Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

„ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

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Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

Statt ins Café Hawelka zog es Thomas Bernhard dagegen eher um die Ecke in den „Bräunerhof“, obwohl er eigentlich das typische Wiener Kaffeehaus immer gehasst hat. Die typischen Wiener Kaffeehausbesucher sind nach dem Schriftsteller und Wiener Feuilletonisten Alfred Polgar „Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Etwas, das mit wenigen Abstrichen sicher auch auf den Dramatiker Thomas Bernhard zutreffen dürfte. Wer es tagsüber etwas betulicher mag und einem deftigen Menu zum kleinen Geldbeutel nicht abgeneigt ist, geht besser ins „Kaffee Alt Wien“ in die Bäckergasse, schräg gegenüber des Hinterausgangs der Buchhandlung Morawa in der Wollzeile. Diese Melange aus Kaffeehaus und Beisl hatte 1936 ebenfalls Leopold Hawelka gegründet. Wie auch im Hawelka ist der Gastraum dicht mit Bildern und Ausstellungsplakaten verziert und bezieht seinen Charme aus der Tatsache, dass man, außer hin und wieder die Plakate auszutauschen, nichts verändert. Am Montag ist im „Alt Wien“ traditionell Schnitzeltag und ein paar verkrachte Wiener Kaffeehausexistenzen lassen sich dort am Abend ebenfalls noch beobachten. Ist es dann besonders voll, wird man sogar am alten Billardtisch im hinteren Teil des Lokals platziert. Die größten Wiener Schnitzel bekommt man allerdings immer noch im „Schloß Concordia“ an der Simmeringer Hauptstraße gegenüber dem Wiener Zentralfriedhof. Leopold Hawelka muss der passionierte Wiener Grabstättenpilgerer allerdings auf dem Heiligenstädter Friedhof besuchen, wo er u.a. neben Ödon von Horvath an der Seite seiner Frau Josefine weiter von ihren köstlichen Buchteln und seiner Wiener Melange träumen kann.

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Postkarte des Kaffees Alt Wien

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„Die ihr folgte, hieß Therese und war die vielumworbene Kassierin meines Stammcafés, in dem ich vormittags Billard, nachmittags Karten, abends Billard und Karten, nachts Karten und Billard zu spielen pflegte.“ Arthur Schnitzler aus „Jugend in Wien“,  Autobiografie (1915-18, herausgegeben 1968)

Zu den anderen runden Jubiläen, die heuer im schönen Wien zu begehen sind. Und da gibt es vor allem den 150. Geburtstag zweier großer Wiener Künstler zu feiern. Für die bildenden Künste ist es natürlich die Jugendstil-Ikone von Wien Gustav Klimt und für die Literatur und darstellenden Künste der Schriftsteller, Dramatiker und ebenfalls leidenschaftlicher Kaffeehausgänger Arthur Schnitzler. 1862 in Wien geboren, hat jeder auf seinem Gebiet die Wiener Moderne um die Jahrhundertwende mitgeprägt, wie kaum ein anderer Künstler in der Zeit vor dem Zerfall der Habsburgermonarchie. Dabei haben die Wiener Theater den Fokus auf Schnitzler schon im letzten Jahr gestellt. Sein vielleicht bekanntestes Stück „Das weite Land“ steht an der Burg, ebenso wie in der Josefstadt und dem Volkstheater auf dem Spielplan. Bei Klimt werden sich die großen Museen im Laufe des Jahres ebenfalls um den besten Auftritt streiten.

Den Anfang machte bereits Ende Oktober das Schloss Belvedere. Der Hausheilige Klimt, der sonst in den Prunkräumen des Oberen Belvedere residiert, ist mit einigen seiner Werke in das Untere Belvedere umgezogen, was die zahllosen Wiener Kurztouristen nun vor arge Probleme stellt, da sie sich meist aus Zeitgründen für eines der beiden Häuser entscheiden müssen. In den Sonderaustellungsräumen des Unteren Belvedere hat man sich zur Einstimmung für ein kleine aber feine Doppelvariante entschieden und dem Wiener Jugendstilfürsten den Architekten und Mitbegründer der Wiener Werkstätte Josef Hoffmann an die Seite gestellt. Augangspunkt ist die von Hoffmann ausgestaltete Beethoven-Ausstellung 1902 in der Wiener Secession, für die er den berühmten Beethoven-Wandfries von Klimt in die Ausstellungsräume integrierte. Daneben werden weitere Gemeinschaftsarbeiten wie das Brüsseler Palais Stoclet, die Gestaltung weiterer Ausstellungsräumlichkeiten für die Wiener Jugendstilkünstler oder Inneneinrichtungen für Ateliers und Wohnräume bekannter Wiener Persönlichkeiten, wie der Modedesignerin und Klimt-Lebensgefährtin Emilie Flöge oder der Familien Riedler und Henneberg, vorgestellt. Die Bildnisse der Damen sind in die Hofmann`schen Interieurs eingebettet. Das Portrait der Maria Hennberg ist als Leihgabe aus der Moritzburg Halle ebenso anwesend, wie das der Fritza Riedler aus eigenem Bestand.

Zur Darstellung der räumlichen Gesamtkunstwerke Beethovenausstellung und Palais Stoclet sind neben den Modellen der Gebäude auch die Kopie des in der Secession befindlichen Beethovenfrieses und das Marmor-Stiegenhaus der Villa des belgischen Eisenbahnfabrikanten Stoclet originalgetreu nachgebaut worden. Der berühmte Stoclet-Fries von Klimt ist allerdings nur in Entwürfen zu sehen. Da die Villa auch sonst nicht besichtigt werden kann, sind Modelle, Zeichnungen und Fotos der Inneneinrichtung besonders interessant für Kunst- und Architekturliebhaber. Flankiert werden die Werke Klimts und Hoffmanns von anderen bekannten Künstlern wie den befreundeten belgischen Symbolisten Fernand Khnopff und George Minne. Wer allerdings Gustav Klimt allein in voller Pracht genießen will, muss Mitte Juni 2012 ins Obere Belvedere pilgern. Dann werden dort alle seine Meisterwerke aus den Beständen der Österreichischen Galerie im Fokus stehen.

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Im Oberen Belevedere wird das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker aufgezeichnet.

  • Gustav Klimt zum 150. Geburtstag – Meisterwerke im Fokus; vom 15.06.2012 bis 06.01.2013, Oberes Belvedere

Weitere Klimt-Ausstellungen in Wien:

  • Klimt persönlich. Bilder – Briefe – Einblicke; vom 24.02.2012 bis 27.08.2012, Leopold-Museum
  • Gustav Klimt. Die Zeichnungen; vom 14.03.2012 bis 10.06.2012, Albertina

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„Mit Grauen gehe ich durch eine Kochkunstausstellung, wenn ich daran denke, ich sollte diese ausgestopften Tierleichen essen. Ich esse Roastbeef.“ Adolf Loos aus „Ornament und Verbrechen“ (1908)

Adolf Loos, der Gegenspieler Josef Hoffmanns in der Wiener Architekturszene, hatte nicht nur dem Ornament den Kampf angesagt, sondern auch den von den Österreichern so geliebten Mehlspeisen, der Essunkultur im allgemeinen und der „Pompfuneber‘-Gastronomie“, wie in obigem Zitat, im besonderen. „Mehlspeisg’frieߓ nannte er die Wiener wegen ihrer Liebe zu Strudeln und Marillenknödeln. Der sonst mit einem wachen Geist und streitbaren Charakter gesegnete Loos wurde allerdings in späteren Lebensjahren etwas wunderlich und schwor wegen seiner Magengeschwüre auf eine Diät aus Obers (Sahne) und Schinken, den er in der Hosentasche mit sich führte, oder bewahrte schon mal einen Hummer in Tomatensoße unter seiner Bettdecke auf. Genutzt hat es allerdings nicht sehr viel. Trotzdem er Design und Architektur in der Wiener Moderne revolutioniert und kulturphilosophische Streitschriften wie „Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Essen und Trinken“ verfasst hatte, starb er ziemlich verarmt 1933 in Wien an Arteriosklerose. Josef Hoffman zeigte sich übrigens nicht sehr beeindruckt von den Vorwürfen Adolf Loos`, das üppige Design von Gebrauchsgegenständen des „Wiener Weh“ sei „falsch, unsozial und daher unmodern“. Er bemerkte dazu nur etwas lakonisch: „Wenn aber unsere Arbeit nur im entferntesten so gut ist wie die von Herrn Loos so bekämpften Wiener Marillenknödel, bin ich ganz zufrieden.“ In einer ausgemachten Presseschlacht dem „Marillenknödel-Derby“ musste schließlich einer der besten Freunde von Adolf Loos mit Hilfe eines „Strudel-Couplets“ eingreifen. Karl Kraus dichtete 1927 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“:

Wie seinen Kern hat jeder Pudel,
So steckt halt auch in uns was drin.
In Knödel, Nudeln, Apfelstrudel
Setzt seinen Stolz der Mensch in Wien.
Und alle schrieen laut und schrieben,
Und die Panik war riesengroß:
Das Letzte, was uns noch geblieben,
Wird uns geraubt – der Löw‘ ist Loos!
Und alles stürzt sich in den Strudel hinein,
Los von Loos soll unsre Losung sein!

Ornament und Verbrechen? – Die Villa Skywa-Primavesi (links) von Josef Hoffmann und die Villa Scheu von Adolf Loos in Wien-Hietzing.

dsc05955.JPG dsc05956.JPG Fotos: St. B.

In geführten Stadtspaziergängen oder auf eigene Faust kann man die Architektur von Adolf Loos und Josef Hoffmann, z.B. in Wien-Hietzing nahe Schloss Schönbrunn, in fast einträchtiger unmittelbarer Nachbarschaft bewundern.

  • Zitate aus „Adolf Loos, Hummer unter der Bettdecke – Delikates über den guten Geschmack“, herausgegeben und kommentiert von Markus Kristan; Metroverlag 2011

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Solch ein Brimborium wird es um den Dramatiker Arthur Schnitzler, dessen 150. Geburtstag zwei Monate früher als der von Gustav Klimt am 15.05.2012 begangen wird, mit Sicherheit nicht geben. Das am Wiener Burgtheater aufgeführte „Weite Land“ in der Regie des Letten Alvis Hermanis ist eher verhalten aufgenommen worden. Er hatte das Stück um Ehebruch sowie Ehr- und Moralvorstellungen aus dem Jahre 1911 in die 50er Jahre der Wiener Nachkriegszeit verlegt und wie einen Film Noir inszeniert. Eine recht genaue und eindrückliche Inszenierung des „Professor Bernhardi“ ist dagegen Dieter Giesing im April an der Burg gelungen. Das wegen der deutlichen Kritik an der Politik der Donaumonarchie und des latenten österreichischen Antisemitismus bis 1918 verbotene Stück um den Arzt Bernhardi, der einen Priester nicht zu einer nach illegaler Abtreibung sterbenden Patientin vorlässt, um ihr aus humanistischen Gründen die Todesangst zu ersparen, wurde auch später in Österreich und Deutschland wenig gespielt. Gerade am Wiener Burgtheater kommt es nun zu neuen Ehren.

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Joachim Meyerhoff in der Rolle des Professor Bernhardi am Wiener Burgtheater.

Joachim Meyerhoffs Bernhardi ist ein idealistischer Mensch mit seinem Ethos ganz dem Beruf verpflichtet. So verkennt er das politische Taktieren seiner Widersacher, die seinen unbedachten aus menschlicher Regung heraus begangenen Fauxpas ausnutzen, um ihn zu Fall zu bringen. Das er Jude ist, gibt nur den Anlass zur Intrige, ist aber nicht der Ursächliche Grund. Dr. Ebenwald (Roland Koch) und die anderen katholischen Ärzte, Filitz (Oliver Masucci) und Hochroitzpointner (Christoph Luser) drängen Bernhardi schließlich aus dem Vorsitz des Krankenhauses. Seine Fürsprecher Cyprian (Caroline Peters) sowie Pflugfelder (Udo Samel) und Löwenstein (Martin Schwab), beide herrlich empörend grantelt, können das nicht verhindern.

Neid und Missgunst sind die Triebfedern des Handels von Ebenwald und Filitz, dazu kommt das Einknicken des Ministers Flint, einem alten Studienkollegen von Bernhardi. Nicholas Ofczarek ist ganz der politische Karrierist, der opportunistisch sein Fähnchen in den Wind hängt, Eine durchaus heutige Eigenschaft. Trotzdem der Pfarrer Reder (Lucas Gregorowicz) persönlich bedauert, gegen Bernhardi ausgesagt zu haben, bleibt er doch bei seinen Glaubensgrundsätzen, die ihm wichtiger als die Wahrheit sind. Bernhardi wird nach einer Pressekampagne gegen ihn zu zwei Monaten Haft wegen Störung des Glaubensfriedens verurteilt. Erst von Rachegedanken getrieben, ist ihm schließlich nicht mehr an einer Revision gelegen, da er sich trotz des Widerrufs der Schwester Ludmilla (Stefanie Dvorak) zu ihrer belastenden Zeugenaussage nichts davon verspricht und sich auch trotz allem moralisch im Recht sieht. Schnitzlers intelligente Abrechnung mit den antisemitische Ressentiments ausnutzenden Wiener K.u.K.-Karrieristen als unaufgeregte Geschichtsstunde, die nie langweilig wird und unmittelbare Aktualität gar nicht erst behaupten muss.

„Man hat den Eindruck, daß einzelne Parteihäupter, wenn schon nicht um Österreich, so doch um ihre eigenen Köpfe oder wenigstens Mandate bangen.“ Schnitzler hasste zu tiefst diese politische Eigenschaft und konnte das auch bedeutend galliger äußern: „Denken Sie, in der letzten Zeit verstimmt mich auch der Antisemitismus sehr stark – man sieht doch eigentlich mit merkwürdiger Ruhe zu, wie man einfach aus dem Geburtsgrunde von Millionen Menschen nicht für voll genommen wird. Ich habe ein so starkes Rachebedürfnis gegenüber diesem Gesindel, daß ich sie mit Ruhe persönlich hängen würde.“ Mit seinem „Professor Bernhardi“ hat er moralisch gesehen die weitaus treffendere Variante der Auseinandersetzung gewählt.

  • Zitate aus: „Ich müsste eigentlich noch berühmter sein“ – Schnitzler zum Vergnügen, herausgegeben von Günter Baumann, Phillip Reclam jun., Stuttgart 2002

Schnitzler machte aber nicht nur Front gegen den bürgerlichen Antisemitismus seiner Zeit, sondern traf sich auch im „Café Griensteidl“ am Michaelerplatz – neben dem Looshaus (Haus ohne Augenbrauen) stand hier auch das alte Burgtheater – mit gleichgesinnten Autoren der Gruppe Jung-Wien, zu der u.a. Peter Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus und Stefan Zweig gehörten. Neben dem Schreiben von gesellschaftskritischen Texten gab man sich aber auch den angenehmen Seiten des Lebens hin. Schnitzler war durchaus kein Kind von Traurigkeit und dem Kartenspiel sowie dem schönen Geschlecht nicht abgeneigt. Zur Treue hatte er ein zwiespältiges Verhältnis: „Treue ist eine Fiktion – im allerbesten Fall Angst vor Revanche.“ Eine geradezu treue Beziehung pflegte er aber seit seiner Studentenzeit zum Kurort Baden, dem Spielerparadies vor den Toren Wiens. Hier lebten nicht nur seine Großeltern mütterlicherseits, sondern hierher fuhr Schnitzler vor allem wegen des Kasinos und um seine Langzeitgeliebte Marie „Mizi“ Glümer zu treffen, die hier als Schauspielerin am Badener Stadttheater engagiert war. Seine Erlebnisse in Baden fanden vor allem Niederschlag in seinem bekanntesten Stück „Das weite Land“ und in seiner späten Novelle „Spiel im Morgengrauen“. Einige Aussprüche der Figur des Friedrich Hofreiter aus dem Drama „Das weite Land“ hatte Schnitzler seinem alter Schulfreund Richard „Kuwazl“ Trausenau abgelauscht. „Kuwazl ist in Baden und hat ein Riesenglück bei den Weibern.“ schrieb Schnitzler 1886 in sein Tagebuch.

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Mit der Lokalbahn Wien–Baden zum Arnulf Rainer Museum.

Auch heute noch ist ein Kurzausflug mit der Badner Bahn durchaus lohnenswert. Von der Haltestelle Wien-Oper fährt man in einer knappen Stunde die rund 27 km bis nach Baden zur Endstation Josefsplatz. Nach dem Ausstieg steht man dort vor einem monumental anmutenden Säulenbau, dem ehemaligen Frauenbad, das 1821 Erzherzog Anton errichten ließ. Seit 2009 residiert dort eine andere Künstlerikone der Wiener Nachkriegszeit. Der frühere Aktionskünstler und Maler des österreichischen Informel Arnulf Rainer wurde schließlich für seine Übermalungen von Bildern und Fotos seiner und Werken anderer Künstler bekannt. Zur Zeit ist noch bis zum 16.04.12 eine Ausstellung mit neuen Übermalungen Rainers im Dialog mit Gemälden des deutschen Maler Georg Baselitz in dem zum Arnulf-Rainer-Museum umgebauten klassizistischen Bäderhaus zu sehen. Die Werke passen sich auf wunderbar Weise in die neue Raumgestaltung ein, in der nach dem Umbau moderne Architektur behutsam mit der alten Bausubstanz verbunden sind. Eine Ausstellung mit Übermalungen von Werken des französischen Literaten und Zeichners Victor Hugo wird ab Mai 2012 folgen. Natürlich kann man sich auch noch die vermeindlichen Originalschauplätze aus Schnitzlers Weitem Land ansehen. Vor allem die Villa „Reginens Ruhe“ oder die noch bekanntere vom Wiener Architekten Otto Wagner entworfene „Villa Hahn“ in der Weilburgstraße. Dort wurde auch 2005 Schnitzlers Stück vom Autor und Regisseur Dieter O. Holziger aufgeführt.

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Das Jubiläums Stadttheater in Baden bei Wien.

  • Zitate aus „Arthur Schnitzler und Baden bei Wien – Ermittlungen zu einer entschwindenden Epoche“ von Dieter O. Holziger, Kral Verlag 2005

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Zurück nach Wien. Neben Mehlspeisen, Jugendstil und dem altehrwürdigen Burgtheater gibt es in Wien natürlich auch noch das junge moderne Theater und das ist im Schauspielhaus im 9. Bezirk in der Porzellangasse 19 beheimatet. Es befindet sich in einem alten Kino, das bereits seit Anfang des 20. Jh. als Varieté genutzt wurde. In den 70er Jahren wurde es dann von Hans Gratzer, Leiter der Theatergruppe „Werkstatt“, zum Theater umfunktioniert. Von 1987 bis 1990 bespielte George Tabori mit seinem Theaterlabor „Der Kreis“ das Haus. Seit 1991 wieder unter der Leitung von Hans Gratzer hat sich das Schauspielhaus zu einem Erstaufführungstheater für vorwiegend junge österreichische Dramatik entwickelt, u.a. wurde hier der Dramatiker Werner Schwab entdeckt. Unter wechselnder Leitung (Airan Berg, Barry Kosky und seit 2007 Andreas Beck) führt man hier diese Tradition mit Autoren wie Kathrin Röggla, Ewald Palmetshofer, Thomas Arzt und Paulus Hochgatterer fort. Aber auch junge deutsche Dramatiker wie Philipp Löhle, Kevin Rittberger, PeterLicht und Anja Hilling werden hier uraufgeführt.

Anja Hilling ist eine gefragte Autorin, ihr Stücke sind bereits in Köln, München, Hamburg, Berlin und Wien uraufgeführt worden. Im letzten Jahr war am Deutschen Theater Berlin ihr 2005 in Hannover uraufgeführtes Stück „Schwarzes Tier Traurigkeit“ in der Regie von Jorinde Dröse zu sehen. Hilling pflegt einen sehr poetischen, oft ins Pathetische kippenden Stil. In ihrem neuen Stück für das Wiener Schauspielhaus „der Garten“ hat sie eine surreale Gegenwelt zur „banalen“ Realität geschaffen, die sie für die eigentlich wahre Welt ohne Schein und Täuschung hält. In diesem labyrinthischen Gedankengewächs verheddern sich der depressive Rock-Musiker Sam (Thiemo Strutzenberger) und die Musikredakteurin Antonia (Nicola Kirsch), die über sein Konzert schreiben soll. Sie streift ihr altes eintöniges Leben samt Arbeit und Freundeskreis ab und verliert sich in eine radikale Liebe zu Sam, der sie mit sich zieht. „Die Leute sind keine festen Größen, sie führen sich nur so auf,(…) Sie sind im Hirn zuhause, gewohnt, die Dinge scheiße zu finden.“ Diese Welt, in der jeder jedem etwas vormacht und vor allem sich selbst, wird durch die Figuren aus Antonias Umfeld gekennzeichnet. Während Freunde und Kollegen Antonias Geburtstag feiern, ohne wirklich zur Kenntnis zu nehmen, das sie sich längst aus dem Staub gemacht hat, explodiert der Garten und saugt die beiden Liebenden in sich auf. Diese, chorisch die Lebenskrisen der Protagonisten kommentierende Pflanzenwelt, hat Felicitas Brucker allerdings etwas zu sehr beschnitten.


der Garten, Video Schauspielhaus Wien

Wieder ein pathetisch wucherndes, poetisch starkes Textgewächs ist das geworden, wie schon im „Schwarzen Tier Traurigkeit“, schön zu lesen aber schwer zu spielen. Die alles verschlingende Naturgewalt des Gartens wird hier nur behauptet. Bildlich kommt nicht so sehr viel davon rüber. Es wuchert mehr im Gedanken, als auf der Bühne. Eine Liveband sorgt für die nötige Stimmung und die Darsteller bemalen die durchsichtigen Plexiglastrennwände auf der Bühne mit psychedelischen Farbmustern. Allein die Farbe macht noch keinen Garten. Das gedankliche Labyrinth öffnet sich nicht. Die Rahmenstory über „Wie lebe ich mein Leben und warum?“ ermüdet leider auf Dauer, wie schon in der misslungenen Inszenierung am DT im letzten Jahr. Felicitas Brucker, Regiespezialistin für die Stücke von Ewald Palmetshofer – „mit faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ und „tier. man wird doch bitte unterschicht“ war sie schon in Berlin zu sehen – vermag genau wie Jorinde Dröse, die Gedankenwelt Hillings nicht überzeugend zu bebildern. Aber das hervorragende Schauspielhausensemble macht den Abend wie in allen Brucker-Inszenierungen doch noch durchaus sehenswert. Man kann gespannt sein, ob das Stück vielleicht bei den kommenden Autorentheatertagen im Juni am DT oder vielleicht schon im Mai beim Theatertreffen in Berlin wiederzusehen sein wird. Auch Palmetshofers „Körpergewicht. 17%“ oder das mit dem Nestroy 2011 ausgezeichnete „Grillenparz“ von Thomas Arzt sind da noch im Rennen. Zu wünschen wäre es dem Schauspielhaus jedenfalls. Bis zum Frühjahr kann man sich noch eine ganze Weile die Zeit mit Spekulieren und Strudelessen vertreiben.

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„ ‚Frühling ist, wenn die Tür in der Herrengasse aufgemacht wird.‘ Eine andere Möglichkeit, den Eintritt des Frühlings festzustellen, hatte er nicht.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

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