Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.

In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den „Kirschgarten“ mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

tschechow.jpg
Tschechow am BE. Foto: St. B.

Bei Thomas Langhoff am Berliner Ensemble kam man im Oktober der Sache auch nicht viel näher. Mit einem leichten Anflug von Ironie und kleiner Starbesetzung: Cornelia Froboes als Gutbesitzerin Ranjewskaja, Martin Seifert als ihr Bruder Gajew, Robert Gallinowski als Lopachin, Carmen-Maja Antoni als Gouvernante Charlotta Iwanowna und Jürgen Holtz als alter Diener Firs, versucht Langhoff an alte Tschechowabende des Deutschen Theaters anzuschließen. Auf der ziemlichen leeren Bühne stehen nur ein paar Stühle, Bänke und ein großer alter Schrank, an den Leonid Gajew seine Ode halten wird. Martin Seifert kriecht dabei förmlich in ihn hinein. Er ist hier ein eher betuliches Onkelchen, dem man schon abnimmt sein ganzes Geld in Bonbons aufgelutscht zu haben. Cornelia Froboes ist als Ranjewskaja auch eher etwas in die Jahre gekommen. Liebessehnsucht und -leid scheinen weit hinter ihr zu liegen, von Verruchtheit kaum eine Spur. Ihre Töchter, die arbeitsame und scheue Warja und die junge verträumte Anja, werden relativ unspektakulär von Laura Mitzkus und Anna Graenzer dargestellt. Der Rest ist mauliges Volk, Stimmungskanonen sehen anders aus.

Einzig Dejan Bucin als Diener Jascha bringt noch etwas Schwung in die Bude und verdreht erst mal dem Zimmermädchen Dunjascha (Hanna Jürgens) den Kopf. Thomas Wittmann als Pechvogel Jepichodov hat die üblichen Stolperer und Schuhknarrer zu bestreiten, Axel Werner als Dauerschnorrer Pischtschik ist fast nicht zu sehen und Christian Hockenbrink als Student Pjotr Trofimow ist so trocken, dass man nie auf die Idee kommen würde, dass die umherhüpfende Anja ihn anhimmeln könnte. Aber auch ihr zieht es schließlich immer mehr, wie all den anderen, die Augen zu. Wenn nicht eine Band im Hintergrund hin und wieder zum Tänzchen aufspielen würde, müsste man regelrecht Aufputschmittel verteilen, um die träge Masse in Bewegung zu bringen. Thomas Langhoff versucht sich in den Klamauk zu retten, aber mehr als müde Witzchen mit Carmen-Maja Antoni kommen nicht heraus.

Ach, nicht zu vergessen, der Kirschgarten soll ja versteigert werden. Das interessiert hier aber nur den ständig polternden Kaufmann Lopachin. Einst Bauernsohn auf dem Gut der Ranjewskaja, ist er nun zu Geld gekommen und da alles Gerede vom Parzellieren nichts hilft, kauft er schließlich das Gut selbst. Der stiernackige Robert Gallinowsky, der schon schön prollig den Stan in Langhoffs Inszenierung von Endstation Sehnsucht gegeben hat, steht allein auf verlorenem Posten, ihm hört einfach keiner zu. Selbst seinen Triumph muss er allein auskosten. Trotz der relativ frischen Übersetzung von Thomas Brasch verliert die verträumte Partygesellschaft schnell an Fahrt, ergeht sich in üblicher Melancholie und das Ende mit Koffern und den üblichen Abschiedsfloskeln zieht sich zäh dahin. Die starken Worte Braschs sperrt die Dramaturgie in das Programmheft ein. Auf der Bühne ist nicht mehr viel davon zu sehen. Diese lahme Inszenierung kann da auch der schon selbst lebensweise Jürgen Holtz mit seiner bemerkenswerten Darstellung des alten Firs nicht mehr retten.

„Aber diese Leute haben gar keine romantischen Vorstellungen mehr, sondern wissen es und jeder weiß auch, dass der andere es weiß, daß da gar nichts mehr zu machen ist. Es wird viel mehr Gerüst gebaut, viel mehr Modell in diesen Stücken fabriziert (…) Es wird ein Anlaß geschaffen, um den man sich streiten, an dem man sich die Illusion von Leiden oder Hoffnungen verschaffen kann, immer im vollen Bewußtsein, daß Leiden oder Hoffnungen gar nicht mehr zu haben sind.“ Thomas Brasch (Abdruck im Programmheft des BE)
Thomas Brasch sah als Übersetzer von Tschechows Stücken dessen Grundgestus verfehlt, wenn dieses „maskenhafte Spiel“ zu ernst genommen würde. „…als ob diese Leute tatsächlich noch leiden oder hoffen würden, statt einander das vorzuspielen, vorzuexerzieren, vorzujammern, vorzuprovozieren…“
Daraus etwas zu machen, hätte man dem Regie-Urgestein der Berliner Theaterlandschaft Thomas Langhoff schon zutrauen können, aber seine versteckten wehmütigen Anspielungen auf eine vergangene Zeit kommen im Publikum nur mit reichlich Verspätung an. Bei Langhoffs resignativ leidender Sicht auf die Gegenwart, will man auch lieber nichts mehr über die Zukunft wissen.

sophiensaele_de-okin_wikimediaorg.jpg
Der Eingang zu den frisch renovíerten Sophiensaelen.
Foto: De-okin unter CC-Lizenz (wikimedia.org)

Anders geht es da schon bei Thorsten Lensing und Jan Hein zu, die bereits 2008 an den Sophiensaelen einen furiosen „Onkel Wanja“ hingelegt haben. Bei ihrer Version von Tschechows Alterswerk bleibt nun buchstäblich kein Stein auf dem anderen. Sie bauen das modellhafte Gerüst Braschs als ganze Hochlochziegelwand in die Sophiensaele, d.h. die Schauspieler tun es anfangs der Aufführung in geschäftigem Teamwork. Danach gehen sie dann ohne viel Umschweife verbal aufeinander los. Emotionen werden vorzugsweise hinausgeschrien. Der lebensuntüchtige Familienclan der Ranjewskaja und dessen unmittelbare Umgebung sind hier kräftig auf Krawall gebürstet. Leise Töne und sparsame Gesten sind die Sache von Lensing/Hein also nicht gerade. Die Masken, die am Beginn noch da sind, vielleicht sogar in der Mauer symbolisiert, werden schnell fallen gelassen. So entblößt, streitet es sich natürlich besser und die Mauer kippt dann auch zu Beginn des 2. Akts. Sparsam musikalisch begleitet wird das ganze von Willi Kellers als Einmannkapelle, der mit ironischem Vergnügen auch Lokomotiven, Vögel und natürlich das Bäumefällen imitiert.

Diese Art der Inszenierung ist Konzept und funktioniert größtenteils durch die erstaunlich körperliche und sprachliche Präsenz der durchweg hervorragend agierenden Darsteller. Allen voran Ursina Lardi als Ranjewskaja und Devid Striesow als Lopachin. Aggressive Erotik trifft auf kühl kalkulierenden Verstand und dennoch spielen sie sich gekonnt etwas vor. Lardi im kleinen Roten und Striesow in glänzend rosa Hemd wissen genau was sie vom jeweils anderen zu halten haben. Es gibt Momente in denen die Ranjewskaja in ihrem Liebesleid berühren kann, aber ebenso geschickt weiß sie auch ihre Adoptivtochter Warja (Anna Grisebach) anzupreisen, die aber voll in ihrer Arbeit aufgeht und sich kaum Illusionen über ihre Liebe zu Lopachin macht. Die jüngere Tochter Anja spielt Aenne Schwarz selbstbewusst und gar nicht mehr so träumerisch. Dem Onkel Leonid Gajew verleiht Kraftpaket Peter Kurth eine regelrecht gehässige Note. Er ist kein gemütlich schwatzhaftes Onkelchen, sondern ein knallharter Zyniker, der liberal schwätzt und das Gesinde nicht nur verbal verachtet. Selbst die großen Töne des Dauerstudenten Trofimow (Lars Rudolph) kommen hier auch eher zynisch verquält rüber. Die Ranjewskaja heizt ihm mächtig ein und stellt ihn als lebens- und liebesuntüchtigen Theoretiker bloß.

Die beleidigte Attitüde ist den Figuren bei Tschechow schon eingegeben, hier tritt sie, neben dem ständigen Drang sich mitteilen zu müssen, geradezu als Hauptmerkmal zutage. Die Melancholie ist einer Gewissheit gewichen, ohne Wortbeitrag im nächsten Augenblick unbedeutende Geschichte zu sein. Das ständige Gerede von Arbeit wird im Auf- und Abbauen der Mauer wunderbar karikiert. Die Angst vor der drohenden Zukunft geht um, von der man zwar immer wieder spricht, aber zu tief in den alten Lebensmustern verhaftet bleibt. Bestes Beispiel ist der runtergekommene Gutsbesitzer Pitschtschik (Rik van Uffelen), ein dummschwatzender Lebensphilosoph, der als Tütenpenner ständig die Hand aufhält. Selbst die sonst eher als aufgekratzte Ulknudel dargestellte Gouvernante Charlotta Iwanowna, trägt hier deutlich depressive Züge und wird vom stets zugeknöpften Horst Mendroch gespielt. Ihre Zauberkunststückchen sind nur noch ein müder Versuch, wie bei allen anderen auch, Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Einer anderen Art von Aufmerksamkeit kann sich Joachim Król als Pechvogel Epichodow sicher sein, obwohl man ihn lieber von hinten sieht, verlacht man ihn doch gern. Eine etwas undankbare Rolle, die Król aber stoisch stolpernd, Gitarre spielend und schließlich mit gezogenem Revolver ausfüllt. Seine angebetete Dunjascha (Maria Hofstätter) ist hier die einzige, die noch naiv mit aufgerissenen Augen und offenem Dekollete von der großen Liebe träumen darf, aber unsanft aus ihrer Schwärmerei zum nach oben katzbuckelnden und nach unten tretenden Diener Jascha (Philipp Richardt) erwacht. Komplettiert wird das Ensemble vom Schweizer Theaterurgestein Valentin Jeker, der seinem hemdsärmligen Diener Firs eine gutmütige Bodenständigkeit verleiht und so einen Kontrapunkt zur lärmenden Meute um ihn bildet. Die ist vorrangig mit sich selbst beschäftigt und jammert ums Geld, dass nicht da ist, aber trotzdem ausgegeben wird. Geld ist der Kitt, der diese Gesellschaft noch irgendwie zusammenhält und trotzdem auch immer mehr spaltet. Die Sehnsucht nach fehlender Liebe wird durch reine Körperlichkeit ersetzt.

Die dargestellten Gefühlszustände in ihrer ganzen Radikalität sind unglaublich heutig. Figuren, denen es aus den unterschiedlichsten Gründen zum aus der Haut fahren ist, tun das eben hier auch ausgiebig. Man wirft sich Sachen an den Kopf, es fliegen Tüten und gammeliger Fisch durch die Gegend. Tschechow wird dabei aber in keiner Weise beschädigt. Im Gegenteil, das weinerliche und lethargische Einerlei bisheriger Figurenzeichnungen, die sich nur noch durch den Einsatz von etwas mehr oder weniger Ironie oder melancholischem Clownsgehabe unterschieden, werden endlich durch echte Menschen aus Fleisch und Blut ersetzt. Striesow hüpft schließlich nach dem Kauf des Kirschgartens, als wenn er den Jackpot geknackt hätte, auf den ausgelegten Schalbrettern herum und spielt so aus einer anfänglichen Unsicherheit heraus, die siegessichere Pose der Selbstgewissheit, es endlich geschafft zu haben. Die warnenden Worte Trofimows, nicht so viel zu spekulieren, perlen an Lopachin ab wie sein billiger Champus zum Abschied. Am Schluss ist alle Luft raus, man dampft ab ins „neue Leben“ und die Stille holt sich die Bühne zurück mit dem sterbenden Firs. Jeder wird sich hier anders angesprochen fühlen, wenn erst einmal alle Worte verklungen sind, hallen sie doch noch lange in uns nach.

___

One Response to “Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen”

  1. Prospero sagt:

    Lieber Stefan, es ist doch immer wieder interessant, wie man einen Abend doch komplett unterschiedlich erleben kann. Wo Sie Gefühlszustände sehen, entdecke ich nur emotional gehandicapte Hysteriker, wo sich bei Ihnen Figuren herausschälen, stehe ich vor einem darstellerischen Einheitsbrei, der mit dem Immergleichen jeglichen Ausdruck zukleistert. Wenigstens lässt der Abend nicht kalt und das darf – muss – man Lensing und Hein wohl zugute halten.