Frust statt Brust – Sibylle Berg alias „Frau Sibylle“ randaliert in ihrer S.P.O.N.-Kolumne auf Spiegel online und beklagt sich dabei über das Elend im deutschen Stadttheater.

Wir kennen Sibylle Berg als genaue Beobachterin und unerbittliche Beschreiberin menschlicher Unzulänglichkeiten. Die Ergebnisse heißen dann z.B. „Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten.“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“ Ironie und Schwarzer Humor waren eigentlich nie ihr Problem. Seit etwas zwei Jahren schreibt Sibylle Berg eine der S.P.O.N.-Kolumnen auf Spiegel-online namens „Fragen Sie Frau Sibylle“. Unter der Schlagzeile Zeit für Frustrandale sitzt sie nun zu Gericht über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters. Tatsächlich ein seltsamer Begriff. Sprechtheater klingt irgendwie wie Brechtheater, ohne zweites t in der Mitte versteht sich. Was ist passiert? Warum geht es Frau Sibylle so schlecht? Sie war lange nicht mehr glücklich im Theater. Und ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen.

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Sibylle Berg (* 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. – Foto: Udo Grimberg (Wikipedia)

Nur woran liegt das? An leidenden, halbnackten Frauen, zu vielen Männern am Theater oder langweiligen Spielplänen? Wer hat das deutsche Stadttheater zur „Minna“ gemacht? Wer raubt uns mit den ibs-ten „Räubern“ den Nerv? An jedem zweiten Theater wird passend zur Krise ein „Kirschgarten“ abgeholzt. Keine Ideen, kaum neue Stücke, wenig interessante Rollen für Frauen. Kurz – das Elend, konstatiert Frau Sibylle. Den schwarzen Peter bekommen nun der Stein und der Zadek. Bei denen rannten ja bekanntlich schon in den 70ern Nackte über die Bühne und schrien. Alles Schreier, außer Schlingensief und Pollesch. Wenn Christoph Schlingensief weiter brav den Messdiener gegeben hätte, würde ihn wahrscheinlich heute noch keiner kennen. Und René Pollesch ist auch erst seit ein paar Jahren etwas ruhiger geworden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Volksbühne vor ziemlich genau 10 Jahren drei nackte Komparsen für Schlingensiefs „Atta, Atta, die Kunst ist ausgebrochen!“ suchte. Ob diese schon nackt zum Casting erscheinen mussten, ist mir allerdings nicht bekannt. Wenn das damals nicht nur ein Fake gewesen wäre, hätte Frau Sibylle sich etwa geweigert in der Volksbühne von einem/er nackten Komparsen/in zu ihrem Platz geleitet zu werden? Bereits 1993 bei „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ forderte Schlingensief das Publikum auf, sich nackt auszuziehen. Gleichberechtigung für alle! „…seid nackt, nackt, nackt!“ Wäre ihm Frau Sibylle gefolgt? Aber zumindest gematscht wurde jede Menge bei Schlingensief. Also bitte bloß keine neue Ekeltheaterdebatte.

Sebastian Hartmann inszeniert nach Shakespeares Was ihr wollt und dem Nackten Wahnsinn. Premiere: 19. November 2011.

Nackte am Theater? Wo gibt’s denn sowas?
Birgit Unterweger in „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt“ am Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian HartmannFoto: David Baltzer/bildbuehne.de

Man sieht, Nackte am Theater, das ist alles ein ziemlich alter Hut, auf den sie da drischt. Dazu gibt es sogar schon genau so lange, wie es Frau Sibylle gibt, eine Doktorarbeit von Ulrike Traub. Nur was will sie nun eigentlich wirklich? Allgemeine Ratlosigkeit durchzieht diese Klage. Aber lesen Sie erst noch einmal hier selbst nach. Und, schlauer? Muss man(n)/frau sich nun wohl oder übel ernsthaft Gedanken oder sogar Sorgen machen? Sicher, es ist bedauerlich, Christoph Schlingensief ist tot, Peter Zadek schon etwas länger. Nur Peter Stein geistert noch durch die Theatergeschichte, immer in gehörigem Abstand zur Gegenwart, dem Publikum und vor allem der Kritik. Einen Beitrag zur Bankenkrise oder dem Irak-Krieg würde man aber wohl auch von René Pollesch vergeblich einfordern. Die Folge ist Frust statt Brust. Randale durch sinnverhüllende Verweigerung. Frau Sibylle leidet, und wir leiden beim Lesen zwangsläufig mit.

Wissen Sie, was das Komische an Kolumnen wie „Fragen Sie Frau Sibylle“ ist? Obwohl niemand gefragt hat, bekommt jeder eine Antwort. Aber so isses halt immer schon gewesen, die Sibylle hat nie wirklich einer gefragt. Trotzdem hat sie unermüdlich geunkt, von der Antike bis in die heutige Zeit. Irgendwann hat sich das verselbständigt, und die Sibyllen schossen wie Hallimasch aus dem Boden. Vermutlich jedes zweite Kräuterfräulein, das zu viel vom eigenen Gesammelten und Gebrutzelten genascht hatte, hielt sich für eine gottberufene Prophetin. Die Sibylle entwickelte sich tatsächlich schon in der Antike schnell zu einer Art Berufsbezeichnung. Und es waren meist Männer, die in einsamen Nächten in ihren Klosterzellen anfingen, den ganzen Unsinn aufzuschreiben. Viele Seiten füllen die verschiedensten sibyllinischen Schriften.

Jeder Kult, jede Religion, jede Epoche kennt diese weibliche Form der ekstatisch kryptischen Prophetie. Die aus rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht. So hat Heraklit die Sibylle beschrieben. Und es dürften mittlerweile weit über zweitausend Jahre sein. Viel schlauer ist seither allerdings noch keiner geworden. Und beim Barte des Propheten oder den roten Haaren der Sibylle, warum das so ist, daran scheiden sich noch heute die Geister.

Da unsere Frau Sibylle tatsächlich Frau Sibylle heißt, und zwischen zwei Theaterstücken und ein paar Büchern auch noch Zeit für die Prophetie hat, dürfen wir das nun im Onlinezeitalter wöchentlich lesen, was sie so umtreibt, oder ihr, wie Herr Stadelmaier (auch so eine Art Prophet am Theater) es sagen würde, durch die Rübe rauscht. Vielleicht sollte Frau Sibylle tatsächlich mal was rauchen. Das entspannt ungemein, wenn man mal wieder gerade kurz vor der Frustrandale steht. Oder, auch eine Möglichkeit, Herrn Stadelmaier fragen. Dann werden die Orakelsprüche zwar auch nicht hellsichtiger, aber höchst wahrscheinlich lesbarer.

Und so bleiben wir bis dahin ebenso ratlos, wie Frau Sibylle selbst, und schauen in das Grab, das sich da aufgetan hat und alles zu verschlucken droht. Das gute alte Stadttheater samt halbnackten Schreihälsen, die rumstehen, rumlaufen oder gute Texte in guter Betonung aufsagen und natürlich den vielen Textarbeitern, die an ihrem „heteronormativen Weltbild“ meißeln. Und Frau Sibylle, als leidende Frau und hin- und hergerissene Autorin, immer mittendrin, im Strudel der schier unendlichen Kunstformen und -begriffe, die doch keiner begreift. Zwischen Skylla und Charybdis, René Pollesch und She She Pop, klassischem Bildungsbürgertum und freien Gruppen.

Träumen von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, alles zu ändern? Wer will das schon, wenn es Texte wie diesen gibt, den man ohne ganz in Rage zu verfallen, zusammenfalten und als Papiertiger zu den Akten legen kann. Abteilung: Schriften aus der Grotte. Sie wissen schon, da wo die Sibylle wohnt. Und jetzt? Bei den unergründlichen Tiefen des Hellespont. Worum ging es eigentlich noch? Stein und Zadek, Nackte und Schreihälse? Selbstreferenzielles von Theaterschaffenden, Sibylle Berg, Inga Stade oder IM Lustig? Die Kommentatorenkästchen auf Spiegel-online und nachtkritik.de laufen jedenfalls über vor lauter guten Ratschlägen. Oder geht es etwa doch wieder mal um die Revolution am Theater? Sagte ich schon, dass ich ratlos bin? Ich weiß nur eines: Hallimasch macht Heil im Ar… Und jetzt raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Oder fragen Sie Frau Sibylle.

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