„Wir sind nicht das Ende“ von Carsten Brandau. Ein intensives Kammerspiel in der Regie von Manuel Harder zu Gast am Ballhaus Ost.

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Die Ewigkeit hat 738 Flügel, weiß Ziad, einer der Attentäter des 11. Septembers. „Wir sind nicht das Ende.“  beteuert er seiner zurückgelassenen Frau. Diese Gewissheit über das Paradies kann Aisha nicht teilen. Sie hat die realen Bilder der für sie unbegreiflichen Tat vor Augen und Fragen, die ihr der tote Geliebte nicht mehr beantworten kann, im Kopf. In einem Brief Ziads, den Aisha von einem Beamten des BKA zusammen mit einem Paket erhält, beschwört dieser noch einmal ihre immerwährende Liebe: Du darfst keinen Zweifel daran haben. Ich liebe Dich und ich werde Dich immer lieben bis zur Ewigkeit”.

Wir sind nicht das Ende - Foto © Rolf Arnold

Wir sind nicht das EndeFoto © Rolf Arnold

Der Hamburger Autor Carsten Brandau hat die, auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte einer jungen türkisch-deutschen Ärztin dramatisiert und Regisseur Manuel Harder verdichtet diesen Text zu einem intensiven, atmosphärisch tiefen Kammerspiel. Eine Tour de Force durch die verstörte Gefühlswelt einer Frau, die um ihre zerstörte Liebe ringt. Bereits 2008 hat Manuel Harder Carsten Brandaus Drama in Dortmund uraufgeführt. In einer Neuinszenierung brachte der Schauspieler und Regisseur Harder das Stück dann 2011 mit Birgit Unterweger und seinem Bruder Günther Harder auch in der Skala, der kleinen Spielstätte des Centraltheaters Leipzig, heraus. Alle drei waren bis vor kurzem Schauspieler im Ensemble von Sebastian Hartmann und arbeiten nun u.a. in Hannover, Weimar und Frankfurt. Am 25. Februar erlebte die Inszenierung im 4. Stock des Ballhaus‘ Ost ihre Berlinpremiere.

Aisha (Birgit Unterweger) glaubte den Mann, mit dem sie drei Jahre verheiratet war, bis zu seiner Narbe am Unterschenkel und deren Geschichte zu kennen. Nun fühlt sie sich getäuscht. Ist Ziad nur ein Blender, hat er ihre Liebe missbraucht? Diese und andere Ungewissheiten quälen die junge Frau und treiben sie bis zur Raserei. Wie im Wahn beginnt sie ein Zwiegespräch mit dem, der sie verlassen hat. Nur in ihren Träumen ist Ziad nie weggegangen. Hier reflektiert Aisha nun ihre gemeinsame Beziehung aus den Erinnerungen der Jahre mit den Stationen Greifswald, wo sie den jungen Libanesen kennenlernte, über Bochum, bis zu ihrem plötzlichen Abschied in Hamburg. Ziad wollte nach Amerika um Pilot zu werden, sie ihr Studium der Medizin beenden.

Dies ist der Punkt, an dem beider Wege auseinandergehen und sich wenig später auf einem Acker in Pennsylvania verlieren. Zweifel, Selbstvorwürfe und Spekulationen brechen sich nun in Aisha Bahn. Günther Harder gibt ihr imaginiertes Gegenüber. Mal ist er Ziad, mal ein Fremder oder ein Ermittler des BKA, der Aisha beim Verhör über ihren, für sie in immer weitere Ferne rückenden Mann befragt. Wer war er? Was wusste sie wirklich über ihn? Aisha kämpft mit sich und ihren verwirbelnden Erinnerungen an Ziad, auch wenn diese wie mehrfach kopierte, unscharfe Fahndungsfotos zu verblassen scheinen. Nur einmal gelingen frohe und ungetrübte Momente einer Fahrt nach Paris.

Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost - Foto: St. B.

Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost – Foto: St. B.

Manuel Harder umwirbt Birgit Unterweger mal zärtlich, mal herausfordernd, verspricht als Ziad immer wieder, Aisha dereinst abzuholen. Er geriert sich dabei sogar als mystische Ikone eines Märtyrers. Nur Aisha zweifelt daran, dass er vom Himmel herabsteigen wird. Sie umkreisen und umarmen sich, verbrennen aneinander. Birgit Unterweger ist der aktive Part dieses Stücks. Mit körperbetontem Spiel und gewaltiger Stimme dominiert sie diesen Part selbst noch in den schwachen Momenten ihrer Figur. Die wenigen Requisiten wie Papierblätter, Scheinwerfer und Mikrofon sowie die dezent eingesetzte Musik im Hintergrund passen sich dem körperbetonten Spiel gut an.

Auch wenn Autor Brandau seinen Text immer wieder mit mystischer Symbolik auflädt, setzt Regisseur Harder ihn in recht einfache, eindrückliche Bilder um. Die Liebenden ringen miteinander, bis Ziad schließlich am Boden liegt. Es geht nur am Rande um die religiösen Motive der Attentäter, und die Frage nach einem Sinn bleibt unbeantwortet. Der Terrortat des Geliebten kann Aisha nur die Radikalität ihrer Liebe entgegensetzen. Doch sie muss weiterleben, und schneidet sich diese wie ein Stück Fleisch aus dem Körper. Ein Herz das blutet. Der Rest verliert sich im Dunkel.

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Wir sind nicht das Ende
von Carsten Brandau
Regie: Manuel Harder
Sounds: Raphael Tschernuth
Dramaturgische Mitarbeit: Daniel Jurisch
mit: Günther Harder, Birgit Unterweger

weitere Termine: 27. Februar und 2. März um 20:00 Uhr im Ballhaus Ost

Infos: http://www.ballhausost.de/index.php?article601&sub=20

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