VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil 2)

„…die Droge bin ja ich.“ – Armin Petras spielt Goethes „Faust I“ , inspiriert von Einar Schleefs „Droge Faust Parsifal“.

„Man muß nur zu den Ursprüngen unserer Kunst- und Theatervorstellungen zurückgehen, zu Aischylos, Sophokles, Euripides, und was findet man da? Da steht: Chor, Chor, Chor. Oder gehen Sie heute abend in die Oper: Da brüllen gleich 150 Menschen auf einmal „Ave Maria“ oder „Friede“ oder „Othello, wo bist du?“. Der Chor ist das zentrale Formmittel – im Schauspiel genauso wie in der Oper. Bei Kleist, Büchner und Goethe ist dauernd von Menge, Masse oder Volk die Rede; noch am Schluß von „Faust II“, wo ja angeblich vom Individuum erzählt wird, finden Sie massenhaft Chorgruppen. Daß das auf der Bühne nie populär war, ist doch klar, weil alle diese chorischen Werke politische Themen behandelt haben. Und die wollte man ausklammern.“ Einar Schleef im Spiegelinterview (Mai 1998)

Einar Schleef: Droge Faust Parsifal droge-faust-parsifal.jpg
Suhrkamp Verlag, Erschienen 1997, Broschur, 504 Seiten

In seinem 1997 erschienenen Monumentalwerk „Faust Droge Parsifal“ reflektiert Einar Schleef die gesamte abendländische Theatergeschichte aus eigener Sicht. Angefangen beim Antiken Chor über die Ausstoßung des Einzelnen bei Shakespeare, bis zur deutschen Klassik, die Shakespeares Individualisierung mit dem Chor-Theater der Antike wieder zu verbinden sucht. Hierbei hatte es Schleef vor allem der Faust von Johannn Wolfgang von Goethe angetan, über den er seitenlang These an These reiht. Im Mittelpunkt von Schleefs Überlegungen steht dabei die sogenannte ritualisierte Drogeneinnahme, durch die sich das Individuum mit einer bestimmten Gruppe/Chor identifiziert und verbindet. Ausgehend vom Abendmahls-Motiv mit der Drogeneinnahme Leib und Blut Christi, und dem anschließenden Verrat der Gruppe am Individuum, untersucht er Goethes Faust und weitere Klassiker des Sprech- und Musik-Theaters wie Richard Wagner, Gerhart Hautmann oder Heiner Müller auf den Chorgedanken in ihren Werken.

Was ist genau dies Droge und was bewirkt sie für die Gemeinschaft und das Individuum? Für Schleef ist es der Utopiegedanke, seine Verteidigung, sein Verrat und schließlich die Pervertierung, wie bei Heiner Müllers beschrieben. Armin Petras, der sich schon mehrfach mit Schleefs Prosastücken beschäftigt hat, versucht nun Schleefs Thesen wieder zurück auf den ursprünglichen Untersuchungsgegenstand Faust zu werfen, um damit sozusagen des Pudels Kern zu treffen. Dabei muss man unweigerlich an Martin Wuttkes Inszenierung von „Gretchens Faust“ am BE denken, in der Faust im Drogenwahn sich einem ganzen Chor von Gretchens gegenübersieht. Das Publikum kann hier auch direkt an der kollektiven Drogeneinnahme teilhaben. Armin Petras interessiert sich in seiner Faust-Version nicht so sehr für den Chorgedanken, sondern mehr für das Einzelwesen, seine Sehnsüchte und innere Zerissenheit. Und damit befindet er sich durchaus auch auf Schleefs Spuren.

„…die Droge bin ja ich. Der Monolog ist Droge, nur in ihm überlebt die dramatische Figur. Denken ist Droge, Erinnern ist Droge.“ Einar Schleef

Petras Faust I-Fassung „Droge Faust“ in Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig, wo die Inszenierung bereits im letzten Jahr Premiere hatte, ist nun seit Ende Februar im Studio des Maxim Gorki Theaters zu sehen. In einer Art Versuchsanordnung unter verschärften Laborbedingungen, experimentieren die drei Schauspieler Anja Schneider, Thomas Lawinky und Berndt Stübner mit Goethes „Faust I“. Das Labor ist hier Fausts Studierstube, die mit allerlei rauscherzeugenden Substanzen ausgestattet (von Patricia Talacko) wurde, die auf einem Tisch vor Berndt Stübner stehen, der sich aber lieber einen rauschfreien Tee macht. Anja Schneider und Thomas Lawinky dringen wie zwei ehrfürchtige Studiosi in dieses leicht verstaubte Refugium ein und beginnen nach und nach mit ihrem erworbenen Wissen zu protzen. Anja Schneider trägt dabei Passagen aus Schleefs Buch vor und Lawinky beginnt erste Drogenerfahrungen zu machen, indem er sich den Inhalt einer Whiskeyflasche einverleibt und dabei bekannte Faustmonologe zerkaut und wieder auskotzt. Später wird er noch einen starken Tabletten-Alkoholcocktail zu sich nehmen. Die Wirkung setzt dann auch sofort ein und die Szenen verdichten sich zu einer Spielhandlung, in die Berndt Stübner als Mephisto einsteigt und Anja Schneider schließlich den Part des Gretchens übernimmt, zu der sich Faust bekanntlich nach der Potenz- und Verjüngungsdroge hingezogen fühlt. Gemeinsam mit Mephisto wird er nun von Drogeneinnahme zu Drogeneinnahme eilen, immer auf der Suche nach dem neuen Kick.

droge-faust_gorki.jpg Droge Faust
(Anja Schneider, Berndt Stübner, Thomas Lawinky)
© R.Arnold/Centraltheater

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Neuinterpretation des Fauststoffs, wenn man das so sagen darf, ist Armin Petras Versuch zu zeigen, was die Beteiligten tatsächlich geistig wie körperlich durchleben. Fausts plötzliche Lust am Leben, die er als elitär Außenstehender bereits im Osterspaziergang erstmals verspürt und der Drang mit allen Mitteln in das Gewimmel einzudringen, lässt ihn den dargebotenen Trank willig einnehmen. Den passenden Film samt Soundtrack liefern Videoeinspielungen (von Rebecca Riedel) der aufkeimenden Natur, von Pilzen, Fröschen im Flug und anderen Bilderräuschen sowie rockige Rhythmen zu denen Lawinky konvulsivisch zu zucken beginnt. Auch Gretchen wächst hier über sich hinaus und nimmt am Rausch teil. Anja Schneider emanzipiert die an ihrer großen Leidenschaft Verzweifelnde, die ihr Glück einfordert. Petras macht dabei aus Schleefs Theorien zur kollektiven Drogeneinnahme eine partylaunige Beziehungsshow, die aber nie wirklich zu einem vollen Kunstrausch der Sinne führt. Es ist auch mehr ein Petras- als ein Schleef-Rausch. Das Experiment bleibt was es ist, eine spielerisch heraufbeschworene Welt im Reagenzglas, das von den Schauspielern, allen voran Anja Schneider, aber immerhin mit einigem Lebenselixier gefüllt werden kann. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist letztlich die Lust am Leben und am Rausch der Liebe, was Faust nicht zu erlangen vermag, und damit eine schöne Schleef-Petras`sche Gretchen-Utopie bleibt, ein rauschbeschwörendes Vorspiel am Theater.

„Einsam sein ist, wenn man von den anderen verlassen wird. Allein sein heißt, dass man sich von den anderen entfernen kann – und allein ist es traumhaft.“ Einar Schleef


Literaturhinweise:

„Droge Faust“ am Maxim Gorki Theater wieder am:

Mi 25.04.2012, 20:15 Uhr im Studio
Do 24.05.2012 20:15 Uhr im Studio (zum vorläufig letzten Mal)

Teil 1: Thomas Brasch

Teil 3: Heiner Müller

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