Die Schriftstellerin Christa Wolf ist gestorben.

„Je näher uns jemand steht, umso schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen…“ Christa Wolf (aus Kindheitsmuster, Suhrkamp Verlag, 1976)

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Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg; † 1. Dezember 2011 in Berlin) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0313-302 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA

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Mein siebenundzwanzigster September

Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens.

Christa Wolf, „Ein Tag im Jahr – 1960-2000“, Luchterhand Literaturverlag, 2003

Der schönste 27. September

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Thomas Brasch „Der schönste 27. September“, Suhrkamp Verlag, 1983

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Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eignen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtetet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst zu hassen.
Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.
(…)
Fern hören sie Stimmen. Sie rufen nach Kleist. Die Kutsche nach Mainz soll abfahren. Die Günderode bedeutet ihm, sich zu entfernen. Sie verabschieden sich durch eine Handbewegung.
Jetzt wird es dunkel. Auf dem Fluß der letzte Schein.
Einfach weitergehn, denken sie.
Wir wissen, was kommt.

aus „Kein Ort. Nirgends“, Aufbau-Verlag, 1979

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

Karoline von Günderrode (178o-1806)

„Einstens lebt ich süßes Leben“ – Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben von Christa Wolf, Insel Verlag, 2006

Foto: St. B. dsc04009.JPG

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Es war ja klar: Allen, die überlebten, würden die neuen Herren ihr Gesetz diktieren. Die Erde war nicht groß genug, ihnen zu entgehn. Du, Aineias, hattest keine Wahl: Ein paar hundert Leute musstest du dem Tod entreißen. Du warst ihr Anführer. Bald, sehr bald, wirst du ein Held sein müssen.
Ja! hast du gerufen. Und? An deinen Augen sah ich, du hattest mich begriffen. Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.

aus „Kassandra“, Luchterhand Literaturverlag, 1983

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Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrund liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.

Juni-Juli 1979/November 1989

aus „Was bleibt“ Luchterhand Literarturverlag, 1990

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Antwortversuche
Ich habe sie noch nicht als DIE ANDEREN gesehen
Ich traute meinen eigenen Gefühlen nicht
Ich glaubte ihnen Auskunft schuldig zu sein
Beklommen glaubte ich DER SACHE so zu nützen
Ich wusste mir nicht zu helfen
Ich hatte Angst

*

Drei Tage sind vorbei im Traum heut nacht
Rasender Fall durch Schichten
Von immer dichterer Konsistenz
Luft Wasser Morast Schutt Geröll
Steckenzubleiben droht ich zu ersticken
Dann plötzlich unter mir Gestein
Und diese Stimme
Du stehst auf festem Grund
Weinen im Traum ist erlaubt

Santa Monica 26.3.1993

aus „Auf dem Weg nach Tabou – Texte 1990-1994“, Kiepenheuer & Witsch, 1994

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Wir sprechen einen Namen aus und treten, da die Wände durchlässig sind, in ihre Zeit ein, erwünschte Bewegung, ohne zu zögern erwidert sie aus der Zeittiefe heraus unseren Blick. Kindsmörderin? Zum ersten mal dieser Zweifel. Ein spöttisches Achselzucken, ein Wegwenden, sie braucht unsere Zweifel nicht mehr…
…Ich, Medea, verfluche euch.
Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.

aus „Medea Stimmen“, Luchterhand Literaturverlag, 1996

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dsc04003.JPG Foto: St. B.

„Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln … Die unendlich vielen Nuancen von Grün … Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. … Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht. – “

aus „Nuancen von Grün“ – Ausgewählte Texte zu Landschaft und Natur, Aufbau Verlag 2002 (ursprünglich in „Voraussetzungen einer Erzählung“ – Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt (1981), Werke 7, München, 2000

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Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben! Und dieser Himmel.
Sie schien zufrieden, flog schweigend, hielt mich an ihrer Seite.
Wohin sind wir unterwegs?
Das weiß ich nicht.

Aus „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, 2010

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„Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art.“ aus „Nachdenken über Christa T.“, Luchterhand Literaturverlag, 1978

Wir werden weiter darüber nachdenken. Danke, Christa W.

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