Ibsens „Volksfeind“ Allways Shines on T.V. – Im Prater der Volksbühne betreiben Vinge/Müller ein virtuelles „12-Spartenhaus“, bei dem das Publikum weitestgehend außen vor bleiben muss. Ein Erfahrungsbericht.

Das 12-Sparten-Haus_Prater im Prater

Sonntag, 12. Mai, kurz vor 16:00 Uhr – es regnet in Berlin. Die Menschen auf der Kastanienallee hasten mit Regenschirmen an einem vorbei oder suchen trockene Plätzchen zum Unterschlüpfen. Der Praterbiergarten ist verwaist, bis auf ein Grüppchen Übriggebliebener vom Vatertag, die sich unter ein Vordach des Ausschanks verkrochen haben. Beste Zeit also, um dem 12-Spartenhaus, das die norwegischen Performer Vegard Vinge (Regie), Ida Müller (Bühne) und Trond Reinholdtsen (Musik) im Praterinneren aufgebaut haben sollen, einen Besuch abzustatten. Aber würde es auch gelingen, Einlass zu erhalten? Man war vorgewarnt. Bei der Premiere am 4. Mai musste die versammelte Besucherschar, inklusive der zahlreich erschienenen Kritiker, die nach etwa 4 Stunden vergeblichen Wartens nicht in den Zuschauersaal vorgelassen worden waren, unverrichteter Dinge wieder abziehen. In der zweiten Vorstellung gelang es besonders Hartnäckigen erst nach 6 Stunden in die Gänge des Hauses vorzudringen. Allerdings blieben auch da die Türen zum Allerheiligsten verschlossen.

Das Interesse ist auch am dritten Tag der Performance groß. Eine kleine Schlange hat sich vor dem Prater auf dem Gehweg der Kastanienallee gebildet. Ungeduldige wollen schneller vorgelassen werden, andere fragen den Einlassdienst nach der Länge der Aufführung. Einige Wartende lachen wissend. Die Antwort fällt mit zwischen drei und dreizehn Stunden unbefriedigend vage aus. Ungläubig fragt ein englisch sprechender junger Mann nach, und lächelt verlegen, als die Antwort bestätigt wird. Trotzdem lässt er sich nicht in die Flucht schlagen. Die Neugier obsiegt. Vor einem Jahr hatte das Künstler-Duo Vinge/Müller schon einmal mit einer Art Endlosperformance das Berliner Publikum angezogen, zu großen Teilen begeistert, aber auch in einigen Fällen angeekelt wieder abgestoßen. Damals führten sie auf der Bühne des Praters, die wie ein überdimensioniertes Puppenhaus gestaltet war, ihre ganz spezielle Interpretation von Ibsens Stück „John Gabriel Borkmann“ auf. Dabei faszinierte die meisten Zuschauer die Phantasie, mit ihrem schier unerschöpflichen Bilderreichtum, und die körperliche Radikalität mit der sich die Performer immer wieder an den Rand des Darstellbaren manövrierten.

Auch im 12-Spartenhaus, das Vegard Vinge im letzten Jahr bereits angekündigt hatte, geht es wieder um den weiten Psychokosmos der Dramengestalten des norwegischen Nationaldichters Henrik Ibsen. Es ist mittlerweile bereits die fünfte Ibsen-Bearbeitung des Künstlerkollektivs um Vinge und Müller. Im Prater der Volksbühne war noch 2011 eine 24-Stunden-Wildente weitestgehend unbeachtet geblieben. Spätestens aber mit der Einladung des „Borkmann“ zum Theatertreffen 2012 war das Berliner Publikum endgültig angefixt. Nun soll es also Ibsens „Ein Volksfeind“ sein, wie man den ersten Berichten der Kritiker entnehmen kann. Ein Stück um Demokratie, Volkszorn und elitäre Machtphantasien, mit dem sich in letzter Zeit nicht nur Schaubühne und Maxim Gorki Theater in mehr oder minder gelungenen Inszenierungen befasst haben. Programmzettel, Besetzungslisten oder irgendwelche Hinweise auf den Inhalt des 12-Spartenhauses auf der Website der Volksbühne gab es wie immer nicht.

Das 12-Spartenhaus von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne - Foto: St. B.

Eingang zum Foyer des 12-Spartenhauses von Vinge/Müller im Prater der Volksbühne – Foto: St. B.

Und so harrt dann auch alles im Foyer des Praters freudig oder eher skeptisch der Dinge, die da kommen mögen. Der Raum ist ziemlich dunkel. Die Wände mit ihren großen, aufgemalten schwarzen Mosaiksteinen schlucken jegliches Licht. Wogegen die Decken mit farblich wesentlich stärker akzentuierten Mosaiken ausgestattet sind. An der Bar steht mit weißen Buchstaben „Teewasser und Butterbrot“. Vorerst geschieht allerdings nicht viel. Aus dem Lautsprecher dröhnt es immer wieder „Das Publikum, das Publikum.“ Durch eine Tür mit Fenstern kann man auf der Treppe zum Einlass nur einige der typischen, comicartig kostümierten Vinge-Figuren mit Gummimasken sehen. Eine davon hat überdimensionale Pappschlüssel in der Hand und verordnet mit schnarrender Stimme „Mäßigung“.

Nachdem nach ca. einer halben Stunde jeder Zuschauer sein Karte gegen ein rotes Plastik-Bändchen eingetauscht hat und einige es sich auf den umstehenden Bänken bequem gemacht haben, wird auf den drei Videoleinwänden eine OP-Szene eingespielt, bei der jener Mann mit den Schlüsseln nun als Chirurg einer Puppe in den Eingeweiden wühlt und das Innere interessiert in Augenschein nimmt. Ihm assistiert eine Dame in 50er-Jahre-Haarspray-Frisur mit großer Brille. Ein Bezug zu Ibsens Volksfeind ist noch nicht zu erkennen. In den Gängen, die man auch durch ein kleines Fenster einsehen kann, geht eine Figur mit schwarzer Maske und SS-Ledermantel auf und ab und hämmert gegen die Türen, die mit Aufschriften wie Garderobe, Dramaturgie, Intendanz, Ton, Administrator, Musikzimmer, Küche, Bad etc. ein voll funktionsfähiges Theaterhaus suggerieren.

Aber auch ihm wird nicht aufgetan, und er verheddert sich zunehmend in einem nicht enden wollenden „Sieg-Heil“-Score, der mit einem Techno-Loop der Anfangsakkorde von Modern Talkings „Cheri, Cheri Lady“ unterlegt ist. Ist das die Horrorvision eines uniformierten Unterhaltungsfaschismus á la Dieter Bohlen, der hier persifliert werden soll? Oder etwa die Diktatur der unbedingten Bespaßungserwartung des Publikums? Es werden Jahreszahlen eingeblendet. Wir switchen von 1942 bis nach 2011, dem Jahr der ersten Praterbesetzung von Vinge/Müller. Gastspiel Nairobi ist auf dem Bildschirm zu lesen. In einem Fenster unter der Aufschrift „ideologische Wand“ erscheint eine Art Geisterbahnfigur. In der Dramaturgie bearbeitet jemand eine Pappschreibmaschine. Und ein grauhaariger Mann mit Brille schnarrt etwas unverständlich von „allerbesten Aussichten, in der nächsten Zeit Professor zu werden“. Offensichtlich eine Passage aus „Hedda Gabler“. Immer mehr falsche Fährten werden gelegt. Am Einlass tut sich weiterhin nichts.

Vor einer Kulisse mit malerischem Bergpanorama und Aufschrift „Badeanstalt“ spricht die Figur vom Beginn über „Maßnahmen nur auf vorschriftlichem und gesetzlichem Wege“. Es ist Stadtvogt Peter Stockmann, der wie ein Mantra ständig die Worte „eine gute Atmosphäre“ wiederholt. Als noch zwei skurrile Typen in Trenchcoat mit Aufnahmegerät und Mikrofon auftauchen und zu einem Hüpfballett repetieren „Wenn erst die Presse eingreift.“, ist spätestens klar, dass wir uns schon mitten im „Volksfeind“ aus dem Comic-Ibsen-Universum des Vegard Vinge befinden, mit jeder Menge Anspielungen, Zitaten und Wagnermusik satt. Wer bis jetzt nichts verstanden hat, bekommt dann auch endlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im OP taucht im Krankenkittel Volksbühnen-Mime Volker Spengler auf und liest erst einmal aus Ibsens „Baumeister Solness“. Es ist aber mehr ein unverständliches Lallen. Von einem Jungen im Wagner-Shirt, der auch schon in der „Wildente“ zu sehen war, wird er frontal bestiegen und nach einer Opernarie entbindet Spengler ein strammes Baby. „Nimm ihn an die Brust, gib ihm Milch, Vater!“ krächzt der Junge. Da ist er wieder, der große Psycho-Vater-Mutter-Komplex, den Vinge schon im „Borkmann“ bis zum Exzess strapaziert hat.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness.

Volker Spengler liest aus Ibsens Baumeister Solness. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Gegen 18:00 Uhr, Volker Spengler dürfte nach der Anstrengung schon Feierabend haben, gibt es erste Einblicke auf das Innere des Bühnenraums. Zur Musik aus Wagners „Parsival“ schauen wir die heilige Halle. Aber Erlösung für die Wartenden ist noch lange nicht in Sicht. Ein Intendant mit Anzug und Krawatte, ebenfalls eine Figur aus der „Wildente“, der wie ein Mix aus Heiner Müller und Frank Castorf aussieht, zeigt auf alles und wiederholt dabei immer wieder „Meins!“. Er wird vom Jungen im Wagner-Shirt verfolgt, der ihn Vater nennt. „Möglicherweise sind wir überhaupt nicht mehr allein.“ ist seine Vermutung, die angesichts des erwartungsvollen Publikums auch vollauf der Wahrheit entspricht. Vergard Vinge verknüpft hier gekonnt Ibsens Stück, mit den Publikumserwartungen und dem elitären Theaterbetrieb an sich. Im Folgenden wird von der Journalie die Druckerpresse angeworfen. Das Programm des 12-Spartenhauses entsteht als News, die als „Die Revolution“ angepriesen werden.Der Junge ergeht sich in Ganzkörperbemalungen von nackten Frauen mit Netzstrümpfen und Riesenkitzlern, während der Intendant in seinem Sessel dabei mit einem Gummipenis onaniert. Dazu jault Celin Dion „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic“. Zu vorgerückter Stunde wird der bereits aus der 24-Stunden-„Wildente“ und dem „Borkmann“ bekannte Dr. Relling (eigentlich eine Figur aus Ibsens „Wildente“) im OP aus den Ingredienzien Intendanzsperma, ein paar Eiern und dem Inhalt von in Fläschchen abgefüllten Ismen wie Materialismus, Realismus, Erotismus, Feminismus, Darwinismus, Positivismus usw. den Grundstoff für einen neuen Menschen mixen. „Die Methode ist probat.“ heißt es immer wieder. Auch so ein Satz aus der Wildente. Dr. Relling, Ibsens Meister der Lebenslüge, versetzt hier keine Fontanelle, sondern schmeißt einfach den Brutkasten für den dämonischen Menschen an. Alles Weitere ist reines Kopfkino.

Bis dahin erfahren wir aber noch einiges aus dem Inneren des 12-Spartenhauses. Im Keller wird ein ordentlicher Haufen Kunstkacke mit Drehstühlen umrundet und dabei immer mehr breitgetreten. Was oben in den Gängen des 12-Spartenhauses produziert wird, verstopft unten so langsam die Kanalisation. Endlich ein Fall für den Badearzt Dr. Stockmann. Auftritt mit Schaufel. Während er im Schweiße seines Angesichts die fauligen Wasserrohre ausgräbt und bis zum Ellenbogen im Dreck verschwindet, sitzt oben Stadtvogt Peter Stockmann auf dem Lokus und sinniert: „Das ist nichts für meine Verdauung.“ Die Sache nimmt langsam Fahrt auf, als Badearzt Stockmann gegen 22:00 Uhr mit der „großen Entdeckung“ bei seinem Bruder auftaucht und immer wieder kräht: „Das Bad ist eine Pesthöhle.“. Nun kommt auch wieder Bewegung ins Publikum, das teilweise schon in Löffelchenstellung am Boden lag. Wagner kündigt wieder Großes an. Es ist aber nur ein Wutausbruch Stockmanns, der nun mit dem Rohr in der Hand zur großen Rede anhebt: „Die ganze Gesellschaft muss gereinigt werden.“ Alles strömt zum Einlass, um seinen Worten zu lauschen, leider bleibt das Portal abermals verschlossen.

Da wir nicht hinein gelangen, verlegt Peter Stockmann das Geschehen einfach mal nach draußen auf die Kastanienallee. Schüsse und Böller sind zu vernehmen. Vorsicht! Aus dem Prater wird anscheinend scharf geschossen. Eine gute Atmosphäre eben. Im Hof des Praters werkeln Bühnenarbeiter in Overalls, auf denen die Bezeichnungen, Sparte 1, 2 usw. stehen. Der Stadtvogt verkündet „Wachstum“, während er Geld gegen „Loyalität, wenn ich dir helfe, deine ökonomische Stellung zu verbessern.“ verteilt. Auch eine Möglichkeit ein 12-Spartenhaus zu finanzieren. Die Sparte Ballett dreht sich ohne Pause vor einer Pyramide, jetzt ist Aida dran, und sinkt irgendwann einfach um. Vinge überträgt die ideologischen Kämpfe um das Bad einfach auf die Verteilungskämpfe an einem Mehrspartentheater, was durchaus seinen Reiz hat. In diesem Theater, wo ebenfalls um den neuen Menschen gerungen wird und ideologisches Wasser in den Leitungen fließt, ist die Produktionsmaschinerie des Dr. Relling gegen 00:00 Uhr an ihrem Höhepunkt angelangt. Der Neue Mensch ist geboren. Das ganze Haus gerät dabei in einer rasanten Kamerafahrt durch die Gänge ins Wanken. A-ha schmettern dazu ihr „The Sun Allways Shines on T.V.”. Das Video des Songs ist ebenso eine Mischung aus Comic-Bildern und Realaufnahmen wie man sie hier in Vinges kleinem Horrorladen bewundern kann.

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Jede Menge Ismen und Intendanzsperma. Foto: Video 12-Spartenhaus, Vinge/Müller

Als Pausenclown ist immer mal wieder der Mann im SS-Mantel zu sehen. Er singt schräg zum Pappakkordeon: „Wie einen Hund haben sie mich davon gejagt.“ Es ist also Morten Kiil, der zwielichtige Fabrikant und Schwiegervater von Badearzt Stockmann, der sich über seinen Rauswurf aus dem Stadtrat beschwert. Und natürlich kommt auch noch die Ekelfraktion auf ihre Kosten. Peter Stockmann zieht u.a. genüsslich langsam einen Tampon aus der Vagina der Tochter des Badearztes und lässt sich Teewasser und Butterbrot kommen. Man fühlt sich an den alten Witz erinnert: „Lieber Gott, lass es einen Teebeutel sein.“ Danach malträtiert er noch ein wenig den Badearzt mit der Rohrzange. „Es ist nicht meine Art, mich mit jemandem in die Haare zu kriegen. Gott behüte.“ Bis dann endlich der gute alte Kapitän Horster in seinem U-Boot zur „heilen Welt“ konstatiert: „Das wird nicht seine Meinung ändern.“ Da ist es dann aber auch schon nach 1:00 Uhr nachts.Nachdem sich die schräge Ibsen-Crew in die Koje gehauen hat und zu schnarchen beginnt, wird auch dem letzten der verbliebenen Tapferen im Foyer klar, dass sich die Pforte zum Heiligtum nicht mehr öffnen wird. Vinge und seine Ibsen-Zombies legen eine kurze Pause ein, bevor die nächsten Vergnügungssüchtigen wieder die Feste bestürmen werden. Um 1:30 Uhr schließen sich unwiderruflich die Türen zum virtuellen 12-Spartenhaus. Auf der Kastanienallee tobt dagegen immer noch das reale Leben, oder was man dafür halten könnte. Berliner Nachtschwärmer sind auf der Suche nach ihrem ganz speziellen Kick. Wem das Gesehene bis dato noch nicht ausgereicht hat, kann sich ihnen anschließen, oder auf die vage Aussicht einer späteren Beglückung nicht unter 9 Stunden Wartezeit hoffen. Also dann, bis zum nächsten Versuch.

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Oh, I can’t explain
Every time it’s the same
Oh I feel that it’s real
Take my heart
I’ve been lonely to long
Oh, I can’t be so strong
Take the chance for romance, take my heart
I need you so
There’s no time I’ll ever go

Cheri, cheri lady
Going through a motion
Love is where you find it
Listen to your heart
Cheri, cheri lady
Living in devotion
It’s always like the first time
Let me take a part

Dieter Bohlen (Modern Talking)

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