Am 27.10.12 gastierte Milo Raus szenische Lesung von „Breiviks Erklärung“ im Berliner Theaterdiscounter – Ein gedanklicher Rückblick.

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„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.“ Primo Levi, italienischer Chemiker, Schriftsteller und Holocaustüberlebender (Ist das ein Mensch? – Fischer, Frankfurt/M 1961)

Womöglich kennt der Schweizer Dokumentartheatermacher und Regisseur Milo Rau sogar dieses Zitat von Primo Levi, dass immer wieder gern herangezogen wird, um die unfassbaren Verbrechen, die auch von sogenannten deutschen Normalbürgern im Zweiten Weltkrieg an der jüdischen Bevölkerung Europas begangen wurden, zu erklären. Vielleicht hatte er aber auch nur einfach zu deutlich die Stimme des deutschen oder auch schweizerischen Stammtischs vernommen, als er die Verteidigungsrede las, die der norwegische Rechtsextremist und Massenmörder Anders Behring Breivik am 17.04.12 vor dem Osloer Amtsgericht hielt. Wie dem auch sei, im Rahmen des Monologfestivals im Berliner Theaterdiscounter fand nun jeden Falls am 27.10.12 eine Lesung von „Breiviks Erklärung“ statt, die Milo Rau szenisch eingerichtet hatte. Sie wurde von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan vorgetragen.

Berlin war nach Weimar der zweite Aufführungsort dieses sogenannten Reenactments. Dort lief die Lesung am 19.10.12 am Rande des dreitägigen Szenischen Kongresses „Power and Dissent“, der von Milo Rau am Deutschen Nationaltheater mitkuratiert wurde. Die Rede ist Teil des Projekt „You will not like what comes after America“, das Milo Rau mit dem von ihm gegründeten International Institute of Political Murder (IIPM) durchführt. Nachdem das DNT Weimar kurzfristig die Aufführung in der Spielstätte eWerk stoppte, da der Geschäftsführer des Theaters, Thomas Schmidt, den Argumenten des Massenmörders Breivik kein Podium geben wollte, musste die Lesung in einem benachbarten Kino stattfinden. Bereits seit Bekanntwerden des Projekts wurde die geplante Vertheaterung der Rede Breviks durch Milo Rau in den Medien und Feuilletons kontrovers diskutiert.

Der Theaterdiscounter td.jpg
befindet sich in der Klosterstraße 44, 10179 Berlin-Mitte

Die Erwartungen und das Interesse an der Lesung in Berlin waren dementsprechend hoch und die Vertreter von Presse und Berliner Off-Theaterszene zahlreich erschienen. Wie bereits schon aus den Kritiken der Weimarer Aufführung zu erfahren, war die eigentliche Performance dann allerdings tatsächlich relativ unspektakulär. Sascha Ö. Soydan stand ganz normal in Sportjacke und Jeans gekleidet an einem einfachen Holzpult. Ihr Gesicht wurde durch einen überdimensionierten, tiefhängenden Scheinwerfer stark ausgeleuchtet und per Video auf eine große Leinwand übertragen. Mit ruhiger Stimme aber bestimmten Ton verlas sie die Einlassungen des 77-fachen Mörders von Oslo und der Insel Utøya, mit denen dieser vorgab, die Motivationen seiner verheerenden Tat erklären zu wollen. Seine Worte wurden aufgezeichnet, die Veröffentlichung in Norwegen aber durch die Regierung untersagt. Dennoch kursieren mittlerweile sogar ziemlich exakte deutsche Übersetzungen auf zweifelhaften Seiten im Internet.

Wenn man eine Weile Sascha Ö. Soydans Vortrag konzentriert folgte, konnte man sehr deutlich die altbekannten Parolen einer stetig anwachsenden, tendenziell rechtspopulistischen und ausländerfeindlichen Stimmung innerhalb Europas wahrnehmen. Mit einer Redundanz sonder Gleichen ergeht sich Breivik in nicht enden wollenden Hasstiraden gegen eine, in seinen Augen durch kulturmarxistische Politiker begünstigte multikulturelle Gesellschaft, was für die Teilnehmer des Prozesses und vor allem die Opfervertreter zu einer wahren Geduldsprobe geraten sein dürfte. Nicht ohne Grund wurde er vor Gericht während seinen Ausführungen seitens der Richterin und der Staatsanwaltschaft immer wieder unterbrochen. Breiviks Rede ist stark durchsetzt von nationalistischem Vokabular und rechtspolitisch motivierten Verschwörungstheorien einer medialen Gehirnwäsche. Die allgemein herrschende Politikverdrossenheit und ein gefühlter Mangel an gelebter Demokratie dürften ihm dabei natürlich vordergründig in die Hände spielen. Parallelen zu ganz legalem Politiker- und Stammtischsprech lassen sich hier fast nach Belieben ziehen und drängen sich einem auch immer wieder unverhohlen auf.

Breivik versucht sein Handeln natürlich ganz rational zu begründen. Er untermauert seine Ausführungen mit jeder Menge Statistiken, zieht Parallelen in der Geschichte, führt den Kampf indigener Völker Nord- und Südamerikas sowie des Tibetischen Volkes an, und überträgt das Ganze schließlich auf die heutige Situation Norwegens und ganz Europas. Er benennt die Zuwanderung islamischer Bevölkerungsgruppen als Gefahr für die eigene Kultur und beschwört einen regelrechten Kulturkampf inklusive eines „Menschenrechts auf militärische Verteidigung“. Was natürlich auch brutale Gewalt und „Ströme von Blut“ rechtfertigen soll. Dieser pseudophilosophisch grundierte Patriotismus braucht natürlich auch einen fundierten Hintergrund. Breivik hat dazu verschiedenste Quellen und Statistiken akribisch gesammelt und förmlich in sich aufgesaugt. Alles ist ja auch im Internet unbegrenzt verfügbar. Er stilisiert sich schließlich zum Patrioten und Retter der abendländischen, christlichen Kultur gegen eine „Dekonstruktion“ der Gesellschaft durch wirtschaftsliberale und kulturmarxistische Ideologien.

Das trägt Sascha Ö. Soydan Kaugummi kauend nun über eine Stunde lang in aller Seelenruhe vor. Hin und wieder sieht sie dabei bedeutungsvoll ernst und lange ins Publikum. Große Überraschungen birgt die Rede Breiviks tatsächlich nicht. Sie beinhaltet jede Menge bekannte Vorurteile und rassistische Allgemeinplätze, die in dieser, im Copy-und-Paste-Verfahren zusammengestoppelten Art und Weise, natürlich erst einmal ein unglaubliches Potential suggerieren. Inwieweit es das von Breivik heraufgeschworene „Wir“ tatsächlich gibt, oder nur die Wunschvorstellung einiger lonesome Internetcowboys wiederspiegelt, lässt sich natürlich nur schwer einschätzen. Obwohl durchaus bekannt ist, dass es nicht nur in Skandinavien etliche rechtsradikale und gewaltbereite Gruppierungen gibt. Was man ein Jahr nach Bekanntwerden der Morde des NSU auch in Deutschland so langsam begreift.

Um Aufmerksamkeit für ihre Thesen zu erlangen, brauchen narzisstisch veranlagte Typen wie Breivik natürlich die Öffentlichkeit. Furchtbares Ergebnis dieses Aufmerksamkeitsdefizits sind dann solche Wahnsinnstaten wie die Attentate in Norwegen. Auf dem Podium der anschließenden Publikumsdiskussion versuchte man das auf eine fast fahrlässige Weise zu relativieren, indem Milo Rau die schon bekannte These der Trennung von Text und Person zur besseren Verständnis der Hintergründe anführte. Er stützte sich hier auf die allgemeine Konsensfähigkeit des Textes in der Gesellschaft und brachte den hysterisch geführten Minarettstreit und das daraus resultierende Verbot in der Schweiz als Beispiel. Leider birgt Raus’ Verfahren auch automatisch die Gefahr einer Verharmlosung der Tat und die zwangsweise Marginalisierung der Opfer.

Wie man diesem Widerspruch beikommen könnte, war dann allerdings kaum noch Inhalt der bisweilen heftig geführten Diskussion im Theaterdiscounter, die dann auch nicht wirklich zur allgemeinen Erhellung beitragen konnte. Im Gegenteil, sie geriet sogar zu einer extrem negativen Sternstunde der deutschen Debattenkultur. Nachdem die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan ihre anfängliche Verwunderung über den so wenig skandalösen Text damit begründete, dass er so banal und anschlussfähig sei, und etwas über ihr Herangehen an die Rolle berichtet hatte, riss der Kunsttheoretiker, ehemalige Professor für Ästhetik und Begründer der Kreuzberger Denkerei Bazon Brock die Diskussion an sich. Nun wurde es hoch wissenschaftlich. Nachdem sogar in der FAZ stünde, dass Amerika keine Demokratie mehr sei, birgt Breiviks Text für Bazon Brock nichts Neues mehr. Die Topoi des Kulturmarxismus und Multikulturalismus wären zu wenig. Er widerlegte schnell das angebliche Streben des Islams im Westen nach Souveränität und einer eigener Gesetzgebung. Einen Kampf der Kulturen in Europa gäbe es nicht, der Begriff von Multikulti sei idiotisch und höchstens Multifolklore.

Breivik ist für Brock eine tragische Figur, da er um Gehör zu finden, eine solche Tat begehen musste. Eine Brillanz oder Intelligenz sieht er nicht in Breiviks Rede. Weiter referierte Bazon Brock über das Vorurteil als tradierten Erfahrungswert. „Wir sind der Text.“ stellte er nüchtern fest. Man müsse seine eigenen Vorurteile kennen und in Rechnung stellen. Erst nach dem Vorurteil kommt das Urteil. Der Kern des Vorurteils ist die Wahrheit, die man nicht aushalten kann. Nicht durch das Leugnen der Wahrheit, sondern durch die Kritik daran, komme man schließlich vom Vorurteil zum eigentlichen Urteil. Was man glaubt ist war und wird war. Breivik würde sich ohne Verbindlichkeit zum eigenen Leben selbst betrügen. Sein Ziel ist sich selbst ernst zu nehmen, indem er sich als Held darstellt. Das ging natürlich auch in die Richtung eines Versuchs, Breivik psychologisch zu bewerten und zu pathologisieren.

Bei aller Brillanz von Brocks Ausführungen, an anderer Stelle hätte man ihm gerne noch weiter zugehört, musste ihn die Diskussionsleiterin, die Theaterkritikerin des Tagesspiegels Christine Wahl, ein ums andere Mal unterbrechen, da sonst das übrige Publikum keine Chance mehr bekommen hätte, selbst das Wort zu ergreifen. Worauf Brock etwas beleidigt reagierte. Er revanchierte sich leider für den Wortentzug mit kleinen giftigen Ausfällen in Richtung einiger in seinen Augen unbelehrbarer Zuschauer, die seinen Thesen und Vorschlägen so gar nicht folgen konnten und wollten. Bazon Brock kam dann noch auf Stalins Schauprozesse der 1930er Jahre in Moskau zu sprechen und gab einige Anekdoten über den NKWD-Chef Jagoda zum Besten. Er landete schließlich mit seinen geschichtlichen Ausflügen bei den gewaltsamen, proletarischen Kämpfen der 1920er Jahre auf dem Berliner Alexanderplatz, als Replik auf den Einwurf eines Zuschauers, der den Fall Johnny K. in den Kontext Kulturkampf stellen wollte.

Die Diskussion drehte sich nun immer mehr im Kreis. Über anfänglich positive Äußerungen zur Performance gab es auch Kritik an der Form der Diskussion und der Nichtbeachtung der Opfer. Was wohl an dem großen Abstand zum Geschehen liegen würde, wie eine in Norwegen lebende Deutsche meinte. Weitere Wortmeldungen irrlichterten dann etwas verschwurbelt um die Faszination des Textes und der Person Breivik, die es uns dankenswerter Weise möglich macht über dieses Thema diskutieren zu können und gipfelten in einer Kritik an christlichen Werten und der perversen Institution Kirche. Aus Richtung einiger junger Künstler im Publikum kam dann endlich auch noch die Kritik an der Inszenierung des Textes durch die überdeutliche Betonung des Vortrags. Man habe nichts anderes erwartet und sehe sich nun durch die Aufführung auch in der Annahme bestätigt, dass hier nur die persönlichen Interessen der Macher im Vordergrund stünden. Rau und Soydan gerieten dadurch plötzlich unter einen verstärkten Rechtfertigungsdruck, worauf Sie wiederum etwas säuerlich reagierten.

Das hier die Diskussion nicht etwas zielführender moderiert wurde, ist dann wohl auch einer der Gründe, woran sie schließlich gescheitert ist. Aber vermutlich sind dann Thema und Text doch nicht so interessant oder in dem Maße konsensfähig, wie Rau sich das vielleicht dachte, um darüber wirklich in einen konstruktiven Dialog treten zu können. Der Täter Anders Behring Breivik und seine spektakuläre Tat werden die wahren Absichten des Theatermachers immer überschatten und letztendlich einer unaufgeregten Debatte im Wege stehen. Somit ist Milo Rau eigentlich nur eines geglückt, die Dekonstruktion und Entdramatisierung eines unspektakulären Textes hin zur absoluten Banalität. Was am eigentlichen Ziel, nämlich der Auseinandersetzung mit der menschenverachtenden Ideologie dahinter, so ziemlich vorbeischießt. Das hier die Diskussion nicht etwas zielführender moderiert wurde, ist dann wohl auch einer der Gründe, woran sie schließlich gescheitert ist. Aber wahrscheinlich sind dann Thema und Text doch nicht so interessant oder konsensfähig, um darüber wirklich in einen konstruktiven Dialog treten zu können. Somit ist Milo Rau zumindest eines geglückt, die Dekonstruktion eines unspektakulären Textes zur absoluten Banalität, was am eigentlichen Ziel, der Auseinandersetzung mit der menschenverachtenden Ideologie dahinter, so ziemlich vorbeischießt.

Nur mit der „Banalität des Bösen“ (siehe auch Zitat oben), wie bei Hannah Arendt beschrieben, lässt sich der Fall Breivik dann auch nicht gänzlich erklären. Vielleicht eher noch mit einer Notiz aus ihrem Denktagebuch: „Es gibt das radikal Böse, aber nicht das radikal Gute. Das radikal Böse entsteht immer, wenn ein radikal Gutes gewollt wird.“ Hannah Arendt hat zwar das radikal Böse wieder zu Gunsten des banalen verworfen, Figuren wie Breivik entstehen aber immer auch dann, wenn Moralität sich von der Menschlichkeit abwendet, aus unreflektierten Vorurteilen speist und sich radikal abzugrenzen beginnt. Wenn das Subjekt sein Handeln nicht mehr reflektiert, werden Ideen und Wertvorstellungen zur Ideologie. Vom Fanatiker zum Mörder ist es dann nicht mehr allzu weit. Bei Breivik gibt es keine Differenz mehr zwischen Urteilen und Handeln. Er ist eins mit sich und seiner menschenverachtenden Ideologie und trotzdem weit davon entfernt ein gefestigter Charakter zu sein, der in einem urteilsfähigen Selbst wurzelt. „Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.“ (Hannah Arendt, „Über das Böse“) Um sich nun selbst hinter so einem Text zu erkennen, und auch kritisch hinterfragen zu können, gehört eben etwas mehr als nur das Hören einer Lecture-Performance. Das Projekt von Milo Rau denkt diese moralphilosophische Ebene nicht mit. Und bewegt sich somit auch passend zum Thema des Monologfestivals „Jenseits von Gut und Böse“.

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Nationaltheater Weimar: Die Breivik-Lesung sorgte für eine Menge Zündstoff. Veröffentlicht am 20.10.2012 von dapdvideo auf YouTube

Weitere Links zum Thema:

„Warum sollten sich nur Rechtsextreme mit dem Text befassen?“
Milo Rau verteidigt sein Theaterprojekt „Breiviks Rede“ auf Deutschlandradio.

Europäischer Common Sense
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von Christian Baron

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