Wortgewaltig – Antú Romero Nunes inszeniert „Die Familie Schroffenstein“ als sprachliches Missverständnis beim Kleistfestival am Maxim Gorki Theater Berlin – Teil 2

Es gab viel zu sehen in den gut zwei Wochen des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater. Im Zentrum standen sicher die Inszenierungen von Hausherr und Initiator Armin Petras, der sich mit dem Kriegerischen und dem Preußentum in Kleists Werken auseinander setzte und Jan Bosse, der die Lustspiele „Der zerbrochene Krug“ und „Amphitryon“ zum Besten geben durfte und auch noch Kleists Ritterspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ zur Komödie machte. Das scheint Bosse zu liegen (dazu später mehr) und ist sicher auch der dankbarere Kleistpart. Nachdem Felicitas Brucker bereits im letzten Jahr die „Penthesilea“ als schmerzhaftes Emanzipationsdrama mit mehr oder minder Erfolg aufgeführt hatte, blieb noch Kleists Erstling „Die Familie Schroffenstein“ übrig. Dieser an „Romeo und Julia“ erinnernden „Scharteke“ – Kleist bezeichnete das Stück selber so – hat sich nun der Jungstar des Regieteams am Gorki, Antú Romero Nunes, angenommen.

kleistfestival-gorki-2011-3.JPG Foto: St. B.

,,Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ Ursula, eine Totengräberwitwe, in „Die Familie Schroffenstein“

Die verwandten und ebenso verfeindeten Häuser Rossitz und Warwand stehen sich nach etlichen ungeklärten Todesfällen unversöhnlich gegenüber und schwören Blutrache bis zur Auslöschung des jeweils anderen Geschlechts. Ein Erbvertrag, der dem übrigbleibenden Familienzweig alle Güter des anderen zusichert, ist der treibende Kern für diesen Zwist. Wie in Shakespeares „Romeo und Julia“ lernen sich die Kinder Agnes (Julischka Eichel) und Ottokar (Paul Schröder als Gast aus dem DT) zufällig im Gebirge kennen und verlieben sich ineinander. Während sich ihre Eltern zunehmend in ihren Hass hinsteigern und weitere Bluttaten begehen, verlieren sich die Kinder immer mehr in ihrer Traumwelt der Gebirgshöhle. Damit Agnes der Rache der Väter entkommen kann, tauscht Ottokar mit ihr die Kleider. Das führt letztendlich aber nur dazu, dass beide nun jeweils vom eigenen Vater erstochen werden. Nachdem der Ursprung der Fehde, der ungeklärte Tod eines Sohnes aus dem Hause Rossitz, zufällig von der Witwe eines Totengräbers geklärt wird, versöhnen sich die beiden Väter Schroffenstein, allerdings recht widerwillig, über den Leichen ihrer Kinder.

Als Kleist seinen Freunden das Drama vorgelesen hatte, sollen diese im letzten Akt in Gelächter ausgebrochen sein, kolportiert Jens Bisky in seiner 2007 bei Rowohlt erschienenen Kleistbiografie. Auch der Dichter selbst konnte nicht mehr an sich halten und kam bei seinem Vortrag nicht mehr bis zum bitteren Ende. Nun mag einem dieses Gelächter, angesichts der Schwere des Themas, vielleicht etwas unmotiviert vorkommen, aber Kleists Parodie eines bürgerlichen Trauerspiels enthält viele zumindest unfreiwillig komische Elemente. Es ist Tragödie, Krimi, Liebesdrama und Schauermärchen in einem. Letztendlich unterläuft Kleist damit den üblichen Plot der heldenhaften Aufopferung der Protagonisten als letzten Ausweg aus der Familienkrise. Damit hatte er es sogar zu einem bescheidenen Anfangserfolg gebracht, der sich allerdings bekanntermaßen mit seinen weiteren Werken nicht fortsetzen sollte.

Das Komische in Kleists Tragödie scheint nun auch Antú Romero Nunes herauskitzeln zu wollen. Besonders Ronald Kukulies, der schon in Bosses Krug-Inszenierung durch jede Menge Slapstick aufgefallen ist, muss hier wieder ran. Er grimassiert und kumpelt sich im Kurzbademantel durch die Rollen der Grafen Rupert und Sylvester von Schroffenstein, denn Nunes besetzt die Elternpaare Rossitz und Warwand mit den gleichen Schauspielern. Hilke Altefrohne gibt die Mütter und Stiefschwestern Eustache und Gertrud Schroffenstein. Das ist nicht unüblich, da sich die Paare, erst recht unterschiedlich im Auftreten, zum Ende hin in ihrer Verbohrtheit fast angleichen. Da der versöhnende Schluss meist weggelassen wird, kommt es auch nicht zu Problemen beim Händeschütteln. Der eigentliche Aufhänger ist für Nunes aber das „Wort“, sprich „Am Anfang war des Wort.“, nämlich jenes was zu den Feindseligkeiten führte, und wird sofort zur Lüge. Unter der Folter haben es die vermeintlichen Mörder des jungen Peter Rossitz gestanden, was vom Herold Ruperts von Schroffenstein kolportiert wird, der Auftraggeber sei demnach Sylvester.

Alle Beteiligten lassen sich nun Kleist Sprache genüsslich auf der Zunge zergehen, aber aus den Worten entspringt nicht nur das allseitige Misstrauen, denn jeder hört nur, was er hören will, sondern auch jede Menge Theaterbudenzauber. Allerdings ist nichts Blutiges oder anderweitig Absonderliches zu sehen. Gefoltert wird mit einem Biss in den Finger und Degen zischen nur stimmlich durch die Luft. Da muss zumindest ein echtes Lagerfeuer her, um die Liebenden im Gebirg zu wärmen. Die Liebesszenen sind dann auch recht gefühlvoll gespielt, außer das Schröder hin und wieder etwas ungestüm und ungeschickt zu Werke gehen muss. Im langen Strickkettenhemd und weißen Kleidchen wirken die beiden auch recht naiv. Allerdings gehören die durch Missverständnisse gespickten Annäheheringsversuche der frisch Verliebten zum Schönsten dieser Inszenierung und bringen Kleists Wortgewalt auch am besten rüber.

Den schwersten Part der Aufführung hat aber ohne Zweifel Johann Jürgens zu stemmen und meistert das auch mit Bravour. Er spielt Johann, den anderen, natürlichen Sohn Ruperts von Schroffenstein, was allerdings nicht weiter erklärt wird und sämtliche Herolde der beiden Häuser. Dazu muss er sich immer wieder ein Federhütchen aufsetzen, was der Running Gag der Vorstellung ist, und wird mehrfach gemeuchelt, was man wiederum nur erzählt bekommt. Zum verschlankten Peronal gesellt sich auch noch das sparsame Bühnenbild. Ein sich drehendes Portal mit Vorhang suggeriert eine Bühne auf der Bühne und dockt damit an die Käthchen-Inszenierung von Jan Bosse an. Hier treten nun die Darsteller immer wieder auf und gehen schnell ab oder switchen gleich durch Auf- und Absetzen besagten Hütchens in die verschieden Rollen. Verwirrung scheint das Konzept der Inszenierung zu sein, ebenso wie das scheinbar Stückwerkhafte einiger Szenen.

In Kleists erstem Trauerspiel ist eigentlich alles, was sein späteres Werk und sein ganzes Leben auszeichnen sollte, bereits angelegt. Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt, Sein und Schein, Wahrheit und Täuschung, sowie das Problem, zwischenmenschliche Beziehungen auf Liebe und Vertrauen gründen zu können. Dass durch die Worte der Figuren alles nur eine scheinbare Wahrheit erlangt und die beiden Grafen von Anfang an ein falsches Spiel treiben, kommt in Nunes Inszenierung nicht wirklich rüber. Die Szene am Ende, in der sich nun die beiden Schroffensteinpaare fassungslos in einem großen Spiegel unter dem Portal gegenüberstehen, ist nur ein weiterer Bühnentrick. Der eigentliche Trick Kleists, dass auch die Enthüllung der Todesursache Peter Schroffensteins als Unfall ein Betrug sein könnte, geht bei Nunes völlig unter. Da er die Figur der Ursula nur kurz in der Fingerszene durch Julischka Eichel, die einen Hexenbuckel macht, anklingen lässt, verspielt Nunes diese Pointe, ein schlüssiges Ende ist das sicher nicht. „Du hast den Knoten geschürzt, du hast ihn auch gelöst. Tritt ab.“ sagt Johann zu Ursula am Schluss. Bei Nunes wird der Knoten des Dramas eher noch fester gezurrt. Da er der Täuschung durch Worte nur den Schein der Theaterbilder entgegen zu setzen weiß, können seine aufopferungsvoll kämpfenden Schauspieler leider auch nicht wahrhaftig werden.

Der Bewunderer des Shakespeare

Narr, du prahlst,
ich befriedge dich nicht!
Am Mindervollkommnen
Sich erfreuen, zeigt Geist,
nicht am Vortrefflichen, an!
Heinrich von Kleist, Epigramme

Wie rührend ist die Erfindung in manchem Gedicht: nur durch Sprache, Bilder und Wendungen so entstellt, daß man oft unfehlbares Sensorium haben muß, um es zu entdecken. Alles dies ist so wahr, daß der Gedanke zu unsern vollkommensten Kunstwerken (z.B. eines großen Teils der Shakespeareschen) bei der Lektüre schlechter, der Vergessenheit ganz übergebener Broschüren und Scharteken entstanden ist.
Heinrich von Kleist, aus „Ein Satz aus der höheren Kritik“

Eine Schlussbetrachtung zum Kleistfestival folgt.

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