Demetrius/Hieron und eine scheinbar vollkommene Welt in Agonie. – Klassischer Fehlstart mit Kimmig und Schiller zum Spielzeitbeginn am DT. Den können dann auch die Romanows, Rasputin und Kuttner/Kühnel nicht mehr retten.

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„Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“
Heiner Müller – Gesammelte Irrtümer 2: Interviews und Gespräche.

 - Foto: St. B.

Demokratie und Krieg in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

Agonie könnte zum heimlichen Motto der Spielzeit 2013-14 werden. So wie die Regierungskoalition kurz vor den Wahlen zum Deutschen Bundestag gebetsmühlenartig die Alternativlosigkeit ihrer Politik proklamiert, so versuchen die deutschen Theater verzweifelt ihre gesellschaftliche Relevanz unter Beweis zu stellen. Die allgemeine Krise macht vor den Tempeln der bürgerlichen Hochkultur nicht halt. Auch wenn relevante Kunst gerade in diesen Zeiten alternativlos erscheint, heißt das noch lange nicht, dass diejenigen, die sie erreichen soll, sie auch als eine zukunftsweisende Alternative wahrnehmen. Und während sich die Freie Szene Berlins gegen ihre Unterfinanzierung auflehnt, verfällt das etablierte Stadttheater trotz Solidaritätsbekundungen zusehends in eine selbstverschuldete Handlungsstarre. Die Beweglichkeit und die Kreativität der global vernetzten urbanen Kunstszene weiß schneller und direkter auf die Vielfalt und Unberechenbarkeit der sich stetig ändernden Welt zu reagieren. Das starre Stadttheatersystem hinkt dem in seiner Suche nach Authentizität und dem jeweils aktuellsten Trend nur noch hinterher.

Wenn der freischaffende Kulturjournalist Tobi Müller im Spielzeitheft des DT der Kunst in Zeiten, „wenn die Wirklichkeit spinnt und die Geschichte durchdreht“, eine ordnende, ausgleichende Funktion zuspricht, so stellt genau das das Stadttheater vor die Wahl, eher konservativ den jeweiligen Zeitgeist zu konservieren, oder dem im eher klassischen Sinne auszuweichen. Allein mit modernen Bearbeitungen des klassischen Bildungskanons wird es der stetig wachsenden Kontroverse in unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen sein. Und wo bliebe denn auch der besagte „Triumph der Fantasie“, bei all dem zu zollenden Tribut an den herrschenden Zeitgeschmack? Gerade da setzt das Deutsche Theater Berlin zum Spielzeitauftakt auf den Klassiker Friedrich Schiller. Freiheit oder Pflicht, dieser Widerstreit im großen Verfechter der erziehenden Wirkung von Kunst, scheint dann auch das deutsche Stadttheater derzeit zu zerreißen. Die Probleme der Welt abbilden oder sie auch lösen. Was kann Kunst heute wirklich bewirken und wo stehen dabei die Theaterschaffenden?

Friedrich Schiller (1759 -1805) - Foto: St. B.

Friedrich Schiller (1759 -1805) – Foto: St. B.

Schillers Begriff von der Geschichte war schon damals ein ganz universeller. Eine „unvergängliche Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet“, wie er es bezeichnete. Die Weltgeschichte als ein wesentlicher Einfluss auf heutige Geschlechter, denen es nun obliegt, ihre lose Enden zu einem Ganzen zu knüpfen und so „das Problem der Weltordnung aufzulösen und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen“. So weit, so gut. Auch die Philosophen Hegel und Marx haben danach den Einfluss der Geschichte auf den gesellschaftlichen Fortschritt untersucht und lediglich nur etwas anders interpretiert. Wo Staatsphilosoph Hegel in seiner Abhandlung über das römische Kaiserreich resigniert feststellte: „Unter der Herrschaft dieses Einen aber ist alles in Ordnung; denn wie es ist, so ist es in Ordnung.“ (Man spürt förmlich, wie sich die Hände zur Merkel-Raute fügen.) und die Wiederholung von Geschichte konstatierte, begann Marx mit Hilfe der Dialektik, nach den Ursachen von „weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen“ und der mit ihnen einhergehenden wiedergängerischen Geschichtsparodien zu forschen. Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Heiner Müller stehen mit ihren Geschichtsbetrachtungen genau in dieser Linie.

All diesen philosophischen Hintergrund erspart uns Stephan Kimmig im Programmbuch zu seiner Inszenierung von Schillers Dramenfragment „Demetrius“ über den falschen Zarewitsch, auch „Pseudo-Dmitri“ genannt, der 1604 nach der Zarenkrone greift. Die Dramaturgie hat Pause und ergeht sich lediglich kurz in der Krise des teleologischen Denkens und Schillers aufkeimendem Geschichtspessimismus. Geschenkt. Angesichts des Verlaufs der Französischen Revolution und ihren Nachwehen ist noch jedem klar denkenden deutschen Dichter jener Zeit ganz defätistisch ums Herz geworden. Dafür wird der komplette Text des Stückes „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Autors Mario Salazar abgedruckt, der Kimmigs Demetrius-Bearbeitung flankiert, besser gesagt vorangestellt wird. Klingt doch auch bei Salazar eben jener pessimistische Ton an, den die meisten Literaturwissenschaftler aus Schillers „Demetrius“ heraushören wollen. Seine recht simpel gestrickte Handlung beschreibt eine in der Zukunft liegende Dystopie, in der alle Menschen nur noch arbeiten, bei Unproduktivität sofort ausgesondert und am ersten Tag ihrer Arbeitslosigkeit erschossen werden.

Nur am Weihnachtstag pausiert die Arbeitsgesellschaft und trifft sich ganz in Familie mit Braten, Geschenken und gestelltem Familienfoto. In dieser kleinsten Zelle der bürgerlichen Gesellschaft, wie es immer so schön heißt, führt uns Salazar dann auch das gesamte Bild des Systems „Vollkommene Welt“ vor. Den freudigen Fatalismus in Form der Tochter (Olivia Gräser), die von ihrer bevorstehenden Exekution berichtet, die ängstliche, in ihren Lebenslügen völlig aufgehende Mutter (Judith Hofmann), einen traumatisierten, nicht sprechen wollenden Sohn (Elias Arens) und schließlich den zweifelnden Vater (Michael Goldberg), der sich leisen Widerspruch erlaubt. Das kennt man so oder so ähnlich aus Film und Literatur. In einer zweiten Ebene sieht man den gealterten und unzufriedenen Herrscher Hieron (Felix Goeser) an zwei Krücken der Macht gefesselten und ihm zur Seite als dritte Krücke einen windigen Berater (Ole Lagerpusch) in philosophischem Gespräch vertieft. Die Sprache des Textes versucht den hohen Ton Schillers in Prosaversen zu treffen, verfehlt dieses Ziel jedoch um Einiges und wird von der Regie auch nicht besonders förderlich in Szene gesetzt. Rampenstehen, pathetische Gesten und unfreiwillige Komik beherrschen die Szenerie, auf der sich unmotiviert noch einige graue Sperrholzwände drehen. Da macht sich schnell Langeweile breit.

Das Ganze will uns in Form einer Parabel vermitteln, dass absolutistische Herrschaftssysteme nicht vorrangig das Wohl des Volkes im Auge haben, sich nur über Mythen, Heldenverehrung und Propaganda am Leben erhalten und den absoluten Herrscher schließlich selbst in eine unlösbare Sinnkrise stürzen. Ob nun aus lange Weile, infolge der Intrigen seines berechnenden Beraters oder leise aufkeimendem Widerstand im Volk, Hieron bringt sich schließlich selbst um. Er ist als Herrscher auch nicht mehr von Nöten, funktioniert doch das perfekte System vermutlich auch ohne ihn, den man eh nur noch aus Erzählungen kennt, unhinterfragt weiter. Das hat schon etwas sehr Gegenwärtiges, ist in dieser einfachen Form allerdings kaum geeignet, geschichtliche Zusammenhänge zu verdeutlichen. Ein Theaterstück kann und muss das auch nicht wirklich en detail leisten. Für ein gültiges Gleichnis auf herrschende Machtsysteme und den Niedergang der repräsentativen Demokratie greift diese Betonung allein auf die Lügen der Politik und den Selbstbetrug der Masse etwas zu kurz.

Der falsche Dmitry I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo. Anfang des 17. Jh.

Der falsche Dmitri I. und Marina Mnishek. Radierung eines Porträts von F. Snyadetskogo Anfang des 17. Jh.

Nach der Pause wird es dann auch nicht mehr viel besser. Kimmig führt mit dem gleichen Ensemble nun die Story des falschen Dimitri auf, der durch die Intrigen eines polnischen Wojewoden Glauben gemacht wird, der eigentlich von gedungen Mördern Boris Godunows ermordete Sohn des Zaren Iwans des Schrecklichen zu sein. Er reißt in hybrischer Selbstermächtigung das durch einen Friedenvertrag mit Russland gebundene Polen in einen blutigen Erbfolgekrieg um die Zarenkrone. Nach dem Motto: „Macht Gewalt Demokratie“ in der alten Spielzeit soll es nun weiterführend auch um Kriege gehen. Aktueller könnten dabei die momentanen Bezüge zur Wirklichkeit nicht sein. Wer heute wem in friedensstiftende Militäraktionen folgt und aus welchen Gründen, muss man nicht mehr extra erklären. Darüber hinaus verpasst das DT hier leider die Chance, zum Spielzeitstart einen geschichtlich weiteren Bogen zu schlagen, als nur über das kleine Polen des 17. Jahrhunderts bis zum großen Nachbarn dem russischen Zarenreich.

Kimmig lässt sein Personal nun scheinbar etwas freier agieren. Allerdings hat er sichtlich Mühe, die Fragmentstücke zu einem wirklichen Ganzen zu fügen. Er führt die bei Schiller nur in Skizzen vorhandene Figur der Lodoiska (Olivia Gräser) ein, einer jungen Polin, die den Demetrius im Haus des Woiwoden von Sendomir heimlich und ohne Hoffnung liebt, und lässt sie sehnsüchtige polnische Lieder singen. Nach dem Hieron ist Felix Goeser nun auch als Demetrius zu sehen, einem zunächst idealistisch seiner angeblichen Berufung folgenden Kämpfer, der aber von der Regie schnell als Zauderer entlarvt, von anderen fremdbestimmt, schließlich, als ihm dies vom Drahtzieher Mnischek (Markwart Müller-Elmau) entdeckt wird, zum desillusionierten Tyrannen mutiert. Auf ein „falsches“ Pferd gesetzt und mit einem Eimer Kunstblut übergossen, sieht der einst so kühne Prätendent auf die Zarenkrone nun eher wie ein begossener Pudel aus.

Am weitesten fortgeschritten war Schiller noch bei der Zeichnung der Figur der Marina (Natalia Belitski), Tochter des Mnischek, die dem Demetrius versprochen ist, und ihn ununterbrochen anfeuert, in freudiger Aussicht auf die Macht an seiner Seite. Die Maske lässt der stolzen, forschen Woiwodentochter dazu gleich ein Bart ankleben. Vielleicht hatte sie den aber auch noch aus der Szene im polnischen Reichstag. Der Szene, in der Demetrius vor dem polnischen König für seinen Feldzug gegen Russland wirbt. Alle Beteiligten stehen hier mit Rauschebärten und in Fantasiekostümen, die scheinbar die gesamte Zeit vom Barock bis zur Jahrhundertwende in die Moderne umspannen sollen, und stimmen schnell der allgemeinen Mobilmachung des polnischen Volkes zu. Die einzig warnende Stimme des Fürsten Sapieha (Ole Lagerpusch) wird in den Wind geschlagen. Bedeutsam schauen die Protagonisten von der großen Videoleinwand. Der Rest sind wirre Figuren- und Kostümwechsel, Wortfetzen von Schiller oder anderweitig Hinzugedichtetes an der Rampe. Kimmig scheitert mit seinem Projekt auf ganzer Linie. Der vielversprechende Spielzeitstart gerät zum Regiedebakel.

Am interessantesten sind an Schillers Fragment neben den angedeuteten psychologischen Personenzeichnungen vor allem die bereits fertig ausgearbeiteten Monologe der Hauptfiguren. Über dem vielleicht entscheidenden, der Gewissensprüfung der Zarewitschmutter Marfa (hier von Judith Hofmann im pathetisch hohen Ton gespielt), den falschen Sohn anzuerkennen, ist Schiller dann schließlich verstorben. Das Stück lag unvollendet auf seinem Schreibtisch. Nur aus den recht ausführlichen Skizzen lässt sich der Verlauf, den das Drama nehmen sollte, herauslesen. Schiller hatte sich auch mit einem anderen als dem durchweg pessimistischen Ende beschäftigt, ihn aber als künstlerisch uninteressant wieder verworfen. Der 1613 zum Zaren gewählte Michael Romanow beendete die Wirren um die russische Thronfolge, käme also als positive Wendung der Geschichte in Frage, was aber wiederum dem tragischen Verlauf des Dramas widersprochen hätte. Schiller bezeichnete den „Demetrius“ als Gegenstück zur „Jungfrau von Orleans“. Das historische Ende der Johanna änderte er dahingehend ab, dass sie mit dem Tod auf dem Schlachtfeld ihre Berufung erfüllt. Der Demetrius als betrogener Betrüger konnte schlecht für eine Utopie herhalten. Als Schablone für die Darstellung der Schrecken des Krieges vermag er jedoch Stephan Kimmigs Inszenierung zumindest eine gewisse Legitimation zu geben. Wie Michael Thalheimer Schillers „Jungfrau von Orleans“ neu ausdeutet, werden wir dann Ende September wieder am Deutschen Theater erfahren.

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„Protokolle fallenlassen. Man kann nicht mit schmutzigen Methoden einen edlen Zweck verfolgen.“
Zar Nikolaus II. in einer Randnotiz, nachdem eine offizielle Untersuchung die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ schuldig blieb. (Zitat aus „Agonie“ von Kuttner/Kühnel)

Agonie_Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern_1913

Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern (1913) – Quelle: Wikipedia

Eine wirklich gute Ergänzung zum Demetrius-Abend versprach die zweite Premiere der neuen Spielzeit in den Kammerspielen zu werden. Die Blütezeit Russlands begann bekanntlich mit dem Besteigen des Zarenthrons durch die Romanows. Ihr Ende fällt in die Zeit der Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert, auch genannt die „Zeit der Ruhe vor dem Sturm“. Jürgen Kuttner und sein Regiepartner Tom Kühnel haben sich mit „Agonie“ ein Projekt vorgenommen, das sie im Untertitel „Ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows“, der im Jahr nach der Großen Oktoberrevolution umgebrachten Zarenfamilie, nennen. Bisher ging es den Beiden ja in „Die Sorgen und die Macht“ und „Capitalista, Baby!“ um die Gemeinsamkeiten von Ideologien jeglicher Art und in „Demokratie“ um die Ambivalenz von Macht. Nun kommt die europäische Geschichte der Kriege und Machtumwälzungen am Beispiel Russlands dazu.

Im Gegensatz zum Demetrius/Hieron gibt es im Programmheft zu „Agonie“ auch ein wenig Futter, das gut durchgekaut einige Zusammenhänge zwischen dem Niedergang der Romanows und den geschichtlich bedeutenden Umwälzungen in Russland und Europa zu verdeutlichen hilft. Das ausgehende 19. Jahrhundert war ja nicht nur im zaristischen Russland ein Wendepunkt. Die großen Monarchien wackelten zu jener Zeit auch im westlichen Europa. Nach der Niederlage im 1. Weltkrieg verschwanden mit der Habsburger KuK-Monarchie und dem deutschen Kaiserreich die beiden flächenmäßig größten Mächte Europas. In ihrer Folge bildeten sich zwei recht fragile bürgerliche Republiken und eine Reihe von neuen Nationalstaaten an der Grenze zum gerade nach der Oktoberrevolution frisch entstanden Sowjetreich. An dieser Schnittstelle operieren jetzt Kuttner/Kühnel mit ihrem Geschichtsprojekt „Agonie“. Da könnte man weit ausholen, was Dampfplauderer Kuttner ja eigentlich auch liegen müsste.

Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd - Qhelle: Wikipedia

Der Panzerkreuzer Avrora 1917 in Petrograd
Qhelle: Wikipedia

Die europäische Geschichte ist durch einen ständigen Wechsel aus gesellschaftlichem Fortschritt und Kriegen gekennzeichnet. Auf Blütezeiten folgten Zeiten der Rezession. Die westliche Welt begründete dabei ihren wirtschaftlichen Fortschritt zum größten Teil auf dem Rücken der dritten Welt. Ähnliches vollzieht sich auch heute noch. Es herrschen zu Zeiten von Finanzkrise und Globalisierung der Märkte wieder große Verunsicherung in der Bevölkerung und Agonie in den regierenden politischen Parteien. Die Umwälzungen in der arabischen Welt und das Vorpreschen bzw. Mauern der Großmächte USA und Russland werfen ihre Schatten bis nach Europa. Das wäre der Punkt, wo Kuttner/Kühnel einhaken und die Parallelen zum Niedergang der Zarenfamilie aufzeigen könnten.

Es beginnt mit einer Einführung von DT-Schauspieler Moritz Grove im Matrosenanzug mit dem Schriftzug Awrora (Aurora) auf der Mütze. Gemeint ist der Panzerkreuzer, der das Signal zum Sturm auf das Winterpalais als Startschuss für die Oktoberrevolution und damit dem Ende der Romanows gab. Es ist von kleinbürgerlichem Idyll, Katastrophen, teuflischem Missgeschick sowie Angst die Rede, und natürlich sind die Nihilisten, Freimaurer, Juden und vor allem Lenin an allem Schuld. Der Petersburger Blutsonntag im Jahr 1905 ist eine von mehreren Zäsuren in der Amtszeit von Zar Nikolaus II. Ein weiterer die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg und natürlich der Eintritt in den 1. Weltkrieg. Weiterhin fehlt ihm ein männlicher Nachfolger, was ihn innenpolitisch unter Druck setzt. Und als dieser lang ersehnte Zarewitsch endlich da ist, hat er mütterlicherseits die Bluterkrankheit geerbt.

rasputin

Grigori Rasputin (1869 – 1916)

Hier nun setzt Kuttners lustiges Politkabarett ein, in das er sich natürlich in mehreren Rollen selbst tatkräftig einbringt. Da wird dem jungen Zarewitsch oder auch Baby-Zar (immer noch Moritz Grove, kurze Hosen, Holzgewehr) das „Lob des Lernens“ gesungen. „Du musst die Führung übernehmen.“ Eine Playbackversion der Zarenfamilie zur Stimme Ernst Buschs. Und wenn das Volk hungert, kommt das Lied vom „Zerissenen Rock“. Immer wenn das Stück an einen neuralgischen Punkt gelangt, setzen Kuttner/Kühnel die Brecht/Eisler-Songs aus der „Mutter“ dagegen. Das hat natürlich was, fehlt doch ansonsten die Reflexion des da Draußen, bewegt sich der Plot doch ausschließlich in den Palästen des Zaren- und der Großfürstenfamilien mit angeschlossenem Personal und pseudodemokratischer Regierungsriege. Und von außen schneit dann plötzlich wie eine Fügung (ob zum Guten oder Schlechten, darum wird sich im Weiteren die Handlung drehen) der Wunderheiler und unangepasste Wanderprediger Rasputin herein und stoppt erstmal mit Handauflegen die Blutungen des Zarewitschs. Eine Paraderolle für Michael Schweighöfer im langen schwarzen Mantel, mit Zottelhaar und -bart.

Ihm verfällt die Zarin Alexandra (Katharina Marie Schubert) und auch der Zar (wunderbar nölig, Jörg Pose) kann sich seinem Einfluss kaum erwehren, was ihm vor allem nun außenpolitisch Probleme bereitet, ist Rasputin doch ein vehementer Kriegsgegner. Diese zwielichtige Gestalt stört die Interessen der Machthaber im Hintergrund. Und in illustrer Runde, beim Wein, Tennis oder mongolischen Medizinmann (Natali Seelig, auch noch in anderen Rollen, wie der Zarenmutter Maria zu sehen) werden Ränke geschmiedet, Schießübungen veranstaltet und Rasputin in einer comedyreifen Slapsticknummer mit zyankalivergifteten Prallines, muffigem Rotwein und unter mehrfachem Pistoleneinsatz schließlich im Hause des Fürsten Jussupow (Daniel Hoevels) zur Strecke gebracht. Am verhängnisvollen Verlauf des 1. Weltkriegs vermag das nichts mehr zu ändern. Den sich mehr und mehr ins Private zurückziehenden Zar Niki kann auch seine liebe Sunny nicht mehr motivieren.

„Das lässt sich nicht ändern“, seufzt Zar Nikolaus irgendwann auf dem Kanapee und legt die Zukunft in Gottes Hand. „Deutschlands Zukunft in guten Händen“ heißt es auch bei der CDU. Da muss also was dran sein. Nicht nur wegen der Merkel-Raute. Trotzdem verkneift sich Kuttner einen Abend zur Wahl und legt uns samt den Romanows lieber auf die Couch. Eigentlich geht es ja, wie schon bei Frank Castorf, auch bei Kuttner nicht nur um den fatalistischen, russischen Muschik. Der hatte wenigsten noch hin- und wieder seinen Hintern hochbekommen. Es ist die Intelligenzija, die nihilistisch auf dem Kanapee hockt und oblomowt. Wem das nicht mehr auffällt, der ist vermutlich gerade kurz selbst mal weggenickt oder bereits völlig komatös. Wie man spannende Abende zur russischen Geschichte hinbekommt, samt schwitzender, religiöser Mystik, geschichtlichen und politischen Querverweisen mit Blick über den deutschen Tellerrand und wieder zurück, kann man in der Volksbühne bei Castorfs turbulent-diskursiven Tschechow– und Dostojewski-Abenden sehen.

"Ja! Die Deutschen!" Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf

„Ja! Die Deutschen!“ Das Duell von Anton Tschechow an der Volksbühne. Regie: Frank Castorf – Foto: St. B.

Das alles kommt bei Kuttners typisch geschnipseltem Klamauk natürlich auch irgendwie am Rande vor, wird aber mit jeder Menge Ironietünche überdeckt. Was wenigstens noch einige im Publikum zu spärlichen Lachern animiert. Der Rest zuckt verständnislos mit den Schultern. War da was? Völlig aus der Zeit gefallen steht zum Schluss die Zarenfamilie, wie zum Gruppenfoto aufgereiht, und weiß auch nicht mehr wirklich was die Zeit geschlagen hat. Nun regieren neue Herren, ein anderes Kapitel russischer und europäischer Geschichte beginnt, dass Kuttner und Kühnel demnächst wohl etwas erhellender und aufschlussreicher beleuchten könnten.

Während sich andere Häuser konkret dem magischen Datum 1913 und den weltumspannenden Umwälzung vor Einhundert Jahren widmen, wuselt das Deutsche Theater etwas in der russischen Geschichte herum, ohne nur einen der verstreut herumliegenden Fäden wirklich zu fassen zu bekommen. Bei derlei, in Kuttners Fall zwar ganz unterhaltsam aufbereitetem, ansonsten jedoch lediglich populärwissenschaftlich aufgeblasenem Wissen, empfiehlt es sich doch eher selbst einen Ausflug in Schillers Universalgeschichte und die daraus resultierenden Dramen zu unternehmen, oder für eine bildungsbürgerliche Kurzfassung Florian Illies pointiert geschriebenes Buch „1913“ zu lesen.

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Termine im Deutschen Theater:

Demetrius – Hieron. Vollkommene Welt

Agonie

Am 9. Sept. 13 und 11. Sept. 13 auch auf Livekritik erschienen.

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