Mit Zement von Heiner Müller in einer Inszenierung von Dimiter Gotscheff ist am Freitag das 51. Theatertreffen eröffnet worden.

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Die Berliner Festspiele richten dem im letzten Jahr verstorbenen Regisseur während ihrer Leistungsschau der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters einen Fokus aus.

Ein Fokus auf Dimiter Gotscheff Foto: St. B.

Ein Fokus auf
Dimiter Gotscheff
Foto: St. B.

Am Freitagabend hat sich wiedermal im Haus der Berliner Festspiele der Vorhang für die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Theaterraum gehoben. Und das Theatertreffen wird nicht wie im vergangenen Jubiläumsjahr selber feiern, sondern noch einmal einem bemerkenswerten, vielgeliebten und verehrten Theatermenschen huldigen, der sich Ende Oktober letzten Jahres für immer von der Bühne verabschiedet hat. Dimiter Gotscheff verstarb unerwartet und mit 70 Jahren, ähnlich wie sein großes Vorbild Heiner Müller, viel zu früh. Die Berliner Festspiele richten noch einmal den Fokus auf dem großen Theatergrübler Gotscheff. Der Regisseur ist fünfmal mit seinen Inszenierungen zum Theaterreffen eingeladen worden. Bunt ist die Palette der Autoren. Darunter Strindberg am Schauspiel Köln, Koltès und Tschechow an der Berliner Volksbühne, und Molière am Thalia Theater Hamburg. Zumeist standen dabei die Schauspieler der mit ihm kreativ verbandelten, sogenannten Gotscheff-Familie auf der Bühne.

Und sie waren allesamt gekommen, um ihr Oberhaupt noch einmal hochleben zu lassen. Den „Nagel“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, den er als TT-Trophäe gestiftet hatte (ein in Bronze gegossener Armierungsstahl aus den eingestürzten Gebäuden des großen Erdebebens in der Provinz Sichuan), bekam dann auch nicht der Intendant des Residenztheaters Martin Kušej, sondern Gotscheffs Witwe Almut Zilcher. Sie gab den sofort liebevoll „Totschläger“ genannten Preis als Wanderpokal ans Ensemble weiter, das den Wurm ja dann auch durchaus weiter zersägen könne.

Alexander Kluge - Foto: St. B.

Alexander KlugeFoto: St. B.

Vor der Aufführung der Eröffnungsinzenierung von Heiner Müllers Stück Zement ergriff der Autor und Filmemacher Alexander Kluge das Wort. Müllers Texte bezeichnet der langjährige Chronist seiner mit dem Berliner Dramtiker geführten Gespräche als den Einbruch der Wirklichkeit in das Theater, als Ort für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Müller und sein Regisseur Gotscheff lassen die Toten der Geschichte darin sprechen. Und daher fehlen sie auch dem Theater heute, das der Indendant der Berliner Festpiele Thomas Oberender zuvor noch als ein Medium der Morgenröte bezeichnet hatte. Die beiden schmerzlichst Vermissten müssten weiter neue Stücke schreiben und inszenieren. Ein fast schon verzweifelter Anruf der Toten.

Mit dem von ihm verehrten und meistinszenierten Autor Heiner Müller ist Dimiter Gotscheff bisher noch nie zum Theatertreffen eingeladen worden. Der Zufall will es nun, dass seine allerletzte Arbeit ausgerechnet auch seine jüngste Auseinandersetzung mit seinem Leib- und Magenautor war. Für das Residenztheaters München inszenierte Gotscheff im Mai 2013 Heiner Müllers nachrevolutionäres, russisches Revolutionsdrama Zement. Zur entfernten Verwandtschaft in München zählen nicht erst seit gestern auch Valery Tscheplanowa, Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg. Sie bilden hier die Gotscheff-Kernfamilie, die in diesem Fall auch die in Heiner Müllers Bühnenadaption des 1925 erschienenen Romans von Fjodor Gladkow aus der Zeit der jungen Sowjetmacht ist.

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Der heimgekehrte rote Bürgerkriegsheld und Schlosser Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg) hat schwer an seiner Vergangenheit und an neuen Steinen, die ihm verschiedentlich durch die Vertreter der alten und neuen Macht in den Weg gelegt werden, zu tragen. Er soll die kaputte Zementfabrik wieder einer fruchtbaren Produktion zuführen. Über die hat sich der Rost der unproduktiven Jahre gelegt, und die Hallen sind von den Bauern für ihre Ziegen und Schafe geleert worden. Es regiert der Bauch. Seine einst liebende Frau Dascha (Bibiana Beglau) hat sich in einen Eisblock verwandelt. Das Kind ist im Heim, das Haus kalt und leer. Brotrationen gibt es nur für Registrierte. Daschas neues Zuhause ist das Exekutivkomitee und die Organisation der Frauen im Dorf. Sie lebt nur noch für die Idee, die auch körperlich ganz in sie gedrungen ist. Auf Glebs staubigem Soldatenmantel werden hart die neuen Regeln des Zusammenlebens verhandelt. Wer fragt das Pferd, wann es geritten werden will? tönt der Mann. Wenn du frierst heiz dich mit Arbeit, erwidert die Wissende. Die Privilegien, Krieger sind abgeschafft. Der Tod ist für alle. Gleb wird Daschas bitteres Geheimnis noch erfahren.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Die Bühne ist ein schräges, graues Quadrat, das sich in die Senkrechte heben lässt. Die Toten war­ten auf der Gegenschräge / Manchmal hal­ten sie eine Hand ins Licht / Als leb­ten sie. Bis sie sich ganz zurück­zie­hen / In ihr gewohn­tes Dunkel das uns blen­det. Diese Zeilen von Heiner Müller, werden hier ganz Bild. Wie Schatten aus vergangenen Tagen zeichnen sich die Reste eines antiken Mosaiks auf dem Bühnenboden ab, die auch die Schatten von Fundamenthülsen für einen Neuaufbau sein könnten. Ein mythologisches Fundament auf den Knochen der Toten. Man muss die Toten ausgraben wieder und wieder. Zu Beginn klingt die Stimme Dimiter Gotscheff mit Worten aus Heiner Müllers Langgedicht Mommsens Block vom Band aus dem Off.

Die weiß gekalkten Müller’schen Toten werden hier von zwölf Studierenden der Otto-Falckenberg-Schule und der Theaterakademie August Everding in aschgrauen Kleidern und Masken dargestellt. Sie umringen lauernd die Bühnenschräge, turnen darüber oder stampfen darauf im Takt der Kommandos von Gleb Tschumalow beim Bau des Zementwerks. Kalk und Asche erzählen von Unterdrückung und Revolution, Sieg, Niederlage und Tod. Njurka, das später im Heim verhungerte Kind der Tschumalows dient Gotscheff als Vermittler zwischen den Lebenden und Toten. Er stellt die Figur, die bei Müller nur in den Dialogen der Eltern vorkommt, ins Zentrum seiner Inszenierung. Valery Tscheplanowa spricht die mythologischen Kommentartexte von Herakles, der Hydra und der Befreiung des Prometheus. Sie bricht Müllers pathetische Sprache aber auch immer wieder mit russischen Liedern auf. Was für den sonst ziemlich werktreu arbeitenden Regisseur Gotscheff sicher einen Bruch mit Müllers Anweisung, die Kommentare nicht von den handelnden Personen zu trennen, bedeuten musste, ist aber letztendlich ein Glück für seine Inszenierung.

Überhaupt ist dies eine großartige Ensembleleistung geworden. Als hätten sich alle noch einmal für ihren Regisseur in Zeug geworfen. Sei es Aurel Manthei als aasiger Vorsitzender Badjin, Glebs Gegenspieler, oder Paul Wolff-Plottegg als Ingenieur Kleist, der ihn einst verriet und dessen Kopf er nun für den Wiederaufbau braucht. Bedrückend die Szene in der Simon Werdelis als junger Makar einverstanden mit seiner Erschießung in den Tod geht und dabei noch einmal das frisch gelernte Alphabet aufsagt. Um dann wenig später wieder als wahnwitziger weißer Offizier Dimitri Iwagin über die Bühne zu irrlichtern. Nicht zu vergessen natürlich Genija Rykova als Polja Mechowa und Lukas Turtur als Sergej Iwagin, das zweite idealistische Revolutionspärchen, für das es nach den großen Parteisäuberungen nicht gut aussieht. „Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein.“ Gotscheff bringt hier zum Schluss noch einmal Müllers Text aus dem Auftrag ins Spiel. Ein nun doppeltes Vermächtnis.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Sei es nun Zufall oder nicht, das Residenztheater ist gleich mit noch einer Inszenierung, die neben dem Romanautor Louis-Ferdinand Célineauch wieder ausführlich Heiner Müllers Auftrag zitiert, beim Theatertreffen vertreten. Volksbühnenchef Frank Castorf auf Abwegen in München hat mit Reise ans Ende der Nacht nun ein Heimspiel in Berlin. In seinem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird es auch am 5. Mai ein Wiedersehen mit Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung Iwanow geben. Das Deutsche Theater, leider wiedermal ohne Einladung zum TT, ist seit Jahren Gotscheffs künstlerische Heimat. Am 4. Mai ist hier seine schelmische Heiner-Müller-Verdichtung Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block zu sehen und am 9. Mai dann den damals von der Theatertreffen-Jury verschmähten, mittlerweile legendären Run von Samuel Finzi und Wolfram Koch um eine Wand in Aischylos‘ Persern. Komplettiert wird der Fokus zu Ehren Dimiter Gotscheffs am 4. Mai mit dem Filmportrait Homo ludens im Deutschen Theater, einer Ausstellung im oberen Foyer des Berliner Festspielhauses und einer Party mit Mitkos Liedern im Anschluss an die Zementvorstellung am 3. Mai.

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Zement
von Heiner Müller
Regie: Dimiter Gotscheff
Bühne und Kostüme: Ezio Toffolutti
Musik: Sandy Lopićić
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Andrea Koschwitz

Mit:
Valery Tscheplanowa… Njurka
Sebastian Blomberg… Gleb Tschumalow
Bibiana Beglau… Dascha Tschumalowa
Aurel Manthei… Badjin
Lukas Turtur… Sergej Iwagin
Genija Rykova… Polja Mechowa
Paul Wolff-Plottegg… Kleist
Götz Argus… Tschibis
Simon Werdelis… Makar, Dimitri Iwagin

Chor:
Lena Eikenbusch
Konstanze Fischer
Daniel Gawlowski
Jonas Grundner-Culemann
Thomas Hauser
Simon Heinle
Ines Hollinger
Lukas Hupfeld
Johanna Küsters
Judith Neumann
Klara Pfeiffer
Philipp Reinhardt
Anna Sophie Schindler

Premiere am Residenztheater war am 05. Mai 2013
Vorstellungsdauer: ca. 3 Stunden 15 min., eine Pause

Termine beim Theatertreffen:
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
FR 02.05.2014, 19:30 & SA 03.05.2014, 18:00

weitere Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/zement

Das TT-Logo der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Das TT-Logo der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

Die weiteren eingeladenen Inszenierungen:

Amphitryon und sein Doppelgänger
Schauspielhaus Zürich
Deutsches Theater Berlin
SA 03. & SO 04.05.2014, 19:30

Onkel Wanja
Schauspiel Stuttgart
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
MO 05. & DI 06.05.2014, 19:30

Fegefeuer in Ingolstadt
Münchner Kammerspiele
Hebbel am Ufer / HAU1
MI 07.05.2014, 20:00 & DO 08.05.2014, 16:30 & 20:00

Reise ans Ende der Nacht
Residenztheater, München
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DO 08.05.2014, 19:00 & FR 09.05.2014, 18:00

tauberbach
Münchner Kammerspiele / les ballets C de la B, Gent / NT Gent
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 10.05.2014, 19:30 & SO 11.05.2014, 18:00

Die letzten Zeugen
Burgtheater, Wien
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DI 13.05.2014, 19:00 / MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herb…
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Die Geschichte von Kaspar Hauser
Schauspielhaus Zürich
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 17. & SO 18.05.2014, 19:30

Situation Rooms
Rimini Apparat / Ruhrtriennale
Kann aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden
Am Berliner HAU wieder im Dezember 2014

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php

Zuerst erschienen am 30.04. 2014 auf Kultura-Extra.

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