Dem Theater im Schokohof fehlen bald die Räume, dem Theater unterm Dach fehlt jetzt schon das Geld – Letzte Premieren aus dem bedrohten Berliner OFF

Am TISCH feiert Fränk Heller mit SPANNER! nach Lorcas „El Publico“ Lust und Leid zweier Theaterverrückter

Im Hof der Ackerstraße 169/170, Heimstatt des alternativen Wohn- und Kunstprojekts Schokoladen e.V. in Berlin-Mitte, befindet sich das Theater im Schokohof (TISCH), einigen auch noch gut bekannt als Orphtheater. Im Jahr 1990 gegründet, musste es sein Bestehen schließlich 2008 aus Mangel an öffentlicher Förderdung einstellen. Seit 2002 leitete der Schauspieler Matthias Horn, in der freien Berliner Theaterszene bestens bekannt (u.a. Hexenkessel Hoftheater), das Orphtheater bis zu seiner endgültigen Auflösung. Danach hob er das TISCH aus der Taufe und stellte die Räume wieder Projekten der freien Szene als Spielstätte zur Verfügung. Es gab hier in den letzten Jahren viele interessante Produktionen nationaler wie internationaler OFF-Theatergruppen sowie der freien Tanz- und Performanceszene zu sehen. Nun ist auch dieses Projekt in seiner Existenz bedroht, denn dem Schokoladen e.V. droht nach einer Klage des Eigentümers, der in erster Instanz vom Amtsgericht Berlin stattgegeben wurde, die Räumung. Der Gerichtsvollzieher, wie einige Berliner Zeitungen diese Woche meldeten, ist mit dem Räumungstitel bereits für 22.02.12 angekündigt. Neben dem Schokoladen selbst, stehen nun das TISCH, der Club der polnischen Versager sowie einige Künstlerateliers und Tonstudios vor dem Aus. Letzte Hoffnung für die Betroffenen ist, das ein Deal mit dem Eigentümer zur Kompensation doch noch zustande kommt. Die 60 Grundstücke, die bisher vom Liegenschaftsfond angebotenen wurden, haben ihm jedoch nicht zugesagt. Um den Druck zu erhöhen, zog das in Trier ansässige Familienunternehmen vor Gericht.

schokooaden.JPG Foto: St.B.
Geht hier bald ganz das Licht aus? Der Schokoladen in der Ackerstraße.

Unter diesen erschwerten Bedingungen schafft es das TISCH aber immer noch, bis zu drei Produktionen im Monat auf die kleine Bühne in der Werkstatt des Hinterhauses zu stellen. Am 1. Februar hatte hier die Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Fränk Heller von der Kreuzberger Theaterakademie Premiere. Er suchte sich dafür das kaum gespielte Stück „El Publico“ des Spaniers Federico García Lorca aus. Heller hat Lorcas im Madrider Theatermilieu der 30er Jahre angesiedelte surrealistische Farce überarbeitet und brachte sie nun unter dem Titel „SPANNER!“ mit Berliner Schauspielstudenten neu heraus. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierender wie abstoßender Reigen aus Obsessionen, Travestie und ausgestellter Eitelkeiten, genau wie es Lorca auch vorgeschwebt haben dürfte. An eine Aufführung hatte er allerdings selbst nicht geglaubt, da „…es weder eine Truppe gibt, die sich an eine Inszenierung wagt, noch ein Publikum, das es ohne Unwillen hinnimmt – einfach, weil es der Spiegel des Publikums ist.“ (Suhrkamp Verlag) Eine Abrechung mit dem herkömmlichen bürgerlichen Theater und seinem saturierten Publikum hatte Lorca dabei im Sinn.

Spanner! am TISCH - Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Spanner! am TISCH
Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Heller gelingt es dennoch die Bilder in Lorcas Kopf adäquat auf die Bühne zu transformieren. Von Beginn an ist der Zuschauer als ungeliebter notorischer Voyeur mit einbezogen. Man betritt das Theater durch den Nebeneingang und wird sofort hinter den Vorhang verwiesen, mit der Aufforderung ja nichts zu berühren oder gar zu stören. Der schwule Theaterdirektor Enrique will nicht mehr provozieren und lieber mit gefälligen Shakespeareinszenierungen das große Publikum erreichen. Sein Ex-Lover, der Regisseur und Autor Gonzalo, reißt ihn aber aus seiner wohligen Bequemlichkeit, indem er das totale Theater propagiert und damit den alten Bühnenschreck in Enrique neu erweckt. Das erschüttert auch die kleine Theaterwelt um die beiden Egomanen, Ränke und Eifersüchteleien brechen sich Bahn. Die Proben zur Aufführung einer Trashversion von „Romeo und Julia“ bringen das kleine Theaterensemble schließlich an den Rand des Wahnsinns. „Man muss das Theater zerstören oder im Theater leben!“ Diesen Spagat führen uns die Schauspieler mit viel Lust und Schmerz vor Augen. Vom großen Theaterpathos bis zur mit Wonne zelebrierten Selbstzerstörung inklusive blasphemischer Kreuzigungsszene reicht dabei das Repertoire, doch der Vorhang muss jeden Abend für das nach Sensation gierende Publikum wieder hochgehen. Bleibt zu hoffen, dass er das im TISCH nach dem 22.02.12 auch noch weiterhin tun wird. Denn nur hier ist auf Dauer Platz für solche zarten surrealen Theatergewächse, die eines besonders geschützten Raumes bedürfen.

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Mit friedlichem Protest und Melvilles „Bartleby“ – Das Theater unterm Dach im Notbetrieb

Der Kulturstandort am Ernst-Thälmann-Park in dem sich das Theater unterm Dach befindet besteht bereits seit 1986. Er umfasst weiterhin den Veranstaltungsort „Die Wabe“, die kommunale Galerie parterre und einige Kunstwerkstätten. Die Einrichtungen stehen alle unter der Trägerschaft des Stadtbezirks Berlin-Pankow. Der Bezirk hat nun mit Wirkung zum 1. Februar die Finanzierung eingestellt. Seitdem werden keine Gelder mehr für Produktionen und Künstlergagen bezahlt. Am 15. Februar diskutiert die BVV in der Fröbelstraße um die Ecke den Doppelhaushalt 2012/2013 für den Bezirk Pankow. Dann wird sich vermutlich auch das weitere Schicksal der Künstler am Thälmann-Park entscheiden. Ein Aktionsbündnis Berliner Künstler hat daher zu einer Protestaktion vor dem Bezirksamt in der Fröbelstr. 17, Haus 7, BVV-Saal aufgerufen, denn es geht auch um die Zukunft weiterer kultureller Einrichtungen des Bezirkes Pankow. Im Internet kann man sich mit der Unterschrift einer Onlinepetition an dem Protest beteiligen. Bis dahin fährt man einen Notbetrieb und im Theater unterm Dach geht nach jeder Vorstellung der Hut rum.

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Das Theater unterm Dach am Ernst-Thälmann-Park

Passend zur Situation hatte hier am 9. Februar das Stück „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ nach Herman Melville in einer Bearbeitung von Kai Gero Lenke Premiere. In Melvills Erzählung aus dem Jahr 1853 beschreibt ein älterer Rechtsanwalt ohne besonderen Ehrgeiz seine merkwürdige Begegnung mit dem Schreiber Bartleby, den er für das Kopieren von Schriftsätzen eingestellt hatte. Der erst sehr beflissene junge Mann verweigert sich nach und nach mit den Worten „Ich möchte lieber nicht.“ den Weisungen seines Bosses, bis er sich schließlich ganz in der Kanzlei zurückzieht und jegliche Verrichtung von Arbeit aufgibt. Der Anwalt erst erstaunt über diese Weigerung, erliegt schließlich aber der völlig friedfertigen Gegenwehr Bartlebys und entwickelt sogar Sympathie für den Sonderling. Er zieht schließlich selbst aus dem Büro aus und lässt Bartleby gewähren. Das tragische Ende Bartlebys wird in der Inszenierung von Luzius Heydrich am TuD in einer Koproduktion mit dem Zimmertheater Tübingen nur angedeutet. Von Interesse ist hier eher, dass Bartleby mittlerweile zum Symbol der Occupy-Wall-Street-Bewegung geworden ist.

Die Inszenierung ist in Ton und Kostümen ganz in historischem Gewand. Als Requisit der Occupy-Bewegung sind nur die weiße Guy-Fawkes-Maske  anwesend und vom Band eingespielte Sprechchöre zu vernehmen. Das Bühnenbild besteht aus einem klaustrophobischen Kasten aus Holzlatten, der mit milchiger Folie bespannt ist, an der sich Schatten bilden und Bartleby (Johannes Karl) imaginäre Zahlenreihen schreibt. Der Boss (Endre Holéczy) sitzt an einem Tisch und hat die Verantwortung und Textlast der Erzählung zu tragen. Die drei anderen Kanzleiangestellten Turkey, Nippers und den Lehrling Ginger Nut gibt er ebenfalls mit verstellter Stimme und asthmatischem Hüsteln. Bartleby entzieht sich den angestammten Ritualen, nimmt nur die angebotenen Ginger Nut Biscuits und steckt sie verstohlen in die Westentasche. Der Boss ist dem rätselhaften Verhalten Bartlebys vergeblich auf der Spur, seine unerklärliche existenzielle Selbstauslöschung wird auch hier nicht geklärt. Im Spiel verdeutlicht sich aber die Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander, wenn z.B. der Boss Bartleby auf dem Rücken trägt oder sich in einer Tanzsequenz die gestörte Harmonie zeigt. Die Folienwand beginnt immer durchlässiger zu werden, bis sie letztendlich vom Boss durchbrochen wird. Das sanfte Beharren auf einer einmal eingenommenen Position kann sich also durchaus lohnen, auch im Fall des weiteren Bestehens des Theaters unterm Dach.

dsc06184.JPG Foto: St. B.

Termine unter: www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Bartleby wieder am
Do 01.03.12, 20 Uhr
Fr  02.03.12, 20 Uhr
Sa 03.03.12, 20 Uhr
So 04.03.12, 20 Uhr

Solidaritäts-Gastspiel: Theater unterm Dach
29.02.12, 19.00 in der Box des Deutschen Theaters
UNTERTAN – „Wir sind Dein Volk“
nach dem Roman ‚Der Untertan‘ von Heinrich Mann
Regie: Anja Gronau

nächste Termin im TISCH:

MARRAKESCH
16. bis 19.02.12, 20:00 Uhr
„Kollektiv Schluß mit ohne“
ein Zusammenschluß freischaffender Theaterprofis

ZWISCHEN STÜHLEN
Uraufführung von Volker Eisenach
23. – 26.02.12, 20 Uhr
01. – 03.03.12, 20 Uhr
08. – 11.03.12, 20 Uhr

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