Blut ist dicker als Wasser – „FamilienBande!“ Ein Spielzeit-Spektakel am Staatstheater Cottbus.

Blut ist zwar immer noch dicker als Wasser, aber die sogenannten Blutsbande, oder wie man den Leim, der die bürgerliche Familie zusammenhalten soll, nennen will, sind seit Bertolt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ nicht unbedingt verlässlicher geworden. Was uns die Familie in den heutigen schnellen und durch Wertewandel sowie Globalisierung geprägten Zeiten immer noch bedeutet und welchen Widrigkeiten und Verwerfungen sie ausgesetzt ist, das untersucht das Staatstheater Cottbus in dieser Spielzeit. Zum Themenschwerpunkt Familie veranstaltete es nun sogar ein großes Theaterspektakel mit insgesamt 5 Inszenierungen an einem Abend. Zwei Inszenierungen waren für alle im großen Haus zu sehen. Drei weitere standen im Mittelteil des Abends zur Wahl. Neben Brecht konnte man sich für die Autoren Theresia Walser, Neil LaBute, oder Oliver Bukowski entscheiden, die ebenfalls Stücke über die „FamilienBande!“ geschrieben haben.

„Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in der Regie von Mario Holetzeck

Vor etwa 12 Jahren, zu Beginn der Peymann-Ära, inszenierte Philip Tiedemann Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“ am Berliner Ensemble. Es war der Beginn einer falsch verstandenen musealen Brechtverehrung und der Anfang vom Ende des Traditionshauses am Schiffbauerdamm. Durchaus bezeichnend, dass das derbe Volksstück über eine missglückte Spießbürgerhochzeit dort immer noch auf dem Spielplan steht und damit einem anderen Brechtstück in einer legendären Heiner-Müller-Inszenierung, nämlich dem „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, Konkurrenz macht. Tiedemann mottete den alten Brechtvorhang mit der Picasso-Fiedenstaube wieder aus und mit dem Hans-Albers-Hit „La Paloma ade!“ sofort wieder ein. Mehr Brechtironie war dann leider nicht und die grell geschminkten BE-Darsteller wurschtelten sich brav durch den Brechttext und spielten Schenkelklopf-Klamotte. Auf die Idee, dass damit heute noch jemand gemeint sein könnte, kam man dabei aber nicht.

staatstheatercottbus_familienbande-2.JPG Foto: St. B.
FamilienBande! Das Staatstheater Cottbus feiert wieder ein Spektakulum.

Am Staatstheater Cottbus setzt der amtierende Schauspieldirektor Mario Holetzeck bei seiner „Kleinbürgerhochzeit“ nun auch auf einen Hit mit Wiedererkennungswert. Er lässt zu Beginn, frei nach „Eine Seefahrt, die ist lustig“, „Eine Hochzeit, die ist lustig, eine Hochzeit, die ist schön…“ usw. singen (Musikbegleitung am Klavier: Hans Petith). Man ist hier dem szenenapplausbegeisterten Cottbuser Publikum schon dankbar, dass es nicht sofort in Mitklatschemphase verfällt. Nach einer kurzen Aufstellung zum obligatorischen Hochzeitsfoto, setzt sich die feierfreudige Gesellschaft an eine lange gedeckte Tafel. Über der Szene leuchtet eine grelle Neonröhre, die im Laufe des Abends noch den Geist aufgeben wird und ein Bild im Hintergrund hängt ständig schief. Der Schrank, den man natürlich auch hier nicht aufbringen wird, steht am linken Bühnenrand. Bis die Mutter des Bräutigams (Heidrun Bartholomäus) den Kabeljau serviert, dauert es aber noch eine wenig, derweil begnügen sich die Gäste erst mal mit Wein und etwas Smalltalk.

Das Hochzeitspaar (Johanna Emil Fülle und Oliver Seidel) sieht hier nicht gerade ärmlich aus, dennoch hat der Bräutigam, wohl aus lauter Heimwerkerlaune heraus, weniger der reinen Sparsamkeit wegen, alle Möbel selbst gebastelt. Holetzeck hat den Text leicht gekürzt, aber dabei einige Spitzen mit glattgebügelt. Anderen, wie den ollen Kamellen des Vaters (Thomas Harms), werden dafür besonders viel Platz eingeräumt. Die Sticheleien der Gäste, besonders die der Freundin der Braut (Sigrun Fischer) und ihres stupiden Mannes (Berndt Stichler), wechseln sich mit den Anzüglichkeiten des Freundes des Bräutigams (Oliver Breite) ab, oder die Schwester der Braut (Laura Maria Hänsel) kriecht unter den Tisch, um sich an den spröden jungen Mann (Arndt Wille) heranzumachen. Das ergibt einige Slapsticknummern und viel Gekreisch, die Mutter stürzt hin und wieder mit dem vollen Tablett seitlich von der Bühne und der junge Mann bricht bei seiner abgekupferten Hochzeitsrede mit dem Bein in den Bühnenboden ein.

Es werden Möbel gerückt und man tanzt miteinander, allerdings spielt man doch weitestgehend aneinander vorbei. Jeder ist mit seinen Pointen beschäftigt und so löst sich dann doch ganz unverhofft und eher beiläufig die schlecht verleimte Möblage des immer ungeduldiger werdenden Bräutigams nach und nach auf. Wo bei Brecht mittlerweile alle Gesicht und gutes Benehmen verloren haben, versucht man hier noch irgendwie gute Miene zum flauen Spiel zu machen. Es will irgendwie nicht zum Ende kommen. Der Tisch liegt am Boden, die Wand ist weg und gibt den Blick auf das Hochzeitsbett frei und auch der Schrank lässt die Tür endlich fallen. Hervor lugt ein Bild von Brecht, der hier aber ansonsten weit entfernt zu sein scheint. Entfernen wollen sich nun auch die beleidigten Gäste, aber der Bräutigam greift schließlich zum Stuhlbein und vollendet das Werk der Zerstörung. Die Aufräumaktion, in der sich Braut und Bräutigam noch einiges zu sagen hätten, entfällt und eher ermattet als lustvoll wirft er sich mit seiner schwangeren Schwalbe aufs Bett.

Regisseur Holetzeck lässt es zwar ordentlich krachen, aber ein wirklicher Kracher ist dieser etwas verkorkste Beginn des Familienspektakels beileibe nicht. Noch vor einem Jahr hatte Holetzeck mit seiner Version des Shakespeare-Klassikers „König Lear“ bewiesen, dass er durchaus eigene Ideen zu schwierigen Familienaufstellungen hat. Mut zum Außergewöhnlichen hatte er hier mit der Besetzung von Heidrun Bartholomäus als Lear und der Umdeutung der großen Tragödie eines alten Mannes zum Emanzipationsversuch einer Frau zwischen Machtanspruch und Familie bewiesen. Eine kraft- und kampfbetonte Inszenierung, die auch den nötigen Witz nicht vermissen ließ. Diesen Mut vermisst man bei dieser sehr gefälligen Inszenierung von Brechts „Kleinbürgerhochzeit“. Das ist aber wohl auch dem besonderen Eventcharakter des Abends, mit Blick auf das rein Komödiantische geschuldet.


Videotrailer des Staatstheaters Cottbus

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„Steinkes Rettung“ von Oliver Bukowski in der Regie von Peter Kupke

Im zweiten Teil des Abends standen gleich drei Inszenierungen zur Auswahl. In „Die ganze Welt“, einem Stück von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott, schauen zwei unterschiedliche Paare auf einer Spontanparty in die Abgründe ihrer eigenen familiären Lebenslügen. Um Missbrauch und das schwierige Verhältnis zwei Brüder zueinander geht es in Neil LaButes Stück „In einem finsteren Haus“. Und in „Steinkes Rettung“, von dem in Cottbus geborenen Autor Oliver Bukowski, wird der Geschäftsmann und Workaholic Werner Steinke mit seiner gesamten Familie von der Firma auf eine einsame Berghütte in den bayrischen Alpen geschickt, um seinen Burnout zu kurieren. Das schien die beste Alternative um den harmlosen Klamauk des Anfangs entsprechend zu kompensieren. Oliver Bukowski ist kein Unbekannter am Staatstheater Cottbus. Sein Hardcoreschwank „London-L.Ä.-Lübbenau“ wurde hier 1993 uraufgeführt und das Stück „Gäste“, für das er 1999 den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, stand ebenfalls schon auf dem Spielplan. Bukowski treibt die Protagonisten seiner schwarzen Komödien mit jeder Menge absurdem Humor regelmäßig in die Verzweiflung und an den Rand des Abgrunds oder sogar darüber hinaus.

Steinke (Rolf-Jürgen Gebert) ist eines dieser wunderbaren Exemplare, der vom Wahnsinn des Alltags und den sozialen Auswüchsen unserer Gesellschaft deformierten Bukowski`schen Gestalten, die sich nur noch über ihren Job definieren und ihr gesamtes Leben diesem ohne Rücksicht unterordnen. Argwöhnisch beäugt Steinke alles, was nicht in seinen Karriereplan passt und verkennt außerhalb seiner gewohnten Umgebung selbst die gut gemeinten Bemühungen seiner Frau (Sigrun Fischer) und hält die sanft erzwungene Auszeit natürlich für ein abgekartetes Spiel, ihm den „Goldenen Handschlag“ so leicht wie möglich zu machen. Die ebenfalls nicht ganz freiwillig mitgekommene Tochter Miriam (Johanna Emil Fülle) und ihr plötzlich auftauchender Freund Carlo (Oliver Seidel) tun ihr Übriges zur Verstimmung Steinkes. Erstmals wirklich auf sich selbst geworfen, versucht er alles, um seine lange vernachlässigten Familienverhältnisse wieder in den Griff zu bekommen. Ohne Handy, E-Mail und sonstige Verbindungen zur Außenwelt und auf einen ihm merkwürdig erscheinenden, völlig geerdeten Einheimischen angewiesen, entwickelt Steinke aber nicht etwa den von der Familie ersehnten Hang zur Natur, sondern eine ausgewachsene Paranoia.

Da Steinke alles, inklusive Extremwandertour, so macht, als wäre er im für ihn völlig normalen täglichen Konkurrenzkampf, muss erst der harmlose Bayer Matti (Michael Becker) als vermeintlicher Firmenspion dran glauben und danach nimmt er seine Sippe samt Schwiegersohn in spe auch noch in Geiselhaft, um ihr die Vorzüge seines neu erwachten Familienverständnisses nahe zu bringen. Das stößt natürlich auf wenig Gegenliebe und der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, bis zum bitteren Ende. Bei Bukowski geht das natürlich nicht ohne den nötigen Witz und Spaß an der Übertreibung ab. Regiealtmeister Peter Kupke ist es zu verdanken, dass das nie in den blanken Klamauk abdriftet, sondern in seiner ganzen Drastik trotzdem glaubhaft bleibt. Das mit Wohncontainer sparsam eingerichtete Bühnenbild lenkt durch den fehlenden Naturalismus nicht vom eigentlichen tieferen Sinn des Stückes ab und kann auch mal als Berggipfel bestiegen werden. Rolf-Jürgen Gebert als Kontrollfreak Steinke und Sigrun Fischer als dessen Frau mit Sinn für Romantik, genauso wie für die harte Realität, überzeugen ebenso, wie die Darsteller der aus ihrer anfänglichen Coolness gekippten Jugendlichen.

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Weill.Familie.Brecht – Einige Lebensweisheiten von Bertolt Brecht zum Thema Liebe und Lust mit Musik von Kurt Weill

Nachdem Mario Holetzeck Bertolt Brecht zu Beginn des Abends in seiner „Kleinbürgerhochzeit“ im Schrank eingesperrt hatte, ließ er ihn in Gestalt von Schauspieler Kai Börner am Ende des Spektakels wieder frei. Mit Schiebermütze, Lederjacke und Zigarre steht er auf der Bühne und führt durch einen Reigen von bekannten Brechtbonmots, Gedichten und Liedern zum Thema Liebeslust und -leid. Das gesamte Ensemble gibt sichtlich gut gelaunt ein paar Songs aus der „Dreigroschenoper“, der „Hauspostille“, und einige Dirnenlieder von Brecht/Weill zum Besten. Der „Barbara-Song“ steht neben der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ und der „Zuhälterballade“. Bizarres und frivoles gibt es mit dem Lied von „Jakob Apfelböck“, einem Gedicht „Über die Verführung von Engeln“ sowie Nanas und Baals Lied.

Hier konnten alle Beteiligten mal wieder unter Beweis stellen, dass das Schauspielensemble durchaus in der Lage ist, am Cottbuser Drei-Sparten-Haus musikalisch mitzuhalten. Besonderes Talent beweisen u.a. Roland Schroll mit einer jazzigen Interpretation der Marie A. zur Gitarre und Johanna-Julia Spitzer mit einem stimmgewaltigen Solo des „Surabaya Johnny“. Auch der Herr Keuner darf natürlich nicht fehlen, und da der Mensch mit seinen Fehlern, bei aller Liebe wohl ein ewiger Entwurf bleiben wird, ist der gute alte Brecht auch nach wie vor sehr aktuell. Ein versöhnlicher Ausklang eines kurzweiligen Abends, der nicht in allen Teilen gelungen war, aber Lust auf mehr macht und demnächst vielleicht auch wieder in einer angenehmeren Jahreszeit die Leute fürs Cottbuser Theater erwärmen kann. Das Wiederauflebenlassen der alten Tradition der Cottbuser Theaterspektakel ist zumindest ein richtiger Schritt hin zur großen Theaterfamilie.

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Der Deutschen Kunst. Der Jugendstilbau am Schillerplatz von Architekt Bernhard Sehring (1855-1941), fertiggestellt 1908.

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Warten auf die Änderung – Ein Demokratieseminar mit der „Orestie“ von Aischylos in der Regie von Christian Schlüter.

Eine Empfehlung noch zum Schluss. Im weiteren Sinne gehört „Die Orestie“ von Aischylos ja auch zum großen Themenschwerpunkt Familie. Breits im Oktober 2011 hatte die Inszenierung von Christian Schlüter, Oberspielleiter Schauspiel am Theater Bielefeld, am Staatstheater Cottbus Premiere. Die sieben Darsteller Laura Maria Hänsel, Johanna-Julia Spitzer, Susann Thiede, Gunnar Golkowski, Amadeus Gollner, Oliver Seidel und Arndt Wille sitzen zu Beginn an Tischen und skandieren immer wieder einzeln oder chorisch die Worte: „Ich bitte um eine Änderung. Sie muss kommen. Jetzt soll sie kommen, die Änderung.“ Es geht um die Durchbrechung des blutigen Kreislaufs aus Gewalt und Tod infolge des Familienfluchs der Atriden und mündet schließlich bei Aischylos in die Geburtsstunde der Demokratie.

Zuvor müssen aber alle noch einmal die immer gleichen Stationen der alten Tragödie durchlaufen, von der Verkündigung des Sieges vor Troja durch den Herold (aus der Menge gestoßen Oliver Seidel), über die Heimkehr des griechischen Feldherrn Agamemnon (majestätisch Gunnar Golkowski) mit seiner Beute Kassandra (traumwandlerisch schicksalserkennend Laura Maria Hänsel) und den Verwünschungen der Klytaimestra (eiskalt Susann Tiede), die mit ihrem Liebhaber Aigisthos (verschlagen Amadeus Gollner) den verhassten Gatten im Bade ermordet, um nachher wiederum von ihrer Tochter Elektra (apathisch zugeknöpft Johanna-Julia Spitzer) und dem Sohn Orestes (ungestüm getrieben Arndt Wille) umgebracht zu werden. Christian Schlüter lässt seine auf 2 ½  Stunden konzentrierte Fassung (Übersetzung von Peter Stein) vor und auf der Bühne spielen, die aus einer rotierenden Scheibe, gleich einem Opferstein, gebildet wird.

Auch Orestes kann dem Fluch nicht ausweichen, von der Erinyen geplagt flüchtet er sich zum Tempel der Schutzgöttin Athene. Die Erinyen werden hier von allen übrigen Darstellern mit Masken gespielt. Nach der Pause nähert man sich spielerisch wie auf einer Probe dem Gefühl und Aussehen dieser furchtbaren Rachegöttinnen. Es beginnt nun in aller Ausführlichkeit die Gerichtsverhandlung, in der die Erinyen ihr angestammtes Recht auf Blut fordern und Apollon (Gunnar Golkowski) im Anzug mit Aktenköfferchen den Anwalt Orestes gibt. Mit Versprechungen und Privilegien werden die Erinyen schließlich besänftigt und durch den Trick der Athene (Laura Maria Hänsel) entmachtet. Ihr bleibt das letzte Wort, nachdem auch das Publikum zur Abstimmung über das Schicksal Orestes aufgefordert wurde. Bei Stimmengleichheit entscheidet sie zu Gunsten des Sohnes gegen die Mutter, da sie nicht von einer Mutter geboren wurde und den männlichen Anteil an der Zeugung für höher erachtet.

Wenn auch etwas bemüht schulmeisternd, ist dieser Schluss nicht ganz ohne Ironie, zeigt er doch die Tücken der Demokratie und die für das Volk schier undurchschaubaren Interessenskonflikte, die auch heute noch bei der Entscheidungsfindung der Parlamente vorherrschen. Und so befindet man sich am Ende des Abends auch wieder am Anfang. Alle sitzen wie zuvor an den Tischen und klagen das Kommen der Änderung ein. Man muss keine acht Stunden, wie bei Peter Stein, tun, leiden, lernen, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, man kann auch, wie in Michael Thalheimers resignativ blutiger Orestie, das Demokratieschwänzchen einfach weglassen. Aber es geht auch so und für den Nachhauseweg gab es einen Stimmstein für jeden Zuschauer als kleines Andenken oder auch Stein des Anstoßes mit nach Hause.

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Termine:

  • „FamilenBande – Ein Spektakulum“ wieder am 08.02., 18.02., 28.02.,  22.03. und 23.03.12 jeweils von 19:00 Uhr bis ca. 23:15 Uhr
  • „Die Orestie“ wieder am 12.03.12 um 16:00 Uhr sowie am 02.03. und 20.03.12 um 19:30 Uhr

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