Willkommen im Hauptstadtkino! – Erste Wettbewerbsfilme beim 10. ACHTUNG BERLIN new berlin film award

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achtung_berlin_Plakat_2014„Zehn Jahre kreatives Hauptstadtkino, zehn Jahre mutige Filmkunst, zehn Jahre Heimat für Filmschaffende und Cineasten.“ Das mittlerweile zweitgrößte Filmfestival der Hauptstadt Berlin feiert sich im Jubiläumsjahr gleich mit drei wichtigen Eigenschaften oder Merkmalen, die der alternativen Kreativszene in Berlin und Brandenburg immer schon nachgesagt wurden. Also Mut zur Kreativität gepaart mit regionaler Bodenständigkeit. Man schwört auf den Standort Berlin. Auch wenn die Kassen an der Spree nicht gerade voller geworden sind und das Anträge schreiben für die öffentliche Filmförderung eher frustet als fruchtet. Viele Filmemacher haben eigene Firmen zur Produktion ihrer Werke gegründet. Man greift immer mehr zu alternativen Finanzierungsmodellen und setzt u.a. auf die Mithilfe von Filmverrückten und Kino-Fans, sprich der Crowd, oder anderen kreativen Methoden zur Geldbeschaffung bzw. Optimierung des Prozesses bis zum fertigen Film.

Jung wäre eine weitere Eigenschaft, die das Achtung Berlin Filmfestival 2014 auszeichnet. Die meisten der Regisseure, die hier auf dem Festival und dem Spielfilmwettbewerb ihr Filme zeigen, haben die magischen Vierzig noch nicht überschritten. Ausnahmen, wie der seit den 60er Jahren aktive Underground-Altmeister Klaus Lemke, der mit Kein großes Ding im Spielfilmfestival vertreten ist (Kritik folgt) bestätigen da nur die Regel, und dass man für den jungen, frischen Berlinfilm nie zu alt sein kann. Es dauert nur manchmal etwas länger, bis man aus dem Süden der Republik in der Hauptstadt angekommen ist.

Trotzdem oder auch gerade deswegen, schauen die beiden enthusiastischen Festivalleiter Sebastian Brose und Hajo Schäfer mittlerweile stolz auf 10 Jahre Berliner Filmschaffen zurück und widmen die diesjährige Retrospektive dem Berliner Film der 90er Jahre, also einer Zeit, da die Stadt nach dem Mauerfall neuen kreativen Zulauf aus allen Teilen der Republik bzw. sogar der ganzen Welt erhielt und sich damit nachhaltig zu wandeln begann. Junge Filmemacher wie z.B. Thomas Arslan, Andreas Dresen oder RP Kahl zeigten damals ihre ersten Filme mit Berlinbezug. Manche begründeten so eine ganze Schule und fanden sich schnell im Berlinale-Wettbewerb wieder, andere sind bis heute dem alternativen Großstadt-Kino treu geblieben.

Kein Bett an der Croisette

Am Mittwoch wurde das 10. Achtung Berlin Filmfestival mit dem ersten Film im Wettbewerb eröffnet, der auch der erste Langspielfilm der 1981 in Berlin geborenen Regisseurin Isabell Šuba ist. 2012 wurde sie mit ihrem Kurzfilm Chica XX Mujer zum Filmfestival nach Cannes eingeladen. Ihren fünftägigen Aufenthalt an der Croisette, Traumort für so viele junge Filmschaffende, hat sie in einer Art Mokumentary festgehalten. Dazu übernahm die Schauspielerin Anne Haug ihre Identität, während sich Isabell Šuba als Filmstudentin akkreditierte. Ihr Produzent Matthias Weidenhöfer spielte sich in der Rolle des überforderten Produzenten und Geschäfts-Partners der Regisseurin David Wendlandt sozusagen selbst. In Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste entsteht so ein ziemlich genaues Bild des Filmgeschäfts, in dem Frauen immer noch nicht die Rolle spielen, die ihnen qualitativ wie quantitativ zukäme.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste von Isabell Šuba – Foto: achtung berlin 2014

Ausgehend von der Tatsache, dass 2012 in Cannes kein einziger Film einer Frau im Wettbewerb vertreten war, versucht Isabell Šuba die These aus dem Titel ihres Films (einem ähnlich lautenden Protestbrief von Regisseurinnen gegen die Einladungspraxis in Cannes entlehnt) mit dem entsprechenden Hintergrund vor Ort zu untermauern. Schon die Ankunft in Cannes lässt die Katastrophe erahnen. Der vorgereiste Produzent hat den Ankunftstermin verpennt und noch zwei weitere Freunde im gemeinsamen Appartement einquartiert. Termine und Einladungen zu wichtigen Interviews und Filmpartys werden verpasst und das Promoten eines geplanten Filmprojekts der Regisseurin droht an der Unfähigkeit und Ignoranz des Produzenten zu scheitern. Er nimmt seine Partnerin nicht ernst und hat auch die Log Line für den Film nicht gelesen – eine etwas komplizierte Frauengeschichte im ländlichen Milieu, aus der er kurzerhand einen Body-Western machen will.

So kabbeln sich die beiden selbst vor Interviewpartnern, rennen gestresst durch die Straßen der Filmmetropole an der Côte d’Azur, versuchen auf Filmpartys zu kommen und ihr neues Projekt an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Immer wieder stehen sich die beiden dabei selbst im Weg und im wahrsten Sinne des Wortes im Regen von Cannes. Die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen scheint hier ein Ding der Unmöglichkeit, zu weit auseinander steht man in den Ansichten zu Beruf und Genderfragen. Dass dann auch noch die Ex der Regisseurin (Eva Bay) mit ins Appartement zieht, sorgt für zusätzliche Spannungen. Die Kamera fängt dazu Bilder von Celebrities, Groupies, Hedonisten und dem ganzen unvermeidlichen Anhang des Kino-Jet-Sets ein. Eine treffsichere Studie mit viel Sarkasmus und einem selbstironischen Blick, der nicht nur Filmleuten gefallen dürfte.

Und die Kuh schaut staunend zu

Ein weiteres Improfilmprojekt stammt vom Gewinner des letzten achtung berlin new berlin film award für den besten Film Nico Sommer (Silvi). Sommer ist es auch in seiner neuen Komödie Familienfieber. Die reine Drehzeit betrug hier sieben Tage. Ein frisch verliebtes Teenagerpärchen (Anais Urban und Jan Amazigh Sid) überrascht seine sehr unterschiedlich sozialisierten Eltern mit einem Kennenlernen-Wochenende auf dem Landsitz der Eltern des Jungen. Dieser entpuppt sich dann nicht etwa, wie in der Erinnerung des Mädchens, nur als großes Haus, sondern als ausgewachsenes Schloss. Was den bodenständig berlinernden Vater Uwe (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) plötzlich vor das Problem „Kuck doch mal, wie ich aussehe“ stellt und die Mutter Maja (Kathrin Waligura) peinlicherweise mit Freitagsliebschaft und Chef Stefan (Jörg Witte) konfrontiert.

Familienfieber von Nico Sommer
Foto: achtung berlin 2014

Stefan und Frau Birgit (Deborah Kaufmann) sind „irgendwie“ zu Geld gekommen, was sie in ein tief in der brandenburgischen Provinz abgelegenes ehemals adliges Anwesen zwischen Schönefeld und Schöneweide (oder so ähnlich) gesteckt haben. Hier lebt Birgit ihre Kreativität als Malerin aus, während Mann Stefan in Berlin für das nötige Kleingeld und die Befriedigung seiner Libido sorgt. Der Plakatkleber und großmäulige Pantoffelheld Uwe lebt ganz in der Angst, seiner Frau nichts mehr bieten zu können, worauf sich die liebesbedürftige Maja immer mehr von ihm entfernt hat. Das Geheimnis zwischen Maja und Stefan ist schnell gelüftet, der Minibus für die Flucht springt nicht mehr an, und so verleben die vier in Liebesdingen frustrierten Narren und Genarrten nun ganz ungewollt eine Art schräge Woody Allen’sche Midsummer Night’s Sex Comedy auf Berlin-Brandenburgisch.

Zwischen männlichem Balzverhalten und weiblichem Zickenkrieg ereilt alle irgendwann auch die Ernüchterung und eine Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann. Um eine Lösung zu erzwingen, kommt Uwe die Idee von paartherapeutischen Interviews mit allen Beteiligten, die, mit der Videokamera von Stefans Sohn aufgenommen, wie kleine Zwischenkommentare zum Film immer wieder in die Geschichte eingeblendet werden. Was die beiden routinierten Paare inzwischen ganz vergessen haben, ist die Tatsache, dass sich neben ihrem Beziehungsstress noch ein junges Nachwuchspaar in der brandenburgischen Natur mit ganz eigenen, aber durchaus ähnlichen Problemen quält. Nico Sommer ist mit dieser witzigen, in vollständig improvisierten Dialogen gedrehten Beziehungskomödie ein großer Spaß mit melancholisch-ironischem Hintersinn nicht nur für gestandene Familientiere gelungen.

Realität und Fantasie, Traum- und Nebenwelten

Zwei weitere Wettbewerbsfilme verlassen sich dann wieder eher konventionell auf ein klassisches Drehbuch. Alles andere als konventionell kann man dabei aber die Ergebnisse nennen. Willkommen im Klub von Regisseur Andreas Schimmelbusch fällt aber zunächst durch eine erlesene Schauspielriege auf. Patrycia Ziolkowska, Bibiana Beglau, Wolfram Koch, Samuel Finzi und Almut Zilcher sind allesamt erfolgreiche Theaterschauspieler in Berlin, Hamburg und München. Koch, Finzi und Zilcher bildeten am Deutschen Theater und der Volksbühne Berlin die sogenannte Gotscheff-Familie. Eine der Locations im Film ist dann auch das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Hauptspielort ist jedoch ein Hotel mit einem dunklen Geheimnis. Die Gäste kommen hier eher zum stilvollen „Auschecken“. Kate(Patrycia Ziolkowska), eine junge Frau mit Selbstmordabsichten, verliebt sich in den diskreten, zuvorkommenden Portier Victor (Wolfram Koch). Sie gibt ihr Vorhaben zunächst auf und zieht sogar mit dem geheimnisvollen Mann zusammen. Die Beziehung der beiden krankt aber schnell an den dunklen Stimmungen Kates und ihren übersteigerten Vorstellungen über die Beziehung. Zweifel machen sich breit und den Liebhaber zusehends krank.

Willkommen im Klub - Foto © Schimmelbusch GmbH

Willkommen im Klub von Andreas Schimmelbusch – Foto © Schimmelbusch GmbH

Es ist viel Alkohol im Spiel und ein ungelöstes Problem aus der Kindheit. Die dominante Mutter (Almut Zilcher) hat der Tochter den gewaltsamen Tod des Vaters verschwiegen. In den Albträumen Kates verschwimmen zusehends Realität und Wahnvorstellungen. Victor wird zur Vaterfigur. Die eifersüchtige Hotelbesitzerin (Bibiana Beglau) managt nebenbei noch einen Selbstmörderklub, in dem man sozusagen das richtige, erfolgversprechende Handanlegen erlernen kann. Der zu rekrutierenden Kundschaft wird anhand der gescheiterten Versuche einiger Verzweifelter das richtige Ableben näher gebracht. Inspiriert durch das Buch Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod des österreichischen Schriftstellers Jean Améry entwickelt Schimmelbusch einen etwas wirren, pseudopsychologischen Plot aus literarischen und filmischen Anspielungen, in dem Samuel Finzi auch noch als Psychologe mit Wirkung auf Frauen eine freudsche Wiederkehr seiner bekannten Pathologenrolle geben muss. Liebe oder Selbstmord auf Rezept? Eine Frage die hier auf Dauer nicht wirklich interessiert.

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Eher im Bereich des Genrefilms ist das Regiedebut Vergrabene Stimmen des Schauspielers Numan Acar, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm, angesiedelt. Nach acht Jahren Knast kommt der Kleinkriminelle Kaan (Numan Acar) wieder zurück in seinen alten Berliner Kiez. Seine geliebte Mutter Selda ist gestorben, der Vater schmeißt Kaan verbittert raus. Die alten Kumpels Eko (Kida Ramadan) und Bilo (Tyron Ricketts) haben es sich mit Hartz IV in ihrer Mittelmäßigkeit gut eingerichtet. Es läuft der alte Trott, nur dass Kaan nach all der Zeit irgendwie nicht mehr dazugehört. Um dem Schicksal zu entfliehen, versucht Kaan sein Glück auf dem Arbeitsamt. Da ihm hier aber nur ein würdeloser Ein-Euro-Job angeboten wird, geht er auf den Vorschlag seines Freundes Mo (Stipe Erceg) ein und heuert beim Unterweltboss Mr. Omar (Ralph Herforth) als Fahrer an. Vorher hat er mit den alten Kumpels schnell noch das Ersparte der Kiez-Prostituierten Magda (Katy Karrenbauer) durchgebracht.

Vergrabene Stimmen von Numan Acar -  Foto: achtung berlin 2014

Vergrabene Stimmen von Numan Acar
Foto: achtung berlin 2014

Bei dem Mädchen Aenna (Julia Dietze), die Kaan auf dem Friedhof trifft, versucht er Liebe und etwas Geborgenheit zu finden. Er will sich endlich wieder spüren. Sie vergräbt Kassetten mit Texten, die Kaan an seine eigene schwierige Kindheit, Jugend und die Knastzeit erinnern. Der Traum vom gemeinsamen Glück scheitert aber an seinem Unvermögen zu wirklichen Empfindungen, genauso wie die Karriere als Geldeintreiber für Mr. Omar am abgekarteten Spiel des Gangsters Franky (Dirk Borchardt), der rechten Hand von Mr. Omar. Das Leben besteht aus Entscheidungen, sinniert Aenna auf einer der Kassetten. Nur welche Kaan auch trifft, „Ich bleibe immer der Selbe hinter meiner verfickten Visage.“ Kaan hat keine Chance und ergreift sie.

In mehreren Traumsequenzen steht Kaan vor eine Mauer und reibt mit den Händen eine Unterwasserwelt mit Fischen an die Wand. Ein Sinnbild für das Eingesperrtsein wie in einem Aquarium. Der Film taucht tief in diese parallelen Nebenwelten ab. Mit seinen düsteren Bildern nah am Film Noir angelehnt, besitzt er in seiner schicksalhaften Ausweglosigkeit durchaus die Kraft einer griechischen Tragödie, die seinem gebrochenen Protagonisten jedoch keine Katharsis vergönnt. Laut Angabe des Regisseurs Acar, war ihm das auch sehr wichtig. Eine Darstellungsweise, die die Zerrissenheit der Hauptfigur nicht auflöst, sondern Kaan so sein lässt, wie er ist. Und das ist dann trotz aller Pathetik schon auch ansehenswert.

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Das Festival läuft noch bis zum 16.04.14 in den Kinos Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain, Tilsiter Lichtspiele und Passage Neukölln.

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Weitere Infos: http://achtungberlin.de/

Achtung Berlin 2014 – Wettbewerbsbeiträge Teil 2

Zuerst erschienen am 13.04.2014 auf Kultur-Extra.

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