Don Juan kommt aus dem Krieg – Luc Bondy inszeniert Ödon von Horvaths melancholisches Schauspiel am Berliner Ensemble

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Don Juan am BE_Okt. 2013

Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Dienstag, 15. Oktober, ausverkaufte Premiere. Das hat es auch schon länger nicht mehr am Berliner Ensemble gegeben. Die Promidichte im Publikum ist auch sehr hoch. So wurden u.a. Edith Clever, August Diehl, Leander Haußmann und sogar Rolf Hochhuth gesichtet. Das schafft nicht jedes Theater mit einem kaum gespielten Horvath-Stück. Selbst auf der Bühne treten sich einige überregionale Theaterstars und örtliche Sternchen auf die Füße. Erstaunlich, wie es dem BE immer mal wieder gelingt, so ganz gegensätzliche Theaterauffassungen und Darstellungsweisen unisono zusammenzuführen. Und das ist noch nicht mal ironisch gemeint.

Schon Thomas Langhoff hatte die alten DT-Haudegen Christian Grashof, Alexander Lang und Robert Galinowski oder die ins Operettenfach gewechselte Dagmar Manzel ans BE hinübergerettet. Vom Burgtheater schauen hin und wieder mal Claus Maria Brandauer, Gert Voss oder Michael Maertens vorbei. Die alte Schaubühne ist mit Corinna Kirchhoff und Angela Winkler vertreten. Claus Peymann holte den mittlerweile wieder an der Schaubühne engagierten Ernst Stötzner als buckeligen Richard III. und Leander Haußmann die Volksbühnen-Aktrise Silvia Rieger als finstere Klytaimnestra in Hoffmannsthals Elektra auf die Bühne des BE. Martin Wuttke, der Pendler zwischen den Welten der Berliner Volksbühne und Wiener Burg, spielt hier seit Jahren Soloprogramme und Brechts Arturo Ui in der unvergessenen Inszenierung von Heiner Müller in Dauerschleife.

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Diesmal sind es also Ilse Ritter (Schaubühne, Burgtheater, Schauspielhaus Hamburg, etc., etc.), Kathrin Angerer (Volksbühne) und Samuel Finzi (u.a. Deutsches Theater und Volksbühne), die sich ein gemeinsames Stelldichein am Berliner Ensembles geben. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. Ritter, Dene, Voss wird allerdings nicht gegeben. Und auch Claus Peymann ist nicht der verantwortliche Regisseur des Abends. Luc Bondy holt seine bereits 2011 für die Ruhrfestspiele geplante Inszenierung von Ödon von Horvaths Don Juan kommt aus dem Krieg nun hier am BE nach.

Luc Bondy - Foto: St. B.

Regisseur Luc Bondy – Foto: St. B.

Aus den allseits bekannten mimischen und sprachlichen Unterschieden der Darsteller sollten sich doch auf der Bühne auch ein paar Funken schlagen lassen. Aber so unähnlich sind sich diese drei Charaktere dann wohl doch nicht. Oder Luc Bondy hat deren unterschiedliche Strahlkraft im Probenprozess stark nivelliert. Unterstützt werden sie in ihrem Spiel von so gestandenen BE-Frauen wie Anke Engelsmann, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Ursula Höpfner-Tabori und dem immer präsenten weiblichen BE-Nachwuchs. 35 verschiedene Frauen hat Horvat für sein Schauspiel vorgesehen. Mit „elfen“ begnügt sich das BE. Allerdings spricht Horvath – am BE ist Irm Herrmann via Konserve zu hören – in seinem Vorwort zum Stück auch von immer gleichen Grundtypen, die sich entwickeln können. Hier weiß also einer Bescheid über die Frauen.

Was treibt nun die Frauen zu Don Juan? Da weicht Horvath ins Metaphysische aus. Don Juan sucht die Vollkommenheit, die es im Leben nicht gibt. Mit rein irdischem Horizont wird ihn das ewig Weibliche also nicht hinan ziehen können. Don Juan als tragische Figur, der bei der Suche nach dem eigenen unerreichbaren Glück die Frauen, wie zum Gegenbeweis angetreten, reihenweise ins Unglück stürzt. Dabei selbst zynisches Opfer seiner Wirkung. Er wird den Damen nicht entrinnen.

Samuel Finzi ist dieser Don Juan. Er starrt hier so Mitleid erregend aus seinen tief geschminkten Augenhöhlen und verströmt dabei im abgerissenen Soldatenmantel den Charme eines nassen Hündchens, dass die umstehenden Damen gar nicht anders können, als den müden Streuner mit nach Hause zu schleppen. Die neue Nummer des großen Herzensbrechers, der geläutert, so glaubt er zumindest, aus dem 1. Weltkrieg heimgekehrt, nach seiner verflossenen Liebe sucht. In jeder der ihm nun nacheinander begegnenden Frauen meint Don Juan diese eine Liebe wiederzuerkennen. „Wir kennen uns.“, eine Masche, die heute nicht mehr ganz so populär ist. Ihn ficht das fürderhin nicht an, hungern doch die ihn zahlreich umgebenden Frauen, dick oder auch rachitisch, gleichermaßen nach seiner Liebe, oder was immer sie dafür halten.

Der einst für seine „erotischen Skandalaffären“ bekannte Don Juan hat seine Verlobte für Kaiser, Volk und Vaterland oder auch einfach nur für eine Andere verlassen. So genau will Horvath das dann auch nicht klären, welche Traumata in dem fiebrig fantasierenden Kriegsheimkehrer schlummern. Schuld und Verantwortung, wie in Borcherts Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür, machen Don Juan jedenfalls keine schlaflosen Nächte. Es scheint zumindest von diabolischer Größe, was eine Krankenschwester (Johanna Griebel) ihn nicht nur der ansteckenden Grippeviren wegen fliehen lässt. Luc Luc Bondy, der Meister der leisen Ironie, lässt uns ebenso im Unklaren, wie Finzis Don Juan selbst. Sein mürrisches NICHTS bleibt einzige Antwort.

Don Juan kommt aus dem Krieg am Berliner Ensemble. Swetlana Schönfeld und Samuel Finzi – Foto © Ruth Walz

Auf zackig expressionistischer Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann defilieren die Damen in veristischer Aufmachung von Kostümbildnerin Moidele Bickel oder sitzen vorn in einer Art Wartelounge an kleinen Tischchen. Die wieder sehr gute ausgewählte Live-Band spielt Walzer, Swing und Charleston. Es klimpert das Klavier, es klingt die Violine. Sanft singt die Säge dazu. Zwischen den Szenen wird im Halbdunkel geschwoft und die Frauen reihen sich auch mal zu einem Totentanz mit Masken. Ilse Ritter füllt hier einen ganzen Typenkatalog an Damen und beweist damit, dass sie vom jungen Mädchen über die Soubrette und Hure bis zur Witwe alles spielen kann. Katharina Susewind singt als Operndiva Arien aus Mozarts Don Giovanni, während sich Samuel Finzi von einer Loge zur gegenüberliegenden hangelt. Früher war mehr Slapstick.

Weitere Akzente setzen immer wieder Svetlana Schönfeld als grantige Großmutter, in einen Sessel mit Stapeln alter Zeitungen eingekeilt, und Kathrin Angerer als ihre wunderbar nölige Magd mit Kleinmädchenzöpfen. Später gibt die Angerer noch eine blaubestrumpfte Professorenwitwe, bei der sich Don Juan einmietet und anderswo weiter Herzen bricht. Lesbische Kuntgewerblerinnen (Iles Ritter und Katharina Susewind) entzweien sich wegen ihm, – eine droht sogar ins Wasser zu gehen – ein junges Mädchen (Coco König) schwärmt erst und bezichtigt ihn dann der Unzucht. Eine überzeugte Parteigenossin (Larissa Fuchs) wirft sich schließlich dem Kapitalisten für die revolutionäre Sache an den Hals. Naja.

Dunkel ist es die meiste Zeit auf der Bühne, sehr finster sogar. Es nebelt und ein stetiger Altherrenmief weht durchs Parkett. Dabei hätte man Luc Bondy eigentlich noch nicht zu den älteren Herren gezählt. Diese Meinung ist nun wohl zu revidieren. Die aufkommende Altersmilde gegenüber dem ewigen Schwerenöter Don Juan, die sich schon in der stark melancholisch angelegten Figur des Orgon von Gert Voss in Bondys Wiener Inszenierung des Tartuffe zeigte, entstammt dann wohl doch auch eigener Erkenntnis. Das war schon in Wien handwerklich sehr gut gearbeitet, letztendlich aber auch bis auf wenige Momente steril und langatmig. Nirgends auch im Don Juan ein Hauch einer ironischen Brechung. Man tut niemanden, und Horvath schon gar nicht, einen Gefallen dieses Stück nochmal aufzuführen. Aber wo besser, als am BE passt es hin.

In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. – Foto: St. Bock

In eins nun die Hände. Hier stehen mehrere Jahre und Traditionen deutschsprachiger Theatergeschichte zusammen auf einer Bühne. – Foto: St. B.

Später wird ein weißes Tuch des Schweigens über die Bühne gezogen und es beginnt zu schneien. Am Grab seiner Liebsten angekommen, erstarrt Don Juan schließlich zur Schneemannfigur mit roter Möhre im Maul. Ein toter Mann mit Clownsmaske. Ein Anachronismus, aus der Gesellschaft gedrängt und verspottet, versinkt wie ein Mammut im ewigen Eis. Wer möchte da nicht die Parallelen zu Stein, Peymann oder Bondy sehen. So zumindest sehen sie sich zum Teil selbst. Luc Bondy hat sich nicht umsonst immer mehr aus Deutschland nach Frankreich zurückgezogen. Er hat seine Inszenierung dem kürzlich verstorbenen Freund Patrice Chéreau gewidmet. Das ist ihm hoch anzurechnen, haben doch die deutschsprachigen Bühnen diesen Film- und Theaterzauberer kaum entsprechend gewürdigt.

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Ein Don Juan unserer Zeit heißt es in Horvaths Vorwort. Nur, aus welchem Krieg kommt der heute und wie könnte er wirklich aussehen? Darauf weiß Luc Bondy keine Antwort mehr. Einige Feuilletons glauben zumindest ihn schon zu kennen. Ein vom Patriarchat 2.0 gestresster Mann, was auch nur irgendein neues Schlagwort für einen von den Frauen, sprich vom Feminismus Verfolgten ist. Wirklich neu ist das allerdings nicht. Nur das die Socken nicht mehr ganz so stark müffeln und man(n) sich gelegentlich das Hemd selber bügelt. Nun haben sie also neben einem designten Rumsteh-Horvath von Enrico Lübbe auch noch einen melodramatischen Umherschau-Horvath von Luc Bondy am BE. So kann‘s kommen, wenn nichts mehr geht.

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Don Juan kommt aus dem Krieg
von Ödön von Horváth

Regie: Luc Bondy
Mitarbeit Regie: Geoffrey Layton
Bühne: Karl-Ernst Herrman
Kostüme: Moidele Bickel
Musik: Bela Koreny
Künstlerische Mitarbeit: Reinhild Hoffmann
Maske: Cécile Kretschmar
Dramaturgie: Dieter Sturm, Dietmar Böck.
Mit: Samuel Finzi, Kathrin Angerer, Antonia Bill, Anke Engelsmann, Larissa Fuchs, Johanna Griebel, Ursula Höpfner-Tabori, Coco König, Laura Mitzkus, Ilse Ritter, Swetlana Schönfeld, Katharina Susewind, Musiker: Bela Koreny / Max Doehlemann (Klavier), Dragan Radosavievich (Violine, Banjo, Singende Säge), René Decker (Saxophon, Mundharmonika, Flöte).
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere war am 15.10.13

Weitere Infos auf:
http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/93/don-juan-kommt-aus-dem-krieg

Der Beitrag ist zurerst auf livekritik.de erschienen.

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