrieben, bei denen auch schon mal die ganze Reisekasse drauf ging und Geld plötzlich besonders existenziell wichtig für ihn wurde. In der fiktiven deutschen Stadt „Roulettenburg“ wartet eine Schar illustrer Existenzen auf das Ableben der reichen Tante aus Russland und vergnügt sich derweil mit dem Ausgeben von nichtvorhandenem Geld. In der heutigen Zeit verzockt man ja eh vermehrt virtuelles Geld, das aber dabei eher knapper wird und einigen Leuten nach dem Platzen der Finanzblase gar ganz ausgegangen ist. Castorf nutzt den Stoff wie gewohnt zur Dekonstruktion und der Ausstellung gieriger Karikaturen. Das auserlesene Volksbühnenensemble, allen voran Alexander Scheer als unglücklich verliebter Hauslehrer Alexej Iwanowitsch, Kathrin Angerer als seine Angebetete Polina Alexandrowa und Sophie Rois als ziemlich agile Großtante Antonida Wassiljewna, dankt es ihm mit besonderer Spielfreude. Auf der von Bert Neumanns drehbar gelagertem Zockerparadies mit Rouletttisch, einigen Nebengelassen mit Lotterbett, Kinoleinwand und Swimmingpoolattrappe entspinnt sich ein munteres Treiben um Liebelust, -frust und Laster.

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Roulettenburg am Rosa-Luxemburg-Platz.

 volksbuhne_spieler-1.JPG Foto: St.B.

Dramaturgisch ist das wieder eine der gewohnten Castorf`schen Zumutungen, obwohl sich der Plot nahezu vollständig an die Vorlage Dostojewskis hält. Scheer taxiert zu Beginn erst mal den derzeitigen Wert der Volksbühne (nach Rückfrage bei seinem Regisseur) auf immerhin noch 7 bis 8 Millionen. Rubel oder Euro bleibt offen, aber der gute Euro ist ja seit Griechenland auch nicht mehr das, was er mal war. Und so rollt dann auch erst mal der Rubel. Nobel lebt man in Roulettenburg und prinzipiell über seine Verhältnisse. Dekadenz im Liegestuhl, es gibt Cocktails satt und Margaritta Breitkreiz als Madmoiselle Blanche wirft sich an die Video-Poolattrappe. Wien-Import Georg Friedrich als Marquis des Grieux gibt den schmierigen Mörtel-Lugner, spricht breitesten Dialekt und nennt Blanche auch schon mal „Mausi“. Er fügt sich damit bestens ins sonstige Volksbühnen-Zockerpersonal ein. Einzig Mex Schlüpfer bleibt als gutmütiger Engländer Mr. Astley etwas blass.

Eine ewige Hatz im Kreis um die geliebte Kohle, die Türen fliegen auf und zu und es wird gemault was das Zeug hält. Das kann bekanntlich Kathrin Angerer am besten und so verfällt Scheers Alexej immer mehr dem Roulettspiel, um die Bedürfnisse der fordernden Generalstochter Polina befriedigen zu können. Das Leben als Zocker in Roulettenburg kann schon tierisch tödlich sein. Erst lahme Schildkröte, schaut man dann plötzlich einem gefräßigen Krokodil in den Schlund. Aus diesem Krokodil, das Scheer plötzlich auf die Bühne schleppt, kommt er zwar wieder heraus, dafür ist Alexejs geruhsames Hauslehrerdasein beim General Sagorjanski (Hendrik Arnst) bald vorbei. Dieser ewig klammen Witzfigur bleibt neben der erhofften Geldheirat auch der Geldsegen der Erbtante verwehrt. Mit einem fiesen „“Du kriegst nichts.““ haut Sophie Rois die letzen Kopeken auf den Rouletttisch. Das Geschehen im Kasino, das sich bei Castorf mal wieder im Verborgenen abspielt, wird auf die große Videoleinwand übertragen.

Ansonsten (Frank Castorf kann es wie immer nicht lassen) wird wieder viel quergesampelt. Heiner Müller darf dabei nicht fehlen – allerdings erschließt sich kein Bezug zum zitierten Text aus dem „Auftrag – oder es poltern Kartoffeln aus dem Dostojewkin`schen Kellerloch auf die Bühne. Allein das Krokodil, aus einer gleichnamigen Satire Dostojewskis entnommen, ist ein regelrechter Besetzungscoup. Nachdem Sir Henry in im verschwunden ist und beginnt weise Ratschläge aus dem Inneren von sich zu geben, entbrennt sofort der Kampf ums Vermarktungspotential. Frank Büttner als deutscher Krokodilsbesitzer hat hier seinen großen Auftritt. Castorfs Assoziationsfeuerwerk brennt nach der Pause leider nicht mehr ganz so stark, aber Alexander Scheer hüpft unermüdlich weiter (Like a Rolling Stone) als Bob Dylan oder vielleicht auch als Keith-Richard-Look-Alike über die Bühne und hält es bis zum späten Ende am glimmen.

Wo Castorf gerade in München wieder provoziert und stark polarisiert, versöhnt er hier eher seine Jünger. Es dürfte jedem Anwärter auf eine Nachfolge schwer fallen, sich das Terrain der Volksbühne samt Anhängerschar zu erobern. Und es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die im Jahr 2013 wohl längere Abwesenheit Castorfs zwecks Ringvorbereitung in Bayreuth für eine feindliche Übernahme genutzt werden kann. Auch ist weit und breit keiner zu sehen, der dieses verschwore Volksbühnenhäufchen übernehmen, oder gar eine neue Tradition an diesem Hause begründen könnte. Die wohl als sehr ironisch zu wertende Aussage des 2013 in Leipzig scheidenden Sebastian Hartmann, einer Übernahme der Volksbühne nicht abgeneigt zu sein, wenn die Piratenpartei bis dahin die absolute Mehrheit in Berlin erreicht, zeugt nur davon, dass es schier unmöglich erscheint, ein so andauerndes Erfolgsmodell neu zu installieren. Und Hartmann weiß wovon er spricht. Den Kaperbrief für den alten Volksbühnentanker hat er mit Sicherheit noch nicht in der Tasche.

Wird fortgesetzt.

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