Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse oder Scheiß auf die Ordnung der Welt! Das Theaterprojekt „Fatzer geht über die Alpen“ an der Berliner Volksbühne

Auf den Spielplänen im deutschsprachigen Raum ist der Klassiker des epischen Theaters Bertolt Brecht in dieser Spielzeit eher selten zu finden. Da gibt es nur hin und wieder mal eine Dreigroschenoper oder einen verjuxten Galilei. Das Staatstheater Cottbus wird nächste Woche in einem großen Spektakel „Die Kleinbürgerhochzeit“ mit anderen Gegenwartsstücken über die bürgerliche Familie kollidieren lassen und an der Volksbühne in Berlin sind immer noch die großartigen Lehrstückbearbeitungen von Frank Castorf zu sehen. Um so erfreulicher, dass sich die Volksbühne seit 2010 in Zusammenarbeit mit dem italienischen Teatro Stabile de Torino befindet, um Brechts Fatzer-Fragment neu zu beleuchten. Bertolt Brecht hatte es nach Jahren der Bearbeitung als unmögliches Experiment („Einfach zerschmeißen“) verworfen, für Heiner Müller gehört es zu den Jahrhunderttexten. „Fatzer geht über die Alpen“ heißt nun das Theaterprojekt, dass im Fond Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes, dem Goetheinstitut Turin und dem Italienischen Kulturinstitut Berlin gefördert wurde. In dieser Woche waren nun an der Volksbühne die Ergebnisse zu sehen.

„Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ – René Pollesch und Fabian Hinrichs winken freundlich mit der Baggerschaufel

dsc06068.JPG Foto: St.B.

René Pollesch gab bereits am Mittwochabend sozusagen die Ouvertüre für dieses Wochenende rund um den Egoisten Fatzer und die großen gescheiterten gesellschaftlichen Versuche. „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia” heißt sein neues Stück, für das er wieder, nach „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ und der „Der perfekte Tag“, mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs zusammengearbeitet hat. Und Hinrichs machte es im wahrsten Sinne des Wortes spannend. Gerade noch im akademischen Viertel erreichte er die Volksbühne, in der bereits das illustre Premierenpublikum wartete und mit reichlich 80er-Jahre-Popmusiksound beschallt wurde. Mit seinem unnachahmlichen Charme nahm Hinrichs aber sofort die Anwesenden für sich ein und zog alle mit einem bombastischen Intro in seinen Bann. Zu den Klängen von Bruce Springsteens Klassiker „Streets of Philadelphia“ seilte er sich mit einer Gruppe von jungen Artisten aus dem Schnürboden ab, die danach auch sofort anfingen sich springender und radschlagender Weise sportlich zu betätigen.

Hinrichs flirtet sichtlich gutgelaunt mit dem Publikum und beginnt dann über die Probleme der Linken zu referieren, sich heutzutage zu orientieren, wo die Feindbilder nicht mehr so eindeutig sind. Der Kapitalismus hat sich gewandelt und Leuten wie Jean Ziegler fällt es da sichtlich schwer mit Botschaften von verhungerten Kindern Gehör zu finden. Was hören wir überhaupt noch voneinander? Ein anderes beliebtes Thema von René Pollesch. Wir hören uns zu, aber hören wie uns wirklich? Die alte Repräsentationsmaschinerie rollt und deckt im Theater alle Widersprüche zu. Das hatte Brecht schon erkannt und mit seinem Epischen Theater neue Wege beschritten, die heute genauso ausgelatscht sind wie das gute alte Bürgerliche Einfühlungstheater. Trotzdem ist er ein Klassiker an dem man nicht so ohne weiteres vorbeikommt und so ist dann auch die ganze Bühne von Bert Neumann ein einziges Brechtzitat. Die Gardine darf nicht fehlen und auf der sonst leeren Bühne steht ein Planwagen wie in der Mutter Courage am BE, wenn er auch mit modern bedruckter LKW-Plane bespannt ist. An Aktualität hat Brecht nicht verloren und auch Pollesch kommt daher nicht ganz an ihm vorbei. In der Niederlage auf dem Platz bleibend, zitiert ihn Hinrichs. Er war schon 2008 bei der Empedokles-Fatzer-Inszenierung von Laurent Chétouane am Schauspiel Köln mit dabei.

René Pollesch geht es hier aber eher um heutige Sichtweisen des Kapitalismus. Arbeiterchöre waren gestern, heute ist der Chor ein Netzwerk, dem sich der zwangsweise individualisierte Einzelkämpfer nicht entziehen kann. Die Akrobaten umgarnen Hinrichs, auch wenn dieser partout nicht mit dem Chor in die Kiste springen will. Nein, schlafen kann er nicht mit diesem Repräsentant des Kapitalismus. Wie Brechts Fatzer bleibt auch die Figur Hinrichs ambivalent. Der Geist ist willig, allein das Fleisch ist schwach, körperliches Nähebedürfnis siegt über Klassenstandpunkt. Da werden bezaubernde Lauf-, Sitz- und Standbilder geschaffen und alles kuschelt im Regen unter dem theorieschweren Couragewagen, vor den sich Hinrichs im Rock auch mal spannt. Schöne Bilder ergeben sich immer wieder aus diesem unklaren Verhältnis zwischen Chor und Individuum. Aber da fehlt doch noch was, nur das werden wir heute Abend nicht zu sehen bekommen. Hinrichs ruft mehr als einmal Stopp und erklärt, dass die besten Szenen herausgeschnitten wurden, da wir sie eh nicht ertragen und ihn nie wieder im Theater sehen könnten. René Pollesch fragmentiert sich selbst und killt seine Darlings. Da der Chor stumm bleibt, wird der Diskurs zu Gunsten der Liebe ausgesetzt.

Alles Weitere erschöpft sich in artistischen Turnbildern, die die 13 Schüler der Bühnenakrobatikschule „Etage“ immer wieder mit großer Lust erzeugen. Fabian Hinrichs zwängt sich schließlich noch in ein enges Krakenkostüm und erklärt den Mehrwert anhand des Unterschieds von Turnwettkampf in einer Mehrzweckhalle zum Theater für 45 €€, indem er die satte Musikuntermalung immer wieder unterbricht. Die großen Fragen werden heute nicht mehr verhandelt. Ein etwas unbefriedigender Coitus interruptus. Bevor es zu schön wird, ziehen ihn Pollesch und Hinrichs einfach wieder raus, den Stecker für das Licht der Erkenntnis. Man hat das sowieso immer nur für sich selbst gemacht und nie für das Publikum, sagt Hinrichs. Aber vielleicht gibt es ja demnächst doch noch den Director`s Cut, denn ganz ohne Diskurs geht es bei René Pollesch mit Sicherheit auf Dauer auch nicht. Bis dahin hat er mit dem fabelhaften Fabian Hinrichs den „Flirt in der Luft“ (R. Pollesch im Tip) neu definiert und vermutlich alles richtig gemacht. Wir schmunzeln selbst und sehn vor Glück besoffen, den Glitzervorhang zu und alle Fragen offen.

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Träge Masse übt die Revolte gegen staatliche Gewalt – Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ mit dem Teatro Stabile di Torino

Den theatralen Mehrwert gab es dann mit der Inszenierung von Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ durch das Teatro Stabile de Torino in der Regie von Fabrizio Arcuri. Bertolt Brecht hatte wie schon erwähnt das Fragment nach mehrjähriger Bearbeitung als unspielbar verworfen und es sollte tatsächlich bis 1976 dauern, bis an der Berliner Schaubühne am Hallescher Ufer Frank-Patrick Steckel die Uraufführung vom Untergang des Egoisten Fatzer mit dem Ende 2010 verstorbenen Wolf Redl in der Titelrolle besorgte. Eine weitere bedeutende Inszenierung gab es 1978 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Da sie für eine Aufführung an der Volksbühne Ost-Berlin die Rechte von den Brechterben nicht bekamen, wichen das Regieduo Manfred Karge und Matthias Langhoff nach Hamburg aus. Sie baten Heiner Müller um eine Bearbeitung und zur Aufführung kam dann seine Zusammenstellung von Brechts „Fatzer-Dokumenten“, die Müller in den Kontext des RAF-Terrorismus in der BRD stellte. Die Übersetzung ins Italienische von Milena Massalongo für das Tetro Stabile orientiert sich im Wesentlichen an Müllers „Fatzer-Material“.

Foto: St. B.  dsc06074.JPG

Auch Fabrizio Arcuri stellt seinen Fatzer wieder in einen aktuellen Kontext. Seine Tankinsassen desertieren nicht aus dem 1. Weltkrieg, sie sind Deserteure aus einem System der staatlichen Gewalt und auf der Suche nach der Revolte gegen diese Verhältnisse, mit denen die heutige Politik in Italien gemeint ist. Auf der Bühne herrscht Straßenkampf, ein demoliertes Auto landet auf dem Dach und beginnt zu brennen. Zwei Feuerwehrleute versuchen mit CO2-Löschern in ohrenbetäubenden Lärm die Flammen zu bekämpfen, während sie über die zwei Arten von Menschen philosophieren, die Herrschenden und die Beherrschten. Frage: „Woran also erkennt man die herrschende Art?“ Antwort: „Daran erkennt man die herrschende Art, dass sie sagt, daß es ohne Gewalt geht.“ Frage: „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht?“ Antwort: „Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Das ist die Frage in dieser Inszenierung, wie lässt sich die Ohnmacht gegen staatliche Gewalt beantworten und wie entsteht so eine Revolte.

Nachdem die Besatzung aus dem gelöschten Auto gekrabbelt ist und die erste Szene mit Fatzers Abkehr vom Krieg und die Fahrt nach Mülheim beschlossen sind, gehen die 4 Protagonisten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann (Mariano Pirrello, Matteo Angius, Werner Waas und Paolo Musio) an die Rampe und suchen den Dialog mit dem Publikum. Die Ausgangspunkte für eine Revolte werden zusammengetragen. Elend, schlechte Kleidung, klimatische Verhältnisse etc. und die Hemmnisse wie z.B. das Loch, zu dem es den Manne hinzieht. Das ist nicht ganz ernst gemeint und orientiert sich locker an Brechts Textfragmenten. Es wird ein kurzes Ratingspiel eingefügt, in dem ausgewählte Zuschauer mit Italien-, Griechenland- und Schweizfähnchen winken sollen. Italien arm, Griechenland noch ärmer und Schweiz reich. Es wird ein AAA-Schild hochgehalten und gefragt ob der Ausstieg aus der EU eine Alternative wäre. Eine lustige Runde Agitprop, die etwas an „Revolution Now!“ von Gob Squad an der Volksbühne erinnert.

Nach dem Theorieteil geht es dann aber sehr ernsthaft mit den Fatzerdokumenten weiter. Fabrizio Arcuri bleibt hier sehr nah an Brechts Text, nur in einigen Bildern wird Bezug zur Gegenwart genommen. Die Soldaten tragen Polizeikampfanzüge und Schlagstöcke. Fatzer wird von ihnen auf seinem Rundgang nach Fleisch geschlagen oder der abgeführte Arbeiter brutal zusammengeknüppelt. Die Bühne bleibt meistenteils sehr düster, die Szenerien spielen sich in kleinen verschiebbaren Boxen ab. Nachdem die Truppe bei Kaumanns Frau eingezogen ist, macht sich die große Resignation und Wut über Fatzers Alleingänge breit. Die Kaumann (Francesca Mazza) täuscht im Geschlechtskapitel unter der Decke einen Orgasmus vor. Fatzer sitzt eher unbeteiligt daneben, während sich die drei anderen onanierend davor stellen und den Kommentar über das Lehren der geschlechtlichen Liebe rezitieren. Die Inszenierung ist hier in ihrer ausführlichen Länge nicht wirklich zwingend am Problem des Abweichlers oder anarchischen Egoisten Fatzer dran.

Erst zum Schluss bekommt die Inszenierung wieder etwas Drive. Der Schuss auf Fatzer fällt und nachdem alle den Raum verlassen haben beendet eine Bombenexplosion das Drama. Im Abspann läuft auf der Videowand Brechts Schlussgedicht „Fatzer komm“. Auch ohne Einblendung der Staatsmänner weiß jeder, dass die letzten Zeilen Silvio Berlusconi meinen: „Du bist fertig, Staatsmann / Der Staat ist fertig. Gestatte, dass wir ihn verändern / Nach den Bedingungen unseres Lebens. (…) Der Staat braucht dich nicht mehr / Gib ihn heraus.“ Nun herrschen in Deutschland noch keine italienischen Verhältnisse, doch diese Zeilen lassen sich gut und gerne auch auf Politiker wie zu Guttenberg oder den in die Kritik geratenen Bundespräsidenten Wulff beziehen. Fatzer geht Anfang Februar wieder zurück über die Alpen nach Turin. Dort wird sich zeigen, ob die Italiener die Ironie von René Pollesch und Fabian Hinrichs verstehen werden und ebenso beglückt reagieren, wie das Berliner Publikum. Mit dieser fröhlichen Unverbindlichkeit steht „Kill your Darlings!“, trotz seiner leisen, versteckten Resignation, ziemlich konträr zum Scheitern von Brechts „Fatzerfragment“ und der Interpretation von Fabrizio Arcuri und seinem Team.

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FATZER:
Mich lähmt das Morgen und
Dies unverbindliche Heut!
So sitzend
Zwischen noch nicht und schon nicht mehr
Glaub ich nicht, was ich denk!
Sicher ists ein Irrtum, schon morgen
Klar! Warum also heut reden? Was
Nützt dies Bootbaun bei vertrocknendem Fluß?
Wenn ich euch essen
Seh, seh ich hinter euch andre verdaun
Euch unähnlich! Aber mich seh ich nicht essen!
Ich hör eure Stimmen nicht vor dem Geräusch
Vieler Schritte solcher, die ich nicht kenn.
Aus eurem runden dreckigen Mäulern fallen
Große viereckige Worte, woher sind sie?
Mir scheint, ich bin vorläufig
Aber was
Läuft nach?
Daß ihr mich versteht
Das verbiet ich.

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