Es singt die Plattitüde, es swingt die Ironie – Berliner Schaubühne und Maxim Gorki Theater versuchen Ibsens „“Volksfeind““ zu radikalisieren und Kuttner/Kühnel verschlagern die „“Demokratie““ von Michael Frayn am DT.

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„“Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

Es ist nun bereits fünf Jahre her, dass 2007 das politische Essay „Der kommende Aufstand“ der Autorengruppe „Das unsichtbare Komitee“ in Frankreich erschien. Seit 2010 ist es in deutscher Übersetzung erhältlich und im Internet verfügbar. Zur gleichen Zeit trat auch der ehemalige deutsch-französische Résistance-Kämpfer und Buchenwald-Überlebende Stéphane Hessel (geb. 1917 in Berlin) mit seinem vierzehnseitigen Widerstandsaufruf: „Empört Euch!“ an die Öffentlichkeit. Beide Pamphlete sind seither vielzitierte Werke der europäischen Protest-Kultur gegen Globalisierung, Finanzkapitalismus und Demokratiemüdigkeit. Ist Hessels Schrift dabei vorwiegend ein Aufruf für die Einmischung der breiten Masse in das politische Geschehen, ausgehend von den Erfahrungen des Kampfes gegen den Faschismus, werden im „Kommenden Aufstand“ zwar einerseits noch die starren, bestehenden Verhältnisse kritisiert aber andererseits auch eine klare Abgrenzung zu den herrschenden Machtverhältnissen propagiert. Das geht bis zur Beschreibung einer Art Guerilla-Kampfes aus dem Verborgenen heraus zur Unterhöhlung des bestehenden Systems. Nun greifen die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater Berlin in ihren Inszenierungen von Ibsens „Ein Volksfeind“ teilweise auf die Empörungs-Rhetorik nach französischem Vorbild zurück. Und insbesondere die Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Schaubühne befasst sich nun konkret mit dem Essay „Der kommende Aufstand“.

„“Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Nie, sag‘ ich! Das ist auch so eine von den gesellschaftlichen Lügen, gegen die ein freier, denkender Mann sich empören muß.“ Dr. Stockmann in Henrik Ibsens „Ein Volksfeind

schaubuhne-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Thomas Ostermeier probt an der Schaubühne mit Ibsens „Volksfeind den Kommenden Aufstand.

Ausgehend von der Sichtweise, dass es sich die bestehende bürgerliche Bildungs- und Künstlerelite in ihren Verhältnissen bequem eingerichtet hat und auch einen entsprechenden Lebensstil pflegt, siedelt Ostermeier Ibsens Story um den Badearzt Stockmann im hippen Berlin-Mitte-Milieu an. Man wohnt gemeinsam in einer Art lockeren Künstler-WG. Einerseits wird die Unangepasstheit einer probenden Popband am Küchentisch zelebriert, andererseits strebt man bereits nach ersten Besitzständen, die noch als Projekte an den Bühnenwänden (Jan Pappelbaum/Katharina Ziemke) aufgemalt sind, oder hat eben wie Stockmann (Stefan Stern) ein angehendes Familienprojekt mit Frau (Eva Meckbach), Kind und angeschlossenem festen Job in der Badeverwaltung der Stadt am laufen. Dort entdeckt nun der engagierte Badearzt, dass der neue Reichtum der Gemeinde auf einer Lüge beruht und das Wasser des neuen Bäderbetriebs von den ortsansässigen Handwerksbetrieben verseucht wird. Verbündete für die Aufdeckung der Missstände findet Stockmann kurzeitig im Redakteur des Volksboten Hovstadt (Christoph Gawenda) und seinem jungen Angestellten Billing (Moritz Gottwald), sowie dem Verleger und Vorsitzenden der kleinen Hausbesitzer Aslaksen (David Ruland). Diese kippen aber der Reihe nach um, als ihnen der Stadtvogt und Bruder von Stockmann (Ingo Hülsmann) eröffnet, dass die Stadt nicht genug Geld für die Sanierung hat und daher die Steuern erhöhen muss.

Was nun folgt, ist eine Spaltung in die Mehrheiten heischende Realpolitik und eine auf einsamem Posten stehende Radikalopposition. Soweit lässt sich das Stück Ibsens natürlich auch auf heutige Verhältnisse anwenden. Das Problem dabei ist aber, die in der schnell einberufenen Bürgerversammlung folgenden Verbalausbrüche Stockmanns nicht nur gegen „die grenzenlose Dummheit der Behörden“, sondern auch gegen „die verfluchte, kompakte, liberale Majorität“, die er als „die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit“ ausgemacht hat, aktuellpolitisch zu untermauern. Und hier mischt nun Ostermeier in die Rede des wütenden Badarztes Satzfetzen aus dem „Kommenden Aufstand“, die sich mit genau dieser Problematik einer „Zivilisation in klinisch totem Zustand“ auseinandersetzt, die „an massenhaft lebenserhaltende Apparate angeschlossen (…) einen charakteristischen Gestank verbreitet.“ Der gleiche vergifteten Sumpf also, den Stockmann auch gerne trockenlegen würde, mit all seinen Lügen und moralischem Skorbut. Stefan Stern geht hier dann auch entsprechend vehement zu Werke und wird dafür von seinen Gegnern, die sich alle im Zuschauerraum positioniert haben, als Antidemokrat und Faschist denunziert, inklusive der Erklärung zum „Volksfeind“. Die Schauspieler versuchen dabei im Publikum noch so etwas wie eine Diskussion anzufachen, sorgen aber mit ihrer platten Rhetorik eher für das Gegenteil. Bis auf die Bildung eines runden Tisches fällt da auch niemandem etwas Passendes ein.

Schließlich fliegen Farbbeutel auf die Bühne, anstatt der Steine, die bei Ibsen das Haus Stockmanns verwüsten. Der Held liegt schließlich eingesaut in der Pampe. Das Gleiche könnte man nun sozusagen auch von Ostermeiers Inszenierung behaupten. Das Ensemble kann eigentlich sogar noch froh sein, dass sich aus dem Publikum kaum jemand ernsthaft zu Wort gemeldet hat, so unvorbereitet wie es sich da zeigte. Mit auswendig gelernten Floskeln kommt heute auch kein Politiker mehr ernsthaft durch den Wahlkampf. Da provozieren sich die Parteien, und man glaubt sich tatsächlich im Bundestag, wo es ja auch meist eher wie in einem Provinzparlament zugeht. Während die große Politik in den Hinterzimmern gemacht wird, schlagen sich vorn die Hinterbänkler. Dem eben noch so fluffigen Hipster Stern hängt dabei der intellektuelle Badearzt Stockmann dermaßen hinderlich am Bein, dass man ihm weder einen ernsthaften Wissenschaftler und schon gar nicht den wütenden Anarcho abnimmt. Es ist aber eben auch zu schön, sich immer wieder aus dem Textberg des „Unsichtbaren Komitees“ die passenden Brocken hauen zu können. Jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung damit findet hier nicht statt. Das will Ostermeier wohl auch gar nicht und begnügt sich mit der reinen Provokation.

So macht die Inszenierung mit ein paar globalen Schlagworten ordentlich provinziellen Wind, und derjenige, der eigentlich die Fäden zieht, ist ein alter Grantler (Thomas Bading als Morten Kiil) mit Hund, der wie der lästige Nachbar auf Gassi immer ganz ungelegen vorbeikommt, und dabei ganz unscheinbar am Ende ein paar Aktien fallen lässt. Kiil, der eigentliche Wasserverschmutzer und Schwiegervater von Stockmann, erpresst das Paar zum Schluss mit einem Aktienpaket des Bades, dass er angesichts des Imageschadens mit dem Erbe seiner Tochter billig aufgekauft hat. Die beiden sitzen nun in den Trümmern ihrer Existenz vor dieser großen Versuchung, mit einer Dementierung alles wieder einzurenken und sogar noch finanziell daran zu profitieren. Hier blendet Ostermeier dann kurzerhand ab. Das ist natürlich noch einmal eine scharfe Wendung und noch besser als das Riesen-Gummibärchen von Lukas Langhoffs Spaßinszenierung aus Bonn, die uns bereits beim Theatertreffen belustigte. Das Ganze wirkt aber letztendlich doch etwas billig und wohlfeil. Man weiß, dass es Ostermeier nicht ernst ist mit dem Aufstand. Und eine wirkliche Ambivalenz verströmt hier leider auch keiner, alles nur platte Chargen. Ein finsterer Provinzfürst, ein wachsweicher Mittelständler und ein paar lauwarme Möchtegern-Aufklärer als embedded Journalists. Lauter Politclowns, und einer aus der Hipster-Generation probt den individuellen Aufstand gegen das Etablissement, ein Widerspruch in sich. Man könnte sich totlachen, wenn es nicht so ernst wäre.

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„“Und ich sehe nicht ein, warum man das, was man Jahrhunderte lang getan hat und als falsch erkannt hat, weiter tun sollte, nämlich so tun, als ob man nichts tun könnte, und ich werde mich niemals damit abfinden, dass man nichts tut. (Ich hab den Richtern gesagt,) ‚ich weiß, warum sie sagen, man kann nichts tun, weil sie nichts tun können wollen, aber ich will etwas getan haben dagegen‘. (…) Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln Unrecht ist.“ Gudrun Ensslin am 14. Oktober 1968 beim Kaufhaus-Prozess in Frankfurt/M.

maxim-gorki-theater_oktober-2012.jpg Foto: St. B.

Jorind Dröse ironisiert Ibsens „Volksfeind am Maxim Gorki Theater.

Lustig geht es auch im Maxim Gorki Theater zu. Jorinde Dröse hat ein großes Sofa auf die Bühne stellen lassen, auf dem sich hier die Familien-WG austoben darf. Das ist eine nicht ganz unironische Reminiszens auf Ostermeiers Schaubühne, nur dass hier eben nicht einfach nur ein Designermöbel steht, sondern eine große Spielwiese, die auch mal kippen oder beklettert werden kann. Der Clou am Gorki ist aber nicht das Sofa, sondern die Besetzung der Hauptrolle. Hier tritt jetzt nämlich Frau Stockmann als Badeärztin gegen den Sumpf aus männlich dominierter Politik und selbstgerechtem Opportunismus an. Als wenn Ibsen sie nur zufällig unter seinen großen Frauenfiguren vergessen hätte, stellt Jorinde Dröse diese Katharina Stockmann, bei Ibsen noch eher blasse häusliche Stütze ihres hehre Ideen wälzenden Mannes, ganz selbstverständlich in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Sabine Waibel dominiert dann auch die kleine häusliche Welt der Stockmanns, die noch im Aufbau begriffen ist und wo man immer mal wieder über den Teppich stolpert, den Hausmann Thomas (Cornelius Schwalm) noch nicht verlegt hat, da er lieber für die Familie asiatisch kocht, Kinder antiautoritär erzieht oder für seine Frau nach der sehnsüchtig erwarteten Post forschen muss. Jorinde Dröse entwirft hier durchaus auch mit einem ironischen Seitenblick auf ihre „Nora“ aus dem letzten Jahr und die bestehenden Geschlechterverhältnisse, ein ganz modernes Frauenbild. Übrigens auch eine Domäne von Ostermeiers Schaubühne. Man denke an seine Nora und Hedda Gabler. Wo Eva Meckbach als Katharina Stockmann bei Thomas Ostermeier aber noch an ihrer Selbstverwirklichung zwischen Familie und Job als Lehrerin arbeiten muss, verkörpert Sabine Waibel bereits das angestrebte Ideal der Frau in Führungsposition mit allen Vor- und Nachteilen. Mann möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Was nun aber folgt ist das übliche Frauen-Gezicke gegen das Gehabe und Gebalze der Frauenhelden und politischen Möchtegernplatzhirsche, die bei Jorinde Dröse noch weiter als schon bei Ostermeier ins Klischee und nicht nur vom Sofa abrutschen. Die lässigen Redakteure Hovstad (Albrecht Abraham Schuch) und Billing (Matti Krause mit Bart und pfiffigem Hütchen) dürfen hier richtig aufdrehen und die Möbel umstellen, was ihnen dann auch gleich als bloße Pose vom um stetige Mäßigung bemühten Buchdrucker Aslaksen (ganz trocken Gunnar Teuber) vorgehalten wird. Es wird auf dem Sofa gelümmelt, gealbert und den Schlipsträgern Aslaksen und Stadtvogt Peter Stockmann (Ronald Kukulies) übel mitgespielt. Letzterer fühlt sich da sichtlich deplaziert und kämpft vergeblich um seinen Platz unter den Hippstern. Kukulies revanchiert sich dafür dann mit einer abgeschmackten 0815-Politikerhymne auf den kleinen Wohlstand. Auch die Stockmanntochter Petra (Julischka Eichel) bekommt hier wieder eine Rolle und ist ganz wie schon bei Lukas Langhoff die junge idealistische Studentin, die eine neue Schule gründen will, dabei aber auf den Falschen setzt und den schmierigen Avancen des Redakteurs Hovstad erliegt. Wenn er nicht gerade von der Bühne gescheucht wird, untermalt dazu meist auf Kommando Philipp Haagen als Kapitän Horster, hier ein leicht verhuschter Rastafari, das Geschehen mit den passenden Popmelodien. Die Renaissance der Barock-Oper auf dem Theater greift dabei weiter um sich, wenn sich der windige Redakteur Hovstad zu den Klängen der Frostszene aus „King Arthur“ den verschwitzten Pullover vom Leib zittert. Vor Kurzem hatte erst René Pollesch Purcells Stotterarie in seinem „Don Juan“ an der Volksbühne zu neuen Ehren verholfen.

Das Gorki-Ensemble gibt mal wieder dem Komödiantenaffen Zucker. Etwas was man bei Jorinde Dröse bisher nur am Rande in kleinen Ausbrüchen kannte, wie zum Beispiel der von Peter Kurth als Thorvald Helmer in „Nora“, durchzieht hier die gesamte Inszenierung. Daraus ergeben sich immer wieder schöne Einzel-Skizzes, aber kaum ein abendfüllendes Politdrama. Was bei Thomas Ostermeier zu plakativ und zeigefingrig daherkommt, erledigt Jorinde Dröse mit schenkelklopfender Ironie. Ein Morten Kiil, Andreas Leupold nicht minder schlurchig im Parker, spielt hier schon kaum noch eine Rolle. Und wenn sich dann irgendwann durch den erst wonnig blauen Himmelhintergrund eine überdimensionale Kloakeröhre schiebt, sind wir auch schon fast am Höhepunkt des Abends. Bevor auch mal die schönste Ironie ein Ende hat, wird schnell noch Frau Dr. Stockmanns Wutschrift im zweckentfremdeten Kühlschrank versenkt, und mit ihm auch der „Kommende Aufstand“, den Tochter Petra eigentlich für Hovstad übersetzen sollte, vorerst auf Eis gelegt. Vorerst wohlgemerkt, denn noch während sich das vergnügte Pausenpublikum bei Bier und Wein verlustiert, wird es schon zum mehr oder minder freiwilligen Bestandteil einer kommenden Bürgerversammlung.

„“Wir können die Herrschenden und ihre Handlanger nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu akzeptieren; aber wir können sie dazu zwingen, immer unverschämter zu lügen.“ Gudrun Ensslin, Zitat entnommen aus Gerd Koenen: „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003

Ab jetzt tobt das Ensemble durch das Foyer und steigt zum Vortrag auf den Tresen. Eine Idee, die Jan Bosse auch schon für seinen Kleist-Schwank vom „Zerbrochenen Krug“ verwendet hat. Statt Dichters Wort gibt es jetzt aber ähnlich dem Schaubühnenabend Fremdtext satt. Frau Dr. Stockmanns Empörungsansprache gegen die Dummheit der Masse und Lügen der männlich dominierten Politik speist sich aus Briefen der Pastorentochter und RAF-Terroristen Gudrun EnsslinZieht den Trennungsstrich, jede Minute, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005). Sie prangert hier vor allem die Denkfaulheit und Verdummung des Volkes an und plädiert für ein kritisches Nachdenken. Und damit ist sie nicht allzu weit weg von den Thesen Stéphane Hessels. Wohin das führen kann und wie weit sich die RAF sich mit ihren Zielen tatsächlich vom Volk entfernte, ist allerdings auch bekannt. Hier wird nun die Inszenierung ambivalent. Wieder auf der Bühne angelang, ist Katharina Stockmann dann auch verstummt. Während sich alle anderen durch den vernebelten Raum laut einredend um sie drehen, setzt Sabine Waibel schließlich zum endgültigen Countdown an. Jorinde Dröse bleibt damit einer Revolte gegenüber eher unentschieden. Wo Hessel eigentlich von einem neuen dialektischen Denken spricht, sind beide Berliner Inszenierungen doch eher weiter im kleinbürgerlichen Denken verhaftet, und berichten somit nicht ganz unbewusst auch vom Zustand der intellektuellen Mittelschicht in Deutschland. Es sind eben immer noch die einfachen Wahrheiten, die einzuleuchten scheinen und so unserem denkfaulen Wesen entgegenkommen. Wenigstens das kann man aus Jorinde Dröses Inszenierung ohne Weiteres bedenkenlos mit nach Hause nehmen.

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„“Dass die Regierung das Volk vertrete, ist eine Fiktion, eine Lüge.“ Leo Tolstoi, Tagebücher, 1898

dt_sept-2012_macht-gewalt-demokratie.jpg Foto: St. B.

Eine Frage der Macht? Michael Frayns Stück „Demokratie“ in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner.

Nicht mehr denken muss man beim neusten Streich des Regieduos Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, das die beiden Extremdialektiker der Ironie diesmal auf die große Bühne des Deutschen Theaters gehievt haben. Sie haben nach der Untersuchung von linken und rechten Ideologien mit Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ nach Ayn Rands „Fountain Head“ nun den Angriff auf die Demokratie schlechthin gewagt. Es ist eigentlich folgerichtig, dass sie nun mit Michael Frayns Stück „Demokratie“ über den ersten Sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt und den Kanzleramtsspion Günter Guillaume die beiden gegensätzlichen Systeme Sozialismus und Kapitalismus zusammen führen. Der Kanzler der Herzen, der in den 70er Jahren der BRD mehr Demokratie wagen will, stürzt ausgerechnet über einen Spion, den die Stasi auf ihn angesetzt hat, um das Zustandekommen der Ostannährung zu überwachen. Ein durchaus tragischer Stoff, der natürlich nicht ganz der Ironie des Schicksals entbehrt. Der zunächst systemtreue Stasioffizier Guillaume erliegt mehr und mehr dem Charisma der Brandt’schen Aura und steht plötzlich zwischen Parteiauftrag und persönlichem Empfinden. Nebenbei gibt das Stück einen guten Einblick in die zwiespältige Beschaffenheit des politischen Systems der parlamentarischen Demokratie samt Intrigen und Mehrheitsbeschaffungsschacherei.

Eigentlich ein klarer Fall für die Ambivalenzexperten Kuttner/Kühnel und eine Chance zur Bestandsaufnahme der bestehenden politischen Verhältnisse. Was sie letztendlich daraus machen, ist aber eine netter, ungefährlicher Revueabend, eine Maxiplaybackshow der großen Gesten und Eitelkeiten. Man muss darauf nicht näher eingehen, wer will kann sich das Politkabarett über den ersten Medienkanzler und Kuttners Überlegungen zum Verlust der Leidenschaft in der Politik, die er mit ironischen Seitenhieben von Sebastian Haffner über die blutleeren Politbürokraten der Endsechziger in Bonn untermauert, selbst ansehen. Es leben Churchill, Bismarck und Adenauer! Geht es tatsächlich noch preußisch bürokratischer?  Brandt dagegen besaß das Potenzial zu echtem Kult und hatte es geschafft einer Epoche des gesellschaftlichen Umbruchs der gesamtdeutschen und europäischen Politik seinen Stempel aufzudrücken. Ein Mann zwischen Idealen und menschlichen Schwächen. Das war es nicht zu Letzt, was den Politbürokraten in Ost und West den Schweiß auf die Stirn und den Schaum vor den Mund trieb. Kuttner und Kühnel versuchen diese Stimmung allerdings einzig und allein mit Pop und Schlager von Hildegard Kneef über Udo Jürgens bis zu „The lion sleeps tonight“ von The Tokens einzufangen. Und das bestens aufgelegte DT-Ensemble tanzt dazu den Limbo. Natürlich kommen auch der Osten mit Liedern des Oktoberclubs und Popklassikern der 80er Jahre nicht zu kurz.

Es fehlt eigentlich nur noch: „“Du hast die Haare schön“ und eine Begründung, warum Kuttner ein derartiges TamTam veranstaltet, zu einer Story, die heute nicht einmal mehr für eine Guido-Knopp-Doku reichen würde. Kommen nächstes Jahr dann die Westerwelle und das Merkel dran, oder gibt es nicht noch irgendwo ungespielte Stücke über Kohl und Schröder? Dass Demokratie auch Showgeschäft bedeutet, und Merkel sich lieber öfter in Bayreuth zeigen würde, als im Bundestag zu reden, ist eh klar. Das, was Frayns Stück eigentlich ausmacht, dass Demokratie eben auch Drecksarbeit ist, bei der in Hinterzimmern gekungelt wird, was das Zeug hält, geht hier in Sing-Sang-Seliger Ironie unter. Lauter lächerliche Typen und natürlich die bräsige Stasi immer mittenmang. Hauptsache das Toupet sitzt. Kuttner und Kühnel finden zu jeder Episode den passenden Song. „Ich beobachte dich.“ Das hätte sich Tino Eisbrenner (Jessica) sicher nicht träumen lassen, dass er noch mal zu solchen Ehren kommen würde. Die Tragik der Geschichte sehen Kuttner und Kühnel nicht, wollen sie gar nicht sehen. Den Sündenfall der Politik. Einer mit Visionen steigt auf und holt die Massen endlich da ab, wo sie Dank Bild und Burda schon immer standen. Dass dieser Mann seine Fallhöhe zu schnell erreicht, liegt nicht an einem Vatermord – Guillaume bleibt immer auch ein Kind der DDR – sondern daran, dass Brandt, im Grunde genommen immer außen vor, nicht im Stande ist, die nötigen Seilschaften zu knüpfen und über seine Neider, Opportunisten und nicht zuletzt auch die eigene Eitelkeit stolpert. Mit dieser folgenlosen Revue scheinen Kuttner und Kühnel leider endgültig als Verwalter der guten Stadttheatergemütlichkeit im allgemeinen Mainstream angekommen zu sein. Da sehe ich mir dann doch lieber Herrn Wichmann in der dritten Reihe an. Nee, Kuttner, det war nüscht!

„“Wenn einmal der Untertan den Gehorsam verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht.“ Henry David Thoreau in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“

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