demenz depression und revolution (studie zu 3 mythen der gegenwart) – Armin Petras wurschtelt sich am Maxim Gorki Theater zum Thema Kunst-, Gesellschafts- und Alltagsmythen performativ-assoziativ durch die teils diffuse Gedankenwelt seines Autorenegos Fritz Kater.

„“ziel und einzige methode der moderne ist der wandel einzige methode die permanente Kritik“ -“ Fritz Kater aus: „demenz depression und revolution

Unabhängigkeit der Kunst – für die Revolution!
Revolution – für die vollständige Befreiung der Kunst!

Diese hehren Ziele gaben der surrealistische Literat Andrè Breton und der bildende Künstler Diego Riviera in ihrem „Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst“ 1938 in der amerikanischen Zeitschrift „Partisan Review“ aus. Gestützt auf die Thesen des jungen Karl Marx, für den die Freiheit des Schriftstellers und Journalisten darin bestand, „kein Gewerbe zu sein“, und unter Mitarbeit des kommunistischen Politikers und revolutionären Theoretikers Leo Trotzki sprachen sie sich vehement für die Unabhängigkeit jeglicher Art der Kunstausübung aus. Das avantgardistische dieser Schlagworte wurde besonders nach der Oktoberrevolution in Russland unter dem Einfluss von Stalin korrumpiert und missbraucht. Trotzki prangerte das ein Jahr später in einem Brief an eben jene Zeitschrift in New York an. In seinem „Kunst und Revolution“ (1) betitelten Artikel betonte er noch einmal: „Echtes geistiges Schaffen ist unvereinbar mit Lüge, Heuchelei und Konformismus. Die Kunst kann nur insoweit ein großer Bundesgenosse der Revolution sein, als sie sich selbst treu bleibt.“ Nun ist trotzdem jegliche künstlerische Betätigung oder Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse gleichzeitig auch Broterwerb. Jeder Künstler ist versucht seit ehedem auch von seiner Kunst leben zu können.

Der tschechische Filmemacher Pavel Jurácek. pavel-juracek.jpg
Foto auf www.goeast.deutsches-filminstitut.de

Dieser Zwiespalt, in dem sich jeder politisch denkende Künstler befindet, ist dann auch eine der „3 Mythen der Gegenwart“ die Fritz Kater, das Dramatikerego des Noch-Gorki-Intendanten Armin Petras, zu einer Studie mit dem Titel: „demenz depression und revolution“ verdichtet hat. Der dritte Teil des Stücks, das am 05.01.13 am Maxim Gorki Theater Premiere hatte, endet mit dem Satz: „kunst ist revolution oder nichts“. Es ist der Musiker des Abends Miles Perkin, der diese Worte vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang spricht. Ein Vorhang, der sich auch für den Protagonisten aus „tagebuch eines revolutionärs/versuch einer fälschung“ geschlossen hat. Der tschechische Filmemacher Pavel Juráček (1935-1989), den es tatsächlich gab, bewegt sich zwischen dem eigenen Anspruch an sein künstlerisches Ego und störenden familiären Problemen wie im Traum durch die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen (Prager Frühling 1968). Petras hat dessen Tagebucheintragungen, in denen der an einer Schreibblockade leidende Drehbuchautor über das Skript zu seinen geplanten Film nach Swifts „Gullivers Reisen“ sinniert und in ständigen Zweifeln und Geldproblemen steckt, zu einem ca. einstündigen Stück verarbeitet. Juráčeks surrealistischer Film über eine gegenwärtige Welt im Untergang (Prípad pro zacínajícího kata – A Case for a Rookie Hangman – Ein Fall für einen Henkerslehrling) verschwand 1969 im Giftschrank und beendete abrupt die Karriere des Regisseurs.

Dekonstruktion von Alltagsmythen in drei Teilen

An einem Tag, an dem in der Berliner Zeitung ein Artikel über die Entlassung von Mitarbeitern des Maxim Gorki Theaters veröffentlicht wurde, erscheint dieser letzte Satz des Stückes über die revolutionäre Kraft der Kunst in dem Zusammenhang nicht nur ironisch, sondern sogar wie blanker Zynismus. Man kann nicht nur, man muss geradezu das Stück von diesem Ende her lesen. Auf jede gescheiterte Revolution folgen Depression und schließlich die geistige Demenz, oder wie es Ernst Bloch formulierte: „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. So haben es die Lauen auch mit Marx gehalten, tun gern dumm, auch heute noch.“ („Marx, aufrechter Gang, konkrete Utopie“ in „Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz“, 1968) Ganz so defätistisch will es Petras allerdings nicht sehen und hängt seine Intensionen dann auch entsprechend etwas niedriger. Er hangelt sich eher an den bekannten Krankheitssymptomen der modernen Gesellschaft entlang und beschreibt einerseits im ersten Teil die Gebrechen einer immer älter werdenden Bevölkerung, was sich immer öfter im Befund einer fortschreitenden Demenz niederschlägt, und andererseits den an Depressionen leidenden Leistungsmenschen im zweiten Teil. Ein Versuch der Dekonstruktion der Alltagsmythen nach Roland Barthes in drei Teilen. Die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Krankheiten als naturgegeben ansieht und sich mit dem Behandeln der Symptome begnügt. In der die nicht mehr Leistungswilligen oder -fähigen aussortiert und pathologisiert werden. Dagegen setzen Kater/Petras nun den dritten Mythos von der Kunst in revolutionären Zeiten.

Zwischen Kunst, Revolution und Privatem

Für den Protagonisten Pawel aus dem dritten Teil „tagebuch eines revolutionärs“ kommt die Revolution allerdings zur unpassenden Zeit. Er ist mit seinen eigen Problemen beschäftigt. Kunst, Revolution und Privates vermischen sich und lähmen ihn. Seine Frau hat ihn verlassen und nimmt ihm auch seine kleine Tochter weg. Von Kneipe zu Kneipe und von einem Mädchen zum anderen trinkt und schläft er sich durch die Nächte, schwankend zwischen Begeisterung und der Angst, dass alles nur ein Betrug ist, und lässt sich dabei von einer reichen italienischen Gräfin aushalten. Tagebucheintragungen von Ereignissen in Prag wechseln sich mit Gedanken zu seinem unvollendeten Drehbuch und Reflektionen zur Kunst ab. „kunst lebt letzten endes nur von der anerkennung …“ oder „weil es dinge gibt die mehr sind als nur sprechen gibt es die kunst“ sinniert Pawel. Entgegen Marx sind für ihn aber Revolutionen nicht die Lokomotiven, sondern eher die Lockenwickler der Geschichte. Man könnte auch sagen, sie geben der Geschichte erst ihre Form, oder den Sinn. Der Sinn liegt für den Künstler aber allein in seiner Kunst, die in seinen Augen revolutionär ist, oder eben nichts.

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Im Sog der Ereignisse. Prager Frühling 1968. Eine Menge von Demonstranten gegen einige sowjetische Panzer in den ersten Tagen des Einmarsches. Foto: Engramma.it auf Wikipedia

Dieser letzte Teil ist textlich der dichteste und stärkste von Katers Studie. Armin Petras inszeniert ihn mit drei Schauspielern (Cristin König, Thomas Lawinky und die junge Svenja Liesau) in ständig wechselnden Rollen. Das hat durchaus Drive und schreckt nicht vor Pathos, Klamauk und Travestie zurück. In einer Szene ziehen sich die drei Schauspieler rote Kleider an, stülpen sich farbige Wollmasken über die Gesichter und posieren im Stil des Punkgebets von Pussy Riot zu Gitarrenklängen des Musikers Miles Perkin. Petras setzt die Gedanken des Filmemachers zu Kunst und Revolution ganz assoziativ in performative Bilder um. Flower-Power, Pop-Art, reale Videobilder des Prager Frühlings und ein farbiges Kunsthappening bei dem sich Thomas Lawinky das Gesicht mit weißer Farbe beschmiert und Svenja Liesau ihm eine Clownsgesicht malt, das immer wieder verläuft. Petras bedient hier das romantische Klischee des frei schaffenden Künstlers, der aus den Zwängen der Gesellschaft ausbrechen will. Das einzig Revolutionäre bleibt für ihn der eigentliche Akt der Erschaffung von Kunst. Der Künstler als Schöpfer wird sein eigener Revolutionär. Kunst als Therapie für die Gesellschaft? Kann Kunst überhaupt gesellschaftliche Veränderungen bewirken? Eine Frage an der sich z.B. auch Sebastian Hartmann schon seit geraumer Zeit in Leipzig abarbeitet, dessen artifiziell halluzinogene Inszenierung „Der Trinker“ nach Hans Fallada bereits am Maxim Gorki Theater zu sehen war.

Poetische Schmetterlinge in der Demenzstation

Dagegen fallen die beiden ersten Teile des Abends allerdings sehr ab und auch recht unterschiedlich aus. Dem ersten Teil zur Demenz „im schmetterlingsgrund“ stellt Kater einige Sätze des Philosophen Platon aus dessen Dialog des Sokrates mit dem jungen Phaidros als Grundmotiv für dessen ambivalenten Umgang mit dem mythischen Erzählen voran. Kater fügt im Weiteren Gespräche zwischen Kranken, Pflegern und Angehörigen aus Recherchen, die er in Demenzstationen durchgeführt hat, und poetische Abschnitte zusammen, in denen es wie in einem Requiem um die Seelen von kranken und toten Menschen geht, die sich in Schmetterlingen wiederfinden. Pate standen hier wohl u.a. Das Schmetterlingstal der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, die deutsche Romantik von Novalis bis Eichendorff und auch noch Kriegs- und Todesbeschreibungen von Wolfgang Borchert und Paul Celan. Damit überfrachtet Kater ein wenig den recht nüchternen reportagehaften Textteil. Regisseur Petras bürstet das wieder kräftig gegen den Strich, in dem er sehr ironisch die Protagonisten in Fatsuites und unmögliche Klamotten stecken lässt. Es wird getaumelt, gebrabbelt, gesungen und auch mal getanzt. Das wirkt zeitweise albern und ermüdet irgendwann. Eigentlich hatten Kater/Petras mit der Idee Platons, dass der Seele des Menschen, wenn sie etwas Schönes auf der Erde sieht, Flügel wachsen, ja schon ein sehr schönes poetisches Bild. Das Thema des alternden Menschen, der sich der Gesellschaft geistig immer mehr entzieht und schließlich nur noch in seiner inneren Welt lebt, entschwindet aber schließlich so wie die davon flatternden Schmetterlinge, die Thomas Lawinky zum Schluss von A wie abendfauenauge bis Z wie zwergbläuling schier endlos aufzählt, irgendwo im poetisch kitschigen Niemandsland.

Persönliches Schicksal versus Allgemeingültigkeit

Das Debakel schlechthin erlebt nun im Nachhinein der Autor Kater wie der Regisseur Petras mit dem zweiten Teil „schwarzer hund“. Die in vielen Punkten fast identisch an die Lebens- und Leidensgeschichte des Torhüters Robert Enke, der sich aufgrund einer Depression und erhöhtem Leistungsdruck 2009 das Leben nahm, angelegten Szenen geben seit Montag den Anlass für einen drohenden Rechtsstreit mit der Witwe Enkes, die sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt. Es heißt da zu Anfang: „traurigkeit ist schwer zu ertragen aber jeder muss einmal ohne maske leben“. Was Kater/Petras eigentlich damit bezweckt hatte, dem Mythos vom „schwarzen Hund“ Depression, der dem Leidenden auf dem Rücken sitzt, die Maske herunterzureißen und ihn offen und allgemeingültig am „Archetypus“ eines depressiven Fußballtorwarts zu diskutieren („er war deutschlands nummer eins“), begreift Teresa Enke eher als einen eklatanten Eingriff in ihre Privatsphäre. Zu nah hat der Autor Kater die Story an die zugegebener Maßen allseits bekannten und medial ausgeschlachteten Lebensstationen Robert Enkes angelehnt. Von der Deutschen Bundesliga nach Lissabon, der Sprung nach Barcelona und der Absturz in Spaniens 2. Liga nach Teneriffa. Die Frau die ihr Studium für ihn aufgibt, sich mit Hunden umgibt, um nicht allein zu sein, ein Hochzeitsantrag mit Namen auf dem Trikot, erste Negativerlebnisse (Schießbude), Stasivorwürfe an den ehemaligen Ostler, und dann doch erster Kindersegen. Auch hier lässt Kater das Drama des herzkranken Kindes nicht aus.

Wie sich hier ein Wandel vom persönlichen Schicksal hin zum allgemeingültigen Krankheitsfall ergeben soll, bleibt ein Rätsel, das Armin Petras nun genötigt ist aufzuklären. Bleibt zu hoffen, dass er menschlich sensibilisiert und künstlerisch gestärkt aus dieser Auseinandersetzung herauskommen kann. Am engagierten Spiel von Michael Klammer und Aenne Schwarz, die diese im reinen Erzählton angelegte Geschichte verkörpern, kann es nicht liegen, dass die Rechnung letztendlich nicht aufgeht. Dazu kommen Zweifel, ob Katers Verlag nicht auch die Rechte zur Verwertung der biografischen Fakten aus dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng hätte einholen müssen. Diese liegen ebenfalls bei der Witwe Enkes, die sich nun insgesamt übergangen fühlt. Der Dank Katers galt lediglich dem Sportlerbiografen des Torhüters. Nun stehen Autor, Verlag und Gorki Theater vor den Scherben und müssen zu den anstehenden Katertagen am 19.01.13 wohl eine Rumpfversion des Stückes spielen. Man hat sich bis zur Klärung der strittigen Punkte bereit erklärt, den zweiten Teil nicht mehr zu spielen. Also Katerstimmung zu einem Stück mit drei diffusen Teilen, die sich nicht erst jetzt so recht nicht zu einem Ganzen fügen wollten.

Fehlende Sensorik?

Ansonsten ist dieser Abend tatsächlich mehr romantischer Revolutionskitsch, fröhliches Kunsthappening und doktert auch nur an den Symptomen der kranken Gesellschaft herum. Das Petras Schlagworte hernimmt, die vor ihm z.B. schon Trotzki, Barthes oder auch Wagner (Die Revolution) benutzt haben und sie dann zu einem relativ folgenlosen Performancereigen über die Krankheiten der Gesellschaft zusammenschraubt, ist nicht nur recht schluderig gearbeitet (wobei ich die Schauspieler ausdrücklich ausnehmen möchte), sondern erscheint sogar etwas denkfaul. Eine kleine Enttäuschung zum Jahresauftakt. Armin Petras kann es wesentlich besser, dass hat er bereits in zahlreichen gelungenen Inszenierungen seiner Katerstücke bewiesen. Ist er gedanklich etwa schon in Stuttgart? So kann man den Abschied auch forcieren. Letztendlich ist Petras die Revolution oder auch die revolutionäre Kraft der Kunst ebenso ein gesellschaftlicher Mythos, wie die Krankheiten der Gesellschaft an sich. Die Utopie des freien und selbstbestimmten Künstlers und Menschen, ein Mythos, der nun selbst auf ihn zurückschlägt. Die Sensorik der Antennen, die wir geneigt sind immer mehr abzuknicken, wie es Christoph Schlingensief in seiner Biografie „Ich weiß ich war`s“, aus der im Programmheft zitiert wird, beschreibt, scheint auch Armin Petras kurzzeitig abhanden gekommen zu sein.

Foto: St. B. maxim-gorki-theater_juni-2012.jpg

Die nächsten Termine am Maxim Gorki Theater:

  • Sa. 19.01.2013, 19:30 Uhr  (18:45 Uhr Einführung)
  • Mi. 06.02.2013, 19:30 Uhr

(1) Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft hatte 1939 Leo Trotzki in „Kunst und Revolution“ ganz treffend so beschrieben:

„Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.
Aus dieser Sackgasse mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg zu finden, ist nicht möglich. Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.“

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