FEGEFEUER IN INGOLSTADT – Die bereits mit dem 3sat-Preis ausgezeichnete Münchner Fleißer-Inszenierung von Susanne Kennedy war beim 51. TT im HAU 1 zu sehen.

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Fegefeuer in Ingolstadt_PlakatVielleicht hat man das 1924 uraufgeführte Stück Fegerfeuer in Ingolstadt der Schriftstellerin Marieluise Fleißer einfach nur lange nicht mehr gesehen. In Berlin führte es zuletzt Manfred Karge 2001 mit Schauspielschülern am Berliner Ensemble auf. Auch die DDR-Erstaufführung fand hier 1987 mit teilweise heute immer noch äußerst bekannten Theaterdarstellern wie Annemone Haase, Renate Richter, Barbara Dittus, Michael Gerber und Corinna Harfouch statt. Im Westen Berlins an der Schaubühne besorgte 1972 Peter Stein eine denkwürdige Inszenierung mit Angela Winkler als Olga und Rüdiger Hacker als Roelle. Bei allen verfügbaren Rezensionen zu den genannten Aufführungen fällt zu allererst die Beschreibung der Künstlichkeit der Sprache wie der szenischen Umsetzung und der Enge des Bühnenraumes auf. „Alles ist wie ein Käfig“, schrieb Hellmuth Karasek damals in der Zeit.

„Fleißer führt Katholizismus, autoritäre Erziehung in der Kleinstadtenge und Gelüste nach Macht und Erniedrigung vor. Die mit biblischen Wendungen durchsetzte Sprache schafft weder Verständigung noch Verständnis.“ lässt sich im Reclam-Schauspielführer nachlesen. Der Theaterkritiker Alfred Kerr bezeichnete das Stück als eine Offenbarung „kleinmenschlicher Raubtierschaft“. Und das bezeichnet wohl auch am besten, was uns Susanne Kennedy in ihren kurzen, merkwürdigen mal stummen, mal sprechenden Tableaus vivants im kargen weißen Bühnenkasten vorführt. Die Figuren stehen tatsächlich immer so, als würden sie sich allzeit nur belauern. Es ist die präzise Vorführung einer Versuchsanordnung, entworfen wie in einem Theaterlabor. Der Bühnenraum wird zum klinisch-pathologischen Abbild einer erstarrten Gesellschaft ohne Fähigkeit zur eigenen individuellen Form und Sprache. Und auch wenn man sich hier in einer längst vergangenen Zeit wähnt, macht gerade das die Inszenierung so seltsam heutig.

Susanne Kennedy hat Fleißers kleinbürgerlichen Personenkreis auf einen Mikrokosmos eingedampft. Schüler und Ministranten sind gestrichen, auch die nähere Umgebung der Berottas ist auf den stumpfen, epileptischen Vater (Walter Hess) und Olgas neidverzehrte Schwester Clementine (mit Pieps-Stimme: Anna Maria Sturm) beschränkt. Olga selbst (Çigdem Teke) zeigt stoisch das lange Unausgesprochene im sichtbar ausgeformten Minikleid deutlich vor. Es bedarf hier keines Exfreundes Peps, um die Ursachen der Schwangerschaft zu erklären. Kennedy konzentriert sich ganz auf die zwei Kernfamilien von Olga und Roelle (Christian Löber), einem ungewaschenen, fanatisierten Jesusdarsteller in unästhetischer Unterwäsche, immer leicht verschwitzt, mit Elendsmine und sakralen Gesten. Um sich aus seiner stinkigen Außenseiterrolle zu befreien, gibt er vor Engel zu sehen und macht Olga schmierige Avancen. Den Geist seines Handelns bekommt Roelle förmlich mit der Suppe und der Muttermilch verabreicht – als schwarze Mutter der Anbetung Heidy Forster.

Fegefeuer in Ingolstadt im HAU

FEGEFEUER IN INGOLSTADT beim 51. TT  im Berliner Hebbeltheater – Foto: St. Bock

Ingolstadts Bevölkerung kommt in Gestalt der beiden diabolischen, schon bei Fleißer nur als Individuum und sein Schützling bezeichneten Protasius und Gervasius (Marc Benjamin und Edmund Telgenkämper) in Rollkragenpullis und kurzen Hosen daher. Ihre vermeintlichen Unschuldsminen durchzieht bisweilen ein aasiges Grinsen. Sie hängen sich an Olga und Roelle und weiden sich an deren Unglück. Dabei wirken sie wie aus Michael Hanekes Film Funny Games entsprungen. Viel ist von Menschen die Rede, nur ist weit und breit keiner zu sehen. Es herrscht die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Eine „unerlöste Gesellschaft, die tritt, damit sie nicht getreten wird“, wie es Fleißer selbst erklärt. Und so zitiert das Programmheft dann auch fleißig Fleißer, dass die Figuren monströse Konstruktionen sind, unbestimmbar und nicht bis ins letzte überschaubar.

Schon Fleißers Stück ist ein Konglomerat aus expressionistischen und surrealistischen Elementen sowie Verfremdungseffekten aus Brechts epischem Theater. Das gewollt Artifizielle in Kennedys Inszenierung nimmt all dies wörtlich auf. Fleißers Figuren sind von den Verhältnissen Beschädigte. Bei Kennedy wirken sie fremd und zum Teil bis ins Groteske lächerlich verzerrt. Roelles wiederholt verzweifelter Beichtversuch am Ende und das zusätzlich von Kennedy angefügte von allen bis ins Inbrünstige gesteigerte Anima Christi belegen das aufs Deutlichste, wie ein unabänderliches (Bene)Diktum unserer als alternativlos geltenden Gesellschaft.

Schlussbeifall für das tt-Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Fegefeuer in Ingolstadt Foto: St. B.

Schlussbeifall für das tt-Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Fegefeuer in Ingolstadt
Foto: St. B.

Die Inszenierung ist die konsequente Umsetzung des oben Erwähnten mit heutigen Theatermitteln wie Playback (man kennt diesen künstlichen Ton bereits durch die häufige Verwendung von Mikroports), speziellem Lichteinsatz wie Schwarzblenden und elektronisch erzeugten Störgeräuschen. Man vermeint in dem penetranten Staubsauergeräusch zwischen den Szenen so etwas wie eine klassische Melodie wahrnehmen zu können. Die Zerstörung der gewohnten Hör- und theatralen Ästhetik mittels ästhetischer Verstörung. Handwerklich gut gearbeitet und präzise auf den Punkt gespielt. Es ist in seiner Einzigartigkeit unnachahmlich und damit sicher auch preiswürdig. Nur eines ist es darum eben nicht: Es ist nicht geeignet als innovativer, zukunftsweisender Theaterstil. So kann es mit Sicherheit auch bei Susanne Kennedy nicht weitergehen. Und das ist dann wiederum auch ein bezeichnendes Fazit zur Halbzeit des Theatertreffens.

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Fegefeuer in Ingolstadt
von Marieluise Fleißer
Regie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Müller
Kostüme: Lotte Goos
Sounddesign: Richard Janssen
Dramaturgie: Jeroen Versteele
Ton: Katharina Widmaier-Zorn, Martin Sraier-Krügermann.
Mit: Marc Benjamin, Heidy Forster, Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Çigdem Teke, Edmund Telgenkämper

Premiere war am 8. Februar 2013
im Schauspielhaus der Münchner Kammerspielen
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 09.05.2014 auf Kultura-Extra.

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