Zweimal Brecht zur Abendunterhaltung (Teil 2) – „Herr Puntila und sein Knecht Matti” am Staatsschauspiel Dresden

„Seit jeher ist es das Geschäft des Theaters wie aller andern Künste auch, die Leute zu unterhalten. Dieses Geschäft verleiht ihm immer seine besondere Würde; es benötigt keinen anderen Ausweis als den Spaß, diesen freilich unbedingt.“ Bertolt Brecht aus „Kleines Organon für das Theater“ (1948)

Diese Feststellung Brechts lässt sich natürlich auch auf seine eigenen Stücke anwenden, allerdings sollte das sicher nicht als Freibrief dafür verstanden werden, dem „Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft“ Vorschub zu leisten oder gar nur dem reinen Klamauk zu frönen. Bertolt Brecht sah in seinem Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ eine gesellschaftliche Komödie, und eben nicht nur das „Ewig Komische“ eines Clownsturzes, der sein gesellschaftliches Element an das schlechthin Biologische verloren hat. „Für Stücke wie den ,Puntila’ wird man nicht allzu viel in der Rumpelkammer des ,Ewig Komischen’ finden.“ Es ist eher das Maßlose eines Baal gepaart mit dem satten Weltschmerz eines Mauler und das Naive einer Johanna mit dem Bauernschlauen eines Schwejk oder einer Courage, was die Figuren des Stücks auszeichnet. „Die Schauspieler, die ,Herr Puntila und sein Knecht Matti’ spielen, müssen die Komik aus der heutigen Klassensituation ziehen, selbst wenn dann die Mitglieder der oder jener Klasse nicht lachen.“ (Bertolt Brecht „Das gesellschaftlich Komische“ in Theaterarbeit 1947-1956) Das Komische, das aus der leuteseligen Art des besoffenen Puntila und den trockenen Reaktionen seines Chauffeurs Matti resultiert, verkrampft zusehends und schlägt schließlich bei Puntila in Katerstimmung und bei Matti in einen finsteren Zorn um. Die Ballance zwischen der reinen Komödie und dem antagonistischen Aufbrechen des symbiotischen Verhältnisses Herr und Knecht ist schwer zu halten. Aber gerade darin liegt die eigentliche Fallhöhe des Stücks, die aus dem Schenkelklopfen erst ein wissendes Lachen des sich Erkennenden macht, auf die Gefahr hin, dass es ihm im Halse stecken bleibt.

dresden_staatsschauspiel_puntila-1.jpg Foto: St. B.
Herr Puntila und sein Knecht Matti am Staatsschauspiel Dresden

Am Schauspiel Köln hat Herbert Fritsch bereits im Januar aus dem Puntila eine Slapstickkomödie und aberwitzig grellbunte Revue gemacht, wie man es schon aus seinen früheren Arbeiten her kennt. Leider setzten ihm hier erstmals auch die Erben Grenzen, die für Fritsch bis dato kein Thema waren. Die Puntila-Inszenierung von Stückekomprimierer Michael Thalheimer dagegen kommt schroff daher und mit stark reduzierter Komik aus. Thalheimer setzt ganz auf die Wucht seines Puntiladarstellers Norman Hacker. Ein Vieh von einem manisch Depressiven, der sich erst im Suff wirklich lebendig fühlt. Zum Nüchternwerden prasseln ganze Sturzbäche von Wasser immer wieder auf ihn nieder. Dagegen steht der Matti von Andreas Döhler mitten im Leben und weiß genau, wie er die menschelnden Anwandlungen seines Herrn zu nehmen hat. Eine wüste, zornige Inszenierung, die auf jegliche naturalistische Landschaftselemente und Pathos verzichten kann. Die Inszenierung des Thalia Theaters in Hamburg von 2009 ist vom Deutschen Theater in Berlin unter Ulrich Khuon übernommen worden. Eine wirklich kluge Entscheidung. Regisseurin Barbara Bürg hat sich nun in ihrer Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden nicht wirklich für die eine oder andere Seite entscheiden können und laviert sich instinktiv sicher durch eine mit heutigen Bezügen leicht satirisch aufgepeppte Klamotte. Etwas Revueartiges hat die Inszenierung aber auch. Am Klavier sitzt den ganzen Abend der Musiker Sven Kaiser und spielt alles mögliche vom Schlager bis zu Paul Dessau. Der Chor der Puntila-Verlobten (Anna-Katharina Muck, Holger Hübner, Matthias Luckey und Ines Marie Westernströer) tritt als gemischte Doppel auf und gibt den Queenklassiker „Bohemian Rhapsody“ zum Besten.

Auch in Dresden steht und fällt die Inszenierung mit den Darstellern des ungleichen aneinandergeketteten Paars Puntila und Matti. Thorsten Ranft ist ein kleiner quirliger Springteufel, der ganz gut die zwei Seiten des Puntila verkörpert, dabei aber immer wieder etwas zu sehr ins sympathisch Slapstickhafte abdriftet. Dagegen ist Knecht Matti bei Ahmad Mesgarha eher zurückgenommen, und mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, erträgt er geduldig die Launen seines Herrn. Nicht ganz ohne den nötigen Witz, vermag er aber immer wieder die Verwirrungen, die Puntila im Suff stiftet, zu lösen. Für einige Zuschauer im Publikum wird der Gesindemarkt sogar zur großen Herausforderung, sucht sich doch Thorsten Ranft seine Waldarbeiter direkt aus den ersten Reihen des Parketts aus. Der rote Sukkala (Martin Schmitz) baut dann auch gleich mitten auf der Bühne sein Zelt auf, bis er von Matti wieder von der Bühne gezerrt wird, um dem ernüchterten Puntila nicht unter die Augen zu geraten. So reit sich eine Nummer an die nächste und sorgt für reichlich Belustigung im Publikum. Ernste Töne gibt es höchstens wenn die Schmuggleremma (Anna-Katharina Muck) ihre „Finnische Erzählung“ von der Mutter des eingesperrten Athi erzählt, die achtzig Kilometer zu ihrem Sohn ins Lager fährt, mit einem gebettelten Fisch und einem Pfund Butter, die dieser aus Stolz nicht annehmen will. Brechts Gesellschaftskritik wird ansonsten mit viel Ironie überspielt oder mit großen Werbetafeln ausplakatiert. Das Theater stellt sich hier genüsslich selbst als  Kommerzmaschine dar, als eine Genussware, für die man mit seinem  Eintrittsgeld auch bezahlt hat.

Foto: St. B. dresden_staatsschauspiel.jpg Staatsschauspiel Dresden

Als wahrer Glücksgriff erweist sich aber die Besetzung von Puntilas Tochter Eva mit der noch vom Maxim Gorki Theater Berlin bekannten Rosa Enskat. Sie gibt hier eine durchaus ebenbürtige Partnerin ab, die mit Matti nicht nur eine urkomische Saunaszene hat und ansonsten sich gut des aalglatten, waschlappigen Attachés (Benjamin Pauquet) zu erwähren weiß. Die Hochzeitsszene, in der der wieder besoffene Puntila den Attaché aus dem Haus wirft und seine Tochter lieber „einem Menschen“ verloben will, spielt vor einem kleinen Glitzervorhang als Sinnbild der gespielten Maskenhaftigkeit der Hochzeitsgäste. Der provozierte Eklat kann niemanden so richtig aus der Ruhe bringen. Die anschließende Examinierung Evas durch Matti lässt Barbara Bürk von Eva selbst sprechen, die bereits die Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Matti als reine Laune erkannt hat und doch nicht wahr haben will. Matti ist da eher prakmatisch und weiß sich beim Stubenmädchen Fina (Ines Marie Westernströer) zu trösten. Ahmad Mesgarhas Matti ist hier aber einfach einen Tick zu gutmütig angelegt. Er lässt den ganz großen Zorn des Hatelmabergbauens vermissen. Das findet nur noch in der reinen Imagination statt. Das Mobiliar bleibt beim letzten großen Besäufnis Puntilas ganz. Der Abgang Mattis erfolgt dann auch eher resignativ und der Herr Puntila tapert mit heruntergelassener Hose seinem Knecht hinterher. Da haben sich zwei gefunden, die noch lange nicht von einander lassen können. Alles in Allem ein ganz passabler, unterhaltsamer Abend, den Barbara Bürk da auf die Dresdener Bühne gestellt hat, der aber leider nicht so recht Stellung zur Alltagsfrage: „Wer wen?“ beziehen will.

„Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.“ Bertolt Brecht aus „Über Politik auf dem Theater“

Termine Staatsschauspiel Dresden:

  • 21.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 25.04.2012, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
  • 15.05.2012, 19:30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 22.05.2012, 19.30 Uhr – 21:30 Uhr
  • 27.05.2012, 19:00 Uhr – 21:00 Uhr

Termine Deutsches Theater Berlin:

  • 02.05.2012, 19.30 Uhr – 21.10 Uhr

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