Kleist und kein Ende – In Berlin gibt es nun ein doppeltes „Käthchen von Heilbronn“

Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel

„Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.“

Heinrich von Kleist aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

„Tanzen ist Träumen mit den Füßen“ marionette_clara-diercks_pixeliode.jpg
Foto: Clara Diercks / pixelio.de

Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur!“ in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, „… wenn es auch ganz Weimar verlangt.“ 

Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, „ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.“ Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts „Zauberflöte“ oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.

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Der Engel leitet Käthchen aus dem brennenden Schloss
aus dem Zyklus zum Käthchen von Heilbronn, 1836 -1837

Bereits im Letzen Jahr hatte das Käthchen von Simone Blattner am BE mit der beschriebenen Schwerkraft zu kämpfen, nun haben es kurz hintereinander Jan Bosse am Maxim Gorki und Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater versucht den Boden nur zu streifen, „… und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben.“ Jan Bosse schert sich dabei nicht die Bohne um verkopfte Gravitationsprobleme, sondern lässt Klamotte spielen. Er hat sich dazu die Kulttruppe „Das Helmi“ mit ihren wunderbaren Schaumstofffiguren geholt, die sich in ihrem Kleistmusical „Die Verlobung in Santo Domingo“ am Ballhaus Ost bereits mit dem Dichter beschäftigten. Sie haben sich für Bosses Inszenierung, wie auch schon für den Faust von Nicolas Stemann, einiges einfallen lassen. Da gibt es eine ganze Köhlerhütte aus Schaumstoff samt Insassen, Ritter vom Strahl (Joachim Meyerhoff) bekommt von seinem Knecht Gottschalk (Matti Krause) ein Schaumstoffpferd übergestülpt und selbst der Fluss, über den das Käthchen ihrem Ritter nacheilen muss, ist ein Tier mit Fischkopf und langem dünnen Cellofanschwanz, unter dem sie schließlich verschwindet.

Anne Müller ist ein somnambules Käthchen, völlig in ihrem Traum gefangen, der in Wahrheit ein einziger Albtraum ist. Vom Grafen im Femegericht gepeinigt und schließlich mit der Peitsche ausgetrieben, bleibt sie doch bis zum erlösenden Ende an seiner Seite, das sie mit einem großen Knall der mit soviel Gewissheit erwarteten Hochzeitsszene enthebt. Meyerhoff als Graf Wetter vom Strahl gibt einen langhaarigen in Rüstung strotzenden Macho. In der Hollerbuschszene pult er an einem Karton, in dem das schlafende Käthchen sitzt, bis er es nicht mehr aushält und lüstern das wehrlose Geschenk auspackt. Er verfällt ohne viel Umschweife der verführerischen Kunigunde (Sabine Waibel) und entdeckt sein Interesse für das Käthchen erst wieder nach dem Geständnis des Kaisers, einer Schaumstoffgroßskulptur des Helmi, bestehend aus Augen, Nase und Mund. Ruth Reinicke, Albrecht A. Schucht und die Spieler des Helmi komplettieren das Ensemble in den übrigen Rollen. In der zentralen Szene der Feuerprobe, zündelt Schuch als Rheingraf vom Stein mit einem feuerspeienden Blasebalg hinter dem kleinen Bühnenportal, das die Strahlburg darstellt und ein bezaubernder Schaumstoff-Cherub führt das glitzernde Käthchen aus einem Aschehaufen mit dem Bildnis des Grafen hinaus. Bosse greift in seiner Ritterklamotte zu allen dem Theater zur Verfügung stehenden Mitteln und lässt so die gut 3 ½ Stunden dauernde Aufführung nie lang werden.

Das Käthchen von Heilbronn

heilbronn-kaethchen.jpgBronzefigur von Dieter Läpple, 1965

Was wäre das für ein Theaterfest geworden, wenn Andreas Kriegenburg mit seinem Käthchen da noch einen hätte drauf setzen können. Und nach einer kurzen Ladehemmung sprudeln die Ideen auch erst einmal nur so. Nur kaum aus des Dichters Kopf entsprungen, sind sie sofort eingesperrt in eine enge Schreibstube. Auf der von Kriegenburg gestalteten Bühne sitzt sechsfach an Tischen Heinrich von Kleist, brütet, trinkt Wein und schreibt seiner Schwester nach Geld. Kriegenburg inszeniert den Dichter gleich mit und aus dessen Worten entstehen Bilder, die die sechs Schauspieler umzusetzen versuchen. Das gelingt auch in einigen wenigen Szenen, aber durch die fehlende Rollenzuteilung will die Handlung einfach nicht so recht in Gang kommen. Die Bretterwände der Stube hängen voll mit Manuskriptseiten, von des Dichters Hand beschrieben, an den Tischen sitzen die gestandenen DT-Schauspieler Elias Arens, Barbara Heynen, Judith Hofmann, Alexander Khuon, Markwart Müller-Elmau und Jörg Pose und entwerfen das Stück über ein Mädchen, das, wie Kleist selbst, gegen jede Konvention verstößt und aneckt.

Verzweifelt versuchen die Darsteller das zu greifen, allein es bleibt Entwurf, wie das Leben Kleists selbst, das doch in seinen Stücken erst Wirklichkeit werden sollte. Ein großes Ritterschauspiel wollte er schaffen, mit großen Worten, die kein Verseschmied je wieder schaffen könnte. Kriegenburg verkleinert das ungeheure Vorhaben auf eine enge Welt in vier Wänden. Fluchtmöglichkeiten suggerieren nur Leitern und Seilzüge, die an der Decke enden, kein Ausweg in die Wirklichkeit. Das Franz Kafka sich von Kleist inspiriert fühlte, wird hier überdeutlich. Nicht von ungefähr erinnert das alles auch an Kriegenburgs Prozess-Inszenierung. Den Dichter in die Betrachtung einzubeziehen ist per se nicht verkehrt, nur Kriegenburg verrennt sich geradezu in diesen Gedanken und macht damit seine Intensionen zu denen von Kleist, über die sich einig zu werden es eines eigenen Stückes bedürfte. Die Einbeziehung von Passagen aus Kleists Briefen ermüdet letztendlich und erschwert das Verständnis des Stücks nur unnötig.

Kriegenburgs Inszenierung funktioniert einzig über die Bilder. Da erschafft er auf zwei nackten Körpern eine Miniatur-Ritterwelt mit Bäumen und Rittern und die Hollerbuschszene ist geradezu verdreifacht, indem sie außer durch zwei Paare, auch noch durch Puppen auf einer Miniaturbühne dargestellt wird. Das verstärkt die Künstlichkeit des Ganzen nur noch mehr, auch wen kurzzeitig in einer lustigen Kampfparodie die Schauspieler mit mannshohen Puppen in Rüstungen aufeinaderprallen. In der Brandszene werden dann die Blätter an der Wand gelb-rot angeleuchtet und durch wedeln bewegt. Ein durchaus eindrucksvoller Effekt, der aber über die sonst herrschende Langeweile nicht hinwegtäuschen kann. Während sich Bosse einfach traut, traut Kriegenburg Kleist nicht über den Weg. Fiebrig, derilierend ist ihm dessen Schreibstil, wie sein ganzen Leben. Es endete bekanntlich im Selbstmord. Kriegenburg lässt dafür den fremdgesteuerten Kaiser tot umfallen. Auf seinem Körper zeichnen die Schauspieler Texte aus Kleists Briefen. Die imaginäre Tinte aus Kleists Feder gerinnt dabei vollends zum Kitsch. Schöner ist noch keiner gescheitert. Nachdem Kriegenburg schon der preußische Offizier Homburg im Wasser baden ging, taucht das Käthchen von Heilbronn erst gar nicht auf. Vergebene Liebesmüh oder einfach nur Künstlerpech? Kleist war vielleicht im Leben nicht zu helfen aber auch ein erneutes Sägen an seinem Schädel fördert mit Sicherheit nur unnötige Kopfgeburten zutage.

William Turner william-turner-der-engel-vor-der-sonne.jpg
Der Engel vor der Sonne, 1846

„Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“
Heinrich von Kleist, aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

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