A Ballad „For the Disconnected Child“ – Falk Richter versucht in einer multimedialen Inszenierung an der Schaubühne das Publikum mit neuer experimenteller Musik und altbekannten zwischenmenschlichen Problemen zu infizieren.

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Irgendwann gegen Ende dieses bis dahin recht anschlussfähigen fast dreistündigen Abends dreht die Schaubühnendarstellerin Luise Wolfram als daheimgebliebene Ehefrau eines sich im fernen Japan mit thailändischen Prostituierten tröstenden GIs einfach durch und beginnt Zeilen aus dem bekannten Song „The Ballad of Lucy Jordan“ von Marianne Faithfull ins anschlussgestörte Skypephone zu schreien: „Und wie soll ich meinen Tag rumkriegen? Stundenlang das Haus putzen, oder die Blumen neu arrangieren oder nackt durch die Stadt rennen und brüllen.“ Zumindest das Brüllen kommt schon mal ganz befreiend rüber.

Bis dahin war man eher in den üblichen Beziehungsmühlenartigen Bewusstseinsspiralen des Autors und seiner zumeist weiblichen, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen Protagonisten gefangen. Dann greift der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson zur Gitarre und die bulgarische Opernsängerin Borjana Mateewa setzt mit dem besagten Song von Marianne Faithfull zum ersten wirklich mitreißenden Höhepunkt des Abends an. „Infektion!“ heißt das Festival, dass die Berliner Staatsoper jährlich neuer experimenteller Musik widmet. Und es beschert der Schaubühne die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Falk Richter, seit zwei Jahren am Düsseldorf Schauspielhaus, ist mit der Inszenierung „For the Disconnected Child“ an seine langjährige Berliner Wirkungsstätte zurückgekehrt.

"For the Disconnected Child" - Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Foto: St. B.

„For the Disconnected Child“
Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. – Foto: St. B.

Wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik.

Man weiß an der Schaubühne, dass der Autor und Regisseur ein Händchen für die Verbindung von Sprache mit Musik und Tanz hat. Daher sollte Falk Richters spartenübergreifende Produktion  wohl auch der krönende Abschluss einer an Höhepunkten eher armen Jubiläumssaison sein. An keinem Theater der Stadt wurde in dieser Spielzeit so oft zur Gitarre gegriffen, wie an der ihr 50jähriges Bestehen feiernden Berliner Schaubühne. Friederike Heller inszenierte zum Spielzeitauftakt etwas zu launig das Waits/Burroughs-Musical „Black Rider“, Lars Eidinger stellt zu Shakespeares „Romeo und Julia“ eine knallige Rockband auf die Bühne und Patrick Wengenroth ließ an seinem Fassbinderabend „Angst essen Deutschland auf“ munter Schlager trällern.

Selbst der Hausherr Thomas Ostermeier konnte es sich nicht verkneifen, eine musikalische Version von Thomas Manns homoerotischer Novelle „Der Tod in Venedig“ mit dem Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler in der Hauptrolle des alternden Schriftstellers Aschenbach zu wagen. Die wehmütig brüchige Sangesstimme von Bierbichler zu Gustav Mahlers Kinder-Totenliedern wurde aber schließlich in einem atonalen Krachgewitter mit schwarzem Ascheregen hinweggefegt. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, so dem normalen Stadttheatergänger experimentelle Musik näher zu bringen. Da war der Versuch einer Hipster-Hausband in Ostermeiers Ibsens-Vergegenwärtigung „Ein Volksfeind“ wenigstens noch unterhaltsam und in jedem Falle massenkompatibel.

Man hatte sich an der Schaubühne wohl gedacht, mit Musik geht’s einfach besser. Oder besser noch, wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik. Dass dem oft nicht so ist, haben auch andere Theater bitter erfahren müssen. Im Staatsschauspiel Dresden stand Hamlet als wütender, Pop- und Rockballaden singender Bandleader auf der Bühne und am Deutschen Theater Berlin schreckte man selbst vor einer 20er-Jahre-Inflationsrevue nach Falladas „Wolf unter Wölfen“ nicht zurück. Beides unter der Leitung des ewigen Regietalents Roger Vontobel. Die Schaubühne steht also nicht ganz allein im Chorus der in der Musik ihr Heil suchenden Sprechtheater. Und da war der Autor/Regisseur Falk Richter bisher durchaus ein Garant für das ästhetische Crossover von Musik, Tanz und Texten mit gesellschaftskritischem Tiefgang, wie seine letzten Arbeiten mit der Choreografin Anouk van Dijk beweisen, die auch immer noch im Programm der Schaubühne zu finden sind.

Wo „Trust“ oder „Protect Me“ noch mehr einem ungezwungenen Work in Progress mit textlich weit ausschweifenden Gedankenexperimenten Richters glichen, in den sich die Tänzer und Musiker ästhetisch gleichberechtigt mit einbringen konnten, zeichnet der Autor für das Multimediawerk „For the Disconnected Child“ nun erstmals allein verantwortlich. Er hat die Texte geschrieben, choreographiert und führt die Regie. Nur die Musik wird ihm von gleich sieben Komponisten beigesteuert. Der Videokünstler Chris Kondek liefert die passenden stimmungsvollen Bilder dazu. Neben Mitgliedern der Staatskapelle Berlin stehen drei Tänzer und drei Opernsänger mit auf der Bühne. Richters Texte verteilen sich auf die Schaubühnendarsteller Ursina Lardi, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Stefan Stern und Tilman Strauß.

Das Ensemble von "For the Disconnected Child" beim Premierenapplaus - Foto: St. B.

Das Ensemble von „For the Disconnected Child“ beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Soft Skills and Targets

Und er hat, wie eingangs schon erwähnt, den begnadeten Musiker Helgi Hrafn Jónsson, der nach einer kleinen Ouvertüre der Staatskapelle sofort zur besagten Gitarre greift und mit dem Solo „Soft Targets“ und seiner sanft androgynen Stimme den Reigen der im Programmzettel aufgelisteten Kompositionen eröffnet. Ziel der dann folgenden Texte, die teils zur Musik performt werden oder sich zwischen die einzelnen Stücke pressen, sind die Probleme des hochgezüchteten, in seiner Arbeitswelt funktionierenden Städters bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Jargon von Personalagenturen auch als „Soft Skills“ bezeichnet werden. Tiefergehende soziale Kompetenzen gehen den meisten Figuren in Falk Richters Kurzepisoden nämlich im Großen und Ganzen ab.

Da sitzt dann z.B. ein Paar (Luise Wolfram und Stefan Stern) unter den Mitgliedern der Kapelle und unterhält sich über Liebe und echte Nähe. Ein angestrengter Diskurs, den letztendlich beide als zu abstrakt aufgeben. Oder Stefan Stern spricht in einem depressiven Solo über die Ängste eines Menschen und dem Riss zwischen ihm und der Welt. Den Begriff Disconnected hat sich Richter aus der Psychologie entlehnt. Es geht um zwischenmenschliche Verbindungsprobleme oder Störungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Störungen, die bereits bei Kindern auftreten, die, ganz in ihrer eigenen Welt, unfähig sind, vertrauensvolle Beziehungen überhaupt erst aufzubauen.

Als weiteres Beispiel erleben wir die Fernbeziehung einer vierzigjährigen, alleinstehenden Frau (Ursina Lardi) mit zwei Kindern und ihrer Mutter (Die Sängerin Borjana Mateewa), die im kalten, verschneiten Japan sitzt und als Ersatzsängerin auf ihren Auftritt als Amme in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ wartet, während sie zu ihrer einsamen Tochter Kontakt via Skype aufzunehmen versucht. Eine Verbindung, die aber im doppelten Wortsinn ständig gestört ist. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran.“ ist dann auch die nicht besonders tröstliche Feststellung der Mutter und Text der Amme aus dem Opernlibretto.

Eugen Onegin als Missing Link zur heutigen Welt der Singles.

Die Oper „Eugen Onegin“ ist dann auch der Aufhänger, um Theater, Oper und reale Welt miteinander zu verknüpfen. Eine Idee, die nahe liegt, aber auch etwas überstrapaziert wirkt. Der unnahbare Held Onegin, der der offenherzigen Liebeserklärung der jungen Gutstochter Tatjana ausweichend begegnet, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, als erster Egoshooter und Missing Link zur heutigen Welt der Singles. Maraike Schröter und Gyula Orendt singen einige Passagen der Oper im Duett. Ursina Lardi gibt nun die Assessment-Trainerin Tatjana Winter als heutiges Äquivalent der verschmähten Geliebten, die einerseits Managern bei der Optimierung ihrer Soft Skills, wie etwa „Stresstoleranz“ oder „emotionale Kompetenz“ beraten soll, anderseits aber selbst in Beziehungsfragen ständig scheitert. Ein junger schnöseliger Mitarbeiter (Franz Hartwig) der Partnervermittlung eDarling lässt sie später unverblümt ihre Schwervermittelbarkeit beim Optimierungsversuch ihres eigenen Profils spüren.

Und so geht es im Grunde genommen bis zur Pause weiter nur um diese Unmöglichkeit der Beziehungsaufnahme, den Unterschied von emotionaler Ausprägung bei Männern und Frauen sowie deren allgemeiner Verfasstheit im Weiteren. Frauen flehen, heulen, klagen und Männer winden sich in Ausreden, versuchen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder sind eifersüchtig. „Hör auf zu weinen!“ herrscht Tilman Strauß am Telefon und Maraike Schröters Sopran wimmert dazu am anderen Ende. Franz Hartwig wiederum macht seiner auf facebook sehr aktiven Freundin eine Eifersuchtsszene. Aus dem Besuch von Konzerten experimenteller Musik zur Erweiterung des intellektuellen Spektrums oder einer gemeinsamen Affinität zur Oper entsteht nicht zwangsläufig auch eine Liebesbeziehung. „Toll, dass Du so ehrlich bist. Wir sollten mal wieder SMSen, alles so stressig zurzeit.“ Und Tschüss.

Das Produktionsteam von "For the Disconnected Child" um deb Autor und Regisseur Falk Richter (vorne rechts) - Foto: St. B.

Das Produktionsteam von „For the Disconnected Child“ um den Autor und Regisseur Falk Richter (vordere Reihe rechts) – Foto: St. B.

Redundante Permanentlaberei versus Traurige Reflexionen der Einsamkeit

Die emotionalen Verstörungen der Figuren auf der Bühne versuchen die Tänzer in Anziehung und Abstoßung zu übersetzen. Sie winden sich dabei oder stürzen von der Treppe des zweigeschossigen, loftartigen Bühnenaufbaus. Schließlich endet alles in einer gemeinschaftlich schrägen Klangübermalung des Schubertliedes „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“. Hörgewohnheiten werden dabei aber nicht gerade radikal über den Haufen geworfen. Was an musikalischer Experimentalität im ersten Teil des Abends nicht eingelöst werden kann, steckt Richter dann in den etwas dichteren aber insgesamt auch düsteren zweiten Teil. Die redundante Permanentlaberei wird nun durch fast schon lyrische Texte abgelöst. Traurige Reflexionen der Einsamkeit und Soli für die überzeugend agierende Ursina Lardi, deren Tatjana erschöpft auf der „Insel der ungebrauchten, ungeliebten Körper“ angekommen ist. Man befindet sich mental in Auflösung, nebulös wandern Möbel oder fährt das Auto ohne einen ins Büro. „The world is so loud sometimes“ heißt es im letzten Klaviersolo von Helgi Hrafn Jónsson. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Nicht durchweg ein gelungenes Experiment, dieser Abend, der erst zum Ende hin musikalisch und ästhetisch etwas abhebt. Falk Richter hat schon wesentlich interessantere Texte geschrieben, und sollte sich wie in „Trust“ oder „Protect Me“ unbedingt wieder einen Partner für die Choreografie suchen. Ansonsten ist alles wie früher an der Schaubühne, nur das wir ein paar graue Haare mehr haben und sich Richter nun an die Mitvierziger im Publikum wendet. Als große Selbstreflexion über die Angst vor der Einsamkeit und die Bindungsunfähigkeit, die Richter anhand des Eugen-Onegin-Stoffs bei seiner Generation festgestellt hat, ist das aber alles ein bisschen dünne. Sein „Disconnected Child“ bewegt sich spielerisch und tänzerisch zwischen ADHD und Autismus. Wie in einem ewigen disconnected mode gefangen. Der Bazillus zur Infektion kann so nicht überspringen.

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Weitere Termine an der Schaubühne:

For the Disconnected Child

  • 20.06.2013, 20.00 Uhr
  • 21.06.2013, 20.00 Uhr
  • 23.06.2013, 20.00 Uhr
  • 25.06.2013, 20.00 Uhr
  • 29.06.2013, 20.00 Uhr
  • 30.06.2013, 20.00 Uhr

Trust

  • 21.08.2013, 20.30 Uhr

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