Im schützenden Mantel der Kunst – Dresden und Senftenberg feiern sich und ihre Theater als Orte der Repräsentation und Wahrheitssuche.

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King Arthur, eine Semiopera von John Dryden und Henry Purcell zum Hundertsten Geburtstag des Staatsschauspiels Dresden.

Dresden, 13.09.13 – Trompeten und Hörner bliesen es von den Zinnen der Feste. Großes stand an diesem Abend bevor. Das Staatsschauspiel Dresden beging am Freitag, dem 13. sein hundertjähriges Bestehen. 100 Jahre in 100 Bildern. Zu festlich barocken Streicherklängen zog noch einmal die bewegte Geschichte des mächtigen Theaterbaus an der Ostra-Allee an den Augen der Anwesenden vorbei.

Staatsschauspiel Dresden_Premiere King Arthur

Staatsschauspiel Dresden, Premiere King Arthur – Foto: St. B.

Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, musste sich am Abend mehrfach zum Hundertsten gratulieren lassen. Natürlich immer mit der Floskel verbunden, dass er natürlich noch lange nicht so alt aussehe. Der 61-jährige, gebürtige Preuße an der Spitze des Sächsischen Staatsschauspiels hat sich mit seiner stetigen, ehrlichen Bürgernähe die Sympathie der Dresdner redlich verdient. In seiner klugen Rede beschwor er das Theater als Ort der Repräsentation und des Authentischen im schützenden Mantel der Kunst, immer auf der Suche nach Wahrheit und einem veränderbaren Zustand der Welt. Und dabei lächelt die Kunst auch über ihre eigene Widersprüchlichkeit. Theater ist für Schulz eben auch, die Möglichkeit des Scheiterns auszuhalten.

Das selbst Hundertjährige in eine, wie auch immer geartete Notlage geraten und dann einfach so verschwinden können, mit diesem Bonmot wollte Stanislaw Tillich, seines Zeichens Ministerpräsident des Sächsischen Freistaats, punkten. Der Mann muss es wissen, er ist Hauptfinanzier des Staatsschauspiels. Er verglich das Theater mit einer Romanfigur des Schriftstellers Jonas Jonasson. In dem schwedischen Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand macht sich ein Mann, der in seinem hundertjährigen Leben eher zufällig in der internationalen Weltpolitik mitgemischt und für so manch Explosives gesorgt hatte, an seinem Ehrentag einfach aus dem Staub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eigentlich ein versteckter Fingerzeig für das Stadttheater, auf der verzweifelten Suche nach seiner gesellschaftlich relevanten Traumrolle, nichts dem reinen Zufall zu überlassen. Diese Vorstellung könnte aber auch zum Albtraum geraten, sollte das Theater die allzu große Nähe zu den Mächtigen nicht tunlichst meiden.

Staatsschauspiel Dresden

Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Tillich lenkte mit seinem kleinen Ausflug in die Literatur aber auch, gewollt oder nicht, kurz das Augenmerk auf den tragischen, tödlichen Fall des Schriftstellers Erich Loest aus Leipzig, der anderen großen sächsischen Stadt mit einem Theater, das nach langen kulturpolitischen Querelen erst wieder zu feiern lernen muss. Außer dem erwähnten kurzen Schweden-Intermezzo war Tillichs Rede von ausgewogen regionaler Schlichtheit. Er sprach von sächsischer Ingenieurskunst, einem Darlehn der Bürger Dresdens, das den Bau ihres Theaters erst ermöglichte und dem Lesen zwischen den Zeilen, auch eines der bekanntermaßen rein sächsischen Phänomene. Neben Kulturförderung ist in Sachsen vor allem Popularität wichtig. Der Mann ist Pragmatiker, er will wiedergewählt werden. Das ist sein förderstes Staatsziel.

Umso reflektierter dann der Beitrag des Dresdner Schauspielensembles. Damit Theater eben nicht einfach nur zum Bestseller verkommt, äußerten die Schauspieler, vertreten durch das jüngste (Lea Ruckpaul) und älteste (Albrecht Goette) Ensemblemitglied drei fromme Wünsche, die es vieler Orts noch zu erfüllen gilt. Die beiden wünschten sich, ein Publikum, das sich zur Verfügung stellt, eine Politik, die Kunst und Markt trennt und ein Theater, das seine Aufgabe nicht vergisst, ein anderer Ort zu sein. Was die beiden genau darunter verstehen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn echtes Theater wurde natürlich auch noch gespielt.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. - Foto: St. B.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. – Foto: St. B.

Um der gemeinsamen Zeit des Staatstheaters mit der Staatsoper Dresden zu gedenken, hatte man um die beiden Kunstgattungen wieder zu vereinen, zum Jubiläum die Semiopera King Arthur mit der Musik von Henry Purcell und dem Text von John Dryden ausgewählt. Die beiden Engländer huldigten 1691 ihrem König Charles II. und dem Sieg der Briten über die heidnischen Sachsen mit einer Art „Nationaloper“. Das könnte natürlich gerade am Sächsischen Staatsschauspiel und aus Sicht der Dresdner Geschichte einiges an Brisanz bieten.

Armin Petras, der in Dresden mit seiner Dramatisierung des Tellkamp-Romans Der Turm glänzte, hat die Oper mit einem frischen Prolog versehen. In schönstem Kontrast zu den Sonntagsreden der Politik stehen die Worte von Staatssalat und -bankrott, Kunst und Macht, sowie wenig Hirn und viel Eitelkeit. Matthias Reichwald, der hernach als King Arthur wieder zum am Bühnenrand steckenden Schwert greift, spricht sie direkt ins Publikum mit seiner hohen sächsischen Prominenzdichte.

Zur Ouvertüre versammelt sich dann auch jede Menge finsteres Personal zum Schlachtgetümmel und stürzt dabei die lange Bühnenschräge hinunter, die nach hinten spitz zuläuft. Während König Arthur im Soldatenmantel seine Briten zum Kampf treibt, rufen die geschlagenen Sachsen ihre Götter an. Dem noch zaudernden König Oswald (Christian Erdmann) drückt dabei der bassgewaltige Zauberer Grimbald (Peter Lobald) einen Speer in die Hand. Zum martialischen We have sacrificed … Come if you dare werden drei Geopferte an Sicherheitsgeschirren hochgezogen.

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) - Foto: David Baltzer

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) – Foto: David Baltzer

Der Sachse rührt sich wieder, was erste Lacher im Publikum auslöst. Bei all der Pathetik, die Drydens Text und Purcells Musik bietet, legt sich die Inszenierung von Tilmann Köhler, der sich am Staatsschausiel zum vielbeachteten Hausregisseur gemausert hat, auch ein passendes Sicherheitsgeschirr an. Und zwar das Allheilmittel der Ironie. Man ist sich dessen durchaus bewusst und vergisst auch nicht im Programmheft zu betonen, dass schon in Drydens Text ironische Kritik versteckt sei.Neben dem Kriegsgeschäft der Könige geht es in einer zweiten Ebene um die Liebe zur blinden Emmeline. Beide Kontrahenten sind in ihre schönen Augen, die nichts sehen, versunken. Mit der herrlich nöligen Stimme Yohanna Schwertfegers spricht Emmeline von der Liebe mit Hand und Seele und ist dann doch wie ein Kind von ihrem Schatten fasziniert, als ihr das Augenlicht durch Zaubersaft gegeben wird. Gerade dem Wiener Burgtheater von Matthias Hartmann in Richtung Dresden entkommen, gerät Yohanna Schwertfeger nun in die Fänge Oswalds und seines intriganten Zauberers Osmond. Benjamin Pauquet gibt ihn als notgeile Variante eines im Gesicht kreuzweise geschnürten Malvolios. Osmond heiß ich, und ich will Liebe gesteht er Emmeline mit heruntergelassener Hose.

Dass Autor Dryden Shakespeare verehrt und bearbeitet hat, muss nicht erst betont werden. Das gipfelte in der ebenfalls mit Purcell verfassten Semiopera The Fairy Queen, einer Version des Sommernachtstraums. Und so lässt sich sein King Arthur durchaus auch als ein zauberhafter Traum von Sein und Schein lesen und besitzt der zwischen den Fronten schwankende Luftgeist Philidel die Züge eines Pucks. All das verbirgt die Inszenierung von Köhler nicht. Im Gegenteil, sie stellt es in Persona der stets quirligen, mal wimmernd, mal neckend auf der Bühne herumwuselnden Sonja Beißwenger gerade zu aus. Schauspielerisch fraglos gekonnt stemmt sich das Energiebündel gegen Widersacher Grimbald, muss sich allerdings in den Gesangspassagen von der Sopranistin Arantza Ezenarro doubeln lassen.

Die Irrungen und Verwirrungen auf der Bühne sind Programm. Erst irrlichtern Sachsen und Briten, wechselseitig getrieben durch Grimbald und Philidel durch den Sumpf, – This way, hither, this way bend – dann betören die Gesänge des Cupido (Romy Petrick) selbst die Sinne des coolen Grimbald. Bei der am Theater gern und oft kopierten Arie des Cold-Genius schmilzt der Eisberg Grimbald zu einem stimmlichen Softeis zusammen. Die Kraft Oswolds ist damit aber noch nicht gebannt. Er verzaubert nun sogar einen ganzen Wald.

King Arthur im Zauberwald

Sinfoniechor Dresden, Ilhun Jung (Waldgeist / Aeolus / Pan / He), Arantza Ezenarro (Luftgeist / Sirene / She), Simon Esper (Herold / Schäfer / Waldgeist / Comus), Matthias Reichwald (König Arthur), Nadja Mchantaf (Matilda, Emmelines Dienerin / Sirene / Venus) – Foto: David Baltzer

Als graue Eminenz der zaubernden Gegenwehr schwebt Merlin (Albrecht Goette) mit Rauschebart und Hirschgeweih vom Bühnenhimmel herab. Außer den umgeschnallten weißen und schwarzen Engelsflügeln vermag nur sein Zauberstab, Gut und Böse voneinander zu scheiden. In der schönsten Szene der Inszenierung bewegt sich der herausragende Chor (Sinfoniechor/ Extrachor der Semperoper Dresden) in bunten Fantasiegewändern auf den ihren Sirenengesängen fast schon erlegenen König Arthur zu. Der Baum in dem er seine Emmeline zu sehen glaubt, wird aus einem Bündel gold-glänzender Tücher gebildet. Sie verleihen dem Bühnenbild von Karolyi Risz einerseits schlichte Schönheit gegen die barocke Macht der Musik und lassen sich anderseits zu wehenden Fahnen, schützenden Gewändern oder fesselnden Banden verwenden.

Am Ende greift die bis dahin eher zurückhaltende Regiehand von Tilmann Köhler noch einmal entscheidend in die Handlung ein. Ein Balanceakt auf wackeligen Prospektstangen kippt das Happy End und lässt die nun eigentlich zum Preisen des Paars in heutiger Abendgarderobe angetretene und Holy Land intonierende Menge zunächst etwas ratlos aussehen. Es ist nichts, wie es scheint, ist die Aussage der Inszenierung, und löst damit die These des Theaters als einem anderen Ort zumindest in Ansätzen ein. Und während das wunderbar aufgelegte Prager Collegium 1704 unter der Leitung von Felice Venanzoni auf ihren Barockinstrumenten weiter in Wohlklängen schwelgen darf, kommt endlich auch die von Herrn Tillich gepriesene sächsische Ingenieurskunst in Form der dreiteiligen Versenk-Schiebe-Bühne zum Einsatz.

Premiere King Arthur - Großer Applaus für das Ensemble - Foto: St. B.

Premiere King Arthur – Großer Applaus für das Ensemble – Foto: St. B.

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Das 10. GlückAufFest an der Neuen Bühne Senftenberg zum Thema Wirklichkeit

GlückAufFest LogoSenftenberg, 21.09.13 – Authentisch und möglichst nah an der Wirklichkeit wollen die Theater ja immer irgendwie sein. Nur wie man das anfängt, da scheiden sich dann meist die Geister. Welche Themen sind wirklich aktuell und besitzen wo und für wen Relevanz? Und vor allem, woher die erforderlichen Stoffe nehmen, wenn nicht stehlen? Rennt man einem Trend hinter, beauftragt man einen jungen Autor mit dem Schreiben eines themenbezogenen, dramatischen Werks, oder gräbt man im Bekannten?

An der Neuen Bühne Senftenberg, tief in der südbrandenburgischen Provinz, hat man nun eine Möglichkeit gefunden, unsere deutsch-deutsche Wirklichkeit, trotz mangelnder aktueller dramatischer Vorlage, auf erstaunlich frische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. 23 Jahre nach der Wende und kurz vor der nächsten Bundestagswahl packt man hier die Gelegenheit noch einmal beim fast schon kahlen Schopf und findet, nicht gerade überraschend, mehr als nur ein Motte im Pelz der wiedervereinten Nation. Und was wäre besser, als diesen im Rahmen eines die Spielzeit eröffnenden Theaterfestes gehörig auszuklopfen.

Das 10. GlückAufFest in Senftenberg handelt das Thema Wirklichkeit nun an zehn aufeinanderfolgenden Wochenenden bis in den November anhand von vier ausgewählten Prosatexten aus den letzten drei Jahren von Ingo Schulze, Christoph Hein, Rainald Goetz und Volker Braun sowie einem abschließenden aerodynamischen Liederabend des vielseitigen Musikers Hans Eckardt Wenzel ab. Und das ist der andere Aufhänger. Man kann sich in der Provinz das Schmunzeln über die Probleme der Berlin-Brandenburgischen Pleiten-, Pech- und Pannenpolitik nicht verkneifen und baut die Neue Bühne kurzerhand zu einem voll funktionstüchtigen Flughafen SenftenBER aus.

Neue Bühne Senftenberg nachts_Foto Stefan Bock

SenftenBER an der Neuen Bühne Senftenberg.
Foto: St. B.

Am Check-In erhält man dann Flugplan und Bordkarte für einen rund neuneinhalb-stündigen Flug in die Wirklichkeit und der Chef des Towers, Intendant Sewan Latchinian, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Fluggäste persönlich zu begrüßen. Auch für das leibliche Wohl bei den vier Zwischenlandungen ist reichlich gesorgt. Anschnallpflicht besteht nicht und selbst auf die obligatorischen Schwimmwesten kann bei dieser imaginären Reise verzichten werden. Damit das Unternehmen nicht baden geht, versucht das Senftenberger Boden- und Bordpersonal wirklich alles zu unternehmen, den Zuschauersaal zum Abheben zu bringen.

Zum Einstieg bringt Sewan Latchinian die Dresdner Rede von Schriftsteller Ingo Schulz aus dem Jahr 2012 als bissigen Kommentar zur aktuellen Lage unserer Demokratie auf die Bühne. Schulz hatte sie nach Andersens Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern Unsere schönen neuen Kleider genannt. Ein kluger Text, der sich anhand auch einiger ermüdender Fakten und Zahlen mit den Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Wende, nicht nur in der „ehemaligen“ DDR (eines der vielen schönen Nachwendevokabularien), beschäftigt.

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER - Foto: Steffen Rasche

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER – Foto: Steffen Rasche

Pointe dieser allegorischen Überstülpung ist hier nicht nur der bekannte Ausruf des Jungen, sondern vor allem, dass es, ganz wie im Märchen, immer jemanden braucht, der sich traut, diese Erkenntnis auch lauthals zu unterstützen. Bernd Färber schlüpft, ganz Schauspieler, beim Reden in einem flotten theatralen Schminkprozess von der Rolle des nackten Kaisers hinüber in die der Kanzlerin (samt Raute), die mit ihrer Floskel von der marktkonformen Demokratie und bleiernen Alternativlosigkeit zur Weberin der allerschönsten „unserer neuen demokratischen Kleider“ geworden ist.

Nach ersten unpopulären politischen Wahrheiten folgt mit der Dramatisierung von Christoph Heins Roman Weiskerns Nachlass der Blick auf die Verfasstheit der geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands, die sich mit halben Stellen immer am Rand der Privatinsolvenz durchs Leben schlägt, und der, ähnlich der Kunst, die Mittel immer weiter zusammengestrichen werden. Kulturwissenschaftler Stolzenburg (Alexander Wulke) ist ein solch unterbezahltes Exemplar. Er findet für seine liebhaberische Werkausgabe des unbekannten Mozartlibrettisten Weiskern keinen Verleger und sieht sich aus Geldmangel bald den unmoralischen Angeboten seiner Studenten ausgesetzt.

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS - Foto: Steffen Rasche

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS – Foto: Steffen Rasche

Hein lässt den notorischen Schürzenjäger und Konfuziussprücheklopfer Stolzenburg durch eine Achterbahn der Ereignisse und Gefühle gehen. Regisseur Latchinian macht daraus einen neunzigminütigen ironischen Discountflug in der Economy Class. Zum Teil auf Flugzeugsitzen spulen die Darsteller das Ganze wie einen rasanten Kunstfälscher-Krimi samt Beziehungsstress und Mozartbegleitung ab. Die bedauernden Worte von Stolzenburgs Steuerberater, der in einer Woche dessen Jahresgehalt an der Börse verdient, bringen es aber schließlich auf den Punkt. Stolzenburg wird auch weiterhin die Business Class versperrt bleiben. Auch wenn sich seine Albträume kurzzeitig in Luft auflösen, der finanzielle Absturz der/des Wissenschaft/lers ist vorprogrammiert. Hier wird kein Château Rothschild kredenzt. Im Abgang bleibt ein leichter Nachgeschmack von zu viel Tomatensaft.

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP - Foto: Steffen Rasche

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP – Foto: Steffen Rasche

Mit oberflächlich angeeigneten kulturellen Phrasen wirft der Vorstandsvorsitzenden Johann Holtrop gern bei Interviews, Reden oder Geschäftsgesprächen um sich, bevor es dann nach Abschluss in den Puff geht. Rainald Goetz gleichnamiger Roman liefert in sprachlich exquisiter Form ein entblößendes Sittenbild der Wirtschaftselite unseres Landes. Sewan Latchinian führt ihn als szenische Lesung unter Mithilfe zweier Schauspielerinnen und Videoleinwände auf. Er selbst gibt den Aufstieg und Absturz dieses Manager-Dinosauriers als gymnastischen Slapstick mit Aktenkoffer und Wasserflasche. Die gekippten Videobilder verdeutlichen kongenial die psychische und emotionale Schieflage Holtrops sowie die verzweifelte Akrobatik seiner aus hohlen Gesten und Worten bestehenden Rettungsrhetorik. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, den reichlich Szenenapplaus begleitet.

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann - Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN - Foto: Steffen Rasche

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann – Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN
Foto: Steffen Rasche

Bis hierin bauen die Texte thematisch wunderbar und dramaturgisch geschickt aufeinander auf. Und zur fortgeschrittenen Stunde gibt es dann zum Thema Geschichte und Utopie auch noch eine Dramatisierung der Erzählung Die hellen Haufen von Volker Braun. Ein Abriss der Geschehnisse um die Abwicklung der Mitteldeutschen Kali-Betriebe im Jahre 1992 in fast poetischen Worten und religiösen Bildern. Der Marsch der Kalikumpel auf Berlin in den Fußstapfen der schwarzen Haufen Thomas Müntzers aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Ensemble bewegt sich in Sewan Latchinians epischer, sehr eindrucksvoller Inszenierung um eine graue Abraumhalde, auf der sich die Arbeiter schließlich gegen die Übermacht des Staates verteidigen müssen. Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltfreiheit stehen im Raum sowie die Frage: Was wäre wenn?

Zum Abschluss darf das ausnahmslos großartige Ensemble noch einmal zeigen, dass es auch musikalisch zu unterhalten weiß. In der Revue Auf dem Flughafen nachts um halb eins… singt eine Hautevolee aus verlor’nen Lumpen, die nicht in diese Welt passen will, in der Kneipe einer verlassenen Abflughalle voller Witz und Überlebensmut gegen die graue Wirklichkeit des deutschen Tiefsinns (immer nur die Mitte) an. Eine bezaubernde Stunde der liebeswerten Irren und Idioten. Nach dem Abflug in theatrale Wirklichkeiten folgt irgendwann auch wieder die Ankunft in der Realität. In Senftenberg kann man sich diesem, über den Theaterraum hinausgehendem Abenteuer getrost hingeben.

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… - Foto: Steffen Rasche

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… – Foto: Steffen Rasche

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Weitere Termine für King Arthur und das GlückAufFest unter:

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/king_arthur/termine/

http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/10-glueckauffest.html

Beide Beiträge sind am 16.09.13 und 25.09.13 auf KULTURA-EXTRA erschienen.
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