Siehe da, ein Mensch? Berufung, Heuchelei oder Wunsch nach Erlösung – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Jungfrau von Orleans am Deutschen Theater und Molières Tartuffe an der Schaubühne in Berlin.

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Die Jungfrau von Orleans am Deutschen Theater Berlin – Michael Thalheimer zeigt Friedrich Schillers idealistisch überhöhte Figur als eine an ihrer Berufung Verzweifelnde.

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Kathleen Morgeneyer ist Die Jungfrau von Orleans am DT. – Foto: St. B.

Schiller hat seine Jungfrau als ein zwischen Neigung und Pflicht schwankendes Wesen dargestellt. Einerseits von Gott berufene Heilige, andererseits menschliche Regungen empfindendes, zweifelndes Menschenbündel, das sich selbst schuldig sprechend im Endeffekt für die gottbefohlene Pflicht entscheidet. Berückend und gleichsam entrückt steht Kathleen Morgeneyer in Michael Thalheimers Inszenierung, die bereits Ende September im Deutschen Theater Premiere hatte, an der Rampe. Nicht in voller Rüstung, im weißen, noch unbefleckten Hemd steht sie dort. Regungslos, die Arme ausgebreitet, das Schwert in einer Hand, ruft sie ihre Franzosen zum Handeln. Ins blendende Spotlight gestellt, fordert dieses fanatische Mädchen so gleichsam Abscheu und Empathie. Menschliche Emotionen allemal, jede für sich schrecklich und schön gleichermaßen.

Das Heft wird man ihr später wieder aus der Hand nehmen. Sobald ihr göttliches Antlitz dem profanen weicht, gehen dieselben Männer (Dieter Motzen als Herzog von Burgund, Andreas Döhler als Bastard Dunois und Henning Vogt als Du Chatel), die noch zuvor ihre Hand begehrten sogar forderten, ohne mit der Wimper zu zucken von der Fahne. Die Zeit dazwischen füllen sie mit pathetischen Reden, Kriegsgeschrei und fragwürdigen Bekenntnissen. Männliche Allianzen schmiedend und wieder verwerfend, führen sie die Jungfrau wie ein Maskottchen auf der Fahne. Dem willensschwachen Dauphin Karl hat Schiller versucht, ein leuchtendes Äquivalent zu schaffen. Die romantische Utopie, dass ein Herrscher zum „guten Fürsten“ zu bekehren sei, ist mit Thalheimer nicht zu machen. Bei ihm und Darsteller Christoph Franken ist Karl ein weiches, kriechendes Muttersöhnchen in langen Unterhosen, das sich, nachdem sich seine Mutter Isabeau von ihm losgesagt hat, an eine neue klammert.

Meike Droste als Agnes Sorell, die Geliebte Karls, in geblümter Abendgarderobe (Kostüme: Nehle Balkhausen) mit heruntergelassenen Trägern, gibt ihre letzten Ringe für ihn hin und Almut Zilchers Königin Isabeau schreitet mit hochtoupierter Frisur auf Mega-Absätzen wie ein griechische Furie durch das Geschehen. Nichts Erhabenes, eher verbrauchte Verruchtheit strahlen diese Frauengestalten aus. Die Männer, alle in verschiedenen Rollen, stehen aufs Schwert gestützt im Hintergrund, tragen Kettenhauben und gehen nur zum martialischen Wortgefecht oder Sterben nach vorn. Viel Theaterblut spucken sie dabei auf das weiße Hemd der Jungfrau, die das weiter ungerührt über sich ergehen lässt. Denn aus ihr spricht die Muttergottes selbst.

Michael Thalheimer beim Premierenapplaus der Jungfrau von Orleans am DT - Foto: St. B.

Michael Thalheimer beim Premierenapplaus der Jungfrau von Orleans am DT – Foto: St. B.

Dass sich Johanna gerade in einen dieser austauschbaren, kettenbehängten Schwertträger verlieben soll, erscheint hier wie ein bloßer Zufall. Nichts Außergewöhnliches noch Tragisches haftet dem an. Das blutige Antlitz des englischen Anführers Lionell (Alexander Khuon) sieht sie nicht einmal an. Die Zweifel wischt sie weg: „Verdient ichs, die Gesendete zu sein, wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte!“ Den Montgomerie (ebenfalls in Gestalt von Alexander Khuon) haut sie mit Worten in Stücke, den Flüchen des sterbenden Talbot (Markus Graf) und den Warnungen des Schwarzen Ritters (der tote Talbot mit weißem Gesicht) widersteht sie. Die Sendungsbewusste steht weiter wie in Trance, bis sie ihren Platz verlassen muss. In Ungnade gestürzt durch die Anfeindungen des eigenen Vaters (Michael Gerber), verstummt, verstoßen, auf ihren rechten Platz als Frau zurückgestellt.

Aus diesem Zwiespalt aber entwickelt Thalheimer im Weiteren nichts. Er plakatiert ihn lediglich. Die stark gekürzte Fassung gibt keinen Raum für weitere Gestaltung, stellt den Fokus allein auf die Jungfrau, deren Lichtkreis die anderen nur kurz durchlaufen und das göttliche Gleichgewicht doch nachhaltig stören. Keine Möglichkeit selbstbestimmte Freiheit zu erlangen, der Berufung zu entkommen, zieht es Johanna wieder ins Licht. Zum Ende erscheint sie darin nur klein und wirft einen großen Schatten an die zum Dom aufstrebenden Umfassungswände von Olaf Altmann. Anmut, Würde, Erhabenheit oder Liebe und Mitleid. Aus diesem Gefängnis gibt es kein Entrinnen. Ob nun religiöse Fanatikerin, tragische Märtyrerin oder große Nationalheldin, die letzten Worte Johannas: „Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“, klingen hier dann doch eher wie Hohn.

siehe auch: http://www.livekritik.de/livekritiken/livekritik-von-stefan-bock-23/

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An der Schaubühne inszeniert Michael Thalheimer den Tartuffe des Molière als bibelfesten Prediger des Unheils

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Die Schaubühne am Lehniner Platz. – Foto: St. B.

Ein ganz anderes und besonderes Exemplar der göttlichen Berufung ist dagegen Molières Tartuffe. Der Tartuffe oder Der Betrüger heißt in deutscher Übersetzung diese Vers-Komödie des französischen Dichters Molière, die 1664 in Paris uraufgeführt wurde. Was eigentlich doppelt gemoppelt ist, da ein Betrüger nichts anderes als ein Heuchler (le tartuffe) also ein Vortäuscher falscher Tatsachen ist. Erst in der dritten, heute bekannten Fassung passierte das Stück endgültig die französische Zensur. Die Kritik Molières richtete sich gegen religiöse Heuchelei zur Erreichung materieller Vorteile. Was damals als Broterwerb kirchlicher Würdenträger wie auch von Laien nicht gerade als unüblich galt und die Katholische Kirche dermaßen in Verruf brachte, wie heute etwa nur der sexuelle Missbrauch an Schutzbefohlenen oder die jüngst bekanntgewordene Protzsucht regionaler Kirchenfürsten.

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Lars Eidinger ist der Tartuffe an der Schaubühne.
Foto: St. B.

Was aber in Molières Komödie von Anfang an nicht in Frage steht, wird bei Thalheimers Inszenierung an der Schaubühne einer selbigen hochnotpeinlichen unterzogen. Man glaubt hier, wie Mme Pernelle, Mutter des Hausherrn Orgon, seinen Augen nicht zu trauen. Könnte dieser Tartuffe etwa tatsächlich, wie sie zum Anfang in einer großen Hass-Suade behauptet, nur ein besonders frommer Mann und das Opfer von Neidern sein? Felix Römer wettert als Karikatur einer religiösen Eiferin in schwarz wallender Soutane mit weißem Mühlsteinkragen direkt ins Publikum. Jener Tartuffe wird es diesen Neidern im Folgenden schon zeigen. Oder besser noch einbläuen. Lars Eidingers Tartuffe tritt hier als eine Art Messias der Apokalypse auf. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden. So trägt er dann auch Gottes Wort im Mund und auf dem ganzen Körper geschrieben. Bevorzugt presst er dabei gequält Alttestamentarisches ins Publikum, wie den Segen für Gehorsam und den Fluch bei Nichtbeachtung der Stimme des Herrn (5. Mose 28).

Und genau das ist es wohl auch, was Hausherrn Orgon so an seinem religiösen Gast zu faszinieren scheint. Als Abklatsch dessen sitzt Ingo Hülsmann in einem Sessel, dem einzigen Ausstattungsstück, das Olaf Altmann in dem ins wieder mit Spanplatten verschlossene Bühnenportal eingelassen, kleinen kathedralartigen Raum aufgestellt hat. Ein kleiner Haustyrann, der seine Herrschsucht mit frommen Sprüchen legitimieren will, um seine Familienbagage besser an der Kandare halten zu können. Diese tritt dann auch als verschüchterte, grenzdebile Schar von blassen Zombies und verhinderten Blutsaugern auf. Eine schrecklich nette Familie Monster, der man die Worte zum Aufstand gegen den Erbschleicher und Mitgiftjäger Tartuffe aber erst soufflieren muss. Judith Engel als Zofe Dorine übernimmt den Job mehr aus stoischem Widerwillen als aus besonderer Sorge um das Wohlergehen der sichtlich Gehirnamputierten.

Orgon-Tochter Mariane (Luise Wolfram), ihr Verlobter Valère (Tilman Strauß) und Sohn Damis (Franz Hartwig) zappeln und grimassieren hier wie einer Regiearbeit von Komödienstar Herbert Fritsch entsprungen. Michael Thalheimer greift aber nur ein weiteres Mal zu einem seiner extremsten Theatermittel, dem radikalen Körper-Seelen-Striptees. Und den vollführen alle zum besonderen Vergnügen der sichtlich amüsierten Zuschauer nahezu perfekt. Einzig subtiler gezeichnet erscheint hier Orgons Gattin Elmire, die bei Regine Zimmermann aber auch kaum eine Chance gegen die eindeutigen Avancen des Verführers Tartuffe hat. Gegenüber den erhobenen Anschuldigungen erweist sich dieser als besonders resistent und in seiner Pose des Büßers fast unangreifbar. Selbst Elmires Bruder Cléante (Kay Bartholomäus Schulze), bei Molière eigentlich die Vernunft in Persona, schlägt er wie ein Exorzist des Bösen in die Flucht. Alles gerät in den Sog dieses Apostels der Wahrheit, der sich im plötzlich zu rotieren beginnenden Schicksalsraum über die verdammungswürdigen Ungläubigen erhebt. Die jämmerlichen Wimmerbündel haben hier nur noch eins, die Fresse zu halten.

Danach hat dann noch Urs Jucker einen Slapstickauftritt als Gerichtsvollzieher, der dem verdutzen Häuflein den Austrieb aus dem vergoldeten Paradies verkündet. Das ist diabolisch und komisch, furchteinflößend und lächerlich zugleich. Erlösung wird hier keiner erlangen. Von was auch? Man fügt sich doch allzu gern in sein Schicksal. Und so bleibt dann auch folgerichtig die Bestrafung des Betrügers aus. Am Ende steht selbst Dorine ganz tartuffisiert an der Rampe und rattert noch mal einen Lobgesang auf Gottes Wort (Psalm 119) herunter, das mit einem „Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen.“ schließt. Wenn da der Jubel im Publikum erschallt, möchte man nicht wirklich wissen, wem er gilt. Michael Thalheimer verstört hier einmal mehr mit der Ambivalenz seiner Botschaft zwischen Ernst, überbordendem Schalk und bitterer Ironie.

Das Ensemble des Tartuffe beim Premierenapplaus in der Schaubühne - Foto: St. B.

Das Ensemble des Tartuffe beim Premierenapplaus in der Schaubühne – Foto: St. B.

Herbert Fritsch, der momentane Molière unter den Theaterregisseuren, hat den Tartuffe in bekannter Weise bereits 2008 in Oberhausen inszeniert. Erst 2010 wurde er dann, mit seiner besonderen Art Komödien zu zelebrieren, gleich zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2008 fand mit Was ihr wollt am DT Michael Thalheimers letzter Ausflug ins Komödienfach statt. Dass auch er zu blödeln versteht, hatte Thalheimer aber bereits 2001 mit seiner Leipziger Inszenierung von Büchners Leonce und Lena bewiesen. Das war noch bevor ihn die Kritik zum erfolgreichen Stückesezierer kürte und seine Kariere als düsterer Tragöde begann. Auch Michael Thalheimer debütierte einst mit einem Doppelschlag beim Theatertreffen. Seitdem ist er mit kleineren Pausen Dauergast beim Berliner Jahrestreffen der bemerkenswertesten Inszenierungen. Mit seinem Tartuffe scheint er zumindest wieder ganz nah dran zu sein. Und dran glauben soll ja bekanntlich selig machen. In diesem Sinne ein Halleluja und gesegnetes Weihnachtsfest.

siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/tartuffe-oder-der-betrueger

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Die Jungfrau von Orleans
von Friedrich Schiller
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

Regie Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Nehle Balkhausen, Musik Bert Wrede, Dramaturgie Sonja Anders
Mit: Michael Gerber, Kathleen Morgeneyer, Christoph Franken, Meike Droste, Andreas Döhler, Henning Vogt, Jürgen Huth, Almut Zilcher, Peter Moltzen, Markus Graf, Alexander Khuon
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

Weitere Termine:
25.12. 2013, 19.00 Uhr
11.01.2014, 19.30 Uhr
14.01.2014, 19.30 Uhr
26.01.2014, 19.30 Uhr

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2013_2014/jungfrau_von_orleans/

Tartuffe
von Molière, deutsch von Wolfgang Wiens

Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Ingo Hülsmann, Regine Zimmermann, Lars Eidinger, Judith Engel, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Tilman Strauß, Kay Bartholomäus Schulze, Felix Römer, Urs Jucker.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Weiter Termine:
25.12.2013, 20.00 Uhr
27.12.2013, 20.00 Uhr
09.01.2014, 20.00 Uhr
10.01.2014, 20.00 Uhr
11.01.2014, 20.00 Uhr
12.01.2014, 20.00 Uhr
08.02.2014, 20.00 Uhr
09.02.2014, 20.00 Uhr
10.02.2014, 20.00 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/tartuffe.html/ID_Vorstellung=287

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