„Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt. Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen. Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken.” Ror Wolf (Schriftsteller und bildender Künstler), geboren am 29.06.1932 in Saalfeld/Thür.
Ror Wolf, der phantastische Wirklichkeits-Collageur, Wort- und Tontüftler sowie große „Fußballpoet“ begeht heute seinen 80. Geburtstag. Die deutsche Mannschaft hat ihm gestern leider dazu kein adäquates Geburtstagsständchen darbieten können. Sie schied eher sang- und klanglos im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gegen Italien aus. Und wie es Ror Wolf 1980 anlässlich seines Abschieds vom literarischen Fußball beschrieb, wechselten in diesem Spiel Entzücken auf der einen Seite in Entsetzen auf der anderen und anfängliche Begeisterung für die deutsche Mannschaft schließlich in Verzweiflung. Aber statt in Wut mündeten die emotionalen Gefühlsschübe der Deutschen doch eher in einer großen kollektiven Enttäuschung. Der große Strategietüftler Jogi Löw hatte sich nach mehreren zunächst erfolgreichen Umstellungsexperimenten in der deutschen Mannschaftsaufstellung schließlich doch verzockt. Wieder einmal ist der Griff nach dem großen Titel von den zu Angstgegnern stilisierten Italienern vereitelt worden. Im Finale am Sonntag stehen durchaus verdient Weltmeister Spanien und ein italienisches Team, das sich in der Vorrunde noch etwas zurückhielt und sicherlich nicht nur deswegen zu Unrecht unterschätzt wurde. Die „Revanche“ der jungen deutschen Mannschaft auch gegen Spanien muss also erneut vertagt werden. Wer daran nun die Schuld trägt, wird die Seelen der deutschen Fußballexperten noch eine kleine Weile bewegen und die Gemüter der Fußballfans in Wallung halten. Ob es der gefährliche Maulwurf war, der die geheime Aufstellungstaktik Jogi Löws unterminierte, oder das Formtief von Spielern wie Müller und Schweinsteiger, ob Spielführer Lahm tatsächlich zu lahm oder doch eher zu klein gewachsen ist und Stürmer Gomez nur ein laues Lüftchen war, diskutiert wird immer an den deutschen Stammtischen.
Experte ist schließlich jeder, aber nur einige davon kommen ins Fernsehen. KMH und Olli Kahn, das Dreamteam der letzten WM vom ZDF, standen diesmal entweder im Kalauer-Regen von Heringsdorf oder verwehten im kalten Wind der Ostsee. Kathrin Müller-Hohenstein vermisste Jogis hellblauen Glückspulli und Kahn verhedderte sich sprachlich in der vielbeinigen Akropolis. Die feurige „Riesenfußballsause“ erkaltete schnell auf der Strandpromenade, die die Beiden mit Sprüchen aus dem „Betonmischwerk“ für Moderatoren zementierten. Ebenfalls gut Sprüche klopfen kann Netzer-Ersatzmann Mehmet Scholl in der ARD. Zum bitteren Ende drückte er aber lieber seine Moderatorenkollegen und sich, nach seiner danebengegangenen Gomez-Schelte, um klar verständliche Worte herum. Dafür wird er demnächst wohl ein Altersheim für Fußballer übernehmen, diagnostizierte er doch bei Gomez einen durchgelegen Rücken und mit den italienischen Spielern Balotelli und Cassano zwei Pflegefälle im deutschen Strafraum. Zumindest der Titel Dottore ist ihm damit spätestens nach dem Italienspiel sicher. Befindlichkeits-Talkmaster Beckmann fielen zu den umtriebigen italienischen Stürmern nur dämliche Tiernamen ein, was uns gleich zum nächsten Ärgernis der EM-Berichterstattung führt, den bellenden Sing- und Nervsäcken Waldi Hartmann und Matze Knop im Bayrischen Bahnhof, oder doch besser Komödiantenstadl zu Leipzig. Da kann der EM-gestresste Fernsehzuschauer wirklich nur froh sein, dass diese bräsigen Quatschrunden bei Bier und Brezn nun samt der „Loddar“-Matthäus- und Kaiser-Franz-Doubelei bald endgültig Sendepause haben.
Zurück zu Ror Wolf. Seine Fußballbegeisterung ist bekanntlich bereits in den 50er Jahren entstanden und sein Ästhetik-Verständnis noch stark in den 70er Jahren verhaftet, als die Fußballstars noch Grabowski oder Hölzenbein hießen und Eintracht Frankfurt um die deutsche Fußballmeisterschaft spielte und nicht ihm Ligafahrstuhl unterwegs war. Damals waren noch lange Bälle aus der Tiefe des Raumes und das individuelle Dribbling einzelner Fußballzauberer Inspirationsquell für so manchen Schriftsteller und verzauberten Moderatoren wie Edi Finger oder Armin Hauffe durch ihre spontanen Fußball-Wortschöpfungen das Publikum daheim. Die Zeiten sind lange vorbei und der alte Stil abtrainiert. Seit Ror Wolf 2006 die WM in Deutschland als „Totaltheater“ bezeichnet hatte, ist es etwas ruhiger um ihn geworden. Heute wird auch keiner mehr gleich „narrisch“, obwohl Fußball laut Ror Wolf „eben nicht nur ein Rasenspiel, sondern auch ein Spiel im Gefühlsgelände der Zuschauer und Zuhörer“ geblieben ist. Geblieben ist dem deutschen Fußball auch die Neigung zur Verniedlichungsendung „i“. Aus „Graaaabi – eher abspielen“, das uns aus Ror Wolfs Trainingsmitschnitten bei der Frankfurter Eintracht überliefert ist, wurde nun das kurze „Schweini-Poldi-Tor“. Leider hat das bei dieser EM nicht so funktioniert. Bis zur nächsten WM in zwei Jahren bleibt aber noch etwas Zeit zum Üben. Und wer die Günter Netzer CD-Collection schon durchhat, kann ja bis zur WM 2014, die dann übrigens bei den Ballzauberern in Brasilien stattfindet, die Gesammelte Fußball-Prosa von Ror Wolf lesen oder sich mit seinen Radio-Collagen auf CD mental vorbereiten. Denn eins ist nun mal sicher: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste.“ (R.W.)
Bis dahin, Ihr Wuwu Sellers.
Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das schwerste (Geb. Ausgabe); Verlag: Schöffling & Co. (2008), 296 Seiten
Weitere Werke unter: www.wirklichkeitsfabrik.de - Die Welten des Ror Wolf
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