Leid und Schrecken der Medea – Als Männer vernichtendes Mysterium thront Constanze Becker über der Frankfurter Inszenierung von Michael Thalheimer, mit der am Freitag die 50. Ausgabe des Theatertreffens im Haus der Berliner Festspiele feierlich eröffnet wurde.

In freudiger Erwartung. Das Theatertreffen ist Fünfzig.

In freudiger Erwartung.
Das Theatertreffen ist Fünfzig. Foto: St. B.

Mann, Frau, Liebe, Kind. In schneller Abfolge prasseln große Video-Piktogramme auf den sich vor seelischer Qual und unter großen Schmerzen windenden Leib der Medea. Dieser sagenhaften, fremden Prinzessin aus Kolchis, die seit der Antike immer wieder die Gemüter der Menschen bewegt und viele Künstler der bildenden und darstellenden Zunft inspiriert hat. Die Schauspielerin Constanze Becker verkörpert sie, gekleidet in ein seidenes Unterhemd und Stiefel, gezeichnet mit Tränenspuren aus dickem Kajal unter den Augen. Der Regisseur Michael Thalheimer ist nach längerer Pause ins Haus der Berliner Festspiele zurückgekehrt, wo am Freitag mit seiner Frankfurter Inszenierung des Euripides-Dramas das 50. Theatertreffen feierlich eröffnet wurde. Zuletzt war er 2007 / 2008 mit der „Orestie“ und den gefeierten „Ratten“, beides Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, in der Auswahl vertreten. Hier direkt im Festspielhaus konnte man ihn allerdings letztmalig 2005 mit Wedekinds „Lulu“ vom Hamburger Thalia Theater sehen. In der Hauptrolle die junge Fritzi Haberlandt, damals noch in fast jeder Thalheimerinszenierung besetzt.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele
Foto: St. B.

Am Haus der Berliner Festspiele hatte 2001 auch Michael Thalheimers Theatertreffen-Karriere begonnen. Mit einem ebensolchen Piktogramm-Gewitter wie eben beschrieben, untermalt mit den gleichen harten Gitarrenriffs von Bert Wrede und auf einer fast kahlen Bühne von Olaf Altmann, führte sich der junge Nachwuchsregisseur erstmalig ein. Der Zusammenarbeit dieses kongenialen Inszenierungstrios ist seitdem eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Produktionen entsprungen, was für Michael Thalheimer schließlich auch in sieben Einladungen zum Theatertreffen mündete. Das sei doch ein anständiges Stück ließ sich bei der Premiere von Molnars „Liliom“ der Hamburger Ex-Bürgermeister Franz von Dohnanyi aus dem Premierenpublikum vernehmen. Thalheimer hatte mit seinem inhaltlich stark reduzierten, dafür aber körperlich stark akzentuierten Spiel einen kleinen Theaterskandal provoziert. Die Inszenierung spaltete anschließend auch das Berliner Publikum. Schon das minutenlange, regungslose Starren von Hauptdarsteller Peter Kurth zu Beginn der Aufführung sorgte für einige Unmutsbekundungen.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel. Foto: St. B.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel.
Foto: St. B.

Letztendlich hatte diese Einladung aber eine Wende in der Auswahlpolitik des Theatertreffens zur Folge. Jüngere Regisseure wie Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig, Armin PetrasNicolas Stemann oder Thomas Ostermeier traten aus dem Schatten Frank Castorfs und trafen immer öfter den Geschmack der Jurymitglieder. Die Arbeiten von bis dato über Jahre etablierter Regisseure wie etwa Peter Zadek, Claus Peymann, Luc Bondy oder Andrea Breth verloren immer mehr an Bedeutung. Mittlerweile gehört Michael Thalheimer selbst zum Stadttheater-Establishment, und der letzte erwähnenswerte Skandal auf dem Theatertreffen liegt mit der Ekeldebatte um Jürgen Goschs Nackte-Männer-Macbeth auch schon einige Jahre zurück. Michael Thalheimer ist ein gutes Stück Theatertreffentradition. Und mit der Entscheidung, das Jubiläum mit der von allen Kritikern durchweg gerühmten „Medea“ zu beginnen, ist das Theatertreffen, das seit 2012 von Yvonne Büdenhölzer geleitet wird, dann auch kein allzu großes Risiko eingegangen.

Diese Medea, Enkelin des Sonnengottes Helios, unsterblich und über magische Kräfte verfügend, hilft laut den Sagen der griechischen Mythologie dem griechischen Helden Jason das Goldene Vlies für Pelias, den König von Iolkos, zu rauben. Im Laufe der antiken Geschichte wandelte sich diese zunächst durchaus positiv besetzte Figur der helfenden Jungfrau schließlich in die uns durch das Stück des Dichters Euripides bekannte der rachsüchtigen Kinds-Mörderin. Nachdem Medea bereits für Jason ihren Bruder Absyrtos getötet hatte, macht sie sich auch noch schuldig am Tode des Königs Pelias. Verlassen von ihrem Mann Jason zu Gunsten der Tochter des Königs Kreon von Korinth, wohin sich beide vor der Rache der Nachkommen des Pelias geflüchtet hatten, tötet Medea erst durch Zauberkraft und Gift die Nebenbuhlerin Kreusa und ihren Vater und dann, um den Verrat Jasons endgültig zu bestrafen, auch ihre eigenen Kinder. Auf einem Drachenwagen entflieht Medea zu König Aigeos, dem sie vorher einen Eid, sie zu beschützen, abgenommen hatte, nach Athen.

Das Schicksal der Medea hat auch in der Moderne viele weitere Bearbeitungen und Umdeutungen erfahren, z.B. von Hans Henny Jahnn mit einer schwarzen Medea, mit Jean Anouilhs Drama über die Unmöglichkeit die Vergangenheit abzustreifen, an dessen Ende sich Medea selbst tötet, oder in Heiner Müllers düsterer Endzeit-Variante „Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten“. Christa Wolf wiederum gab in ihrem aus feministischer Sicht erzähltem Roman „Medea. Stimmen“ der vermeintlichen Verbrecherin ihre unschuldige Gestalt zurück und stellte sie als Opfer von Intrigen und Fremdenhass dar. Selbst an der Grenze zum 21. Jahrhundert versuchten sich noch immer Autoren an einer Modernisierung des Medea-Stoffes, wie etwa Tom Lanoye mit seiner blutigen Neufassung der Argonautensaga „Mamma Medea“. Neil LaBute lässt in „Medea Redux“ eine junge Frau aus dem Gefängnis heraus die Geschichte einer heutigen Kindsmörderin als Teil seiner Mord-Trilogie „Bash – Stücke der letzten Tage“ erzählen und Dea Loher verlegt ihre „Manhatten Medea“ in die Anonymität einer ihr fremden Mega-City. Von all dem ist auch in den zahlreichen heutigen Inszenierungen der „Medea“ immer etwas dabei. Durchgesetzt hat sich auf den Bühnen letztendlich aber die Tragödie des Euripides, die auch Regisseur Michael Thalheimer in einer Neuübersetzung von Peter Krumme für seine Inszenierung wählte.

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze © Birgit Hupfeld

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze – © Birgit Hupfeld

Ist die Tat der Medea nun irrationaler Wutausbruch oder bewusst gesteuerte Handlung? Ist sie überhaupt mit dem reinen Verstand begreifbar? Das sind die entscheidenden Fragen, mit denen sich ein Regisseur bei jeder Neuinszenierung konfrontiert sieht. Michael Thalheimer lässt daran keine Zweifel. Bei ihm ist diese aus männlichem Eigennutz erst missbrauchte und dann verlassene, in ihren Gefühlen tief verletzte Frau nicht Opfer ihrer Leidenschaft, sondern aus dieser Erfahrung heraus ihrerseits entschlossen Leiden zu schaffen. Die zunächst noch als weit entfernte, tief ausgeleuchtet Gestalt auf einer Mauer aus schwarzen Sperrholzplatten kauernde, furchtbare Klagelaute ausstoßende Medea, geht vom tief empfunden Gefühl des Unglücks über den durch Jason erfahrenen Verrat („Unsäglich ist die Qual“), ziemlich schnell und gefasst zum fürchterlichen Racheplan über. Gerhard Stadelmaier, der Großkritiker der FAZ, schrieb 2006 über die Medea-Inszenierung von Barbara Frey am DT: „Man hätte Nina Hoss mitten auf eine leere Bühne stellen können: Sie hätte sie gefüllt.“ Constanze Becker bewältigt das, sparsam körperlich akzentuiert, zunächst allein mit ihrer Stimme. Das Erhabene der Hoss`schen Gestalt weicht hier wieder ganz dem Archaischen. Und so klar, konzentriert auf das Ursprüngliche der Figur, ohne jegliches überflüssiges Gehabe, hat man die Medea wohl schon lang nicht mehr gesehen.

Die Männer sind dagegen wachsweiche, biegsame Typen, ganz auf die Sicherung ihrer Macht bedacht. Sie treibt die Angst vor den Flüchen und den großen Gefühlsausbrüchen dieser Frau. Der Auftritt Kreons (Martin Rentzsch) ist kurz und fahrig, sichtlich um Haltung und Wahrung seiner Autorität bemüht. Jason (Marc Oliver Schulze), ganz in blauem Samt, ist eine einzige beredt schwitzende Rechtfertigung. Und der wie zufällig vorbeischreitende Aigeus (Michael Benthin), als Verkörperung eines gottesfürchtigen Mannes, nur von der Aussicht besessen, Medea würde ihm den sehnsüchtigen Wunsch nach Kindern erfüllen können. Er schwört ohne Zögern auf Helios und alle Götter, sie zu beschützen, sobald sie sich nur selbst aus dem Lande retten könne. Lange Schatten werfen diese Männer dabei im tiefen Seitenlicht auf die hohe Wand. Wie eine Megäre hockt dort Medea auf ihrem Hochsitz, lauernd wie die Spinne im Netz. Die Wand fährt schließlich langsam nach vorn, nimmt das gesamte Bühnenportal ein und drängt die unter ihr Stehenden an den Rand der Bühne, dem drohenden Abgrund entgegen.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe Foto: St. B.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe
Foto: St. B.

Die tiefe Leidenschaft, das gewaltige Herz der Medea, die sich bewusst an Jason bindet, ihre Liebe zu ihm über die eigenen Verwandten stellt, kann die Schmach nach Jasons Verrat nicht verwinden. Die seelische Verletzung ist zu tief, als dass sie das ihr zugefügte Unrecht ungesühnt lassen könnte. In der Verkennung dieser Kraft und der eigenen Selbstüberschätzung werden alle Männer leicht zum Spielball ihrer furchtbaren Rache. Die einzigen Vertrauten Medeas, die alte Amme (Josefin Platt), unsicheren Fußes auf klobigen Koturnen das Schicksal, eine auf Unrecht begründeten Liebe beklagend, und der Chor der Korinthischen Frauen, hier mit Bettina Hoppe stark in einer Person vereint, können sie nicht von ihrem Entschluss, auch noch die Kinder zu töten, abbringen. Große Genugtuung erfüllt Medea beim Bericht des Boten (Viktor Trempel) über den schrecklichen Tod Kreons und der Kreusa im von den Kindern Medeas überbrachten Kleid und Geschmeide. Letzte Zweifel auch ihre allerletzte Tat zu überdenken, sind schnell hinweggewischt. Jason, ein nasses Bündel Elend, liegt nach der Entdeckung der unfassbaren Tat nun zu ihren Füßen, vernichtet vom grausamen Willen der Verschmähten. Was unmöglich scheint, ist Götterwille, raunt der Chor. Das kann man hier getrost bezweifeln.

In der nächsten Spielzeit wird die sichtlich schwangere Constanze Becker wohl pausieren, obwohl man sich kaum eine bessere Besetzung für die von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt geplante Penthesilea-Inszenierung vorstellen kann. Nachdem Nina Hoss sich gerade frisch vom DT verabschiedet hat und an die Berliner Schaubühne wechselt, ist wohl auch nicht mit ihr zu rechnen, obwohl Thalheimer auch weiter dort am Lehniner-Platz inszenieren will. Aber vielleicht ist Constanze Becker ja bis zum Mai nächsten Jahres wieder zurück, um Kleists Stoff über die ganz von Herzen liebende Amazonenkönigin, die im Gefühlschaos Bisse für Küsse greift, gemeinsam mit Michael Thalheimer ganz neu zu befragen. Einer der entscheidenden Gründe, laut Yvonne Büdenhölzer, weshalb die „Medea“ hier beim Theatreffen zu sehen ist.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig Foto: St. B.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig – Foto: St. B.

Der Rest der Eröffnung ist schnell erzählt. „The same procedure as evrey year.“ Der Theaterjetset bevölkert wieder den Bornemannbau an der Schaperstraße, der ebenfalls seinen Fünfzigsten begeht. Vor der Premiere werden Politikerreden gehalten. Es geht in den Festreden wie immer ums Geld, das man haben möchte (Festspielchef Thomas Oberender) oder um das, was man großzügig verteilen will (Kulturstaatsminister Bernd Neumann). Immer mit kleinen Seitenhieben an die Politkonkurrenz der Stadt versteht sich. Es ist schließlich Wahlkampf. Und man kann sich kaum exponierter im Rampenlicht sonnen, als auf einer echten Bühne. Ein Festival, wie ein Mann in den besten Jahren, tönt es vom Rednerpult, oder eine Frau, wie es im Publikum raunt. Die Fettnäpfchen für Politikerworte sind auch im Theater dicht gesät. Eine Sperrholzterrasse vor dem Haus läd beim anschließenden Sekt zum Verweilen ein, und an der kleinen Bushaltestelle „Theatertreffen“ können nun wieder bis zum 19. Mai die Besucher austeigen, um die 10 bemerksenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zu bewundern. Der starke Ansturm auf die Karten ist nach wie vor ungebrochen.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.  Suche Karte - Foto: St. B.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.
Suche Karte! – Foto: St. B.

Michael Thalheimer hat den Anfang gemacht. Ihm folgen nun weitere allseits bekannte Namen des deutschen Theaterbetriebs wie Luk Perceval, Johan Simons, Karin Henkel, Katie Mitchell oder Sebastian Nübling. Und auch Herbert Fritsch ist schon zum dritten mal hintereinander dabei. Mit Hamburg, München, Köln, Zürich und Berlin besitzen die meisten der ausgewählten großen Häuser bereits ein Abo fürs Theatertreffen. Das Fehlen der freien Szene ist trotz der ehrenwerten Entscheidung der Jury, die Produktion Disabled Theater des bekannten Choreografen Jérome Bell unter Mitwirkung behinderter Darsteller des Theaters Hora einzuladen, deutlich spürbar. Da trösten so unkonventionelle Produktionen wie die großartige Krieg-und-Frieden-Inszenierung von TT-Neuling Sebastian Hartmann oder die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Sebastian Baumgarten nur ungenügend über die sonst recht vorhersehbare Wahl im Jubeljahr des Theatertreffens. Also dann doch wieder nur business as usual? Man wird sehen.

Fortsetzung folgt.

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