Wer bin ich und wenn ja wie viele? Jan Bosse und dreimal Amphitryon – Von der Gebrechlichkeit der Welt. Armin Petras und She She Pop experimentieren mit Kleists Novellen – Eine Nachbetrachtung zum Kleistfestival im Maxim Gorki Theater. Teil 3

Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des „Aphitryon“

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801

Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants „Kritik der Urteilskraft“ in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, „Liebe, Ruhm, Glück usw.“ sinnlos wird, „…wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt!“ Kleists Fazit: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.

„Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.“
Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.

kleist_berlin_2011-5.JPG alter Kleist-Grabstein

Nach der schon besprochenen Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ ist der „Amphitryon“ wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: „Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam.“ Und an Adam Müller: „… es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Für Goethe war das Stück, „jenes merkwürdige poetische Produkt“, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.

Goethe traf hier durchaus einen wunden Punkt in Kleists Stück, die Darstellung der Alkmene. Kleist stellte sie in den Mittelpunkt seiner Adaption des Molière`schen Stoffes und projizierte seine romantischen Vorstellungen der Ehe auf sie, bei der die Frau allein in der unerschütterlichen Liebe zu ihrem Mann aufgeht. Alkmene wird daher durch den Doppelgänger und Verführer Jupiter in eine viel größere Seinskrise gestürzt, als Amphitryon selbst oder sein Diener Sosias, der, rein aus körperlicher Not, den Doppelgänger Merkur akzeptiert, da er gleichzeitig weiß: „Dein Stock kann machen, dass ich nicht mehr bin. / Doch nicht, dass ich nicht Ich bin, weil ich bin.“ Dieses vermeintlich feststehende Wissen rüttelt aber Kleist, nebst seinen Protagonisten, nun nach und nach völlig durcheinander. In der Komik dessen und der daraus folgenden Tragik für die Personen liegt das Potential des Stückes und es ist gerade wegen seiner Identitätsproblematik und den kuriosen Verwirrungen ein gefundenes Fressen für Theaterregisseure und Schauspieler gleichermaßen, ihre jeweiligen Interpretationen des Stoffes auf die Bühne zu bringen.

Es hat in der letzten Zeit in und um Berlin mehrere Aufführungen des „Amphitryon“ gegeben. Drei davon sollen hier kurz vorgestellt werden. Natürlich zuerst die Inszenierung von Jan Bosse, die bereits 2007 am Maxim Gorki Theater Premiere hatte und nun bei den Kleistfestspielen wieder zu sehen war, dann die im Februar 2011 am Staatstheater Cottbus herausgekommene Inszenierung von Ingo Putz und die ebenfalls im März diesen Jahres von Julia Hölscher eingerichtete Inszenierung am Schlosstheater im Neuen Palais Potsdam. Es sind hier tatsächlich drei Handschriften zu begutachten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einen modernen Ansatz haben sie alle drei, der Kleist`sche Text steht dabei aber immer im Vordergrund. Allein die Striche und Aufführungslängen variieren dabei von kurzen 90 Minuten in Potsdam, über 100 Minuten in Berlin, bis zu 2 ½ Stunden (inkl. Pause) in Cottbus.

kleistgrab-11.JPG Foto: St. B.
Audio- und visuelle Erkundungen beim neu gestalteten Kleistgrab am Kleinen Wannsee

In der Kürze liegt die Würze, könnt man denken, aber die Potsdamer Inszenierung streicht mit ihrer Alltagsklamotte jeglichen tieferen Witz und quält sich so im roten Plüsch des Neuen Palais auf kärglicher Bühne etwas unentschlossen dahin. Julia Hölscher kann hier nicht wirklich klarmachen worum es ihr geht. Die Darsteller tragen heutige Alltagskleidung und wirken darin meist etwas schlumprig. Im Olymp des von Peter Pagel gespielten Jupiters muss es arg öden sein. Zur Identitätskrise der anderen kommt bei ihm die Sinnkrise. Oder ist es gar eine göttliche Midlifecrisis? Er will als Gott geliebt werden und strahlt so gar nichts Göttliches aus. Menschen wie Ich und Du in Dreiecksbeziehungen, ein paar Schattenspiele hinter rotem Vorhang deuten die Machtverhältnisse an.
Aktion gibt es nur in der Verprügelung des tumben Sosias (Marcus Kaloff) durch einen Merkur im Kapuzenshirt (Michael Schrodt). Amphitryon (Christoph Hohmann) ist ein gestresster Bürohengst, dem man in seiner Abwesenheit Hörner aufgesetzt hat. Die Männerriege ist klar in Weicheier und Machos eingeteilt. Nur die Damen (Marianna Linden als Alkmene und Nele Jung als Charis) sind hier wirklich taff. Hölscher stellt rein menschliche Schwächen aus und vergisst dabei das Wechselspiel der Verwirrung bei Kleist. Alkmenes gelangweiltes „Ach“, ob des männlichen Gehabes zum Schluss, macht da nur die allgemeine Enttäuschung perfekt. Der Zuschauer sieht´s ähnlich.

Eine ähnliche Konstellation lässt Jan Bosses am Maxim Gorki Theater spielen. Auf ebenfalls leer geräumter Bühne, setzt diese Inszenierung dabei aber wesentlich mehr auf die Kraft des Kleist`schen Plots und bewährte Theatermittel. Es herrscht ein allgemein ironischer Grundton vor. Gott Jupiter (Hans Löw) ist ein selbstverliebter Beau der sich im Licht der vielen Glühbirnen aus Stéphane Laimés Bühnenbild sonnt. Er fordert die bedingungslose Liebe ein und spielt beleidigt, da Alkmene (Anja Schneider) nur den Gatten an ihm liebt. Anja Schneider ist eine sinnliche Alkmene, die fühlt und genießt. Der echte Gatte Amphitryon, wieder Hans Löw in einer Doppelrolle, betritt die Szene wie ein aus dem Büro Heimkehrender sein Reihenhäuschen und verlangt Erklärungen. Nun kann Alkmene auch ausgiebig die Verwirrte geben, zieht einen Flunsch und stellt sich einfach mal begriffsstutzig.

Bosse bricht ironisch Kleists Identitätsgekrisel und lässt einfach Theater spielen. Robert Kuchenbuch und Michael Klammer geben schwarz geschminkt und mit Kraushaarperücke das andere Doppel Sosias und Merkur. Hier macht einer dem anderen die angestammte Rolle streitig. Es heißt Abgang für Kuchenbuch, er wirft die Perücke weg und will auch demonstrativ nach Hause gehen. Klammer stellt ihn aber wieder auf die Bühne, denn auch eine unvorteilhafte Rolle will gespielt sein.
Eine heimliche Hauptrolle kommt hier Hilke Altefrohne als Charis zu, die immer wieder spitz kommentiert und auch das „Ach“ der Alkmene übernimmt. Da sind Amphitryon und Alkmene aber schon längst durch den Zuschauerraum hinaus und Charis kann sich nun ihrem Gott Merkur widmen, was letztendlich alles nur als nicht ganz ernst gemeintes Verwirrspiel der Triebe entlarvt.

amphitryon_plautus.jpg Das Original, ca. 200 v. Chr.

Große Verwirrung herrscht auch im Cottbuser „Amphitryon“. Und das nicht nur bei Sosias, der seinen Auftritt trotz gut eingeprobtem Ablauf, mit einer Schlachtplanzeichnung im Mantel, verpatzt und sich im wahrsten Sinn des Wortes Merkurs schlagenden Argumenten unterwerfen muss, sondern auch beim Zuschauer selbst, denn Gott Jupiter ist hier eine Frau. Johanna-Julia Spitzer spielt hier die weibliche Gottheit als selbstverleugnende Existenz, die sich in der Männerwelt anpassen muss und schließlich sogar den Mann besser gibt, als es Amphitryon selbst je könnte. Diese doppelte Identitätsproblematik hat Regisseur Ingo Putz an diesem Besetzungscoup interessiert.
Ansonsten läuft das Geschehen gemäß Kleists Intensionen ab. Johanna Emil Fülle als Alkmene liebt und leidet viel, sie liegt dabei auf einer erhöhten, sich drehenden Bühnenscheibe, während das Geschehen um sie herum weiter geht. Dem Kleist`schen Spiel mit geraubtem Diadem und anderen Irrungen und Wirrungen wird viel Zeit eingeräumt. Den komischen Part, nicht ganz ohne Tragik, hat aber Roland Scholl als Sosias. Sein Händel mit Merkur (Berndt Stichler) hat für ihn sichtbare Folgen, seine leibliche Existenz ist bedroht und wird es noch mehr, als er als Lügner noch von seinem heimkehrenden Feldherrn Schläge angedroht bekommt. Thomas Harms ist ein leicht erregbarer Amphitryon, der sich mit einer Pistole Gehorsam verschafft, aber von Merkur an den Pforten seines Hauses klar in die Schranken gewiesen wird.

Begleitet wird das Ganze von der Gitarristin Susanne Paul, die am Rand der Bühne für einen elektrisch verstärkten Sound von Peter Licht bis zu den Ärzten sorgt. Sigrun Fischer als verschmähte Charis kann dann wenigsten ihre gute Gesangstimme unter Beweis stellen. Der Schluss wird hier mit viel Statisterie als Amphitryons Gefolgschaft ausgespielt, die Verblüffung ist groß, las Jupiter sich als Frau zu erkennen gibt. Amphitryion kann wieder triumphieren und bekommt auch noch den Heldensohn Herkules versprochen. Alkmene springt mit einem eher ärgerlichem „Ach“ von der Bühne und beim sich schließenden Eisernen Vorhang singen die Ärzte „Mach die Augen zu und küss mich / mach mir ruhig etwas vor.“
Die Cottbuser Inszenierung, mit ihren großartigen Schauspielern, ist körperlich stark, zerfällt aber klar in zwei Teile. Die antiken satyrhaften Sosiasszenen stehen den verzweifelten Anstrengungen Amphitryons den Überblick in den Gefühlsverwirrungen der Protagonisten zu erlangen gegenüber. Auch Kleist Stück ist in einen tragischen und einen komischen Teil gespalten. Der von Goethe angemerkte Zwiespalt zwischen dem modernen Amphitryon und der antiken Sosiasfigur tritt in Cottbus deutlich zutage. Goethe fand Kleists Versuch, seine Art moderner Dramatik mit der Götterwelt der klassischen Antike zu vermischen, paradox und zu symbolhaft („…die Schlange, die sich in den Schwanz beißt“). Göttliches und Menschliches vermischen sich in allen Figuren des Stücks, Gott Jupiter, der als Mensch geliebt werden will und der Mensch Amphitryon, der nach Göttlichem strebt (Sohn Herakles). Da fällt das Glück der Alkmene zwangläufig hinten runter. Und damit ist die Inszenierung von Ingo Putz der Kleist`schen Tragikkomödie wohl unbewusst ganz nahe.

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Der Einfluss von Aufklärung und Romantik in Kleists Novellen „Das Erdbeben von Chili“ und „Die Marquise von O…“

Ein weitere wichtiger Einfluss auf Kleist war zweifelsohne der kritische Aufklärer Jean-Jacques Rousseau. Kleist empfahl seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge den „Emile“ zu lesen und wollte ihr Rousseaus sämtliche Werke zum Geschenk machen. „Es hätte sich nicht leicht ein Umstand ereignen können, der imstande wäre, Dich so schnell auf eine höhere Stufe zu führen, als Deine Neigung für Rousseau.“ Kleist ist da noch sehr euphorisch und schriebt weiter:
„Ich weiß nicht, liebe Wilhelmine, ob Du diese zwei Gedanken: Wahrheit und Bildung, mit einer solchen Heiligkeit denken kannst, als ich…“ Brief an Wilhelmine von Zenge, Berlin, 22. März 1801

Kleistverlobte W. v. Zenge zenge_wilhelmine_von.jpg(1780-1852)

Bei einer Reise 1801 nach Paris findet er dann Rousseaus Bild von der sittenlosen Gesellschaft bestätigt und schreibt am 15. August an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge:

„Zuweilen, wenn ich die Bibliotheken ansehe, wo in prächtigen Sälen und in prächtigen Bänden die Werke Rousseaus, Helvetius‘, Voltaires stehen, so denke ich, was haben sie genutzt? Hat ein einziges seinen Zweck erreicht? Haben sie das Rad aufhalten können, das unaufhaltsam stürzend seinem Abgrund entgegeneilt? O hätten alle, die gute Werke geschrieben haben, die Hälfte von diesem Guten getan, es stünde besser um die Welt.“

Kleist bleibt aber dem Grunde nach der Aufklärung verbunden und sieht trotz aller Zweifel auch weiterhin keine andere Möglichkeit Wahrheit zu erlangen, außer durch Bildung.

„Rousseau hätte in der Beantwortung der Frage, ob die Wissenschaften den Menschen glücklicher gemacht haben, recht, wenn er sie mit Nein beantwortet, welche seltsamen Widersprüche würden aus dieser Wahrheit folgen! Denn es mußten viele Jahrtausende vergehen, ehe so viele Kenntnisse gesammelt werden konnten, wie nötig waren, einzusehen, daß man keine haben müßte. Nun also müßte man alle Kenntnisse vergessen, den Fehler wieder gut zu machen; und somit finge das Elend wieder von vorn an. Denn der Mensch hat ein unwidersprechliches Bedürfnis sich aufzuklären. Ohne Aufklärung ist er nicht viel mehr als ein Tier. Sein moralisches Bedürfinis treibt ihn zu den Wissenschaften an, wenn dies auch kein physisches täte.“ Brief an Wilhelmine von Zenge, Paris 15. August 1801

Schließlich geht Kleist fasziniert von Rousseaus Philosophie des Naturzustands in die Schweiz um Landwirt zu werden und im Einklang mit der Natur zu leben. Das scheitert genauso wie seine Beziehung zu Wilhelmine von Zenge, aber für sein dichterisches Schaffen bleibt Rousseau eine wichtige Quelle. Im Drama „Die Familie Schroffenstein“ ist es die Zivilisationskritik, das Streben nach Materiellem und ein falscher Gesellschaftsvertrag vor dem das Liebespaar Agnes und Ottokar in das Idyll der Bergwelt fliehen, in der Novelle „Das Erdbeben von Chili“ ist es der Einbruch der Naturgewalt, die ein unerwartetes Idyll schafft, dass durch die Unaufgeklärtheit der Menschen wieder zerstört wird oder in „Die Marquise von O…“ Rousseaus Frauenbild als leidendendes und erduldendes Prinzip der Natur, das auch schon im „Amphitryon“ erkennbar ist. Die Marquise von O… versucht nach der, in ihrer Ohnmacht vollzogenen Vergewaltigung, ihren angestammten Platz in der Gesellschaft wieder zu erlangen. Dies gelingt nur, indem sie sich ungewöhnlicher Mittel bedient, um die durch den Krieg zerrütteten Familienbande wieder zu knüpfen. Diesen Versuch, nicht frei von Parodie, fasste Kleist in einem Epigramm wie folgt zusammen:

Dieser Roman ist nicht für dich, meine Tochter.
In Ohnmacht! Schamlose Posse!
Sie hielt, weiß ich, die Augen bloß zu.

Kohlhaasbrück als Lichtinstallation im Gorki-Studio

Foto: St. B. kleistfestival-2011-3.JPG

Nun standen beim Kleistfestival im Maxim Gorki Theater nicht nur die Dramen Kleists im Vordergrund, sondern es fanden auch zwei Versuche, Kleists Novellen in eine theatrale Form zu gießen, statt. Im zur Rauminstallation umgebautem Gorki-Studio führte Armin Petras „Das Erdbeben von Chili“ auf, eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Dresden, und die Performancegruppe „She She Pop“ versuchte „Die Marquise von O…“ mittels Hypnose tiefenpsychologisch zu befragen.

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Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
Prothoe aus „Penthesilea”

Aus so einem Gewölbe, das Kleist am 16. 11.1800 in einem Brief an Wilhelmine von Zenge beschrieb, zog der Dichter „…einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt.“ Auch im Erbeben von Chili rettet ein Gewölbe dem zum Tode Verurteilten Hauslehrer Jeronimo Rugera das Leben, als dieser, jegliche Hoffnung fahren lassend, sich bereits an einem Pfeiler des Gefängnisses, in das man ihn eingesperrt hatte, erhänken wollte. Ein Erdbeben lässt die Gebäude der Stadt St. Jago einstürzen, er aber findet Schutz „durch eine zufällige Wölbung“ der sich neigenden Gebäude und kann entkommen. Das Liebespaar Josephe und Jeronimo war zum Tode verurteilt worden, weil sie sich trotz Verbots im Garten des Klosters, in das Josephe von ihren Eltern gesteckt wurde, getroffen und hatten und ein Kind aus dieser Liebe hervorgegangen war.

Der nun so befreite Jeronimo eilt ins Kloster zu seiner ebenfalls auf den Tod gefassten Josephe und flieht mit ihr in die Natur, einem blühenden Idyll sich liebender und helfender Menschen. Dort treffen Sie auf ein anderes Paar mit Kind, dem sie ihre Hilfe anbieten. Bei einem Dankgostesdienst in der Kirche der Dominikaner, kommt es nach einer Hasspredigt zu einem Pogrom, in dem nicht nur beide Liebenden getötet werden, sondern auch noch fälschlicherweise das Kind des anderen Paares. Don Fernando und Donna Elvire nehmen nun ihrerseits das Kind Josephes und Jeronimo als das ihre an. Kleist stellt hier der allgemeinen Diskussion über die Gottesrechtfertigung angesichts von Katastrophe und Tod, die Ethik der Aufklärung gegenüber. Das mutet zynisch an, aber Kleist kennt keine andere Alternative, trotz aller Verzweiflung.

Armin Petras nimmt die Novelle nun ganz körperlich. Seine fünf Schauspieler aus Berlin und Dresden treten in lockerem Freizeitlook mit bandagierten Gliedern an und lassen uns an ihrem Experiment, Kleists Worte spürbar zu machen, teilhaben. Der Raum ist mit Styroporplatten ausgekleidet und auf dem Boden werden weitere Platten zu Gebilden zusammengesetzt. Die Darsteller beginnen mit Lockerungsübungen wie im Schauspielunterricht. Das Erdbeben wird dann regelrecht choreografisch performt und die Wölbung wird von Anne Müller und Matti Krause mittels des Styropors bildlich vorgeführt. Man rennt im Kreis, zercrasht das Styropor dabei oder liegt unter den Platten. Die Idylle ist nur Videoprojektion, Petras ironisiert hier noch mehr als Kleist selbst. Die Protagonisten kämpfen mehr miteinander, als das ein Zusammenspiel sichtbar wird. Man nimmt sich bei den Händen, kriecht einander in die Kleidung oder stößt sich wieder ab. Ruhepunkte gibt es wenige, in einer Prozession mit spitzen Büßerhüten wandert man durch den Raum, es wird Musik eingespielt und Christian Friedel setzt sich hin und wieder ans Klavier. Annika Schilling und Wolfgang Michalek stellen nackt Kleist und Henriette Vogel dar. Sie wird von ihm aus dem Raum getragen. Der Text Kleists kommt nur bruchstückhaft zum Vortrag, einige Passagen wiederholen sich öfter. Die Gewaltexzesse zum Schluss werden rein erzählt, wobei die Kinder von Styroporpuppen dargestellt werden. Zum Schluss regnet es zu „Purple Rain“ Flitter von der Decke. Alles in allem ein recht schweißtreibender Versuch Kleists Schmerz an der Welt körperlich nah zu kommen.

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„Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe – ohne die sie nicht bestehen kann. Denn ohne Achtung hat die Liebe keinen Wert, und ohne Vertrauen keine Freude“
Heinrich von Kleist, Brief an seine Braut Wilhelmine von Zenge, Frankfurt (Oder), Anfang 1800

kleist-die-o.jpg Edith Clever als O… (1976)

Sehr viel lockerer gehen die beiden Performer von „She She Pop“, Lisa Lucassen und Sebastian Bark, mit Kleists Novelle „Die Marquise von O…“ um. Sie nutzen den Rahmen des Kleist`schen Plots, der in Ohnmacht gefallenen Marquise um sich einer unvoreingenommenen gegenseitigen Selbstbefragung zu unterziehen. Da sich der Mensch nicht so gern von sich aus öffnet und dabei sein Innerstes nach außen kehrt, muss mittels Psychotricks nachgeholfen werden. Dabei wird der Gegenüber mit den Worten „Schlaf!“ in Trance versetzt, nicht ohne vorher zu betonen, dass nichts geschehen würde, was der andere nicht will. Um das Unterbewusstsein entsprechend zu stimulieren, werden nun einige Szenen aus der Novelle nachgespielt. Sebastian Bark muss in Ohnmacht fallen, sein Schicksal mittels einer Hirschattrappe schultern oder dann wieder als Graf F. Lisa Lucassen auf Knien einen Heiratsantrag machen. Der wiederum revanchiert sich mit einem untergeschobenen Kissen, das dann auch mal wieder bei ihm landet oder mit Fragen zu den innersten Wünschen seiner Spielpartnerin, sich spätestens am Gedanken der Vergewaltigung zu sträuben beginnen. Durch die Worte „1, 2, 3, wach auf!“ wird der in Trance gesetzte wieder erweckt um darauf noch tiefer in die Hypnose geschikt zu werden.

So switcht man munter in den Rollen hin und her und versucht das Unterbewusste des anderen entsprechend tiefenpsychologisch auszuloten. Das Ganze ist sehr ironisch angelegt, man gibt sich auch gar nicht erst die Mühe, das Ganze als wirklich ernsthaft darzustellen. Um sich über seine Gefühle zum jeweiligen Partner klar zu werden, erweist sich das Unterfangen schnell als untauglich, setzt sich der jeweils Hypnotisierte doch auch einer gezielten Manipulation aus. Darin liegt auch der eigentliche Kern des Unterfangens, das versucht gegenseitiges Vertrauen zu einander suggestiv zu hinterfragen. Nur wird das hier an keiner Stelle wirklich deutlich. Selten sind Momente in denen sich die beiden Darsteller direkt zur Situation ihrer tatsächlichen Beziehung zueinander austauscht, die neben der freundschaftlichen eigentlich nur eine intensive Arbeitsbeziehung ist. Das Happy End fällt aus, da es zu keiner Hochzeit der beiden kommen kann. Man schickt sich zum Finale einfach gegenseitig wider in Trance. „Schlaf!“ und aus.

So wie sich die Marquise selbst etwas vormacht, wenn sie ihren Vergewaltiger zum Engel verklärt, machen sich auch She She Pop mit dieser Hypnoseshow etwas vor. Aus Eigensuggestion wird ein gemeinschaftlicher Selbstbetrug und leider auch ein am Zuschauer verübter Akt der fortschreitenden Langeweile. Der Widerspruch kann natürlich nicht wirklich aufgelöst werden, darin liegt ja der Reiz der Sache, die immer wieder Künstler zur Annäherung an die Kleist`sche Gedankenwelt treibt. Das Festival im Maxim Gorki Theater hat das aufs Schönste bewiesen und das man da auch mal scheitern kann, liegt ja auch im Wesen Kleists begründet. Und das wird mit Sicherheit nicht letzte Begegnung mit dem ungestümen „Feuergeist“ an Berliner Theatern gewesen sein.

kleistgrab-2.JPG  Foto: St. B.
Neu gestaltetes Kleistgrab mit gedrehtem Stein und alter Inschrift.

„Ach ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen…“
Heinrich von Kleist an Adolfine von Werdeck, 28./29. Juli 1801

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Literaturangaben:

  • Heinrich von Kleists Lebensspuren – Dokumente und Berichte der Zeitgenossen, herausgeg. von Helmut Sembdner, Carl Schünemann Verlag Bremen 1957, Slg. Dieterich, Bd. 17
  • Jens Bisky „Kleist – Eine Biografie“, Rowohlt Verlag, Berlin 2007
  • kleistbiografie.gif
  • Heinrich von Kleist – Novellen. Ullstein Verlag, Wien 1947
  • Kleistwerke und -texte auf Kleist.org mit dem Onlinearchiv von Helmut Sembdner

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