Die Möwe schreit – In Jan Bosses Inszenierung am Akademietheater Wien klagen Tschechows Figuren lautstark über die Unerträglichkeit des Seins

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Die Möwe im Akademietheater Wien Foto: St. B.

Es wird viel geredet in Tschechows melancholisch angehauchten Tragikomödien. Beredter Müßiggang, Geldnöte, unerfüllte Sehnsüchte nach Leben und Liebe. Die Protagonisten sind mit ihren Tagträumen und der allgemeinen Langeweile beschäftigt. Jedoch leiden die Figuren nirgends so schön an ihren vergeblichen Liebesbemühungen, der Unerträglichkeit des Lebens und der Tatsache, nicht das geworden zu sein, was sie sich einst erträumt hatten, als in der Möwe. Und sie beschweren sich auch ein ums andere Mal darüber.

Gekommen um sich zu beschweren.

In der Inszenierung von Jan Bosse am Wiener Akademietheater tun sie das nun mit einer Intensität, die man bisher in diesem Stück noch nicht vermutet hatte. Allen voran der hoffnungsvolle Nachwuchsdramatiker Konstantin Gawrilowitsch (Daniel Sträßer), der sich als Künstler missverstanden fühlt und dem etablierten Kunstbetrieb in Gestalt seiner Mutter, der großen Schauspielerin Irina Nikolajwena Arkadina (Christiane von Poelnitz) und deren Liebhaber, dem nicht minder erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Michael Maertens), aufs tiefste misstraut. Sein eigens Stück, ein düstere Weltuntergangsklage, aufgeführt vor See-Kulisse, fällt durch. Keine Handlung oder lebendige Figuren – wie selbst seine Hauptdarstellerin, die junge Nina (Aenne Schwarz im weißen Möwenfederkleid mit Taucherflossen an den Füßen) – werden vom anderen Seeufer bemerkt. Kostjas erfolgsverwöhnte Mutter langweilt sich, und Trigorin interessieren nur die Fische im See und das aufstrebende Naturtalent Nina.

Zu Beginn noch ganz enthusiastisch dem Publikum den Einsatz der am Eingang verteilten roten Lämpchen erklärend – wir müssen den Widersacher der Weltseele, den bösen Teufel darstellen – ist Kostja schnell wegen des aufkommenden Desinteresses beleidigt und ergeht sich in einer Tirade über das konventionelle Theater der reinen Routine, gegen die Priester der heiligen Kunst mit ihrer ganz kleinen Moral. Die Arkadina hält das alles nur für manierierten Schwachsinn und ist hier selbst die Manieriertheit in Person. Die Poelnitz produziert sich beständig an der Rampe, stets Aufmerksamkeit erheischend. Der windelweiche Dichter Trigorin plädiert für gleiches Recht den neuen und den alten Formen und geht der Jungschauspielerin, inspiriert durch ihre frische Naivität, sogleich an die Wäsche. Lauthalts klagt Maertens in seiner gewohnten Manier über künstlerische Not, Getriebenheit und die Unsicherheit, auch wirklich das Richtige zu tun. Sein offensichtliches Kokettieren mit dem Zweifel macht Eindruck bei seinem weiblichen Fan und verleiht ihm so die lang vermisste Selbstgewissheit zurück.

Jan Bosse setzt hier voll auf körperlichen Einsatz und Lautstärke. Seine Spielführung verblüfft mit einer Körperlichkeit, wo doch eigentlich nur lauter Jammerlappen am lamentieren sind. Der Bruder der Arkadina, Pjotr Nikolajewitsch (Ignaz Kircher mit Rollator), klagt über vergebene Chancen und ein verpfuschtes Leben, an dem er aber bis zum letzten Zigarettenzug hängt. Der Arzt Dorn (Martin Reinke) glänzt dagegen mit einem Schuss Zynismus sowie dem Hang zum Jugendversteher und melancholischen Chansonier. So manch zwanghafter Gag geht dabei allerdings nach hinten los – besonders in der Figur des Gutsverwalters Samrev (Johann Adam Oest), der in Ermangelung neuer, immer wieder seine alten Provinztheaterschnurren zum Besten geben muss.

Die Möwe im Akademietheater Wien - Foto: St. B.

Die Möwe im Akademietheater Wien – Foto: St. B.

Liebe und Liebesleid der Jungen wie der Alten und v.a. der furchtbare und doch sehnsuchtsvolle Drang zur Kunst sind es, die Bosse in seiner daraufhin gekürzten Inszenierung interessieren. Neben Nina und Kostja, die sich ohne Rücksicht in ihr Künstlerdasein stürzen und sich darin leidvoll verfangen, ist das die stets in schwarz gehende Mascha (Mavie Hörbiger als hässliches Entlein), die sich mit ebenso dunkel gefärbter Stimme ihre Liebe zu Kostja ausredet und den blassen, ständig vom nicht vorhandenen Geld schwadronierenden Lehrer Medwedjenko (Peter Knaack im grauen Norwegerpullover) heiratet und hernach wie einen lästigen Schatten behandelt. Mutter Polina Andrejewna (Barbara Petritsch), bereits leidgeübt an der Seite ihres Langweilers Samrev und Gelegenheitsgeliebte des Arztes, empfiehlt ihrer Tochter, schlicht als Trost, die Kopie ihres eigenen Lebens.

Kunst oder Kopie, echtes Leben oder nur die Illusion dessen, diese Misere spiegelt dann auch das Bühnenbild von Stéphane Laimé. Erst wird vor einer Stellwand mit der Fotokopie der leeren Rückwand der Akademietheaterbühne gespielt, dann vor einem Bild mit leeren Tribünensitzen, bis sich im dritten Akt eine Wand mit großer Festmahlstafel davorschiebt. Ein Ausdruck der unerreichbaren Wünsche der Jungen und Illusionen der scheinbar so satten Alten. Mascha stapelt davor immer wieder leere Stühle, trinkt mit Trigorin, der alles um ihn zu Literatur machen muss, und die sich vor dem Alleinsein fürchtende Arkadina wirft sich dem schwankenden Dichter vor die Füße. Wenn sich hier zwei treffen, lauert immer auch die Eifersucht in Form der Verlustangst eines Dritten im Hintergrund. Was sich liebt, verletzt sich oder schmachtet still und verletzt dafür andere.

Das ist in Teilen gut gedacht, erliegt aber sehr bald der gewöhnlichen Betriebsroutine. Das Theater in der selbstgestellten Ironiefalle. Nach der Pause kehrt dann so etwas wie Ruhe ein. Kostja gibt auf der Gitarre „Dear Darkness“ von PJ Harvey und verfällt seiner Depression. Dazu wird eine vierte Wand als Verbindung von Leben und Kunst heruntergelassen. Die erste Wand ist hier im Video mit den Darstellern auf Reise durch Wien. Im Wiedersehen von Kostja mit seiner einstigen Liebe Nina bekommt die Inszenierung dann endlich so etwas wie Tiefe. Beide sind nun genau in den gleichen Rollen wie ihre Hasslieben Arkadina und Trigorin gefangen. Für Nina gehört auf ihrer Tingeltour durch die Provinz das Leiden bereits zum Leben dazu. Und auch Kostja weiß nicht mehr, wofür das alles noch gut sein soll. Zum finalen Schuss wird die Wand einfach weiß. „Ein Engel flog durch den Raum“ sagt einmal schwärmerisch der Arzt Dorn. Mit geknicktem Flügel, möchte man hinzufügen. Im Akademietheater war leider nur eine ausgestopfte Möwe zu sehen.

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Die Möwe
von Anton Tschechow

Deutsch von Andrea Clemen
Premiere am 31.05.14 im Akademietheater Wien
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno P. Jiri Kraehahn
Licht: Felix Dreyer
Fotografie: Reinhard Werner
Video: Anna Bertsch, Sophie Lux
Dramaturgie: Gabriella Bußacker

Mit:
Irina Nikolajewna Arkadina, Schauspielerin
Christiane von Poelnitz
Konstantin Gawriloowitsch Trepjow, ihr Sohn
Daniel Sträßer
Pjotr Nikolajewitsch Sorin, ihr Bruder
Ignaz Kirchner
Nina Michailowna Saretschnaja, junges Mädchen
Aenne Schwarz
Ilja Afanasjewitsch Schamrajew, Gutsverwalter bei Sorin
Johann Adam Oest
Polina Andrejewna, seine Frau
Barbara Petritsch
Mascha, seine Tochter
Mavie Hörbiger
Boris Alekajewitsch Trigorin, Schriftsteller
Michael Maertens
Jewgeni Sergejewitsch Dorn, Arzt
Martin Reinke
Semjon Semjonowitsch, Lehrer
Peter Knaack

Weitere Termine:

  • Samstag, 07.06.2014
  • Dienstag, 17.06.2014
  • Samstag, 28.06.2014

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963131709

Zuerst erschienen am 01.06.2014 auf Kultura-Extra.

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