Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

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Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

2006 hat es Andreas Kriegenburg, in einer Phase, in der er noch nicht vom Weltschmerz zerfressen war, am Thalia Theater Hamburg mit Sartre versucht. Das Ergebnis war beim Theatertreffen 2007 in Berlin zu sehen und nahm dem Stück mit seiner ironischen Art die Eindeutigkeit und brachte den Zweifel an politischen Systemen aller Art zurück. Hans Löw als Hugo war hier ein ungeduldiger junger Kopf, der vom Spielen genug hatte und ins ernste Fach wechseln wollte, wo die knallharten Politiker wie Louis (Helmut Mooshammer) und Parteichef Hoederer (Jörg Pose) gelangweilt vom ewigen Ernst schon wieder Spielchen mit ihm trieben. Zum Verhängnis wurde allen die als selbstbewusster und verführerischer Vamp agierende Judith Hofmann als Jessica. Hier war nichts wahrhaftig. Das Spiel mit der Lüge verliert Hugo, da er nicht erkennen kann, worauf es in der Politik wirklich ankommt. Bis auf Hans Löw stehen diese exzellenten Thalia-Schauspieler mittlerweile alle auf der Bühne des DT.

Jette Steckel versucht es nun hier am DT, auch unter Ulrich Khuon, der 2006 noch das Thalia Theater leitete, erst mal mit jeder Menge Komik. Allerdings erstreckt sich die nur über die Nebenfiguren wie die beiden tumben Gorillas George (Bernd Moss) und Slick (Moritz Grove), die dem Intellektuellen Hugo (Ole Lagerpusch) nicht über den Weg trauen, weil der nicht aus Hunger Kommunist geworden ist, und ihm erst mal beim Kofferauspacken helfen wollen, dabei aber zu Begrüßung mit einer Schreckschusspistole wie wild um sich ballern müssen. Auch Hugos Frau Jessica (Katharina Marie Schubert) ist hier eine selbstbewusste Frau mit Drang zum großen Spiel, dabei aber so dermaßen überzeichnet, dass man sie eher ins Fach unterschätztes Blondchen einordnen würde. Mit großen Mickey-Maus-Händen winkt sie unter Hoederers Schreibtisch hervor und verdreht hier im Handumdrehen dem als alten Politstrategen durchweg cool agierenden Ulrich Matthes den Kopf. Eher eindimensional und ziemlich abgeklärt gibt er den verständnisvollen Parteiübervater. Aber Klasse, wie sogar der noch von einem schönen Frauenkörper aus der Fassung zu bringen ist. Nur, ist das die einzige Schwäche machtbesessener Männer?

Hugo ist ein bierernster, leicht verklemmter Streber, der seinen intellektuellen Stallgeruch unbedingt loswerden will, um endlich ganz groß mitzuspielen, weiß aber nicht genau, wie er dass anstellen soll und ist daher froh, dass er unverhofft die Gelegenheit bekommt, mal richtig Hand anzulegen. Dass das Objekt, das er liquidieren soll, dieser mit dem ideologischen Feind packtierende Hoederer, schließlich zum eigentlichen faszinierenden Objekt seiner Begierde wird, verwirrt Hugo dermaßen, dass er nicht mehr in der Lage ist abzudrücken. Ein Kuss am Anfang knüpft die Bande, in denen sich Hugo schließlich verfängt. Er ist weder dem rethorisch überlegenen Hoederer gewachsen, noch seiner cleveren Frau, die im Gegensatz zu ihm weiß was sie will und das auch spielend erreicht. Hugo geht es um den Menschen wie er sein könnte und Hoederer um dem Menschen wie er ist. Immerhin ein Unterschied von einigen Tausend Toten, wie der ihm weismachen will. Ole Lagerpusch platzt fast die Schlagader vor Anstrengung grimmig zu gucken. Der Zweifel nagt an Hugo, strenge Parteilinie oder pragmatischer Kompromiss. Letztendlich einerlei. Ein Robespierre wird nicht mehr aus ihm werden. Eher ein verzogenes Muttersöhnchen, dem man das Spielzeug weggenommen hat und genauso post Hugo dann auch beim Abknallen seines unverhofften Nebenbuhlers Hoederer.

Und dann ist da noch die Ismus-Show, ein Videowink mit dem plakativen Zaunpfahl. Terrorismus, Kapitalismus, Kommunismus, Islamismus, Dogmatismus etc. und schließlich auch Humanismus. Die Wände drehen sich bedrohlich, dazu gibt es Barockmusik satt und Hugo tanzt dazwischen den Ismus, wo er immer mit muss. Zu erwähnen wäre noch, dass die ganze Story, wie von Sartre auch vorgesehen, in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, in der vor dem Eisernen Vorhang Parteigefährtin Olga (Maren Eggert) den desillusionierten Hugo nach zwei Jahren Knast wieder auf Linie bringen muss. Das ihr das trotz körperlicher Zuwendung nicht gelingen will, liegt daran, dass Hugo zwar seinen Idealismus eingebüßt, aber nicht seinen naiven Glauben an die Wahrheit verloren hat. Den Schwenk der Partei auf Hoederers Linie kann er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und zieht sich als „nicht verwendungsfähig“ sogar selbst aus dem Verkehr.

Das erinnert alles sehr an Jette Steckels „Don Carlos“ am Thalia Theater, war dort aber wesentlich schlüssiger inszeniert und die schmutzige Politik wurde  ebenfalls schon abgehakt. Nun gibt es einen Mischmasch aus Psychoanalyse und etwas Ideologiesalat, angemacht mit lustigem Klamauk. Wo da nun der „neue Aufbruch“ herkommen soll, von dem die beiden großen Intellektuellen Stéphane Hessel und David Precht im Programmheft philosophieren, verschwindet hinter dem sich schließenden Eisernen Vorhang. Nach den „Kleinbürgern“ im letzten Jahr hoffte man noch, dass es jetzt endlich ans Eingemachte geht, aber Jette Steckel geht die Tippel-Tappel-Tour. Nun wären dann wohl die 68er dran und der eigene Papa. Willkommen in der „“Kommune“.

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„Die Kommune in der Regie von Rafael Sanchez wird zum lahmen Abgesang auf die Utopie des ungezwungenen Zusammenlebens.

Eine große Frühstückstafel füllt die Bühne in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Sie ist mit Tellern, Tassen, Thermoskannen sowie Müsli, Sekt, und anderen Leckereien gefüllt. Die neun Kommunenmitglieder plus einem Pianisten (Cornelius Borgolte) sind in Pyjama oder Schlabberlook gekleidet und gruppieren sich locker um den Tisch an dem Erek (Matthias Neukirch), der das Haus, in dem alle wohnen, geerbt hat, erst mal ein paar Regeln aufstellt, an die sich die Neuzugänge halten müssen. Jeder wird zu seinen Lebensmaximen befragt, man will ja schließlich wissen, an wen man sich da für unbestimmte Zeit bindet. Von Anfang an scheint diese Gemeinschaft, wie sie der dänische Autor und Regisseur des bekannten Dogmafilms „Das Fest“, Thomas Vinterberg, selbst als Kind erlebt und letztes Jahr mit den Burgschauspielern in Wien für die Bühne erarbeitet hat, auf ebensolchen dogmatischen Regeln zu beruhen. Man gibt sich tolerant, verwechselt aber die freie Entwicklung des Individuums immer mit dem eigenen Ego. Das bekommt zunächst Virgil (Ernest Allen Hausmann), ein junger Ausländer, der es mit einer festen Anstellung nicht so genau nimmt, aber immer bereit ist für seinen Unterhalt selbst zu sorgen, zu spüren. Ressentiments sind hier ebenso vorhanden, wie festgeklopfte Lebensgrundsätze, die man belehrend zum Besten gibt oder wie Ole (Peter Moltzen), als Macho mal eben die gesamte Frauenemanzipation wegreferiert.

Rafael Sanchez hat Vinterbergs Stück aus den 70er Jahren in eine unbestimmte Zeit verlegt und allen Schauspielern das Improvisieren verordnet. Vom Stückgerüst weg in die freie „Gemeinschaft“ heißt das Prinzip. Das äußert sich bei allen auf recht unterschiedliche Weise. Es entstehen sehr schöne Gruppenbilder, vor allem im gemeinsamen Gesang von alten Hits der Flower-Power-Generation wie „California Dreaming“ von den Mamas and Papas. Das wird allerdings dann auch wieder mit jeder Menge Streitigkeiten über Bierlisten, fehlenden Holundertee und Interesse an den gemeinschaftlichen Diskussionsrunden oder verbrannten Socken konterkariert. Der Teufel liegt bekanntlich nicht im großen Ganzen, über das sich alle so einigermaßen einig sind, sondern immer im Detail. Als dann schließlich noch Erik die Gemeinschaft mit seiner neuen Liebe Emma (Anita Vulesica) konfrontiert, bekommt zumindest seine Frau Anna (Judith Hofmann) mit der Toleranz ein ganz persönliches Problem. Zu irgendwelchen Kompromissen ist Erik da nicht bereit und stellt alle vor die Entscheidung, entweder Anna zieht ein oder alle anderen aus. Ausziehen ist dann auch noch mal ein netter Kalauer, als sich die verhuschte, dauerkichernde Mona (Susanne Wolff) zum Geburtstag einen Männerstrip wünscht.

Der Rest ist schnell erzählt, die Gemeinschaft zerbricht nach und nach an den schlechten Vibes, die die depressive Anna ausstrahlt und die verstörte Tochter Freja (Felicitas Madl) beginnt gegen ihren sturen Vater zu opponieren, allerdings ohne nennenswerten Erfolg, außer das er ihr die Tür weist. Schließlich trägt Freja ihrer Mutter an, die Kommune zu verlassen, um ihre Würde wieder herzustellen. Vorher durften die Zuschauer noch schnell abstimmen, ob Anna ein Recht auf Glück hat, was zumindest ungefähr die Hälfte der Anwesenden durch Handzeichen bestätigte. Sie tröstet sich schließlich mit einem Song von Ex-Lassy-Singerin Christiane Rösinger aus ihrem Album „Songs of L. and Hate“: „Bist du einmal traurig und allein / Gewöhn dich dran, es wird bald immer so sein“ oder anders gesagt, es geht sich eben nicht immer aus. Sehr viel mehr Positives gibt es zur abgelegten Utopie des Projekts Kommune leider nicht zu berichten. Bleibt noch festzustellen, dass es der Telefonmailboxjoker von Bundes-bräsi-dent Wulff tatsächlich auf die Theaterbühne geschafft hat, zumindest auf die des DT. Der Rubicon-Kalauer kam in beiden Inszenierungen von Jette Steckel und Rafael Sanchez. Man kann jetzt schon mal langsam anfangen Strichliste zu führen, wie oft der Rubicon in dieser Spielzeit noch überschritten wird.

kommune-1.jpg Kommunarden to go oder No-Go? Das ist hier die Frage. Kommune 1 (www.rainerlanghans.de)

Mit ihren Inszenierungen sind die beiden Regietalente aber noch lange nicht in Sichtweite eines rettenden Ufers gelangt. Sanchez reichen sogar ein paar lustige Trockenschwimmerübungen am Küchenphilosophentisch. Mehr gibt das völlig apolitische Stück auch leider nicht her. Über eine solch verschnarchte Kommune kann man wirklich nur schmunzeln. Diese Pyjamapartie mit Müsli, schalem Bier und verklemmtem Verbalsex ist der totale Abtörner. Vielleicht hätte man den dschungelcamperprobten Rainer Langhans als Produktionsberater oder besser noch gleich als Kommunenleitwolf besetzen sollen. Erwin Teufel dreht sich wahrscheinlich im Grabe um und Rainer Kunzelmann würde sicher mit Vergnügen noch ein paar knallige Manifeste verfassen und ein schrägeres Bühnensetting entwerfen. Der kommunengeschädigte Autor Vinterberg wird seinen Vaterkomplex mit dem nächsten Film sicher therapiert haben. Uns blieb zumindest ein spielfreudiges Ensemble, das aus den platten Dialogen noch genügend Funken schlagen konnte, dass der eine oder andere ins Publikum übersprang und für ein wohlig sentimentales Nostalgiefeeling sorgte. Schön war´s, aber Gott sei Dank ist es vorbei. Aber vielleicht improvisiert sich ja auch die Bühnenkommune noch in den nächsten Durchgängen wirklich frei.

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