Worte und Zeichen – andcompany&Co. und She She Pop im Berliner HAU

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Der Versuch eines postkolonialen Exorzismus – BLACK BISMARCK von andcompany&Co. im HAU 2

Im Rahmen eines kleinen Afrika- und Kolonialismus-Schwerpunkts bei den Foreign Affairs 2012 hatten die Performer Alexander Karschnia, Sascha Sulimma und ihr belgischer Kollege Joachim Robbrecht von andcompany&Co. bereits einen kleinen Ausblick auf ihre jetzt am HAU 2 herausgekommene Produktion Black Bismarck gegeben. Im Haus der Berliner Festspiele saßen die drei vor einer weißen Leinwand und hielten eine Art Lecture-Performance über die Suche nach den kolonialen Wurzeln Europas und im Speziellen über die Verstrickungen Deutschlands. Eine Lehrstunde für alle überprivilegierten Unterpigmentierten über das Weißsein als unmarkierte Normalität sowie das Spielen im Dunklen der romantisierenden und gleichsam diskriminierenden Vorstellungen über den schwarzen Kontinent.

Black Bismarck Foto: Jan Brokof&Co.

Black Bismarck
Foto: Jan Brokof&Co.

Als graue Eminenz, oder besser Weißer Revolutionär bzw. Riese der deutschen Kolonialgeschichte beleuchteten andcompany&Co. vor allem den einstigen Ministerpräsidenten des preußischen Staats und späteren Kanzler des Deutschen Reichs, den heute wohl immer noch bekanntesten und beliebtesten Politiker Otto von Bismarck. Black Bismarck previsited war nicht einfach nur ein interessanter Lichtbildervortrag mit Musikuntermalung. Es war kluge Unterhaltung mit ernstem Hintergrund auf hohem Niveau. Ein tiefer Abstieg auf die dunkle Seite des weißen, europäischen Selbstverständnisses, wo das Gespenst des Kolonialismus noch immer munter umherspukt.

Sascha Sulimma und Joachim Robrecht sind auch diesmal wieder mit von der Partie. Allerding ist, sieht man mal davon ab, dass die zwei mit Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Nicola Nord und Gorges Ocloo schlagkräftige Verstärkung bekommen haben, inhaltlich nicht allzu viel Neues hinzugekommen. Ohne Frage, spielerisch haben andcompany&Co. den Abend ausgebaut. Es wird viel herumgetollt, erklärt, gestritten und musiziert. Die Performer tragen dabei als sichtbare Zeichen fantasievolle Helme und Kostüme, mit deren Hilfe sich z.B. die schwarzen Performer im Team als deutsche Birken verkleiden können. Eine klare Aussage und bestimmtes Zeichen, wie eine Kusshand oder der Mittelfinger eines deutschen Politikers.

Auch die weiße Leinwand ist im Hintergrund wieder angebracht. Sie stellt beim ersten Hinsehen noch kein Zeichen dar, erweckt aber sofort die Fantasie und den Expansionstrieb des Europäers, wie ein weißer Fleck auf der Landkarte, den es zu entdecken und zu kolonisieren gilt. Bei der sogenannten Kongo-Konferenz 1884-85 in Berlin teilten die europäischen Mächte Afrika unter sich auf, zogen Grenzen, die noch heute bestand haben und Grund für Konflikte sind. Von den Kolonialläden, Gartenkolonien über Afrikaferiendörfer und koloniale Straßennamen bis in die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die romantische und unbewusste Vereinnahmung des dunklen Kontinents Afrika als Symbol für das Fremde und Unbekannte ist im deutschen Sprachgebrauch allgegenwärtig. In den 70ern belegte Ingrid Peters mit der Coverversion des Rose-Laurens-Hits Afrika Platz eins der deutschen Hitparade im ZDF.

Warum ist der Knecht Ruprecht schwarz? Wer hat den schwarzen Peter? Warum werden weiße Schauspieler im Theater schwarz angemalt? Und auf welche Rollen sind schwarze Schauspieler im Nibelungenhort des deutschen Theaters festgelegt? Fragen über Fragen, die die Performer auf ironische Art ausdiskutieren und versinnbildlichen. Ein Exkurs tief ins Herz des Weißseins. Der Unbewusstseinszustand besteht hierbei darin, weiß und nichtmarkiert zu sein, selbst aber ständig alles zu markieren. Und auch der titelgebende Fürst Bismarck spukt als Gespenst weiter durch Deutschland mit seinen Bismarckheringen, -zigarren, -schnäpsen und -apotheken. In sage und schreibe 142 Städten und Gemeinden stehen heute noch Bismarcktürme.

andcompany&Co: BLACK BISMARCK

BLACK BISMARCK  Foto (c) MuTphoto-Barbara-Braun

Das Ganze verzettelt sich dann leider mehr und mehr in eine lustige Performance. Da springt im Video ein Withe Rabbit in der bekannten Berliner U-Bahnstation mit umgewandeltem Namen Möhrenstraße herum und bewegt sich ein kolonialer Albtraum aus Zucker und Gummi in Form des Marshmellowman Stay Puft über die Bühne. Dem schrägen Diskurs werden zwar immer wieder neue Schlagworte zugeführt, allerdings kommt dabei kaum etwas wirklich Zwingendes zustande. Auch ein Zeichen für die bisweilen hart und bizarr geführte Diskussion um den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Einziger Hinweis auf schwarze Gegenpositionen bleibt die Erwähnung des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Burghardt Du Bois mit seiner These des Zweiten Gesichts, nach der sich ein Schwarzer immer zugleich auch durch die Augen der Weißen wahrnimmt.

Unsere Wahrnehmung der afrikanischen Kultur erfolgt noch immer anhand von Exponaten, die in der Kolonialzeit aus diesen Gebieten nach Deutschland verbracht wurden und nun bald an geschichtlich brisantem Ort des ehemaligen preußischen Stadtschlosses gezeigt werden. In einer gelungenen Merkel-Parodie verblüfft uns Nicola Nord mit elitärem Politikersprech zum Thema Entwicklungshilfe. Der bunte Abend gipfelt dann im Versuch von Joachim Robrecht, den alten Witz vom Schwarzen auf dem Zebrastreifen zu konterkarieren. „Man sieht mich, man sieht mich nicht“ rufend hüpft er mit vollem Körpereinsatz vor der weißen Leinwand auf und ab und kugelte sich dabei leider auch noch die Schulter aus. Gute Besserung von hier aus.

Letztendlich bringt es andcompany&Co.-Mastermind Alexander Karschnia, der sofort für Robbrecht einsprang, mit seinem Mantra „Empty your Head!“ auf den Punkt. Wenn das nur so einfach wäre. Vielleicht sollte es besser „Open your Mind!“ heißen. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben. Die durchaus anregende Performance geht jetzt auf Deutschlandtournee nach Mülheim, Münster und Düsseldorf und wird auch im kooperierenden deSingel Antwerpen zu sehen sein. Weitere Termine siehe unten.

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Black Bismarck  (29.09.2014)
Von und mit: Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Gorges Ocloo, Joachim Robbrecht, Sascha Sulimma&Co.
Dramaturgie: Alexander Karschnia&Co.
Bühne: Jan Brokof&Co.
Licht: Gregor Knüppel&Co.
Video: Kathrin Krottenthaler&Co.
Kostüm: Raki Fernandez&Co.
Regieassistenz: Mascha Euchner-Martinez
Bühnenbildassistenz: Julia Harttung
Technische Leitung: Marc Zeuske
Company Management: Katja Sonnemann
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), deSingel Antwerpen, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Mülheim und dem Theater im Pumpenhaus Münster.

Premiere: 27.09.2013 im HAU 2

Weitere Infos:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/black-bismarck/#

http://www.andco.de/index.php?context=project_detail&id=7074

Zuerst erschienen am 2. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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Ende oder die Welt als crazy Rock-Scheibe – She She Pop denken im HAU 3 über das richtige Schlussmachen nach.

Was geschieht eigentlich mit den ganzen Dingen, die ein Performancekollektiv so bei der angestrengten Probenarbeit anhäuft, begutachtet, sortiert, wieder verwirft? Kreativmüll sozusagen. Wird das noch gebraucht, oder kann das weg? Die Probenzeit ist mit dem heutigen Tag beendet, konstatiert Mieke Matzke von der Gruppe She She Pop. Aber irgendwie scheinen die vier Performer mit ihrer Arbeit nicht ganz fertig geworden zu sein. Überall auf dem Bühnenboden verstreut liegen diese Dinge, nebst einigen blauen Müllsäcken, die besonders Mieke Matzke Angst bereiten. Die Angst nicht fertig zu werden, nicht zum Ende zu kommen. Dabei hatte das Ganze noch gar nicht richtig angefangen.

Ende von She She Pop im HAU 3 Foto: St. B.

ENDE von She She Pop im HAU 3 – Foto: St. B.

Dunkel ist es nämlich zu Beginn der Performance Ende im HAU 3. Und wir hören die ersten Worte vom Anfang und Ende, von der Schöpfung der Welt aus der Ursuppe, herumfliegendem Weltraummüll und dem Problem etwas Unfertiges, Ungelöstes aus dem Tag mit in die Nacht zu nehmen. Denn davon handelt die Performance, vom Willen, das einmal Begonnene zu Ende zu bringen.

Nach und nach beginnt sich das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, bis es hell geblendet den ersten Tag der She She Pop‘ schen Schöpfungsgeschichte erblicken darf. Creation day 1. Und da liegt sie dann, die Ursuppe aus aufgehäuften Utensilien, wie Gaffer Tape, Äpfel, Orangen, Post-its, rote Menstruationsfäden, Wasserflaschen und natürlich eine Bibel. Auf einer aufgeklappten Kreisscheibe, die am Rand mit den Albumtiteln der Bat Out Of Hell-LP von Meat Loaf verziert ist. Die Welt als crazy Rock-Scheibe in der kreativen Schöpfungs- und Vorstellungskraft der Performer.

Diese Welt teilt sich in Adam und Eva, die himmlischen Heerscharen und selbstredend Gott, der das ganze Kuddelmuddel verbockt hat. Jeder übernimmt seine Rolle, wobei zuerst das Problem der Nacktheit zu Gunsten hautfarbener Kostüme geklärt wird. Nur die himmlischen Heerscharen bekommen etwas mehr Farbe ab und die vielleicht undankbarste Aufgabe. Lisa Lucassen, einst jugendliches Opfer der Geschmacksverirrungen ihres Bruders, und heute eigentlich eher cool und modebewusst, schmettert mal zart, mal inbrünstig den „Soundtrack ihres Lebens“, den sie hier nun öffentlich durch Absingen des ganzen Albums exorzieren will. You Took The Words Right Out Of My Mouth. Direkt raus aus der Hölle. Und da ist sie wirklich nicht zu beneiden, denn was sich dieser durchgedrehte Hackbraten da in den 70ern so zusammengesungen hat, passt heute auf keine politisch korrekte Kuhhaut mehr.

ENDE von She She Pop - Foto: Benjamin Krieg

ENDE von She She Pop – Foto: Benjamin Krieg

Sieben Songs und sieben Tage in nur 90 Minuten, da bleibt nicht viel Zeit für überflüssige Details. Aber ob hier etwas Kunst ist, oder in den blauen Müllsack gehört, überlässt man dann doch lieber nicht der Putzfrau. Die Performer nehmen sich nun selbst nochmal die allegorisch belegten Dinge eines nach dem anderen vor. Und Mieke Matze ordnet sie akribisch wie Gott auf der Weltenscheibe an. Muss aber erkennen, dass die Arbeit nie getan ist, immer noch was kommt und immer noch eine Frage zu klären bleibt.

Schluss soll also gemacht werden. Zum Beispiel mit den Vorurteilen über Frauen. Ilia Papatheodorou als Eva beklebt sich mit Orangenhaut und stopft sich hinten und vorne aus, ihre weibliche Zuschreibung grotesk betonend. Was erwartet man von Frauen, wie werden sie gesehen und sehen sich selbst? Papatheodorou performt es auf Äpfeln laufend, Prosecco einschenkend und Frauenwitze erzählend. Sie gibt lächelnd Konversationstipps und streicht ein Klischee nach dem anderen von der Welttafel.

Sebastian Bark dagegen trägt als Adam, oder besser vielleicht doch lieber nur Mensch, das Lebenslicht und versucht sich sonst in der Eigenbeschränkung. Das geschieht rein körperlich in Form von Tape, Schnüren und einem Mülleimer. Denn: „Ende ist, wenn nichts mehr geht.“ Das hindert Bark aber nicht daran, noch die Geschichte seines immer zu kurz gekommenen Cousins vorzutragen. Im übertragenen Sinne ein Beispiel, für das Verschließen der Sinne als Ende aller Fantasie, die selbst gewählte und von anderen zugeschriebene Rolle, in der man gefangen ist. Und sei es eine Ehe, die alles beendet. Meat Loaf / Lisa röhrt dazu: „I’m praying for the end of time that’s all that I can do uhhh.. uhh…”

Wie immer bei She She Pop sind das alles ganz persönliche Erfahrungen und Geschichten, die hier auf Dauer aber doch etwas zu nebulös aus der performativen Ursuppe wabern. Nun ist es ja Gott sei Dank nicht Aufgabe des Kritikers, die unfertig herumliegenden Gedankenenden eines Performers zu ordnen. Lustige Anregungen zum Weiterdenken lassen sich in den zum Ende hin wieder zusammengeschobenen Weltenraumbruchstückchen aber allemal finden. Man muss sie nur aufnehmen und ganz entspannt weiter darüber nachdenken. Heaven Can Wait.

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ENDE (08.10.2014)
Konzept und Produktion: She She Pop
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer und Forum Freies Theater Düsseldorf
Bühne und Kostüme: Sandra Fox und SSP
Choreographische Beratung: Minako Seki
Musikalische Beratung: Max Knoth
Von und mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere: 08.10.2013, HAU 3

Weitere Infos: http://www.sheshepop.de

Zuerst erschienen am 9. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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