Am 24. April 2013 ging die 9. Ausgabe der achtung berlin – new berlin film awards mit der Preisverleihung im Kino Babylon-Mitte zu Ende – Viel Freude und jede Menge großer Emotionen nach einer Woche voll guter Filme

Haupspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte

Hauptspielstätte des Festivals, das Kino Babylon in Berlin-Mitte

Die Regisseurin Biene Pilavci war hinter dem großen Pult und dem riesigen Blumenstrauß kaum noch zu sehen. Allerdings drang ihre sich freudig lautstark überschlagende Stimme bis in die hinteren Reihen des Kinos Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte. Die Emotionen brachen sich Bahn, nachdem Sie für ihren sehr persönlichen Dokumentarfilm „Alleine Tanzen“ über die schmerzvolle Vergangenheit ihrer aus der Türkei nach Deutschland migrierten Familie mit dem new berlin film award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Die Dokfilm-Jury lobte daran dann auch den „ungewöhnlich offen Blick hinter die Kulissen eines Familiendramas“ in dem sich die jungen Filmemacherin, wie si e es selbst bezeichnete, komplett nackt gemacht hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes eine 90minütige emotionale Achterbahnfahrt, wie man in dem eingeblendeten Filmausschnitt erfahren konnte.

Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm

Biene Pilavci inmitten ihres Filmteams bei der Preisverleihung für den besten Dokumentarfilm

Mit Liebe gemacht – Die Filme des Spielfilm-Wettbewerbs

Die Liebe als stärkste zwischenmenschliche Emotion stand dann auch im Mittelpunkt der meisten auf dem Festival gezeigten Kurz-, Mittellang- oder Langspiel- bzw. Dokumentarfilme. „Mit Liebe gemacht“ hieß das Festival-Motto, das sich natürlich auch in den nicht preisgekrönten Filmen widerspiegelte. Hervorzuheben sind da vor allem Filme wie „Kaptn Oskar“ von Tom Lass oder „Rona & Nele“ von Silvia Chiogna. Beide Filme zeichnet eine große Liebe zu ihren nicht ganz einfachen Figuren und zur Stadt Berlin als spannungsgeladenem Filmset aus. In „Kaptn Oskar“ beobachtet die Kamera dann auch die Protagonisten Masha (Amelie Kiefer) und Oskar (der Regisseur selbst) zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und kurzen Ausflügen ins brandenburgische Umland bei dem Versuch einer ungewöhnlichen Beziehung ganz ohne Sex und dem daraus resultierenden Beziehungsstress rein auf freundschaftlicher Basis.

Das Fimtheater am Friedrichshain (FaF)

Das Filmtheater am Friedrichshain (FaF)

Oskar versucht von seiner dominanten Ex Alex (Martina Schöne-Radunski) loszukommen, die sich ihr Verhältnis wie das von Courtney Love zu Kurt Cobain vorstellt und Oskar schon die Wohnung abgefackelt hat. Auf seiner Flucht vor einem fremdgestalteten Leben trifft er auf Masha, die ihrerseits, wie auf der Suche nach einer Art Vaterfigur, ständig mit viel älteren Männern (in Nebenrollen die Bühnenschauspieler Christian Kuchenbuch und Gunnar Teuber) schläft. Was Oskar nicht davon abhält, nach einem exzessiven Alkoholabsturz doch wieder in Alex’ Bett zu landen. Zwischen zärtlichen Annäherungsversuchen und fast autistischer Abstoßung bewegen sich die beiden verletzten Beziehungsverstörten durch ein regelrechtes Gefühlschaos, dem sie doch eigentlich zu entkommen suchen. Was Masha und Oskar immer wieder zueinander treibt, ist eine ungestillte Sehnsucht nach Liebe und körperlicher Nähe. Allein diese Sehnsucht scheint letztlich nicht auszureichen, eine neue Art von Beziehung aufzubauen. Du tust mir nicht gut, ist Oskars Reaktion auf Mashas Klammerversuche. Beide vermögen einfach nicht aus ihren eingeübten Verhaltensmustern auszubrechen.

Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von Käptn Oskar im FaF

Amelie Kiefer und Tom Lass bei der Vorstellung von „Kaptn Oskar“ im FaF

Ein schöner und emotional berührender Film genau wie auch Silvia Chiognas „Rona & Nele“. Die erfolglose Architekturstudentin Nele lebt ein recht unspektakuläres Leben als graue Maus. Sie sieht es als ihre vorrangige Aufgabe sich um ihre zu Depressionen neigende alleinstehende Mutter zu kümmern, bei der sie auch noch wohnt. Heimlich träumt sich Nele aber in ein aufregenderes Leben hinein. Als ihr die sich im Supermarkt auf unkonventionelle Weise selbstbedienende Rona über den Weg läuft, hängt sich Nele einfach kurzentschlossen an die allein in einem verlassenen Haus im Friedrichshain wohnende junge Lebenskünstlerin. Doch auch hier stehen sich die verschiedenen Lebensauffassungen ziemlich konträr gegenüber. Jede der beiden jungen Frauen hat ihre ganz eigenen speziellen Probleme. Selbst die so resolut und selbständig wirkende Rona schreckt vor allzu viel Nähe zurück. Erst langsam entwickelt sich nach anfänglicher Ablehnung durch Neles erstaunliche Beharrlichkeit doch noch eine durch gegenseitige Solidarität geprägte Beziehung, die schließlich in einen Versuch einer echten Freundschaft mündet. Ein bezaubernder Berlinfilm der einerseits eindrücklich die Einsamkeit der Großstadt beschreibt aber auch durch fantastische Bilder Mut machen will. Da fängt schon mal eine Hose an zu tanzen und eine Straßenkapelle spielt den magischen Soundtrack dazu.

Hauptpreis im Wettbewerb Spielfilm für „Silvi“ von Nico Sommer

Aber nicht die Beziehungsprobleme der Jugend haben letztendlich die Wettbewerbsjury Spielfilm, bestehend aus der Schauspielerin Anjorka Strechel, dem Schauspieler und Regisseur RP Kahl und dem Filmproduzenten Jan Krüger, überzeugt, sondern ein Film über eine 47-jährige, die, von ihrem Mann verlassen, nach einer neuen Liebe sucht. Nach der ersten Enttäuschung wagt sie schließlich ganz naiv auf Anraten einer Freundin den Neuanfang und probiert sich erstmals in ihrem Leben selbst aus. Kontaktanzeigen, anonymer Sex mit skurrilen Typen, wie einem Busfahrer, der ihr beim ersten Date gleich seinen Schichtplan und die wichtigsten Nachfahrverbindungen offeriert, werden zur echten Herausforderung für Silvi. Der Film „Silvi“ von Regisseur Nico Sommer lief schon in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ auf der diesjährigen Berlinale und zeigt nicht nur deswegen auffallende Parallelen zum ebenfalls auf der Berlinale sehr erfolgreichen gelaufenem chilenischen Wettbewerbsbeitrag „Gloria“.

Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film für "Silvi"

Nico Sommer mit Filmteam bei der Preisverleihung für den besten Film „Silvi“

Nico Sommer hat in „Silvi“ aber tatsächlich auf eine wahre Begebenheit zurückgegriffen, und trifft damit einen Nerv der Zeit, in der mehr und mehr reifere Frauen mit ihren Erfahrungen und Sehnsüchten die Leinwand erobern. Siehe hierzu auch den 2010 bei Achtung Berlin gezeigten Film „Unbelehrbar“ von Anke Hentschel mit Lenore Steller in der Hauptrolle. Der Film ist gerade erst in den deutschen Kinos angelaufenen. Mit Lina Wedel als Silvi hat Nico Sommer auch eine wunderbare Hauptdarstellerin gefunden. An ihrer Seite überzeugen einmal mehr Thorsten Merten (Halbe Treppe, Unbelehrbar, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel), Harald Polzin, Ivan Gallardo und der große komödiantische Darsteller Peter Trabner (Dicke Mädchen, Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel). Nico Sommer und „Silvi“ erhielten den new berlin film award für den besten Spielfilm und den Preis des Vereins Deutscher Filmkritiker.

Zuhälter, Psychopaten und skurrile Separatisten – Die Filme der Stars von Film und Bühne auf dem Festival konnten leider nicht durchweg überzeugen

Ein Filmfestival kommt natürlich nicht ganz ohne Stars aus. Und so waren mit Tom Schilling, Nora von Waldstetten, Nina Kronjäger oder Bruno Cathomas auch einige aus Film und Theater bekannte Größen vertreten. Jedoch allein die großen Namen konnten die Wettbewerbsjury dann doch nicht in jedem Falle überzeugen, Filmen wie der „Woyzeck“-Version von Nuran David Callas, Tim Staffels „Der Jäger ist die Beute“ oder „Freiland“ vom jungen Regisseur Moritz Laube einen Preis zuzuerkennen. Nach Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“ mit dem Ochsenknecht-Sohn Wilson Gonzales hat der Theaterregisseur Nuran David Calis mit Georg Büchners „Woyzeck“ ein weiteres Stück Weltliteratur verfilmt. Büchners Dramen-Fragment verlegt Calis in den Berliner Wedding von heute. Zwischen Nutten und Zuhältern, Hinterhofwohnung und türkischen Imbissbuden muss sich der ehemalige Restaurantbesitzer Franz Woyzeck (Tom Schilling) behaupten. Er braucht Geld für den Traum vom gemeinsamen Glück mit seiner Freundin Marie (Nora von Waldstetten) in einem Häuschen im Grünen.

Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von "Woyzeck" im FaF

Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Regisseur Nuran David Calis bei der Premiere von „Woyzeck“ im FaF

Bei einem dubiosen Arzt (Brav Woyzeck, er bekommt Zulage.), dargestellt von Gorki-Schauspieler Gunnar Teuber, der seine Finger auch im Drogengeschäft hat, setzt er sich Arzneimittelversuchen aus und schindet sich in der Küche eines religiösen türkischen Restaurantbesitzers (Georgius Tsivanoglou vom BE), den seine Kumpels Andres und Louis (Markus Tomczyk und Christoph Franken vom DT) nur den Kanackenhauptmann nennen. Auch hier werden Büchnertexte strapaziert (Ein guter frommer Mensch tut das nicht. Woyzeck, du bist unmoralisch.). Mit den Kumpels sammelt er nachts auch noch Müll aus U-Bahnschächten und faselt dabei wie im Delirium Büchners Worte von Freimaurern und Ratten in Endlosschleife (Es ist so still, als wär die Welt tot. Man möchte den Atem halten). Dabei bleibt natürlich zwangsläufig die Libido auf der Strecke und Freundin Marie wendet sich einem Zuhälter und bekannter Kiezgröße (Simon Kirsch) zu.

Woyzeck wird durch die Medikamente immer wunderlicher und rennt schwitzend, halluzinierend und Büchnertext phantasierend durch Berlin. Es kommt was kommen muss. Wie bei Büchner verraten die Ohrringe Maries Untreue und Woyzeck greift zu Pistole und Messer. „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“, heißt es bei Büchner. Hier schwindelt einen nur ob des hanebüchenen Plots, bei dem Andres und Louis dem Zuhälter auch noch die Reifen von der Limousine klauen müssen, um sie auf dem Trödelmarkt zu verscherbeln. Büchners gesellschaftlich Ausgestoßene landen schließlich in der Mülltonne oder gehen den vorherbeschriebenen Weg in den Wahnsinn. Das hat mit einem gut gemachten sozialrealistischen Thriller so viel zu tun, wie Georg Büchner mit Martin Scorsese. Tom Schilling wird es verschmerzen können, hat er doch gerade erst verdienter Maßen zusammen mit Jan-Ole Gersters wesentlich zwingenderem Berlinfilm „Oh Boy“ beim Deutschen Filmpreis triumphiert.

Mit „Der Jäger ist die Beute“ hat Theaterautor und -regisseur Tim Staffel in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Fabian Spuck seinen zweiten Spielfilm gedreht. Auch hier stehen wieder bekannte Namen aus der Theaterszene vor der Kamera. Nina Kronjäger, ehemalige René-Pollesch-Muse (u.a. Heidi Hoh und 24 Stunden sind kein Tag) spielt die Schrifstellerin Melanie. Als ihr muskelbepackter Lover Tyson agiert der Volksbühnenschauspieler Trystan Pütter. Melanie wird von dem ehemaligen gescheiterten Tennistalent Moira (unabwendbares Schicksal) verfolgt. Sie spricht der Schriftstellerin ständig mit verzerrter Stimme den Anrufbeantworter voll, legt ihr Blumen vor die Tür und fühlt sich im Geiste völlig eins mit ihr. Schaubühnendarstellerin Jule Böwe überzeugt hier als naive, einsame Stalkerin, die über eine überbordende Fantasie verfügt, das aber nicht selbst kreativ umzusetzen weiß.

Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in "Der Jäger ist die Beute" vor dem Kino Babylon

Nina Kronjäger, Hauptdarstellerin in „Der Jäger ist die Beute“, vor dem Kino Babylon

Als ungleiches Polizisten-Duo Infernale sind die beiden Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas und André Szymanski zu sehen. Beide sind sogenannte Stalking-Beauftragte und mit dem Fall beauftragt, den Stalker (Noch geht man davon aus, dass es sich um einen Mann handelt.) zu finden. Die beiden wegen psychischen Problemen und Inkompetenz Strafversetzten verfolgen recht unkonventionelle Methoden der konspirativen Beschattung. Erschwerend kommt hinzu, dass Enno (Bruno Cathoms) Melanies Ex ist und neue eifersüchtige Besitzansprüche in ihm erwachen. Torge (André Szymanski) ist ein stark verhaltensgestörter Rassist, den Gewaltfantasien plagen und der in Moira ein Ebenbild seiner Mutter sieht, an der er sich gerne rächen möchte. Die Polizisten verfolgen so ziemlich schnell aus reinem Eigeninteresse die Fährte ihrer Begierde. Was zur Folge hat, dass bald nicht mehr wirklich klar zu sein scheint, wer eigentlich der Jäger und wer die Beute ist.

Das ist so ungefähr bis zur Hälfte eine ziemlich gut inszenierte Komödie über die skurrilen Probleme beziehungsgestörter Großstädter. Tim Staffel wollte die verschiedensten Spielarten des Stalking beleuchten und hat dafür lange recherchiert, wie er nach der Premiere des Films erklärte. Man merkt dem Film leider seine ursprüngliche Konzeption als Hörspiel an, was sicher auch daran liegt, dass die Realisierung tatsächlich aus Kostengründen parallel erfolgte. Der Film ist stark dialoglastig (würde vermutlich auch besser als Theaterstück funktionieren) und vermag dem kaum entsprechende Bilder entgegenzusetzen. Die Story verliert sich schließlich immer mehr in den einzelnen Psychomacken, sexuellen Fantasien und der unaufgearbeiteten Vergangenheit der Protagonisten. Der Geschichte geht so nach und nach die Luft aus, und übrig bleibt lediglich die Erkenntnis, dass in jedem anonymen Großstadtbewohner ein potentieller Stalker lauern kann.

Große Erwartungen verbanden sich in Zeiten von Finanzkrise und Occupy-Bewegung mit dem Spielfilm „Freiland“ von Moritz Laube. Er beschreibt ein Experiment in dem eine Gruppe von Gesellschaft und Politik Enttäuschter einen eigen Staat in der brandenburgischen Provinz gründen. Und auch das basiert ja durchaus auf wahren Begebenheiten. Solche Art Staatsgründungen gab es tatsächlich schon. Regisseur Moritz Laube, der dieses Filmprojekt auch konzipiert hat, stellt diesen Versuch aber von Anfang an als zum Scheitern verurteiltes Unterfangen einiger fanatischer Utopisten, Ökospinnern und Sonderlingen mit Hang fürs Militärische dar. Der Lehrer Niels (Aljoscha Stadelmann) wird nach dem Besuch einer in Gewaltexzessen eskalierenden Demo mit seinen Schülern vom Schuldienst suspendiert. Er ergreift die Gelegenheit und kidnappt den in einem Wohnwagen voller Konserven durch Deutschland reisenden und Vorträge haltenden Untergangsphilosophen Christian (Matthias Bundschuh) und verschleppt ihn aufs Land, wo er ein altes Gutshaus gekauft hat.

Regisseur Moritz Laube mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon

Regisseur Moritz Laube (mit Micro) mit dem Freiland-Team bei der Premiere im Kino Babylon

Der Name für den neuen Staat ist schnell gefunden und erste Mitstreiter (unter ihnen Schauspieler Andreas Leupold vom Maxim Gorki Theater) pilgern ins neue Freiland. Die Auswahl erfolgt durch ganz gezielte Fragen. Regeln werden schnell beschlossen, Pässe und Funktionen verteilt. Ein morgendlicher Fahnenappell mit Marschmusik sorgt für die notwendige Identifizierung mit der Sache. Als der Zulauf immer größer wird, werden allerdings die Grenzen schnell geschlossen und die Presse bekommt endlich auch Wind von der Sache. Der TV-Reporter (Klaas Heufer-Umlauf) weiß aber nur von hygienischen Unzulänglichkeiten, Zwang und regelmäßigen Reproduktionsabenden, bei denen die Paarungen immer wieder neu ausgelost werden, zu berichten. Das ist alles von Moritz Laube natürlich mit einem großen Schuss Ironie inszeniert. Die Freiländer reproduzieren bei ihm von der ersten Minute an das, was sie eigentlich an der bestehenden Gesellschaft, die sie verlassen haben, immer kritisieren wollten. Eine neue Art von Demokratie im Kleinen lässt sich so schwerlich umsetzen. Der Film funktioniert daher am besten noch als Farce und beweißt damit natürlich nur das Zitat von Karl Marx, dass sich Geschichte, wenn überhaupt, dann nur als Farce wiederholt.

Als weiterer hartnäckiger Widerpart der Freiländer erweist sich noch der lokale Bürgermeister (Stephan Grossmann), der auch schon ein Auge auf das Grundstück der Freiländer geworfen hatte. Er schleust seine Sekretärin (Henrike von Kuick) als Spionin in den Freistaat ein, engagiert einen finsteren Personenschützer und sorgt dafür, dass die Versorgungsquellen der Separatisten nach und nach versiegen. Als Geld und Ressourcen knapp werden, entschließt man sich einfach Essen und Strom zu rationieren. Erste aufkommende Zweifel können nur mit viel Propaganda unterdrückt werden. Spätestens nachdem der „Finanzminister“ Freilands mit den letzten Goldreserven getürmt ist, der Diesel zur Neige geht und Eifersucht, Missgunst und Allmachtphantasien überhand nehmen, ist die Gemeinschaft endgültig in Auflösung begriffen. Und das dramatische Diktum des Theaterautors Anton Tschechow „Eine Pistole, die im ersten Akt eines Stücks an der Wand hängt, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“ erfüllt sich natürlich auch noch.

Der Theaterschauspieler Bruno Cathomas (Schaubühne Berlin, Thalia Theater Hamburg) spielt eine kleine witzige Nebenrolle als in die Welt gesandter Botschafter Freilands. Aber auch er kann Utopie und Film nicht mehr retten. Als er, die Anerkennung der UNO in der Tasche, nach langer kostenintensiver Reise zurückkehrt, werden die übriggebliebenen Freiländer gerade von der Polizei eingefangen und der Bürgermeister übernimmt wieder den ihm angestammten Platz in der politischen Ordnung des „lokalen“ Dorfes. Auch das „globale“ Dorf hat die Aussteiger schnell wieder aufgesogen. In den immer wieder dokumentarisch eingestreuten Interviewfetzen geben sie ihre ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse in Freiland vor der Kamera wieder. Eine wirkliche Vision hatte hier niemand. Was davon übrig bleibt, ist eine Erfahrung mehr und die Hoffnung auf die Macht der Liebe. Na immerhin etwas.

Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon

Jan Krüger, Anjorka Strechel und RP Kahl, die Wettbewerbsjury Spielfilm vor dem Kino Babylon

„Kohlhaas!!! Scheiß aufs Geld!“ – Die Welt als Wille und Vorstellung in einem Film von Aron Lehmann

Ein kleines Wunderwerk an Film hat der Regisseur Aron Lehmann mit seiner Abschlussarbeit für die HFF Potsdam-Babelsberg geschaffen. Den Mangel an Fördergeld, der so vielen Low-Budget-Filmen gemein ist, nutzt er als Potential für eine ironische Betrachtung des Filmemachens in Zeiten knapper Kassen. Aus der Verfilmung eines historischen Ritterspektakel nach der Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist droht nach dem Rücktritt der bayrischen Produzenten ein Debakel zu werden. Heinrich von Kleist war mit seinen Werken der ihn umgebenden Welt um einiges voraus. Mit verzweifelter Akribie versuchte er in ihr, beeinflusst von der Philosophie des Königsbergers Immanuel Kant, seinen Platz zu finden und als „freier denkender Mensch“ nicht einfach nur da stehen zu bleiben, wo ihn das Schicksal hingeworfen hatte. Im Jahr 1811 endete die Suche allerdings mit Kleist Selbstmord am kleinen Wannsee bei Berlin. Das Kleistzitat: „Ein freier, denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt; oder wenn er bleibt, so bleibt er aus Gründen, aus Wahl des Bessern.“ stellt der junge Berliner Regisseur Aron Lehmann seinem Film „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ voran.

„Die Welt ist meine Vorstellung.“ Mit diesem Satz beginnt acht Jahre nach dem Freitod des 33-jährigen Dichters Kleist der 31 Jahre alte Philosoph Arthur Schopenhauer sein großes pessimistisches Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Für ihn war die Welt als Vorstellung lediglich durch das vorstellende Subjekt gegeben, hing also unmittelbar vom Erkenntnisvermögen des Betrachters ab. Und er widersprach dabei in einigen Punkten der transzendentalidealistischen Auffassung Kants. Aron Lehmann bleibt hier nicht stehen. Er überträgt die These Schopenhauers, allerdings ganz im positiven Sinne, auf den Film. Für ihn entsteht die gesamte Welt (des Films) erst aus dem reinen Willen zur Imagination.

Das Filmteam von Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel vor dem Kino Babylon

Das Filmteam von „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ vor dem Kino Babylon

Und damit hat der Filmemacher natürlich mit den Theaterleuten einiges gemein, die auch wieder zahlreich in seinem Film vertreten sind. Sei es durch die mitwirkenden Schauspieler oder die sich selbst bühnenaffin gebenden Dorfbewohner, die sich dem Regisseur im Film als unerwartete Erfüllungsgehilfen zunächst bereitwillig andienen. Den Idealismus des jungen Regisseurs, dargestellt vom anderen Jungstar des neuen deutschen Films und Filmpreisnominierten Robert Gwisdek, teilen sie jedenfalls alle erst nach einer flammenden Motivationsrede mit anschließendem demonstrativ imaginiertem Kampfgetümmel im bayrischen Forst. Da werden Kühe und Ochsen zu Pferden und auch fehlende Schwerter, Rüstungen und brennende Kulissen halten den Regisseur nicht davon ab seinen Traum vom Film in die Realität umzusetzen. Dass ihm dabei neben dem Hauptdarsteller auch irgendwann der Sinn für die wirkliche Welt abhanden kommt, blendet er dabei allerdings nach und nach völlig aus. Die Liebe zu seiner Muse, der Darstellerin von Kohlhaas’ Frau Lisbeth (Rosalie Thomass), lässt ihn schließlich selbst als Kohlhaas in den Kampf für die Verwirklichung seiner Vision ziehen.

Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon

Aron Lehmann (mit Micro) und sein Team bei der Preisverleihung für die beste Regie im Kino Babylon

Der Einbruch der merkwürdigen Filmkunstschaffenden in die normale Welt der Dörfler schlägt nach anfänglicher Begeisterung schnell in Ablehnung und blanken Hass um, der schließlich sogar Kohlhaas’sche Dimensionen annimmt. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel werden a priori genau da überschritten, wo der Wille zur Vorstellung Zwang zu werden droht. Eine Binse nicht erst seit das Geld knapp und die Kunst im ständigen Existenz- und Erklärungsnotstand steht. Der irgendwo zwischen Truffauts „Amerikanischer Nacht“, Fassbinders „Warnung vor einer heiliger Nutte“ und den wahnwitzigen Filmvisionen vom Schöner-Scheitern eines Christoph Schlingensiefs angesiedelte Streifen ist ein klares Plädoyer für die schier grenzenlose Kreativität des Künstlers, das Aron Lehmann hier natürlich nicht ganz ohne Ironie und kleine Seitenhiebe auf die deutsche Kinoszene hält. Denn dass ein gut subventionierter Film über Kleists Rächer aus verletztem Gerechtigkeitsgefühl auch daneben gehen kann, hat schließlich schon Volker Schlöndorff erfahren müssen. Übrigens, wem dass nicht passt, der kann ja zu Tom Tykwer gehen, dessen ohne Wackelkamera gedrehten Filme immerhin für gute Szenenbilder, Masken und tadellos sitzende Kostüme Preise abkassieren.

Ein großes filmisches Vergnügen, an dem auch die Spielfilmjury Gefallen fand und Aron Lehmann dafür ganz zu Recht den new berlin film award für die beste Regie zuerkannte. Neben Robert Gwisdek und Rosalie Thomass stehen Lehmann hier so tolle Schauspieler wie Jan Messutat, Thorsten Merten, Heiko Pinkowski, Michael Fuith, Peter Trabner u.v.a.m. zur Seite. Was auch nicht nur bei diesem Film ein starker Beleg für den dringend zu schaffenden Darstellerpreis war, wie die Jury auch eindringlich betonte. Der Dank zum Schluss der Preisverleihung galt natürlich noch dem engagiert und aufopferungsvoll arbeitendem Festivalteam, das Achtung Berlin wieder zu einem außerordentlichen Festivalerlebnis machte. Und so kann man sich schon heute auf den Start der 10. Ausgabe des new berlin film awards am 09.04.2014 und natürlich die hoffentlich bald anstehenden Kinostarts der Festival-Filme freuen.

Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte

Das Achtung-Berlin-Festivalteam bei der Preisverleihung im Babylon Mitte

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Alle Preisträger und Jurybegründungen gibt es hier.

(c) Text und Fotos: Stefan Bock

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