VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil1)

„Erst wenn eine Gesellschaft so regressiv ist, daß sie den Menschen das Wünschen abtrainiert, ist das Ziel der Mächtigen erreicht.“ Thomas Brasch

Wenn im folgendem hier gleich zweier liebgewonnener deutscher Theaterberserker gedacht werden soll, denen die Berliner Theater in dieser Spielzeit ganze Wochenenden eingerichtet haben, darf man natürlich einen nicht vergessen. Thomas Langhoff, der Ex-Intendant des Deutschen Theaters, der, seit er dort nicht mehr inszenieren konnte, am Münchner Residenztheater bei Dieter Dorn und am Berliner Ensemble bei Claus Peymann eine neue Bühnenheimat fand, ist 73jährig am 18. Februar gestorben. Auf der Bühne des BE wurde gerade seine letzte Inszenierung gespielt, Tschechows „Kirschgarten“. In diese Arbeit hatte er noch einmal all seine verbliebene Kraft und Erfahrung gesteckt. Ein merkwürdig ruhiger und melancholischer Abgesang an vergangene Zeiten, der dennoch nicht gestrig wirkte. Sein stilles Vermächtnis nach immerhin knapp 50 Jahren als Theaterregisseur.

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Thomas Langhoff (08.04.1938 – 18.02.2012)

Begonnen hatte der Sohn von Theaterlegende Wolfgang Langhoff in den 60er Jahren als Schauspieler in Potsdam und kam übers Fernsehen schließlich als Regisseur zum Theater nach Berlin. Seine Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow brachte er 1979 gleich am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Frankfurt a.M. heraus. Theatergeschichte schrieb Thomas Langhoff dann 1988 mit der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun am Maxim-Gorki-Theater. Seit den 80er Jahren inszenierte er auch häufig im Westen. Mit Ibsen, Hauptmann, Brecht und Tschechow stellte Langhoff immer wieder die Probleme der bürgerliche Gesellschaft hüben wie drüben auf die Bühne. Und so pendelte er seit Jahren zwischen Ost und West, als wäre da nie etwas Trennendes gewesen. Mehrere Einladungen zum Berliner Theatertreffen waren die Folge.

Seit 2010 hat er es gewusst, dass es ihm wie dem Jürgen Gosch ging. Zwei Inszenierungen, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams und besagter „Kirschgarten“ von Anton Tschechow, entstanden dann noch unter seiner Regie am BE. Dafür holte er auch ehemalige DT-Stars wie Dagmar Manzel und Robert Gallinowski ans Berliner Ensemble. Eine mit Sicherheit bemerkenswertere Inszenierung ist Thomas Langhoff aber Anfang 2010 mit Gorkis „Nachtasyl“ gelungen, in der auch seine langjährigen Weggefährten Alexander Lang und Christian Grashof mitwirkten. „In das, was man liebt, legt man seine Seele …“ sagt dort Christian Grashof als Luka, das gilt insbesondere auch für Thomas Langhoff. Es hätte ihn sicher gefreut, noch erleben zu können, dass sein Sohn Lukas Langhoff, der die Familientradition als Regisseur weiterführt, mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist.

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„Vor den Vätern sterben die Söhne“ / „Mercedes“ – Manfred Karge und Philipp Tiedemann erinnert am Berliner Ensemble an Thomas Brasch

Maxim Gorki wird im März auch wieder auf dem Spielplan des Berliner Ensembles stehen. Manfred Karge wird das Drama „Wassa Shelesnowa“ inszenieren. Im letzen November zu Beginn der Spielzeit widmete er sich aber dem 2001 verstorbenen und dem BE sehr verbundenen Theaterautor, Lyriker und Filmregisseur Thomas Brasch. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt ein 1977 erschienener und recht erfolgreicher Prosaband mit einer ungewohnt direkten, revoltierenden Attitüde. Eine Bestandsaufnahme der Sicht junger DDR-Bürger auf das Land ihrer Väter, in dem es für sie keine Ziele und Freiheiten mehr gab. Manfred Karge hatte bereits in den 80er Jahren in Bochum Stücke von Thomas Brasch inszeniert, ist also prädestiniert in einer Hommage an den früh verstorbenen Autor zu erinnern. Er tut dies ganz als der wissende Onkel, am Lesetisch sitzen, mit dem Bild Braschs vor sich.

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Thomas Brasch, 1993 – Foto: Marion Brasch (wikimedia commons)

Zur Unterstützung hat sich Karge die jungen Schauspielstudenten Johanna Griebel, Patrick Bartsch und Andy Klinger geholt. Zu Beginn verliest er andächtig den Brief des linientreuen Vaters an den Sohn in der Kadettenschule. Thomas, der den Wunsch geäußert hatte Schriftsteller zu werden, bekommt vom Vater den guten Rat sich das nötige Rüstzeug beim Lernen im sozialistischen Kollektiv der Kadettenschule zu holen und erst mal die Laufbahn des Offiziers einzuschlagen und legt ihm auch noch die Lektüre von Scholochow ans Herz. Das wird es wohl nicht gewesen sein, was Thomas Brasch damals hören wollte, seine Entwicklung ging bekanntlich auch in eine andere Richtung.

Die von den Studenten stehend, wie vor einer Art Anklagetribunal an ein Geländer gelehnt, wechselnd oder im Chor vorgetragenen Texte, haben mit dem titelgebenden Prosawerk nicht viel zu tun. Es ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus dem Versstück „Papiertiger“ von 1977, dem „Mörder Ratzek“ aus dem Gedichtband „Der schöne 27. September“, der Satire „Kasimir und Margarete“ aus der sozialistischen Produktion und als Rahmen den Bauerkriegstext „Hahnenkopf 1525″, den Karge mit sämtlichen Punkten und Kommata vorträgt. Zum Schluss gibt es noch Auszüge aus dem Künstlerdrama „Lieber Georg“ über den tragischen Tod des jungen expressionistischen Dichters Georg Heym und das Gedicht „Kassandra“, erstmals 1977 erschienen in „Kargo“. Eine Klage in 8 Strophen über die Unmöglichkeit eines selbstbestimmtes Lebens und die Flucht in den Traum, Tod oder wie Brasch selbst in den Westen. Kassandra in der Resignation, als Wodkatrinkende Seherin, die schließlich das Eintreffen der Prophezeiung nicht mehr erwarten kann und der U-Bahn in der Schönhauser Allee entgegenschwankt.

Die jungen Schauspieler tragen das mit einigem Furor und mit der Attitüde der jugendlichen Empörung vor, die Brasch zu seiner Zeit sicher anhaftete. Für die passende Bebilderung laufen Videofilme im Hintergrund. Karge bricht mit seinem Erinnerungsabend nicht im dünnen Eis vergangener Tage ein, aber er kommt auch nicht über den Stand einer szenischen Lesung hinaus. Thomas Brasch konnte nicht raus aus seiner Haut. Eine neue hat er nie bekommen. Hier wird sie leider auch nur mit Sprechblasen gefüllt. „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ Die Frage bleibt offen. Wer Thomas Brasch nicht kennt, wird ihm hier nicht näher kommen. Karge legt den Fokus auf das Scheitern eines unverstandenen Künstler, der sich vergeblich an einem ihm feindlich gesinnten System abarbeitet. Darstellerisch kann der Abend da nicht überzeugen. Aber es lohnt sich trotzdem, einfach nur zuzuhören und die Texte auf sich wirken zu lassen.

Einen vermeintlichen Clou hält Philipp Tiedemann mit seiner Inszenierung des 1983 uraufgeführten Stücks „Mercedes“ bereit. Er besetzt die beiden Hauptrollen mit Swetlana Schönfeld und Dieter Montag deutlich älter als im Original. Nun ist das Stück ja mittlerweile auch in die Jahre gekommen und der Autor wäre ungefähr im Alter der Schauspieler. Es hätte auch einen gewissen Reiz, wenn Tiedemann damit ein plausibles Ziel verfolgen würde. Er (Sakko) arbeitsloser Überführer von Mercedes-Luxuskarossen trifft Sie (Oi), die sich als Gelegenheitsprostituierte und -diebin durchschlägt. Machoimponiergehabe gegen ungezwungene Lebenslust, Brasch lässt die beiden in einer Art Straßenjargon, heute würde man sagen Jugendsprech aufeinanderprallen und aneinander vorbei parlieren. Ihre Träume werden durch die Realität ausgebremst, das endet mit dem Griff zum Hammer. Bei Tiedemann wirken die beiden wie lebende Anachronismen, übriggebliebene Dinos in einer Welt, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Vermutlich eine Konzession ans ebenfalls in die Jahre gekommene BE-Publikum.

Schönfeld und Montag berlinern sich lustig durch den Text, der vorzugsweise mehrfach wiederholt wird, und hetzen dabei durch eine Art Guckkastenbühne, die sich wie ein Fokus rahmenartig nach hinten verengt. Das kommt Tiedemanns Hang zum Kasperletheater sehr entgegen. Bei Suhrkamp heißt es über „Mercedes“, das Stück oszilliere zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk. Bei Tiedemann sind Traum, Trauma und jegliche Poesie gestrichen, wie auch die philosophierenden Zwischenmonologe der beiden Protagonisten. Tiedemann ebnet mit seiner gefälligen Inszenierung den Irrsinn ein und umschifft alle Abgründe direkt in den Klamauk. Man muss konstatieren, dass die Wiederbelebung des Autors Brasch für die Bühne hier misslungen ist. Der Patient bleibt komatös und dämmert weiter, eingeliefert ins Theatermuseum BE.

23.30 MEZ

Das kalte Licht verschwimmt
zur Mauer übern Fluß.
Die Hure flucht und krümmt
sich unterm Kuß.

Danton

Der Held auf der Bettkante. Was
er seinen Feinden entriß, haben seine Freunde
schon unterm Nagel: ihn.

So ist es, bleibt auch so. Bis
sie mich holen und reißen mir den Kopf vom Hals,
Für weniger als nichts: Für ihre neue Welt.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Literaturempfehlungen:

  • Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355
  • Lovely Rita, Lieber Georg, Mercedes (Stücke), Taschenbuch Henschelverlag (1988), nur gebraucht erhältlich
  • Theater heute: 8 Stücke inkl. Braschs „Mercedes“, Suhrkamp Taschenbuch (1985) nur gebraucht erhältlich
  • Liebe Macht Tod, nach Romeo und Julia, Stücke und Materialien, Edition Suhrkamp 3415
  • Frauen. Krieg. Lustspiel, Edition Suhrkamp 1469
  • Lovely Rita, Rotter, Lieber Georg, Drei Stücke, Edition Suhrkamp 1562
  • Kargo, 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. Gedichte, Kurzstücke und Prosa, Suhrkamp (1977), nur gebraucht erhältlich
  • Der schöne 27. September, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 1373
  • Mädchenmörder Brunke, Suhrkamp Taschenbuch 3195
  • Reihe Spectaculum: Nr. 26 mit dem Stück „Papiertiger“, Suhrkamp (1977); Nr. 28 mit dem Stück „Lovely Rita“, Suhrkamp (1978); Nr. 37 mit dem Stück „Rotter“, Suhrkamp (1983); Nr. 50 mit dem Stück „Frauen. Krieg. Lustspiel“, Suhrkamp (1990)
  • Thomas Brasch, »Ich merke mich nur im Chaos«, Interviews 1976–2001, Suhrkamp (2009)
  • Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer (2012)
  • Filme: Engel aus Eisen, Domino, Mercedes, Der Passagier, DVD-Box (2010)

Asche und Diamanten

Geh nicht weg, sagt sie.
Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht mehr ist, wie sie nie war.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Teil 2: Einar Schleef

Teil 3: Heiner Müller

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