„Viel Lärm um Nichts“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ – Ein musikalischer Spielzeitauftakt an der Berliner SHOW-bühne.

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Verkehrte Welt an der Berliner Schaubühne. Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg, sonst ein feiner Sezierer der bürgerlichen Gesellschaft und Beziehungshölle (Parasiten, Das kalte Kind, Der Stein), macht aus Shakespeares Komödie Viel Lärm um Nichts eine Film-Klamotte und Patrick Wengenroth, an der Schaubühne eher der Mann fürs Grobe und Trashige, überträgt Fassbinders kammerspielartiges Filmset zu dessen sadomasochistisch angehauchtem Beziehungshorrorstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant fast werkgetreu wieder zurück auf die Bühne. Und man weiß zunächst nicht, ob man staunen, sich ärgern oder einfach nur befreit auflachen soll. So viel nur, wer verbissen nach einem Sinn sucht, wird in beiden Fällen bitter enttäuscht werden. Die Sache liegt, so einfach wie kompliziert, im Auge des jeweiligen Betrachters selbst. Zu konstatieren bleibt im Vorfeld lediglich, dass die Schaubühne auch in der neuen Spielzeit wieder verstärkt auf musikalische Showelemente setzt.

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Viel Lärm um nichts? Die Schaubühne am Lehniner Platz, ein unvergesslicher (H)Ort der Feude. – Foto: St. B.

„Teach me tiger” – Marius von Mayenburg geht mit Shakespeare ins Kino. Man sieht und hört: Viel Lärm um Nichts 

Den Anfang machte bereits Ende August Marius von Mayenburg mit einer Revuevariante von Shakespeares romantischer Komödie Viel Lärm um Nichts. Dass man sein Publikum nicht gleich zu Beginn der Spielzeit mit schweren Klassikern überfordern sollte, hat das Deutsche Theater einen Tag vorher bitter erfahren müssen. Unterfordern muss man es aber auch nicht gleich. Das Mayenburg Sinn für schrägen Humor besitzt, hat er schon mit der Inszenierung seiner eigenen Komödie Perplex bewiesen. Ein philosophierendes Well-made-Play über den Zufall und das Spiel mit Rollen und Identitäten, das sich aus den Tiefen des Klamauks in ungeahnte geistige Höhen erhob. Und auch bei Shakespeares lärmig beredtem Geschlechterkampfszenario geht es neben den verschiedenen Spielarten der Liebe und Intrige vor allem auch um Sein und Schein, was wiederum wunderbar an Mayenburgs Stück Perplex andockt.

Mit Eva Meckbach und Sebastian Schwarz stehen ihm als Paar wider Willen, Beatrice und Benedick, hier auch wieder zwei begnadete Komödianten zur Verfügung. Der Rest der spielfreudigen Bande scheint geradewegs aus Lars Eidingers knalliger Romeo und Julia-Inszenierung entsprungen zu sein. Zumindest für Moritz Gottwald, Bernardo Arias Porras und Kay Bartholomäus Schulze trifft das definitiv zu. Und nachdem sie bereits bei Eidinger dem Komödien-Affen reichlich Zucker geben durften, kommt auch bei Mayenburg die Gaudi nicht zu kurz. Fucked up with Shakespeare. Aber bei aller Liebe und Frivolität, der Alte ist nicht unterzukriegen und hat schon wesentlich Schlimmeres als ein paar schräge Riffs auf der Akustikgitarre und verschwitzt hüftkreisende Liebeschwüre überlebt.

It's Showtime. - Foto: St. B.

It’s Showtime. – Foto: St. B.

Während Eidinger mit der Live Band The Echo Vamper die wesentlich coolere Rockmusik am Start hatte, wartet Mayenburg mit einem größeren Bühnenportal auf. Der Drang zur ganz großen Show ist unübersehbar und geht mit einem noch größeren Hang zur bloßen Behauptung einher. Es weiß spätestens seit René Pollesch eh jeder, dass am Theater gelogen wird, dass sich die dünnen Bretter biegen. Passend dazu intoniert Conférencier Kai Bartholomäus Schulze, eigentlich als Leonato, Gouverneur von Messina besetzt, auf der goldenen Showtreppe Leonard Cohens „Everybody knows“. Später darf er dann noch eine veritable Travestie als Kammerfrau Margaret hinlegen. Aufs gnadenlose Chargieren scheint er seit seinem Schluckspecht-Slapstick als notgeiler Bruder Lorenzo abonniert zu sein.

„That’s how it goes“ heißt es weiter bei Cohen. Vom blutigen Kreuz auf der Spitze des Kalvarienbergs bis zum Strand von Malibu ist alles absehbar. Drum nimm einen letzten Blick auf die heilige Liebe, bevor sie verweht. Und da das Paradies eh futsch ist, feiert es sich umso ungenierter. Das nutzt nun Mayenburg, um ein szenisches Feuerwerk der Verkleidungskunst zu entzünden und bläst zur großen Zitatschlacht in Videobildern. Da wehen Palmen in der Südsee, während Männer in GI-Kluft aus dem Krieg heimkehren um sich zu vergnügen und im Hintergrund eine Atombombe hochgeht. Aber allzu hoch will man das dann natürlich auch nicht gehängt wissen. Auf geht’s zum Maskenball der einsamen Seelen. Man nennt das hierzulande auch manchmal Fisch sucht Fahrrad. Und wenn das Fahrrad dazu noch eine goldene Kette trägt, will der Fisch auch kein Frosch sein.

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Das Ensemble beim Applaus. – Foto: St. B.

„Teach me tiger, how to kiss you.“ säuselt Beatrice und Benedick entdeckt den Tiger im flauschigen Bettvorleger in sich. Darf aber auch mal Elvis the Pelvis sein. „I can’t help falling in love with you.“ Ein trefflich necken ohne anzuecken. Man sieht Claudio (Moritz Gottwald) und seine keusche Hero (Jenny König) als Tarzan und Jane und bei anderen Gladiatorenspielen. Die falsche Hero wird von Borachio (Bernardo Arias Porras) im Kingkong-Kostüm erst verführt und dann über die Dächer New Yorks entführt. Die Männer balzen und spielen Zombietennis, während die Frauen visuell viel und akustisch noch weit mehr zu bieten haben. In einer begnadeten Doppelrolle darf Robert Beyer den Prinzen Don Pedro und dessen halbseidenen Halbbruder Don John (Juan) mit Fledermausohren geben. Als Kinski-look-alike sieht man den intriganten Strippenzieher auf der Videoleinwand über einen Friedhof wandeln.

Eine Handlung hat das Stück natürlich auch noch, was hier aber nicht weiter stört, da eh alles aufs große Showfinale hinläuft. Nur so viel: Die Ehre der heroisch allen männlichen Tücken zum Trotz standhaltende Hero („Sometimes I feel like a motherless child“) wird mit List wieder hergestellt und der sich um die Jungfräulichkeit der Braut betrogen geglaubte Bräutigam Claudio kann nun die seine dazutun. Die Männlichkeit bekommt ihr Fett weg und gereimte Liebesbekenntnisse werden ausgetauscht. Jeder Topf kriegt seinen Deckel in passender Größe, und die Welt, wie wir sie kennen, dreht sich einfach weiter. Es singt und swingt so schön wie ehedem. Denn das ist eisernes Gesetz nicht nur am Theater: The Show must go on!

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Patrick Wengenroth nimmt Fassbinders legendäres Kammerspiel unerwartet bitter ernst.

Während im großen Saal Hedda Gabler in Ostermeiers Ibsenhölle noch mit Duellpistolen spielt, lädt auch Patrick Wengenroth nebenan im Saal C zur Schlacht auf dem Fassbinder-Flokati unter einem großen dreiteiligen mit Rüschen besetzten Showportal. Hierhin ist er nach der vorgezogen grell-bunten Fassbinder-Kür Angst essen Deutschland auf im Studio der Schaubühne zur weitaus schwierigeren Pflicht umgezogen. Fassbinders psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1972 mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes ist legendär. Die Latte liegt demnach hoch, ist doch auch Martin Kušej am Residenztheater München vor kurzem eine vielbeachtete Inszenierung gelungen. Ein komplettes Stück vom Blatt zu inszenieren, ist nicht der übliche Regiestil von Patrick Wengenroth. Mit Die bitteren Tränen der Petra von Kant macht er die Ausnahme zur Regel, und dennoch scheint zunächst alles wie gewohnt. In bunten Katzenkostümen treten er und sein langjähriger Mitstreiter, der Musiker Matze Kloppe, vor den Vorhang, auf den der Schatten einer großen Frauensilhouette geworfen ist, und intonieren Lovecats von The Cure. Das ist natürlich Ironie satt.

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Patrick Wengenroth als Marlene.
Foto: St. B.

Man ist sich auch im Folgenden nicht ganz sicher, ob das nicht doch eine Parodie werden soll. Und wenn ja, ist es zumindest eine sehr bittere. Wengenroth hat die ausschließlich weibliche Besetzung des Originals fast vollständig übernommen, nur die Mutter ist gestrichen. Jule Böwe spielt die mondäne Modedesignerin Petra von Kant. In einem Traum von Kleid mit langer Schleppe steht sie dort auf der Bühne, es fehlt lediglich noch die Zigarettenspitze, um an einen noch bekannteren Film zu erinnern. Lucy Wirth gibt im Wechsel das Frauchenklischee Sidonie von Grasenabb und das eigentliche Objekt der Begierde Karin Thimm. Patrick Wengenroth lässt es sich aber nicht nehmen, die stumme Rolle der Sekretärin Marlene im devoten Gouvernanten-Look selbst zu mimen. Die Kostüme sind mit Korsetts, Seidenstrümpfen und Strapsen zusätzlich sexuell aufgeladen. Wie schon Fassbinder spielt auch Wengenroth mit diesem Klischee.

Er liefert die stilgenaue Kopie des Films. Die Inszenierung atmet von den Kostümen bis zu den Frisuren das 70er-Jahre-Flair des Originals. Die eiskalten Worte mit denen die Protagonistinnen aus ihren kaputten Beziehungen berichten, lassen einem auch heute noch die Haare zu Berge stehen. Rasiermesserscharf schneiden sie die Luft. Als schmieriger Barpianist sitzt Matze Kloppe am Rand der Bühne und klimpert den Soundtrack zum fiesen Spiel. Es geht bei Fassbinder vordergründig um die Unmöglichkeit der bedingungslose Liebe auf Augenhöhe und emotionale, wie monetäre Abhängigkeitsverhältnisse, in die seine Figuren mehr oder minder freiwillig geraten. „Weil man leben muss, Petra. Und weil man arbeiten muss, wenn man Geld verdienen will, und weil man Geld braucht, wenn man lebt.“ sagt Sidonie. Nach Aktualität in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft muss man da eigentlich nicht mehr fragen.

Während Petra von Kant ein unklares Herrschaftsverhältnis zu ihrer Bediensteten Marlene pflegt, Wengenroth und Böwe tanzen wie im Film zu Smoke Gets in Your Eyes von den Platters, geht sie relativ bedingungslos in die Beziehung zur jungen, aufstiegswilligen Karin und beginnt so ein gefährliches Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Immer mehr rutscht Petra, die eigentlich besitzen will, selbst in eine emotionale Abhängigkeit. Mit großem Einsatz geben Jule Böwe und Lucy Wirth das ungleiche Liebespaar, stöckeln, albern und rollen dabei ausgelassen über den rutschigen Untergrund. But Every Thing Must Change“ weiß ein weiterer Song. Der Mensch ist letztendlich austauschbar, „das muss man lernen.“ Als Karin bei der ersten Gelegenheit fremdgeht und sogar wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, erfolgt nicht ganz unerwartet der Absturz aus dem siebten Himmel, auch wenn er vom Flokati noch relativ weich abgefangen wird.

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Das Ensemble beim Premieren-Applaus. Foto: St. B.

Kein Telefon, keine Puppen, nichts woran sich Jules Böwes Petra von Kant festhalten könnte, außer an ihrer Ginflasche. Daneben dient als einziges Requisit lediglich noch ein Tablett mit zwei Gläsern. Wenn das Telefon klingelt oder die Post zu holen ist, serviert Marlene immer wieder untertänig frisch gefüllte Gläser. Als Wiedergängerin des ganzen Beziehungselends schneit schließlich noch die Tochter Gabriele (Iris Becher) in züchtigem Gelb herein und berichtet der emotional am Boden liegenden Mutter Petra von ihrer banalen Teenagerliebe. Jule Böwes Gin-geschwängerte Schrei- und Heulorgie auf dem weißen Flokati, sie hat die Schnapsdrossel schon mehrfach an der Schaubühne geübt, ist dann ganz großes Kino oder auch Theater. Je nachdem, wie man‘s nehmen will. Sie kämpft sich tapfer durch die bitteren Tränen der Verzweiflung, was auch leicht in übertrieben, sentimentalen Kitsch abgleiten könnte. Denn Liebe ist kälter als der Tod.

Dass das bei Fassbinders völlig ernster, ironiefreier Vorlage nicht passiert, liegt wohl vor allem an der großartigen Frauenriege, die sich trotz strengem Korsett, ihre Freiräume erspielen kann. Auch Wengenroth geht diesmal wesentlich subtiler vor, drängt den Klamauk nicht in den Vordergrund. Allerdings emanzipiert er sich nur recht mühsam vom übermächtigen Vorbild. Wahrscheinlich sind sich die beiden Regisseure nicht nur im Aussehen sehr ähnlich. Schlussendlich ist es das Weggehen, das Ausbrechen aus der Enge des bürgerlichen Gefängnisses, was Fassbinder als Lösung anbietet. Selbst mit der Gefahr, direkt in die nächste Abhängigkeit zu schlittern. Auch die treue Dienerin Marlene verlässt Petra von Kant, als diese ihre Stärke aufgibt, Schwäche eingesteht und somit Marlene nicht mehr das bieten kann und will, was diese benötigt. Das sind natürlich ganz persönliche, autobiografisch gefärbte Eindrücke Fassbinders, nah am Klischee und nicht frei von bourgeoisem Dünkel. An Thomas Ostermeiers Schaubühne am Kudamm ist er damit jedenfalls bestens aufgehoben.

Einen Aufbruch ganz anderer Art gibt es dann auch bei Patrick Wengenroth. Anstatt ihren Koffer packt seine Marlene allerdings nur den Flokati und macht erst mal die Bühne frei. Wohin könnte man auch gehen? Stumm wird Marlene hier jedenfalls nicht bleiben. Was Wengenroth zu sagen bzw. singen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. „Jippie-Ya-Yeah“, Schweinebacke Fassbinder. Oder siegt bei Wengenroth etwa doch die Wa(h)re Liebe?

Der Text ist zuerst am 09.09.13 auf Kultura-Extra erschienen.

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... und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. - Foto: St. B.

… und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. – Foto: St. B.

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Viel Lärm um Nichts
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Claus Erbskorn, Thomas Witte
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider

Pedro/John: Robert Beyer
Claudio: Moritz Gottwald
Benedick: Sebastian Schwarz
Beatrice: Eva Meckbach
Hero: Jenny König
Leonato/Margaret: Kay Bartholomäus Schulze
Borachio/Francis: Bernardo Arias Porras

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder

Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider

Mit: Jule Böwe, Lucy Wirth, Iris Becher, Patrick Wengenroth
Musiker: Matze Kloppe

Dauer: ca. 105 Minuten (keine Pause)

Termine unter: www.schaubuehne.de

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