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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 3): WOLFSFRIEDEN – Dominique Wolf bespielt mit ihrem Theater Wolfsbühne die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Montag, Juli 28th, 2014

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Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Ein Operndorf ganz nach Christoph Schlingensiefs Idee wollte die Schauspielerin und freie Theaterregisseurin Dominique Wolf auf der Cuvry-Brache in Kreuzberg für einen Abend errichten. Ein Dorf am Ufer der Spree, das viele nur als erste Favela Berlins bezeichnen. Künstler, Aussteiger, Obdachlose, polnische Wanderarbeiter und Roma-Familien leben hier aus den unterschiedlichsten Gründen seit etwa zwei Jahren nebeneinander, in Zelten und selbstgebauten Hütten ohne Strom, Wasser und sanitären Einrichtungen. Den meisten Kreuzberger Anwohnern ist das freie Dorf ein Dorn im Auge, der Fortbestand latent bedroht von der Räumung durch einen Investor, der das Gelände irgendwann mal bebauen will. Bis dahin sind die Cuvryaner geduldet. Man kennt das noch vom Kulturhaus Tacheles in der Oranienburger Straße. Die Probleme sind da also fast schon vorprogrammiert.

Regisseurin Dominique Wolf

Regisseurin
Dominique Wolf

„Welcome in FreeCuvry“ und „See it with your eys“ steht auf einem Schild am Eingang. Regisseurin Wolf, die 2010 die Wolfsbühne gründete, will mit ihren alternativen, spartenübergreifenden Theaterprojekten sozialkritische Themen aufgreifen und geht dafür mit ihrem Team immer wieder direkt in den Stadtraum. Mit WOLFSFRIEDEN bespielt sie nun die Cuvry-Brache, einen Ort der ganz anderen Wohnkultur, fern jeder geordneten Struktur und Absicherung, ohne Garantie und doppelten Boden. Zwei Monate lang hat Dominique Wolf vor Ort bei den Bewohnern um Akzeptanz für ihre Idee geworben und um Mitwirkung bei der Durchführung ihres Vorhabens.

Das Ergebnis konnte nun am Samstag, den 26. Juli ab 18:30 Uhr von Interessierten und Freunden unkonventionellen Theaters für den Unkostenbeitrag von 10 Euro besichtigt werden. Das Eintrittsgeld soll den Bewohnern der Cuvry-Brache zu Gute kommen. Wolf will aber durch ihr Projekt vorrangig Aufmerksamkeit für die Lage der Leute vor Ort erzeugen, Kunst als Mittel zur Verständigung für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Gruppen mit den Anwohnern des Kreuzberger Kiezes. Kernstück dieses Vorhabens ist eine große gedeckte Tafel, an der gegessen, getrunken und geredet werden soll. In einigen der Behausungen der Cuvryaner gibt es außerdem kleine Spielszenen mit echten Schauspielern und auch Bewohnern der Brache.

Das Ganze ist wie ein kleiner Parcours aufgebaut, den das Publikum in Gruppen immer wieder durchlaufen kann. Die Schauspieler performen teilweise in oder auch vor den kleinen Holzhütten, die sich im vorderen Teil des Areals in einem etwas verwilderten Wäldchen befinden. Wer nicht aufpasst, tritt hier aber auch in sorgsam angelegte Beete. „Folgen Sie mir, bitte folgen Sie mir.“ Der freundlich bestimmten Aufforderung Wolfs kann man sich nur schwer entziehen. Man ist ja schließlich auch gekommen, um zu schauen. Die anfangs noch empfundene Scheu vor dem ungewohnten bewohnten Ort weicht schnell der Neugier. Und so wagen sich die bereits erschienen Besucher gegen 19:00 Uhr endlich zuversichtlich auf die erste Runde.

Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der großen "Königs-Tafel".

Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der langen „Königstafel“.

Man stößt im märchenhaften Gestrüpp auf kurze Performances, die sich um den „König des Dorfes“, das „Tal der Traurigkeit“, die „Melancholie“, „Wahre Liebe“ oder „Befruchtung“ drehen. Vor allem sollen hier natürlich die Zuschauer selbst befruchtet werden. Mit Kunst zum Kern der Sache. Es geht im Großen und Ganzen um die vielfältigen Spielarten zwischenmenschlicher Beziehungen, um Kreativität und das Anderssein. Ein vom Fruchtbarkeitsterror seiner Frau genervter politischer Schönredner findet sein wahres Glück einfach in der Nachbarhütte. Die Schauspielerin Miriam Ternes erzählt eine wundersame Liebesgeschichte über eine am Tinitus leidende Frau, die nicht nur den Hörnerv des Publikums trifft. Der chilenische Tänzer Danilo A.S. Cofre zeigt eine eigene Choreografie und berichtet den Umstehenden von seinem Inspirationserlebnis mit Pina Bausch.

In einer Hütte muss eine junge Sopranistin einem alternden Impresario (Günther Schanzmann) eine Koloraturarie in der Waagerechten vorsingen, einige Sträucher weiter sitzt die Venus 2013 im Schaumbad und bringt ihren Othello-haften Verehrer zur Verzweiflung. Trotz heftigstem Streit ist doch die Liebe immer wieder das alles verbindende Element. Auch wenn sich sicher nicht alles auf diese einfache Formel herunterbrechen lässt, bleibt dies die wichtigste Botschaft des Abends.

Schleiertanz mit Elsa Loy

Schleiertanz mit Elsa Loy

Über Lautsprecher werden O-Ton-Beiträge der Cuvryaner eingespielt, die über ihr Leben auf der Brache berichten. Und als sich die ersten Besucher bereits an die große Tafel setzen wollen, gibt die Tänzerin Elsa Loy noch eine magischen Schleiertanz-Vorstellung. Der Abend schließt aber am Spreeufer ab mit einer echten Operneinlage auf einem kleinen Boot. Kristin Schulze, die Sopranistin aus der Hütte vorher, hat ihr Engagement an Bord angetreten und singt noch eine bezaubernde Arie mit überraschendem Schlusspunkt. Begeisterter Beifall für alle Beteiligten.

Die Blicke schweifen noch einmal von der Brache übers Wasser. Sie ist ein sogenanntes Filet-Grundstück in bester Lage. Der Ausblick könnte auch besser nicht sein, links die Oberbaumbrücke, am gegenüberliegenden Ufer das Gebäude von Universal Music. Die Media-Spree als drohende Alternative hat man also stets vor Augen.

Sopranistin Kristin Schulze mit Choloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree

Sopranistin Kristin Schulze mit Koloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree

2012 war noch durch linke Gentrifizierungsgegner ein Denklabor, das sog. BMW-Guggenheim-Lab, auf der Brache verhindert worden. Bei verschiedenen Veranstaltungen sollten hier Themen der Stadtentwicklung diskutieren werden. Die Macher zogen wegen des Sicherheitsrisikos schließlich auf das Gelände des Pfefferbergs im Prenzlauer Berg. Befürchtungen der Kiezaufwertung, steigende Mieten, etc., etc. – das alles ist nichts Neues für Berlin. Die Anwohner wollten nicht zur Kiezattraktion werden. Nun ist man es letztendlich doch. Die Touristen kommen in Scharen, um das alternative Berlin-Feeling zu spüren, und machen Fotos fürs Facebookalbum. Die Belange und Probleme der Be- bzw. Anwohner der Cuvry-Brache interessieren da eher am Rande.

Wie sich die Cuvryaner ihre Zukunft tatsächlich vorstellen, könnte man am 2. August bei einem „Tag der Offenen Cuvry“ erfahren. Fakt ist, die Gentrifizierung ist im Kiez um das Schlesische Tor längst angekommen. Massen von Feier- und Sensationswütigen belagern allabendlich die Kneipen und Restaurants in der Schlesischen Straße. Die Betreiber leben davon und sind bestrebt ihre Geschäftsgrundlage dauerhaft zu sichern. Wie es damit nach dem vom Investor geplanten Bau der „Cuvryhöfe“ aussieht, wird sich zeigen. Das Ruhebedürfnis geplagter Städter hat schon ganz andere Gebiete dauerhaft befriedet.

Gefragt sind nun in erster Linie der Bezirk Kreuzberg/Friedrichshain und auch das Land Berlin, das die Bebauungshoheit der attraktiven Lücke an sich gezogen hat. Nur ist von dort zum Thema bisher nicht allzu viel zu hören. Sich öffnen, ist eine der Losungen der Operndorfaktion WOLFSFRIEDEN. Damit das keine hohle Phrase oder schöne Utopie bleibt, bedarf es mehr als ein paar wohlmeinender, vermittlungsbereiter Theaterleute.

Bildergalerie WOLFSFRIEDEN

alle Fotos (c) Stefan Bock

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WOLFSFRIEDEN
auf der Cuvrybrache, Schlesischestr./ Cuvrystr,
Premiere war am 26.07.2014
Regie: Dominique Wolf
mit: Adrian Zwicker, Édes Anna, Sonja Amina Chatterjee, Daniela Frezzato, Elsa Loy, Gregor von Holdt, Grete Gehrke, Oliver Schulz, Marie-Louise Stoffel, Günter Schanzmann, Kristin Schulze, Harald Polzin, Danilo Andres Sepulveda Cofre, Miriam Ternes, Ronja Seifert, Bibaki Mou, Lutz Rothe, Daniel Matz, Candy Bormann u.a.

Infos zur Wolfsbühne unter: http://wolfsbühne.de/ und

https://www.facebook.com/pages/Wolfsb%C3%BChne/444179992280660?ref=ts&fref=ts

Samstag, 2. August: Tag der Offenen Cuvry
FreeCuvry lädt alle ein zu Musik, Essen, Trinken, Bootsbau, Fluss und Strand, Massage, Führungen und vieles mehr, ab 13h.
16-18h: Offene Diskussion mit Anwohner_innen und Bewohner_innen
Ab 19h Praxisworkshop
Ab 20h: Filmgucken auf Leinwand und Party!

Weitere Infos zu FreeCuvry unter:
http://freecuvry.wordpress.com/ oder https://www.facebook.com/CampCuvrystrasse

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FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE – Der diesjährige BERLINALE-Sieger des chinesischen Regisseurs Diao Yinan ist ein spannender Genrestreifen im Stile des Film noir.

Samstag, Juli 26th, 2014

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FeuerwerkAmHelllichtenTage_Plakat

Foto (c) Weltkino Verleih

Black Coal, Thin Ice (dt.: „Schwarze Kohle, dünnes Eis“) hieß der Film des chinesischen Regisseurs Diao Yinan noch im kalten Februar, als er überraschend den Goldenen Bären der BERLINALE erhielt. Nun ist er im heißen Sommer unter dem deutschen Titel Feuerwerk am helllichten Tage in die Kinos gekommen. So hell sind die chinesischen Tage aber gar nicht, und auch das Feuerwerk, mit dem sich der deutsche Verleih weitestgehend dem chinesischen Originaltitel angenähert hat, lässt lange auf sich warten.

Es ist 1999, im tief verschneiten Norden Chinas werden in der gesamten Provinz auf riesigen Kohlehalden und langen schwarzen Förderbändern immer wieder Leichenteile gefunden, als würden sie vom dunstig grauen Himmel regnen. Die Polizei ist auf eine schnelle Lösung des Falls aus. Erste Spuren sind überdeutlich, findet sich doch bei einer abgetrennten Hand auch der Ausweis der Leiche. Es ist ein Arbeiter aus dem Kohlewerk. Aber schlampige Ermittlungen durch gewalttätige, gleichgültige Polizisten führen schließlich in die Irre und ins lokale Kleinganovenmilieu, was zwei von ihnen mit dem Leben bezahlen.

Zu den erfolglosen Ermittlern gehört Zhang Zili (Liao Fan), ein desillusionierter, zynischer Mann, der nicht von seiner geschiedenen Frau lassen kann. Er ist nicht ganz der typische Bad Cop, aber mit jeder Menge persönlicher Probleme beladen. Zhang wird bei der missglückten Verhaftung verwundet und rutscht nach der Entlassung aus dem Krankenhaus vollends in den Suff ab. Er muss sich, aus dem Polizeidienst entlassen, nun als Sicherheitsangestellter im Kohlewerk verdingen.

Feuerwerk am hellichten Tage Foto (c) Weltkino Verleih

Feuerwerk am helllichten Tage
Foto (c) Weltkino Verleih

Es geht nicht wirklich voran in diesem mysteriösen Fall, den die Polizei nach fünf Jahren Unterbrechung wieder aufrollt, da plötzlich neue Leichenteile auftauchen. Die Ermittler unter Zhangs damaligem Freund und Kollegen Captain Wang (Yu Ailei) konzentrieren sich nun wieder auf die Beschattung der Frau des ersten Toten. Die schöne aber zurückhaltende Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei) arbeitet in einem kleinen Waschsalon, dessen Besitzer einen etwas bizarren Hang zu Frauen und Kleidungsstücken hat. Aber weiterhin Fehlanzeige.

Auch Zhang lässt der alte Fall nicht los, er sucht die Nähe der geheimnisvollen Frau Wu, die ihn wie eine Männer verschlingende Femme fatale der chinesischen Vorstädte magisch anzieht. Die Kamera folgt den Beiden bei ihren knirschenden Gängen durch die verschneiten Straßen des nächtlichen Viertels, einer Wohnwüste mit einsamen Oasen blinkender Lichter von Supermärkten, Garküchen und Vergnügungsbars. Tags überwiegen das Grau der Häuser und der normale Alltag der großen Stadt, die mehr schlecht als recht verwaltet wird. Nur in überfüllten Bussen, dem Halbdunkel der Kinos und Tanzschuppen und beim abendlichen Eislaufen kommen sich die Menschen näher. Ansonsten lebt man flüchtig nebeneinander her. Ein interessanter Mix aus Genre-Film und düsterem Gesellschaftsportrait, der damit vielleicht eine Alternative zum kommerziell erfolgreichen chinesischen Martial-Arts-Kino darstellt.

Feuerwerk am hellichten Tage Foto (c) Weltkino Verleih

Feuerwerk am helllichten Tage
Foto (c) Weltkino Verleih

Der tatsächliche Grund für die Morde wird Zhang vom Waschsalonbesitzer dann fast wie nebenbei präsentiert. Ein fast vergessener ruinierter Ledermantel spielt dabei eine tragende Rolle, nur dass sich lange niemand wirklich dafür interessiert. Es ist das leidige Geld, nach dem alle streben, Barbesitzerin wie Waschsalonbetreiber oder Mitarbeiter eines Wettbüros. Es lässt keinen Platz für Nähe und echte Gefühle. Kein „guter Mensch“, nirgends. Die nötige Wärme fehlt auch der armen Wäscherin. Wie die Zudringlichkeiten ihres Chefs wehrt sie aber zunächst die an Stalking grenzenden Annährungsversuche Zhangs kühl ab.

Der ebenfalls Ausgestoßene gewinnt mit seiner stoischen Beharrlichkeit nicht nur Stück für Stück die Zuneigung der traurigen, zurückgezogenen Frau. Er kommt auch irgendwann auf die Spur des unbekannten Schlittschuhmörders und Leichenzerstückelers, der schon vor langer Zeit Stück für Stück seiner wahren Identität entsorgt hat. Der Ex-Bulle wird den Fall lösen, und damit seine Liebe zerstören. Träume von persönlichem Glück und der Wunsch nach Gerechtigkeit gehen in dieser eisigen, grauen Welt nicht zusammen. Dagegen aufzubegehren, erscheint dem Helden wie ein nutzloser Knalleffekt, der zum Schluss wie das titelgebende Feuerwerk am helllichten Tage verpufft. Was Zhang bleibt, ist ein ausgelassenes Tänzchen auf dem Parkett der einsamen Herzen.

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FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE
(BAI RI YAN HUO – BLACK COAL, THIN ICE)
Volksrepublik China / Hongkong, China, 2014, 106 Min

Regie, Buch: Diao Yinan
Kamera: Dong Jingsong
Schnitt: Yang Hongyu
Musik: Wen Zi
Sound Design: Zhang Yang
Production Design: Liu Qiang
Produzenten: Qu Vivian, Wan Juan
Co-Produzenten: Shen Yang, Zhang Dajun

Mit:
Liao Fan (Zhang Zili)
Gwei Lun Mei (Wu Zhizhen)
Wang Xuebing (Liang Zhijun)
Wang Jingchun (Rong Rong)
Yu Ailei (Captain Wang)
Ni Jingyang (Su Lijuan)

Kinostart: 24.07.2014

Verleiher: Weltkino Filmverleih GmbH

Infos: http://www.weltkino.de/file/Home.html

Zuerst erschienen am 25.07.2014 auf Kutura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 2): Shakespeares „Komödie der Irrungen“ aufgeführt von SHAKESPEARE und PARTNER beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex

Freitag, Juli 25th, 2014

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„Wer bin ich?“ ist seit jeher eine der wichtigsten und auch immer wieder verwirrendsten Frage des Menschen. Die Verwechslungskomödie setzt dem meist noch zahlenmäßig einen drauf und vervielfältigt das Identitätsdilemma der Protagonisten durch gottgewollte Doppelgänger oder auch ganz irdische Zwillinge. Wir kennen Sie aus Molières Komödie des Amphitryon (1668), die Heinrich von Kleist inspiriert durch die Lektüre Immanuel Kants 1803 sogar ins tragikomisch Philosophische erhob, und der Komödie der Irrungen (1592) von William Shakespeare, einem zugegebener Maßen seltener gespieltem Frühwerk des englischen Dichters, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit begangen wird. Beide Stücke gehen jeweils zurück auf eine lateinische Komödie des römischen Dichters Plautus (254 – 184 v. Chr.), der sich wiederum von griechischen Komödiendichtern wie Menander (342/341 – 291/290 v. Chr.) inspirieren ließ. Der Ursprung aller Komödien aber ist wie bei der Tragödie der antike Dionysoskult. Das Genre der Verwechslungskomödie ist demnach fast so alt, wie das Theater selbst.

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Sommertheater in der Klosterkirche am Alex - Foto: St. B.

Sommertheater in der Klosterkirche am Alex – Foto: St. B.

Mittlerweile beheimatet Berlin mit der Shakespeare Company, Shakespeare im Park und Shakespeare & Partner nicht weniger als drei Open-Air-Theatertruppen, die sich auf den großen elisabethanischen Dichter berufen und auch das Hexenkessel-Amphitheater im Monbijoupark hat so einiges von Shakespeare auf dem Spielplan. Letztmalig in Berlin auf einer Stadttheaterbühne waren die Irrungen übrigens in einer Inszenierung des britischen Regisseurs Martin Duncan 2001 am Maxim Gorki Theater zu sehen, dem Jahr der Gründung von SHAKESPEARE und PARTNER. All das ist neben dem Spaß am Spiel selbst natürlich Grund genug, den unterschätzten Erstling Shakespeares mal wieder aus der Schublade zu holen. Das taten Shakespeare & Partner bereits im Oktober 2012 für das Bürgerhaus in Pullach. Seither gastierte die Truppe mit der Inszenierung des 1970 in Bombay geborenen indischen Regisseurs Kenneth Philip George schon an vielen Bühnen quer durch Deutschland und auch im Ausland, bis sie damit 2013 ihre neue Sommerspielstätte in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in der Nähe des Alexanderplatzes bezog.

Nachdem im letzten Jahr Molières Amphitryon in der Version des Hexenkessels im Monbijoutheater den Shakespeare-Jüngern noch die Show gestohlen haben dürfte, eröffnete nun am 22. Juli wieder die Komödie der Irrungen ganz optimistisch den diesjährigen Theatersommer am Alex. Das Ensemble spielt dann auch von Anbeginn mit sehr viel Leidenschaft für und mit dem Publikum in der Klosterruine. Selbst der Verkauf der Programmhefte gerät da zu einer kleinen Performance. Fast noch wichtiger ist für das Open-Air-Sommertheater neben dem aufopferungsvollen Spiel ein flotter, gängiger Text. Mit der eher prosaischen Erstübersetzung von Christoph Martin Wieland oder der etwas geschraubten Versfassung von Wolf Graf Baudissin für die Schlegel/Tieck-Ausgabe ist da heute kein Stich mehr beim vergnügungssüchtigen Publikum zu machen. Fast jede Neuinszenierung bedient sich daher moderner Neuübertragungen.

Erstaunlich nur, dass sich das fast ausschließlich aus den alten Bundesländern stammende Ensemble hier für die Übersetzung des unter dem Pseudonym E. S. Lauterbach schreibenden Journalisten Erich Selbmann (1926 – 2006), wenigen vielleicht noch als großes Tier im Rund- und Fernsehfunk der DDR sowie Chefredakteur der Aktuellen Kamera bekannt, entschieden hat. Eine „richtig rote Socke“ also, wie es Schauspieler Kai Frederic Schrickel etwas ironisch in seiner kleinen Einführung zum Stück erwähnt. Selbmanns Übersetzung entstand 1968 für Peter Kupkes Inszenierung am Hans-Otto-Theater Potsdam. Kupke, der mittlerweile z.B. auch wieder am Staatstheater Cottbus inszeniert, nahm die Übersetzung in den 1980er Jahren bei seinem Gang in den Westen mit ans Staatstheater Wiesbaden. Irgendwo da muss sie eines der bereits an etlichen deutschen Stadttheatern engagierten Mitglieder der Truppe jedenfalls aufgeschnappt haben.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Und der Text E. S. Lauterbachs scheint wie gemacht für das schnelle Spiel der Darsteller. Kein Stelzen oder Holpern, die Worte gehen allen recht flüssig von den Lippen. Die Pointen sitzen zielsicher und sind selbst noch für manch humoristischen Sidegag gut. Der erst 20jährige Shakespeare bewies hier schon ein gutes Gespür für Witz mit Hintersinn und versteckte tagespolitisch aktuelle Seitenhiebe. Soweit geht es bei SHAKESPEARE und PARTNER nicht, man konzentriert sich ganz auf den Spaß der Verwicklungen und Verwirrungen, die zwei sich gänzlich unbekannte Zwillingspaare bei sich selbst und den übrigen Protagonisten auslösen. Auch wenn der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker 1790 in Etwas über William Shakespeares Schauspiele zu den Irrungen in der Art mäkelte: „Ich bin zwar wohl mit dir zufrieden, großer Dichter, du hast alles harmonisch und zierlich durcheinander gewebt: aber das glaub ich dir in Ewigkeit nicht, daß man auf Gottes Erdboden zwei Menschen finde, die in keinem Stück voneinander zu unterscheiden wären.“, der Plot geht dank seiner Situationskomik und gut getimten Dramaturgie dennoch ganz vorzüglich auf.

So schlägt dann auch pünktlich um 20:00 Uhr die Kirchenglocke der benachbarten Parochialkirche und gibt das Signal für den Auftritt von Kai Frederic Schrickel, der neben Solinus, Herzog von Ephesus, auch noch den Kaufmann Ägeon von Syracus gibt, der sich den landläufigen Gesetzten der Stadt zuwider in Ephesus aufhält und sich an den Rollstuhl gefesselt mangels nötigem Kleingeld nicht von der Verurteilung zum Tode freikaufen kann. Mitleid erheischend erzählt er dem Herzog die Geschichte seiner Zwillingssöhne namens Antipholus, die samt Zwillingsdienerpaar Dromio durch eine Schiffskatastrophe voneinander getrennt wurden. Das Gespann aus Syracus kommt justament im Hafen von Ephesus an, und gerät nun in einen Strudel zufälliger grotesker Situationen, in denen sie für die ihnen nicht bekannten Exemplare gleichen Aussehens Antipholus und Dromio aus Ephesus gehalten werden.

Was für den Herren Antipholus aus S. noch so manchen Reiz ausmachen dürfte – ihm wird ungefragt Schmuck und Geld angetragen, fremde gut aussehende Damen verfluchen und begehren ihn gleichermaßen – ist für den Diener sowohl des einen wie des anderen Herren durchaus von existentieller Not. Neben den Launen der Beiden (abwechselnd verkörpert von Andreas Erfurth) sowie der angedrohten bzw. verabreichten Schläge ergibt sich für sie nicht allzu viel Neues außer einer etwas zu rundlich geratenen Köchin und Weib des Dromio aus E., der sich Dromio aus S. dann doch lieber entziehen würde. Eine Glanzrolle für Sebastian Bischoff, der als Brechts Guter Mensch von Sezuan beim Theatersommer noch in einer weiteren berühmten Doppelrolle zu sehen sein wird. Bischoff hält als doppelt angeschmierter Dromio seine schmalen Schultern hin, kann sich aber Dank bauernschlauer Wesensart aus so mancher kniffligen Situation herausreden und heimst damit natürlich die meisten Sympathiepunkte beim durchweg amüsierten Publikum ein.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Die Damen sind nicht minder taff. Rike Joeinig als geplagte Ehefrau, des nicht gerade pflegeleichten Gatten Antipholus aus E. und Jillian Anthony (neu im Ensemble) als deren Schwester Luciana und der aufreizenden Kurtisane Adriana mit fulminantem Blondperücken-Aufritt kämpfen tapfer gegen die Geräuschkulisse der angrenzenden Grunerstraße an. Aber wir sind hier schließlich im Live-Open-Air-Theater. Übertriebene Perfektion und Akkuratesse sind da nicht primär gefragt. Man spielt ganz körperbetont auf fast leerer Bühne. Wenige Requisiten und schnelle Kostümwechsel bestimmen das Geschehen. Nach der Pause bessern sich Laut- und Lichtsituation und es kommt noch ein richtig gutes Sommerkomödienfeeling auf, bis sich über Koffer-auf-und-Zu, einige Geldverwicklungen, fälschliche Verhaftungen eines tumben Büttels (Kai Frederic Schrickel) und eines kuriosen Exerzitium des mittlerweile für wahnsinnig erklärten Antipholus von E. (oder doch von S.?) durch einen muskelbepackten blonden Recken (Dierk Prawdzik als Dr. Pinch sowie als Goldschmied und Überraschungs-Äbtissin) alles doch noch zum Guten hin auflöst.

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Ab 6. August gibt es den nächsten Shakespeare in der Klosterruine am Alex. Mit Wie es euch gefällt in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel begeben sich SHAKESPEARE und PARTNER in den direkten Vergleich zu den anderen Berliner Shakespeare-Ensembles. Und wem es gefällt, kann das dann auch ausgiebig genießen.

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Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
aus dem Englischen von E. S. Lauterbach

Regie: Kenneth Philip George
Kostüme: Ulrike Eisenreich
Bühne: Susanne Füller
Assistenz: Natascha Jeutter

Mit: Rike Joeinig, Jillian Anthony, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel

Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

Die nächsten Termine: 25. und 26. Juli sowie 29. und 30. Juli 2014, jeweils 20:00 Uhr

weitere Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/komoedie-der-irrungen/

Zuerst erschienen am 24.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Nachruf auf den großen Burgschauspieler Gert Voss (10.10.1941 – 13.07.2014)

Donnerstag, Juli 17th, 2014

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Während die deutschen Fans im nationalen Taumel noch König Fußball und seinen Vier-Sterne-Prinzen huldigten, gab es für die Verehrer der großen Theaterkunst am Montagmorgen ein ungutes Erwachen. Am Vortag war ein anderer sternumflorter König für immer von der Bühne des Lebens abgetreten. Der deutsche Theaterstar Gert Voss, vom Großkritiker der F.A.Z. Gerhard Stadelmaier bereits zu dessen 70. Geburtstag im Oktober 2011 zum „König der deutschen Schauspieler“ geadelt, starb am 13. Juli überraschend nach kurzer schwerer Krankheit.

Gert Voss 2011 - Pressefoto Hompage (www.gert-vos.at)

Gert Voss 2011 – Pressefoto der Hompage (www.gert-voss.at)

Vom Magazin Cicero 2012 nach seinen fiktiven letzten 24 Stunden befragt, gestand Voss, dass es ihm fast unmöglich erscheine, sich das vorzustellen. Für ihn ist das Leben immer dann am schönsten, wenn man die größte Freiheit und Unbegrenztheit hat. Durch Grenzen fühle er sich beengt. Er glaube auch nicht, die Fähigkeit zu haben, gleichmütig zu werden und loszulassen zu können. Den Tod empfand Gert Voss schon früh als vollkommen überflüssig, ja sogar als beleidigend. Und so spielte er auch Hofmannsthals Jedermann 1995-99 in Salzburg ohne abschließendes Gebet. Reumütig abdanken kam für ihn nicht in Frage. Gert Voss, der Theaterkönig, tot? Das kann nur ein großes Missverständnis sein.

Die britische Times kürte Gert Voss 1995 auf der Höhe seines Erfolges zum besten Schauspieler Europas. Und der Preise sind da viele im Laufe dieses reichen Schauspielerlebens zusammengekommen. Der 1941 in Shanghai Geborene fand schon früh als Kind beim Sehen von Hollywoodfilmen Gefallen am Schauspielberuf. Nach einem abgebrochenen Anglistik- und Germanistikstudium nahm Voss ab Mitte der 1960er Jahren privaten Schauspielunterricht. Es folgte die Ochsentour durch die Provinz mit Engagements in Konstanz und Braunschweig, bis er in den 1970er Jahren zum Ensemble des Staatstheaters Stuttgart unter dem neuen umstrittenen Intendanten Claus Peymann stieß. Der Beginn einer langen, fruchtbaren Zusammenarbeit.

Und Voss rettete Peymann nicht nur einmal künstlerisch wie auch politisch die Karriere. Er war ein listiger Puck in Shakespeares Sommernachtstraum, Karl Moor in Schillers Räubern, Büchners Woyzeck und Molières Tartuffe. Anfang der 80er Jahre folgten in Bochum u.a. der Saladin in Lessings Nathan der Weise und schließlich die Titelrolle in Kleists Hermannsschlacht in der Regie von Claus Peymann, der Peter Zadek in Bochum als Intendant beerbt hatte. Voss wurde jetzt erstmals zum Schauspieler des Jahres gewählt und wechselte 1985 mit Peymann ans Burgtheater Wien.

Hier bekam er die nächsten Ehren durch den österreichischen Dramatiker Thomas Bernhard, der ihn mit den beiden Schauspielerinnen Ilse Ritter und Kirsten Dene in seinem Stück Ritter, Dene, Voss über die Philosophenfamilie Wittgenstein verewigte. Die Brandteigkrapfenszene ist legendär, die Inszenierung ein Klassiker. Nicht erst hier zeigte sich das große Talent zur vollkommenen Verwandlung des Gert Voss und begann eine neue Karriere als großer Bernhard-Darsteller und Minetti-Erbe. Er brillierte außerdem als Shakespeares Richard III., was den endgültigen Durchbruch für ihn und den neuen Burgdirektor Peymann beim skeptischen Wiener Publikum bedeutete. Er schlug es von da an ein ums andere Mal in seinen Bann.

Ritter, Dene, Voss (Thomas Bernhard) – RITTER, ILSE / DENE, KIRSTEN / VOSS, GERT (2008) – Video von HOANZL auf YouTube

Neben Claus Peymann, spielte Gert Voss nun Hauptrollen bei so bedeutenden Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Stein, George Tabori, Luc Bondy und Andrea Breth. Als Shakespeares Othello und Mr. Jay in George Taboris Goldberg-Variationen, inszeniert von Tabori selbst, wurde Voss Anfang der 1990er Jahre zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Vor allem die gute Arbeitsbeziehung zu Peter Zadek veranlasste Voss sogar 1994-96 ans Berliner Ensemble zu wechseln. Neben Antonius und Cleopatra mit Eva Matthes und einem Ausflug mit Luc Bondy an Andrea Breths Schaubühne als erfolgsloser Illusionist sprang dabei aber nicht viel heraus, und nach dem Scheitern der Kollektivintendanz mit Heiner Müller am BE verließen Zadek und Voss die deutsche Hauptstadt wieder in Richtung Wien.

Dort spielte er weiter bei Claus Peyman, führte selbst Regie bei Becketts Das Letzte Band und war beim Theatertreffen 1998 mit Endspiel in der Inszenierung von Georg Tabori auch mal wieder in Berlin zu Gast. Einem erneuten Engagement bei Claus Peymann, der 1999 angetreten war, das erfolglose BE aus der Krise zu retten, widerstand Voss aber. Seine wichtigsten Ankerpunkte blieben Peter Zadek und Luc Bondy, der die Wiener Festwochen als Intendant übernommen hatte. Das Dreigestirn lotete nun am Wiener Akademietheater recht erfolgreich die menschliche Psyche in Stücken von Tschechow, Ibsen und Strindberg aus. Als Schriftsteller Trigorin in Tschechows Die Möwe (Regie: Luc Bondy) und als Rosmer in Ibsens Rosmersholm (Regie: Peter Zadek) bescherte Gert Voss 2001 der Wiener Burg beim Theatertreffen noch mal höchste Aufmerksamkeit. Ein denkwürdiges Jahr. Neben dem Burgtheater, das viermal vertreten war, stand das BE mit Claus Peymann und seinem Richard II. zum letzten Mal auf der Einladungsliste.

Es brach die Zeit der Thalheimers, Stemanns und Puchers an. Thomas Ostermeier leitete bereits seit 1999 die Berliner Schaubühne, Frank Castorf eroberte die Wiener Festwochen mit seinen Dostojewski-Adaptionen und René Pollesch zog in den Berliner Prater in der Kastanienallee ein. Das Theater Peymanns, Zadeks und Bondys galt plötzlich als überholt und museal. Gert Voss focht das nicht an. Er verlegte sich nun weiterhin erfolgreich auf die großen Altersrollen. Er war Big Daddy in Tennessee Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach (Regie: Andrea Breth), Hauptmann Edgar in August Strindbergs Totentanz (Regie: Peter Zadek), Schillers Wallenstein (Regie: Thomas Langhoff) und natürlich bei den Wiener Festwochen 2007 ein keineswegs altersmilder, grandios irrer König Lear (Regie: Luc Bondy).

Als einer der jüngeren Garde von Regisseuren wagte als Einziger Thomas Ostermeier, mittlerweile selbst ein Regie-Klassiker seiner Generation, den Ausnahmeschauspieler zu besetzen. 2004 überstand Voss tapfer dessen etwas missglückte Inszenierung von Ibsens Baumeister Solness am Wiener Akademietheater. Hier dominierte einer die jungen Kollegen nach Belieben. Voss hatte es nie nötig, wie ein hibbelig aufgescheuchter Marc Hosemann an der Berliner Volksbühne als Castorf-Alter-Ego den nachstrebenden Talenten die Tür zuzuhalten. Ostermeier holte den 70jährigen 2011 als Herzog von Wien in Shakespeares Maß für Maß noch einmal an die Berliner Schaubühne. Und Voss hielt hier ganz abgeklärt dem jungen Schaubühnenstar Lars Eidinger (als Angelo) in leicht ironischer Art einen philosophisch gut abgehangenen Vortrag in Sachen Lebenskunde am halben Schwein.

Shakespeare, für Voss der Mount Everest unter den Autoren, bot für ihn immer Material zum Spielen und Erfinden: „Shakespeare oder wer auch immer es war, der diese Stücke geschrieben hat, hat jedes Mal, wie Kolumbus, einen Kontinent entdeckt. Und für einen Schauspieler sind seine Figuren immer neu zu entdeckende Kontinente. … Der Shakespeare hat keine Ideologie, nein. Dazu ist er zu widersprüchlich.“ gab Voss anlässlich des 450. Geburtstags des großen englischen Dramatikers im April diesen Jahres dem Wiener Stadtmagazin Falter zu Protokoll. Und es sah tatsächlich so aus, als nähme der Darsteller unzähliger Shakespeare-Rollen diese Kontinente jedes Mal fast wie im Handstreich, ganz der imaginäre, wandelbare König dieser immer wieder neu zu erschaffenden Theaterwelten.

Auf die Ära Matthias Hartmanns als Direktor an der Wiener Burg muss man hier nicht weiter eingehen. Diese ist mittlerweile selbst Geschichte und zieht bereits ganz andere als künstlerische Kreise. Das Burgtheaterehrenmitglied Gert Voss war in die Findungskommission für die neue Burgtheaterdirektion berufen. Auch Thomas Ostermeier ist ja wie der Kammerschauspieler ein ganz großer Shakespeareverehrer und ebenfalls Nestroypreisträger. Beste Voraussetzungen also für das Amt des neuen Burgtheaterdirektors? 2013 gab Gert Voss noch einmal bei den Wiener Festwochen am Akademietheater eine Glanzrolle als melancholischer, sittengestrenger Hausherr Orgon, den seine Familie unbedingt von der Niederträchtigkeit des Schmarotzers Tartuffe überzeugen will. Im Starensemble der Wiener Burg war er dabei einziger Lichtblick in Luc Bondys Molière-Inszenierung, auf den sich wie immer die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums konzentrierte.

Gert Voss in Einfach Kompliziert am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Gert Voss in Einfach Kompliziert am Berliner Ensemble – Foto (c) Monika Rittershaus

Bereits 2011 gab es zu Thomas Bernhards 80stem Geburtstag auch die längst fällige Wiedervereinigung von Gert Voss und Claus Peymann am Berliner Ensemble. In Einfach Kompliziert setzte sich Voss noch einmal die Pappkrone des Theaterkönigs auf und räsonierte ganz in Bernhard‘scher Manier über die Unzulänglichkeiten der Welt und der Künstlerexistenz schlechthin. „Wir existieren nur / wenn wir sozusagen / der Mittelpunkt der Welt sind“ heißt es da. Ganz naturgemäß eine Sucht des Schauspielers, die sich außer bei Voss für Claus Peymann selbst noch viel intensiver behaupten ließe. Es ist aber eine durchaus positive Sucht, die sich im Gegenzug auf die Sehgewohnheit und somit das Suchtverhalten der Zuschauer wie auch der Kritiker (siehe Gerhard Stadelmaier) gleichermaßen übertragen kann. Und von alten Gewohnheiten ist bekanntlich sehr schlecht wieder loszukommen. Was Gert Voss betrifft, hätten wir dieser Angewohnheit gerne noch eine ganze Weile länger gefrönt.

Zuerst erschienen am 16.07.2014 auf Kultura-Extra.

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„Les Particules élélmentaires“ nach Michel Houellebecq inszeniert vom französischen Nachwuchsregisseur Julien Gosselin und ein kleines Fazit der FOREIGN AFFAIRS 2014.

Donnerstag, Juli 17th, 2014

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20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Nach einem leicht verkorksten Start mit Ende einer Liebe von Pascal Rambert und Van den vos von FC Bergman, konnte sich das Theater-, Tanz- und Performance-Festival FOREIGN AFFAIRS unter dem Dach der Berliner Festspiele doch noch zu einigen wenigen Höhepunkten aufschwingen. Vor allem der Fokus „Musée de la danse“ um den Choreografen Boris Charmatz (u.a. 20 Dancers for the XX Century) und andere Tanzperformances wussten letztendlich das Publikum zu begeistern. Interessant wird Theater immer dann, wenn es ausgetretene Pfade, sprich die Bühne, verlässt und sich ein neues Terrain, im besten Fall den es umgebenden Stadtraum erobert. Das wusste schon Ex-HAU-Chef Matthias Lilienthal, und Boris Charmatz machte es ihm nun nach.

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz - Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Beim Flanieren auf dem geschichtsträchtigen Areal des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow konnte man seinen Tänzer dabei zusehen, wie sie allein oder in kleinen Gruppen über das weitläufige Gelände verteilt kurze Ausschnitte aus einhundert Jahren modernem Tanz performten. Von Strawinskys Sacre du Printemps über Choreografien von Pina Bausch und Merce Cunningham bis hin zu Hip-Hop und Breakdance, die Tanzgeschichte des Zwanzigsten Jahrhundert erfüllte zwei Tage lang den sonst so martialischen wie gleichermaßen sterilen Ort. Sehr passend dazu auch Reinhild Hoffmanns Performance aus den 1980ern vor in Stein gemeißeltem Stalinspruch zur Stimme Heiner Müllers, der vom Band seinen Horatier deklamierte.

Chto Delat - Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen - Foto: St. B.

Chto Delat, Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen – Foto: St. B.

So viel Ahnenverklärung an steinernen Denkmälern ist die Sache des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nicht. Sie praktizieren lieber den modernen geistigen Denkmalsturm mittels der Hinterfragung des Sinns von Monumenten zur Erinnerung an denkwürdige Ereignisse der Geschichte. Nur dumm, dass ihr großer „Paper Soldier“ von den WIENER FESTWOCHEN herübergerettet und als Anschauungsobjekt vor das Haus der Berliner Festspiele gestellt, bereits vor dem Start der Foreign Affairs nächtens abgefackelt wurde. Das gab zumindest genügend Stoff für ihre als Symposion getarnte Gesprächsperformance What is monumental today? Die Frage, wer den Brand gelegt haben könnte, stand allerdings auch etwas hinderlich vor der eigentlich wichtigeren Erörterung, wie sich eine kollektive und meistenteils vorbestimmte Erinnerungskultur in der heutigen demokratischen Gesellschaft in den Köpfen der Menschen auswirkt.

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Ein weiteres Achtungszeichen setzte das Festival dann fast am Ende mit der Vorstellung der französischen Theater-Produktion Les Particules élélmentaires. Der 1998 erschienene Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq ist in Deutschland einer breiteren Masse nicht nur durch die recht erfolgreiche Verfilmung Elementarteilchen (2006) von Oskar Roehler mit einem kleinen Starensemble (u.a. Martina Gedeck, Nina Hoss, Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen) bekannt. Auch auf den Theaterbühnen des Landes ist Houellebecq kein Unbekannter. Von Frank Castorf, der bereits im Jahre 2000 kurz nach Erscheinen des Romans eine Version an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke und Herbert Fritsch in den Hauptrollen inszenierte, bis zu Johan Simons, der 2004 am Schauspielhaus Zürich (Theatertreffen 2005) Regie führte, erfreuen sich die Elementarteilchen auch weiterhin großer Beliebtheit. Nun wurden wir mit einer französischen Variante des Stoffs beglückt.

Der 27 Jahre junge Regisseur Julien Gosselin inszenierte Houellebecqs viel diskutierten Gesellschaftsroman tatsächlich als Erster in dessen Heimatland. Das liegt sicherlich auch daran, dass Romanadaptionen eher ein Phänomen der deutschen Theaterlandschaft sind. Die Premiere fand beim großen französischen Festival d’Avignon 2013 statt. Seitdem gilt Gosselin als Shooting Star der internationalen Theaterszene und wurde mit seiner Inszenierung auch zum Festival RADIKAL JUNG 2014 nach München eingeladen. Dort gab es dann fast erwartungsgemäß den Publikumspreis. Gosselin scheint mit seiner frischen, unkonventionellen Art zeitgenössische Stoffe zu inszenieren einen Nerv getroffen zu haben. Er gibt dafür u.a. Nicolas Stemann, Jan Lauwers und Romeo Castellucci als Vorbilder an. Ersterer scheint es dem Absolventen der EPSAD in Lille in diesem Fall besonders angetan zu haben.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Auf mit grünem Kunstrasen ausgelegter Bühne sitzen auf Podesten am Rand Livemusiker und unterlegen die Inszenierung mit einem dichten Elektrosoundteppich. Genau wie bei Stemanns Theaterperformances sind hier alle Darsteller ständig anwesend und übernehmen wechselnd die Rollen der Romanfiguren. Im ersten Teil vor der Pause überwiegt dabei ein munteres Erzählen. In Solo- und Gruppenspielszenen werden die beiden Hauptfiguren und ungleichen Halbbrüder Michel (Antoine Ferron) und Bruno (Alexandre Lecroc) vorgestellt. Dabei fällt v.a. der in jeder Hinsicht sexuell immer zu kurz gekommene, vollkommen schwanzgesteuerte und tittenorientierte Bruno mit Sonnenbrille und Cowboyhut auf. Ein männliches Heteroklischee schlechthin. Ein Großteil nimmt sein verzweifelter Ausflug in ein esoterisch angehauchtes New-Age-Camp zwecks sexuell ungezügelter Beziehungsanbahnung ein.

Der zwischenmenschlich und psychisch gescheiterte Bruno findet sein kurzes Glück mit der in jeder Beziehung offenherzigen Christiane, die das Komplizierte in ihren vorherigen Beziehungen dem reinen uneingeschränkten Genuss vorzieht. Dem gegenüber steht Michel als großer Grübler in der verkorksten Familie. Die Inszenierung lässt nichts aus, um die vielen Liebschaften und Egotrips der dem uneingeschränkten Individualismus und sexuellen Selbstverwirklichungstrieb frönenden Mutter Jane inklusive ihrer komplizierten Beziehungszusammenhänge per Videoeinblendung zu beschreiben. Michel ist sexuell eher desinteressiert und widmet sich ganz der wissenschaftlich technischen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Sein verspäteter sexueller Ankerpunkt wird die Freundin aus Kindertagen, Annabell, eine vom Leben frustrierte Frau, die im ganz rational denkenden Michel ihre letzte Chance auf ein Glück mit erfülltem Kinderwunsch sieht.

Den Brüdern und ihren beiden Geliebten wird dieses Glück dann aber nicht vergönnt. Der vergängliche Körper schlägt ihnen ein Schnippchen. Anstatt sich wie Bruno in den Wahnsinn zu flüchten, geht Michel das Problem frontal didaktisch an. Wo Frank Castorf lustvoll dekonstruierte und auch spielerisch völlig überagierte, führte Johan Simons feinstes Debattier-Theater auf. Gosselins Elementarteilchen bewegen sich hier irgendwo dazwischen. Ähnlich wie die flüchtigen Bauteile der Materie zerfällt seine Inszenierung auch auffällig in zwei sehr unterschiedliche Teile. Erst ausgelassener Spaß mit Rockmusik und Slapstick, dann wieder längere Erzählpassagen mit erklärender Videounterstützung. Anders lassen sich Houellebecqs zuweilen zynische, ausufernde Gedankenschleifen wohl auch nicht bändigen. Houellebecq schlägt z.B. in einem weitschweifigen Kapitel die gedankliche Brücke vom Wiener Aktionismus über die sexuell befreiten 68er und spirituelle Atmosphäre der Hippies bis ins Zeitalter der brutalen nihilistischen Serienkiller. Gott ist tot, alles ist erlaubt. Das ist sicher schwer auf der Bühne darstellbar. Hier intoniert der verhinderte Rockstar und satanische Ritualmörder David Di Meola ein herzzerreißendes „Nights in White Satin“.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Dagegen wendet sich nun die Idee Michels, Liebe, Sex und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Der Mensch erhebt sich selbst zum Gott. Im Video spricht eine kettenrauchende Reporterfigur im Parker wie ein Houellebecq-Look-Alike mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Molekularbiologen. Das ist dann aber auch schon fast alles, was hier an den Wissenschafts- und Gesellschaftsdiskurs erinnert, den Houellebecq mit seinem Roman anstoßen wollte. Eine echte philosophische Auseinandersetzung wie zum Beispiel mit Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt scheint Gosselin dann eher doch zu scheuen. Was das nun mit der Neoliberalisierung und Ökonomisierung der menschlichen Gefühle und Beziehungen zu tun hat, erfährt man u.a. bei René Pollesch. Elend lang gerät die erzählerische Passage, die Michel nach dem Freitod der an Unterleibskrebs erkrankten Annabell nach Irland führt und dort an einem Forschungsinstitut die Grundlagen für den neuen Menschen finden lässt. Sein spurloses Verschwinden und die späteren Diskussionen beim Aufgreifen seiner Theorien werden im Schnelldurchlauf und wieder per Videoeinspielung abgehandelt.

Das Problem an Gosselins Inszenierung ist aber, dass es Houellebecq durchaus ernst meint, mit seiner These eines geklonten Menschen ohne Liebesproblemchen und Sinnkrisen. Das scheint auch Gosselin zu wissen und schiebt daher einen Epilog nach, in dem die den Göttern gleichen neuen Menschen 2076 von der Bühne der immer noch stattfindenden FOREIGN AFFAIRS mildtätig auf die Art dem Affen ähnlichen Menschen, die sie bereits hinter sich gebracht haben, herunter blicken und uns zuprosten. „Dieses Bühnenstück ist dem Menschen gewidmet.“ kann man dazu auf der Videoleinwand lesen. Wie schön zu wissen. Aber leider kommt dadurch auch alles Vorangegangene doch wieder einem lustigen Kindergeburtstag näher als einer ernst zu nehmenden Auseinandersetzung mit Houellebecqs Roman. Und dennoch ist das darstellerisch bei Weitem noch das Beste, was die FOREIGN AFFAIRS von Matthias von Hartz in diesem Jahr in Sachen Schauspiel zu bieten hatten.

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Alles in allem ein auserlesenes und sicher auch aufwendig arrangiertes Programm, das leider zwischen dem Ende der langen Theatersaison und dem bald anstehenden TANZ IM AUGUST etwas ungünstig terminiert wirkt. Und warum das Ganze überhaupt eines eigenen Festivals bedarf, weiß nach drei Jahren FOREIGN AFFAIRS, zwei davon kuratierte bisher Matthias von Hartz, so recht auch immer noch keiner. Der Performance-Wanderzirkus der immer gleichen Gesichter gastiert immerhin auch jährlich am Berliner HAU. Da bedarf es wohl noch einiger guter Argumente und Optimierungsvorschläge mehr, um die FOREIGN AFFAIRS endgültig dauerhaft im Berliner Kulturkalender und dem Gedächtnis sowie in der Wahrnehmung  eines breiteren Publikums zu etablieren.

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Elementarteilchen / Les Particules élélmentaires
nach Michel Houellebecq
Eine Produktion von Si vou pouviez lécher mon coeur
Regie und Bühnenbild: Julien Gosselin, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Ton: Julien Feryn, Musik: Guillaume Bachelé, Kostüm: Caroline Tavernier.
Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Carine Goron, Alexandre Lecroc, Caroline Mounier, Victoria Quesnel, Tiphaine Raffier.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

Zuerst erschienen am 15.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil1): Das Finale des TFF Rudolstadt – Die 24. Ausgabe des Tanz und Folkfests brachte Samba, Magic Bass, Bands aus Tansania und jede Menge gut abgehangener Gitarrenmusik.

Donnerstag, Juli 10th, 2014

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Samba de Roda - Foto: St. B.

Samba de roda do Dona NicinhaFoto: St. B.

Das war es mal wieder, das 24. TFF Rudolstadt ist Geschichte. Vier Tage voller Musik, Tanz und Sonne satt. Das brachte dem Festival trotz großer Konkurrenz durch die Fußball-WM mit 87.300 fast 1.800 Besucher mehr ein als im letzten Jahr. Und da wir schon bei den Zahlen sind – beim sommerlich heißen Wetter flossen immerhin 25.000 Liter Bier so manch durstige Kehle hinunter. Es ist sicher müßig, die Zahl der vertilgten Thüringer Rostbratwürste zu erwähnen, und so sei es dann auch genug mit der Statistik. Den nüchternen Zahlen und Fakten stand wiedermal jede Menge lebendiger, vielfältiger Musikkultur aus allen Teilen der Welt gegenüber.

Tänzer von Mercan Dede - Foto: St. B.

Tänzer von Mercan DedeFoto: St. B.

Besonders der afrikanische und lateinamerikanische Kontinent wussten mit dem Länderschwerpunkt Tansania sowie Bands aus Mexico, Chile und Brasilien zu überzeugen. Die brasilianischen Sambagruppen wie Samba de roda do Dona Nicinha oder Ailton Silva + Aja Brasil brachten nicht nur das Publikum im Tanzzelt zum Schwitzen. Nachdem Freitag schon die Chilenen um die Sängerin Kali Mutsa durchstarteten, mixte am Samstag das Mexican Institute of Sound unter DJ und Produzent Camilo Lara auf der Konzertbühne im Heinepark traditionelle kolumbianische Cumbia mit Dub- und modernen Elektrobeats aus Mexico-City. Anschließend verzauberte zu später Stunde der türkische Künstler Mercan Dede mit seiner Band das Publikum vor der großen Bühne im Heinepark. Der in Kanada lebende DJ und Musiker brachte zu traditionell orientalischer Musik Tänzer auf die Bühne, die sich z.B. auch zu meditativen Klängen im Gewand eines türkischen Derwischs drehten. Ein Zusammentreffen von moderner, körperbetonter Choreografie mit mystischen Sounds, Breakbeats und viel Kunstnebel.

Kaya Baikoko - Foto: St. B.

Kaya BaikokoFoto: St. B.

Ufunuo Muheme Group - Foto: St. B.

Ufunuo Muheme Group – Foto: St. B.

Bei den zahlreich erschienenen Bands aus dem ostafrikanischen Tansania fiel vor allem die rein weiblich besetzte Ufunuo Muheme Group mit ihrer von Djembés und Gesang begleiteten Tanzshow auf. Die traditionelle Trommel ist immer noch eines der bestimmenden Rhythmusinstrumente in der Musik Afrikas. Aber auch andere Klänge mischen sich zunehmend in den elektrisierenden Sound der Musikszene v.a. in und um die Großstadtmetropole Dar es Salaam. Von dort kommen Kazimoto, die ihren scheppernden Casio-Sound mit Schlagzeug, treibendem Bass und den Elektrosamples und-loops der beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkten. Absolut tanzbar ist auch der Baikoko, der sich in den 90er Jahren als Partysound in den Straßenbars von Dar es Salaam entwickelt hat. Davon konnte man sich noch einmal am Sonntagnachmittag akustisch und vor allem auch visuell bei den aufreizenden, fast artistischen Einlagen der Musiker und Tänzerinnen von Kaya Baikoko im Park überzeugen.

Kazimoto & Gebrüder Teichmann - Foto: St. B.

Kazimoto & Gebrüder TeichmannFoto: St. B.

Was sich an den ersten beiden Festivaltagen angedeutet hatte – zur Halbzeitbilanz waren v.a. gitarrenlastige Acts bestimmend – setzte sich am Samstag und Sonntag fort. Und das ist nach Jahren der Fiedeldominanz durchaus die Überraschung des Festivals. Neben dem speziell vorgestellten Magic-Instrument des Jahres, dem Bass, erobert sich die Gitarre nicht nur die Rock- sondern auch die Folkmusik zurück. Hierbei besonders hervorzuheben sind die umjubelten Auftritte der englischen Band Fink am Freitag und das Comeback von Judith Holofernes, Frontfrau der Berliner Band Wir sind Helden. Nach einer kleinen Pause auf dem heimischen Sofa, die die Sängerin nicht nur zum Schreiben lustiger Tiergedichte genutzt hat, meldete sie sich am Samstagabend stimm- und soundgewaltig mit neuer Band nach dem Motto: „Platz da!“ auf der großen Bühne des Heineparks zurück.

Judith Holofernes - Foto: St. B.

Judith HolofernesFoto: St. B.

Silver Sepp  Foto: St. B.

Silver Sepp
Foto: St. B.

Wem das etwas zu poppig war, der konnte am Rande in der Stadt zum Beispiel beim Instrumentenbastler und witzigen Soundtüftler Silver Sepp fündig werden. Der Este musizierte auf einem aus einem Baumstamm gebauten Bass, trommelte auf einem alten Fahrradreifen und entlockte zusammengesteckten Abwasserrohren so manchen Klang, den er auch noch elektrisch verstärkt loopte. Auf der Heidecksburg war am Sonntagnachmittag eine Dame zu erleben, die englische Folkgeschichte geschrieben hat. Die Sängerin June Tabor gab ihr einziges Konzert in diesem Jahr gemeinsam mit der Oysterband, den Altmeistern der Folkszene auf der britischen Insel um Sänger John Jones. Es wurden neben englischen Traditionels und eigenen Stücken auch Coverversionen bekannter Songs von Bob Dylan, Fleetwood Mac, Velvet Underground, Joy Division und PJ Harvey gespielt.

June Tabor & Oysterband - Foto: St. B.

June Tabor & OysterbandFoto: St. B.

Bei RUTH-Verleihung am Samstagabend auf der Heidecksburg brachte TFF-Preisträger Rainald Grebe sein komödiantisches Talent unter Beweis und konnte, wie schon vor einiger Zeit in Rudolstadt, mal wieder Volkslieder singen. Außerdem waren die Nachwuchspreisträger Liloba aus Leipzig zu sehen. Die Band macht das, was man im weitesten Sinne als Fusionsound bezeichnen würde. Der Leipziger Elektroniker Rafael Klitzing an den Turntables sowie als gemischtes Gesangsduo die Belgierin Elsa Grégoire und der Kongolese Pierre Kalonji Tumba bringen die Stile des französischen Chansons und der afrikanischen Beats mit moderneren Clubsounds zusammen. Einen fast noch interessanteren Mix haben die Hauptpreisträger der RUTH AlpenKlezmer zu bieten. Auch wenn man nicht alles versteht, die traditionell jüdische Musik mit bayrischem Gesang darzubieten ist in jedem Fall preisverdächtig und in diesem besonderen auch noch umwerfend witzig.

Alpenklezmer - Foto: St. B.

AlpenKlezmerFoto: St. B.

Zum Finale des Tanz und Folksfests am Sonntagabend auf der großen Bühne im Heinepark wurden dann wieder die Gitarren rausgeholt. Die aus Österreich stammenden Russkaja, was man stiltechnisch auch Rus Ska Ja! buchstabieren könnte, spielten ihr hartes Brett mit Bläsersektion und nacktem Oberkörper. Sänger Georgij Makazaria, einziger echter Russe im Team und wiedererstandener Ivan Rebroff der Speed-Metal-Polka animierte und formierte das Volk vor der Bühne zum großen Kollektiv. Es gab ein treibendes Ringelspiel, genannt Psychotraktor, immer wieder Wassergüsse fürs schwitzende Publikum und einige Lektionen in russischer Sprache. Da kann unsereins aus dem ehemaligen Osten noch ganz gut mithalten. Dass es dann auch irgendwann zu Ende ging, wollte mal wieder keiner so richtig wahr haben. Und so mussten, wie bereits in den letzten Jahren, die Plastikmüllcontainer im Park bis weit in die Nacht als strapazierfähige Ersatzpercussions herhalten.

Russkaja - Foto: St. B.

RusskajaFoto: St. B.

Russkaja Foto: St. B.

Russkaja
Foto: St. B.

Ganz zum Schluss noch ein Ausblick ins Jubiläumsjahr. Das 25. TFF Rudolstadt findet vom 2. bis 5. Juli 2015 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Norwegen. Die Skandinavier haben bekanntlich eine sehr rege und innovative Folkszene. Passend dazu werden der traditionelle Volkstanz Halling und andere norwegische Tänze vorgestellt. Das Magic-Instrument 2015 ist die Cister (auch Zitter oder Laute), ein altes deutsches Saiteninstrument und Vorläufer der Gitarre. Also dann bis zum nächsten Jahr in Rudolstadt.

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Zuerst erschienen am 09.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil1): TFF Rudolstadt 2014 – Halbzeitbericht vom 24. Tanz und Folk Festival

Mittwoch, Juli 9th, 2014

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Bei schönstem Sonnenschein begann am 3. Juli das 24. Tanz und Folkfestival Rudolstadt. Am Donnerstagabend stimmten Rolf Stahlhofen (Söhne Mannheims) and Friends das bereits zahlreich erschienene Publikum mit ihrem Water Is Right-Project musikalisch bestens ein. Die Organisation setzt sich für die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser vor allem in Afrika ein. Eine an der Saale installierte Waterbox demonstrierte das System und lud zu einem sauber aufbereiteten Saale-Drink.

Water Is Right - Rolf Stahlhofen Foto: St. B.

Water Is Right – Rolf Stahlhofen
Foto: St. B.

Das Tanzbein wurde wieder kräftig zu Sambaklängen von Ailton Silva & Aja Brasil im Tanzzelt geschwungen. Nach einem Ausflug zu Rootsreggae mit französischer Akkordeonmusik von Winston McAnuff & Fixi auf der Konzertbühne gab es noch das volle Brett mit dem japanischen Orchester Turtle Island, die auf der großen Bühne im Heinepark munter traditionelle Instrumente und Rhythmen ihrer Heimat mit westlichen Gitarrenpunk mixten. Bis gegen 1:30 Uhr schallten die Riffs, Trommel- und Flötentöne bis über den bereits gut gefüllten Zeltplatz an der Saalewiese.

Turtel Island - Foto: St. B.

Turtel IslandFoto: St. B.

Emsiges Treiben herrschte auch am Freitagmorgen in der Innenstadt, wo Marktstände, Straßenmusiker und Instrumentenbauer zum Bummeln oder Verweilen einluden. Auf der Heidecksburg eröffneten Kazimoto aus Dar es Salaam den Tansania-Schwerpunkt. Ihr rhythmischer und als „African-New-Wave“ bezeichneter Sound wird am Samstagabend noch durch die beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkt. Erste Mutige trotzen bereits der heißen Mittagssonne und wagten sich zum Tanzen aus dem schützenden Schatten.

Annuluuk - Foto: St. B.

AnnulukFoto: St. B.

Beim Creole-Bundeswettbewerb junger Weltmusikgruppen bezauberten Annuluk auf der Bühne der Burgterrasse und empfahlen sich schon mal als mögliche Preisträger. Zumindest der Publikumspreis könnte ihnen sicher sein. Die Tradition alter Bluesbarden setzte anschließend „Mr. Bojangles“ David Bromberg in Begleitung von Mark Cosgrove fort. Der Gitarrist aus Philadelphia hat bereits mit bekannten Größen wie Bob Dylan, Jerry Garcia oder Willi Nelson auf der Bühne gestanden. Er bot zur Freude der Fans einige Klassiker der Folk- und Bluesmusik dar.

David Bromberg - Foto: St. B.

David BrombergFoto: St. B.

Wem das zu viel Oldie oder zu wenig groovye war, dürfte bei einer anderen Gitarrenlegende im Heinepark bestens aufgehoben gewesen sein. Dort spielte die New Yorker Underground-Legende Arto Lindsay (u.a. Ex-Lounge-Lizards) mit brasilianischer Begleitung munter gegen die um sich greifende Fußballhysterie an, ließ sich aber gern die Zwischenergebnisse des Matchs Deutschland gegen Frankreich vom Publikum durchsagen. Seine Brasilianer mussten ja später am Abend auch noch gegen Kolumbien ran. Bis dahin vertrieb er den Fußballverweigerern vor der großen Bühne mit schrägen Gitarrenriffs, Feedback, Free- und Latinjazznummern vor hervorragend die Zeit bis zum nächsten Act.

Arto Lindsay - Foto: St. B.

Arto LindsayFoto: St. B.

Der folgte mit den Black Warriors auf der Konzertbühne, eine weiterer afrikanische Rhythmussektion vom Tansaniaschwerpunkt. Dass englische Folkbands nicht nur fiddeln können, sondern auch ganz gut an der Gitarre sind, bewies Finian Paul Greenall mit seiner Band Fink aus Brigthon, eigentlich eine Hochburg des britischen Triphops. Ihr melancholischer, gut harmonisierender Gitarrenrock und Greealls Stimme erinnern entfernt an einen entschleunigten Bono Vox von U2 (allerdings ohne nervenden Bombasthall und Mitsinghymnen), nimmt seine Anleihen aber auch im amerikanischen Slowfolk des Süd- und Mittelwestens.

Fink - Foto: St. B.

Fink – Finian Paul Greenall
Foto: St. B.

Auf der Konzertbühne landete dann spät am Abend noch ein UFO, dem vier crazy Gippsys aus Chile (!) entstiegen. Die Band um die schillernde Sängerin Kali Mutsa (eine Barbarella auf Speed) mischt Elektronik mit lateinamerikanischen Rhythmen der Andenregion und europäischen Balkanbeats. Etwas störend dabei nur, dass mindestens die Hälfte des Sounds aus der Konserve kam und die große Ligtht und Videoshow etwas unterging. Auf jeden Fall war das tanzbar, wie auch der nächste Tansania-Act auf der großen Bühne im Heinepark. Segere Original schwangen ihre Hüften und Baströckchen bis weit nach Mitternacht.

Kali Mutsa - Foto: St. B.

Kali Mutsa Foto: St. B.

Höhe- und Schlusspunkt des zweiten Tags beim TFF war aber mit Sicherheit das indische Tanztheater Mudiyetto aus Kerala. Hier wurde vor der Konzertbühne ein mythisches Ritual vollzogen. Zu unablässigem Bangra-Trommelfeuer kämpfe in traditioneller Kostümierung (u.a. ein weit ausladender Kopfputz und furchterregende Masken) zu Ehren von Kali der Dämon Darikan gegen die indische Gottheit des Todes, der Zerstörung, aber auch der Erneuerung. Ein Spektakel, das die Zuschauer ganze 2 ½ Stunden bannte.

Mudiyettu - Foto: St. B.

MudiyettuFoto: St. B.

Am Samstag geht das Geschehen auf den vielen Bühnen des Festivals weiter. Es stehen noch, nun bei angenehmeren Temperaturen, bis zum Sonntagabend weitere heiße Acts wie z.B. von Judith Holofernes (Wir sind Helden), Mercan Dede, June Tabor & Oysterband, die Verleihung des Ruth-Weltmusikpreises auf der Heidecksburg sowie zum Abschluss die österreichischen Russkaja im Heinepark an. Aber auch am Rande wartet wie immer noch so manches Interessantes auf seine Entdeckung.

Abschlussbericht TFF 14 hier!

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Das TFF auf der Heidecksburg - Foto: St. B.

Das TFF auf der Heidecksburg
Foto: St. B.

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www.tff-rudolstadt.de

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Zuerst erschienen am 05.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Das 24. Tanz und Folk Festival Rudolstadt findet wieder vom 3. bis 6. Juli 2014 statt.

Donnerstag, Juli 3rd, 2014

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(c) TFF Rudolstadt

(c) TFF Rudolstadt


Das TFF Rudolstadt geht 2014 vom 3. bis 6. Juli bereits zum 24. Mal über die mehr als 20 Bühnen der kleinen Ostthüringischen Stadt. Von Donnerstagabend an werden an vier Festivaltagen wieder über 160 Bands aus rund 35 Ländern bei mehr als 200 Konzerten auf Deutschlands größtem Roots-Folk-Weltmusik-Festival Deutschlands auftreten. Neben Größen der internationalen Roots-, Folk- und Weltmusik Szene wie Judith Holofernes, David Bromberg, June Tabor & Oysterband, Arto Lindsay, Fink oder Mercan Dede haben sich bei einem Länderschwerpunkt TANSANIA Bands aus Dar es Salaam und SanSibar zum Thema Mambo Moto Moto angekündigt. Das Magische Instrument ist dieses Jahr von Kontrabass bis Tuba der Bass und passend zur Fußball-WM in Brasilien tanzt man die verschiedenen Spielarten der Samba.

Am Samstag wird wieder traditionell auf der Heidecksburg der Deutsche Weltmusikpreises „RUTH“ verliehen. Der Hauptpreis geht an die bayrische Band Alpen Klezmer, der Förderpreis an die Leipziger Musiker von Liloba. Die TFF-Sonder-RUTH erhält der Kölner Sänger, Kabarettist unf Theaterregisseur Rainald Grebe und die Ehrenruth geht an die langjährige Organisatorin des Festivals deutsches Volkslied und Mitglied des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg Barabara Book. Auf der Burgterrasse finden am Freitag, Samstag und Sonntag die Finalkonzerte des Global Music Contests „Creole“ mit insgesamt 13 Kandidaten aus allen Bundesländern statt. Die Sieger werden im Laufe des Abschlusskonzertes am Sonntag auf dem Marktplatz bekannt gegeben. Im Rahmenprogramm des Festivals findet u.a. das alljährliche Kinderfest im Heinepark statt. Es gibt ein Instrumentenbauzentrum, die saalgärten-After-Hour, diverse Workshops, Diskussionen und Ausstellungen sowie ein umfangreiches Straßenmusikprogramm in den Altstadtgassen.

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Die TFF-Bühne im Hof der Heidecksburg – Foto: St. B.

Gleich zu Beginn gibt sich das TFF diesmal sogar politisch. Am Donnerstag um 21:00 Uhr startet das Festival im Heinepark mit einem Auftakt-Konzert, das sich dem Engagement für sauberes Trinkwasser in der Welt widmet. „Water Is Right“ ist ein Projekt von Rolf Stahlhofen, Mitgründer der „Söhne Mannheims“, mit Kollegen aus Mannheim, der Band um „Gentleman“ und internationalen Gästen. Also dann wie immer ein Wunsch für gutes Wetter, weniger Wasser von oben sowie viel Spaß und Erfolg allen Teilnehmer und Besuchern.

weitere Infos unter: www.tff-rudolstadt.de

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„Hans im Glück“ und „Fatzer“ – Das Berliner Ensemble inszenierte in dieser Spielzeit zwei Fragmente des jungen Bertolt Brecht.

Mittwoch, Juli 2nd, 2014

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Geglückt – Nun gräbt endlich auch das Berliner Ensemble das faule Ei des jungen Bertolt Brecht wieder aus. Im Pavillon inszeniert Sebastian Sommer „Hans im Glück“.

„,Hans im Glück mißlungen‘, ein Ei, das halb stinkt.“ ist im September 1920 die vernichtende Selbsteinschätzung des aufstrebenden Jungdramatikers Bertolt Brecht. Sagt`s und vergräbt das ungeliebte Fragment in der untersten Schublade seines Schreibtischs. Da liegen bereits zwei Fassungen des Baal, dem er sich nun wieder verstärkt widmen sollte. Mag die ungebrochene Erfolgsgeschichte dieses radikalen, expressionistischen Frühwerks auf den Bühnen der Welt dem Dichter auch Recht geben, so ist das verschmähte Ei dann doch nicht ganz so faul, wie es der zum schnellen Erfolg Verdammte damals in seinem Kämmerlein postulierte. Nach der verspäteten Premiere zum 100. Geburtstag Brechts am Thalia Theater Hamburg noch relativ unbeachtet, fand die Adaption des Märchenstoffs der Brüder Grimm sogar ihren Weg bis ins französische Montpellier und von dort über den Thespiskarren des Ton und Kirschen Wandertheaters wieder zurück in brandenburgische Gefilde.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Das volkstümlich Zirzensische ist dem Stück auch direkt eingeschrieben. War der junge Brecht doch dem Volksschwank nicht ganz abgeneigt und hatte bereits 1919 einige solch derb frivoler Einakter verfasst. Mit dem Münchner Komödianten Karl Valentin verbannt ihn eine gegenseitig befruchtende Freundschaft. Die Inszenierung des Ton und Kirschen Wandertheaters im letzten Jahr auf den Havel-Wiesen in Werder betonte dann auch das märchenhaft Spielerische wie derb Komödiantische der Brecht’schen Parabel und war damit ein voller Publikumserfolg. Bereits Anfang März hat Sebastian Sommer, Regieassistent am Berliner Ensembles und mit Erfahrung fürs performative Theater, Hans im Glück im Pavillon des Berliner Ensembles neu eingerichtet.

Hanne: Jetzt gehst du wegen mir von deinen Besitztümern fort!
Hans: Aber es ist so schön, so zu gehen!

Hans (Peter Miklusz) ist der Grundtyp des zufriedenen Menschen. Er kann auch der übelsten Wendung im Leben noch etwas Positives abgewinnen. Wie ihm auf seiner Reise auch mitgespielt wird, sein Blick geht immer voraus. Seine Sehnsucht gilt allein den Sternen und seiner einzigen Liebe Hanne. Wenn man Zufriedenheit mit Einfalt gleichsetzen will, dann ist Hans dies im besten Sinne. Seine Frau Hanne (Antonia Bill) bezeichnet ihn dann auch als einen etwas dummen, aber guten Mann. Hanne wird Hans an den schlauen Herrn Feili (überzeugend Matthias Mosbach) verlieren, der die Lust in ihr weckt und Hans dazu beim Schnaps noch ein paar Schuldgefühle einredet. Aber auch so lebt es sich für den noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans bei fahrenden Händlern sein marodes Haus gegen einen Wagen mit Pferd und die Freiheit in die Welt zu ziehen.

Und so geht es im Reigen der Tauschgeschäfte munter weiter. Hans kommt stets an die falschen Leute, Frauen oder einen dubiosen Freund (wieder Matthias Mosbach), und lässt sich ein ums andere Mal einwickeln. Erst ist der Gaul weg, dann tauscht er den Wagen gegen den Traum vom eigenen Karussell. Anke Engelsmann als lüsternes Karussellweib wirft sich dabei in ganzer Größe und Überzeugungskunst über den armen Hans. Das Karussell besteht aus von der Decke hängenden Hasen, Hühnern, Schafen und Glücksschweinen, die sich wie wild im Kreis drehen lassen. Das Spiel in der kleinen Guckkastenbühne des Pavillons geht von Anbeginn ungeniert ran ans Stück und flott von Station zu Staion. Eine kleine Zwei-Mann-Combo bläst dazu dem Marsch und jazzt sich durch ein paar frühe Brechtgedichte à la Man muß schon Schnaps getrunken haben.

HANS IM GLÜCK Marina Senckel, Matthias Mosbach, Felix Tittel, Peter Miklusz, Marko Schmidt, Anke Engelsmann - Foto: Lucie Jansch

HANS IM GLÜCK Marina Senckel, Matthias Mosbach, Felix Tittel, Peter Miklusz, Marko Schmidt, Anke Engelsmann – Foto: Lucie Jansch

Draußen tobt der Karnevalswahnsinn im StäV am Schiffbauerdamm und im Pavillon fliegen dazu Konfetti und Luftschlangen auf die Bühne. Dass das Stück auch seine stillen Momente hat, könnte man dabei glatt vergessen. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt die aufmerksame Regie. Der Umschwung kommt mit der Rückkehr der nun schwangeren Hanne, und Hans beginnt sofort, sich wieder um sie zu sorgen. Doch auch die mit dem Körper und der Aufgabe des lustigen Rummellebens bezahlte Gans können Hanne nicht vorm Gang in den schwarzen Fluss bewahren. Hans verliert Geliebte und Gans, gibt sein letztes Hemd her und gerät schließlich durch die guten Ratschläge des Freundes auf Abwege.

Was Hans bei allem nicht verliert, ist seine Vorstellung vom Glück jenseits der materiellen Werte. Womit er schon damals, ob nun bewusst oder unbewusst, außerhalb der Gesellschaft steht. Ihm begegnen auf seinem Weg Gauner, Bettler, Verbitterte, Huren und Halsabschneider. Sebastian Sommer lässt sie in phantasievollen Kostümen und Masken an uns vorbeidefilieren. Marina Senckel, Felix Tittel, Marko Schmidt und Peter Luppa geben in wechselnden Rollen einige dieser Existenzen. Das ganze Panoptikum der Verhältnisse, von denen Brecht später in seiner Dreigroschenoper singen lassen wird. Das kein Mensch in ihnen gut sein könne, ohne dabei vor die Hunde zu gehen, ist wohl die erste Lehre, die Brecht hier ziehen wollte. Weitere sogenannte Lehrstücke folgten. Diese kleine Mär vom Rennen nach dem Glück, das einem ja bekanntlich immer hinterherrennt, war dem späteren Meister wohl etwas zu sentimental. Als Fazit dieser kurzweiligen Inszenierung lässt sich aber durchaus behaupten: Hans im Glück, ein Ei, das beglückt. Zumindest für 90 Minuten hier im Pavillon des BE.

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Hans im Glück
von Bertolt Brecht
im Pavillon des BE (03.03.2014)
Premiere war am 01.03.2014

Regie: Sebastian Sommer
Bühne und Kostüm: Marie-Elena Amos
Musik: Martin Klingeberg, Matthias Trippner
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Peter Miklusz, Antonia Bill, Matthias Mosbach, Marina Senckel, Anke Engelsmann, Felix Tittel, Marko Schmidt, Peter Luppa, Musiker: Martin Klingeberg, Matthias Trippner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.berliner-ensemble.de

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

Bertolt Brecht

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Missglückter Untergang des Egoisten Johann Fatzer – Das Fragment von Bertolt Brecht in einer Fassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Es gibt da dieses Interview, das Manfred Karge und Matthias Langhoff anlässlich ihrer Inszenierung  des Fatzer-Fragments von Bertolt Brecht 1978 am Hamburger Schauspielhaus mit dem Spiegel geführt haben.Sie hatten damals für eine Aufführung an der Ost-Berliner Volksbühne die Rechte von den Brecht-Erben nicht erhalten und die Einladung nach Hamburg dankend angenommen. Das damals als recht radikal bekannte Regie-Duo wehrte sich hiermit gegen den, so Langhoff wörtlich, „Trend zur Konservierung“, der ihrer Meinung nach v.a. auch an der Institution Berliner Ensemble (durch dessen museale Praktiken v.a. mit Werken von Brecht) vorherrschte. Das liest sich dann heute wie ein Treppenwitz in der Theatergeschichte, denn: Der Anachronismus scheint so aktuell wie nie, weil das BE mit seinem Künstlerintendanten Claus Peymann (und eben auch mit dem dort angestellten Manfred Karge) in ihm anhaltend verharrt.

Aber vielleicht liegt das auch an der Eigenart des Hauses, das von Brecht über Weigel und Berghaus bis zu Wekwerth (der dann ebenfalls in 1987 „seinen“ Fatzer inszenierte) immer von so großen Theater-PatriarchInnen geführt wurde, bis es nach der Wende von einem Regisseurskollektiv unter Peter Zadek und Heiner Müller übernommen wurde. Ihnen folgte bekanntlich 1999 Claus Peymann von der Wiener Burg. Der Versuch der Kollektivierung der Brechtbühne scheiterte übrigens auch am Ego der sehr unterschiedlichen Regisseure. Womit wir wieder beim Egoisten Johann Fatzer sind. Die Spielfassung zu Karge/Langhoffs Hamburger Inszenierung von 1978 lieferte den Beiden ausgerechnet jener Heiner Müller. Und wenn man über eine heutige Fatzer-Inszenierung spricht, hat man es dann meist auch mit Müllers Stückfassung zu tun. Müller hielt Brechts Fatzer gar für einen Jahrhunderttext. Es ist in jedem Falle einer seiner politischsten und immer noch aktuellsten. Grundsätzlich ging es in Heiner Müllers Bearbeitung um die Auseinandersetzung mit dem Terrorismusproblem in der (alten) Bundesrepublik, was nachgerade ein gesamtdeutsches Problem geworden war – wie wir fast 25 Jahre nach der Wende wissen. Also die Staatsgewalt der BRD gegen die Gewalt sich radikalisierender linker Gruppierungen wie der RAF.

Untergang des Egoisten Johann Fatzer Joachim Nimtz Foto (c) Lucie Jansch

Untergang des Egoisten Johann Fatzer
Joachim Nimtz
Foto (c) Lucie Jansch

In Karges Neuinszenierung vom Untergang des Egoisten Johannes Fatzer am BE wird es jetzt ein Memorial-Abend zum Jahrestag des Ersten Weltenbrandes in Sachen: Nie wieder Krieg! Das ist aller Ehren wert und auch sehr stimmig, deckt doch Brechts Fatzer-Fragment in lose aufeinanderfolgenden Szenen anhand einer aus dem Ersten Weltkrieg desertierten vierköpfigen Panzerbesatzung inklusive des vorrevolutionären, außerparlamentarischen Klassenkampfs diese Thematik sehr gut ab. Und das aus der Erfahrung des damals linksintellektuellen Autors Brecht mit der Weimarer Republik, in der sich in den 1920er Jahren rechts- und linksradikale Gruppierungen offen gewalttätig geführte Kämpfe lieferten. Im Programmheft, das auch die Textfassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich enthält, wird, ganz am Ende versteckt, Hans Magnus Enzensbergers Glosse „Die Schrecken der Weimarer Republik“ aus Hammerstein oder der Eigensinn – Eine deutsche Geschichte abgedruckt. Dies scheint der einzige Bezugspunkt und Kommentar von Karges Inszenierung zu sein. Zur Fassung Heiner Müllers grenzt man sich weitestgehend ab, was schon im Titel der Wegfall des einleitenden Artikels „Der“ bezeugt.

Ins Auge sticht zunächst die von Karl-Ernst Herrmann aus lauter Totenschädeln gestaltete Bühne. Er ist der Zweite im Produktionsteam des BE, der mit Brechts Fatzer schon mal Bekanntschaft geschlossen hatte. Für die Uraufführung von Frank-Patrick Steckel 1976 an der Berliner Schaubühne gestaltete er die Bühne u.a. mit einem Ungetüm von Kettenpanzerwagen. Über Herrmanns Endzeitlandschaft im BE trippelt nun zunächst Ursula Höpfner-Tabori vorsichtigen Schritts, als suche sie nach einem ihr bekannten Gesicht unter diesem Meer aus Schädeln. Sie bringt die erste einleitende Chorpassage: „War ein Krieg aller Völker / Welche sich eingruben…“, und dementsprechend kriechen hier die vier Soldaten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann unter Gasmasken nicht etwa aus einem Tank, sondern aus einem großen Loch inmitten der Schädel. Ein durchaus beeindruckendes Bild, passend dem Vergleich der Vier für ihre Wiedergeburt, aus dem sich aber im Folgenden nichts weiter ergibt als zusätzlicher Raum für Auf- und Abgänge.

Die umgebenden Bühnenwände sind als Tafeln gestaltet, an die Fatzer (Joachim Nimtz) dann auch schulmäßig seine Theorie der zwei Linien, zwischen denen sich die vier befinden, malen kann. Die eine Linie für „Soldaten wie ich, aber der Feind“, und die andere für „die ist hinter mir, … Das ist die, die uns herschicken, das ist die Burschoasie.“ Die Fronten sind klar abgesteckt. Die Deserteure liquidieren also unter Fatzer ganz spontan den Krieg und begeben sich nach Mülheim an der Ruhr in die Wohnung des schlichten Kaumann (Thomas Wittmann), um dort das Ende des Kriegs und den Beginn der Revolution abzuwarten. Manfred Karge hat eine recht geradlinige Szenenabfolge gewählt, die die Geschichte stringent und nachvollziehbar vom Anfang bis zum bitteren Ende erzählt, ohne groß in kommentierende Chöre und Seitenstränge abzuschweifen, außer einem Mummenschanz-Ballett von preußischen Generälen, die, wie aus einem Bild von George Grosz entsprungen, über die Schädel tänzeln.

Untergang des Egoisten Johann Fatzer - Matthias Zahlbaum, Roman Kaminski, Thomas Wittmann, Ursula Höpfner-Tabori Foto (c) Lucie Jansch

Untergang des Egoisten Johann Fatzer – Matthias Zahlbaum, Roman Kaminski, Thomas Wittmann, Ursula Höpfner-Tabori – Foto (c) Lucie Jansch

Brecht hat aber vor die Revolution noch das Problem des Fressens gesetzt. Und so wird die Proviantbeschaffung der Truppe zur wirklichen Zerreißprobe. Die Ausflüge Fatzers bringen alle um die schon sicher geglaubte Nahrung. Nimtz spielt seinen Egoisten als bauernschlauen Individualisten – eher ein proletarischer Baal als politischer Anarchist, der ohne die anderen besser dran wäre, sich aber aus lauter Gewohnheit in die Gemeinschaft fügt, die im Intellektuellen Koch (Roman Kaminski) schnell ihren Ideologen und im Mitläufer Büsching (Mathias Zahlbaum) ihren Vollstrecker („…der Mensch ist der Feind und muß aufhören.“) findet. Der Rest ist ein Panoptikum aus Kriegsanekdoten am laufenden Band mit blutrünstigen Fleischern, Rinderhälften, Schiebern, Huren und Kriegsgewinnlern. Warum die Revolution scheinbar nicht funktioniert oder eben nur in vereinzelten gewaltsamen Schüben, muss – wer kann – aus Text und Handlungsgerüst erahnen. Mit den unlösbaren Widersprüchen in der Fatzerfigur, die Brecht schon zur Aufgabe des Fragments bewegten, weiß Karge sichtlich nichts anzufangen. Er lässt unbeirrt vom Blatt spielen. Alle abnickbaren Schlagworte werden dabei frontal ins Publikum gesprochen.

Auf die Ausübung staatlicher Gewalt, wie etwa noch in der modernisierten Inszenierung Fatzer Fragment / Getting Lost Faster des Teatro Stabile Turin, die als Gastspiel 2012 an der Berliner Volksbühne zu sehen war (dankenswerter Weise gibt das Programmheft des BE einen kleinen geschichtlichen Abriss der wichtigsten Fatzer-Inszenierung seit 1976), geht Karge am BE gar nicht erst ein oder setzt sie vielleicht auch als gegeben voraus. Das Thema ist aber so aktuell, dass es einen aus den Medien fast schon anspringt. Gerade etwa tobt eine Debatte über die Angemessenheit einer Kritik an Bundespräsident Joachim Gauck bezüglich seiner Äußerung, Kampfeinsätze der Bundeswehr im Ausland nicht mehr von vornherein auszuschließen. Nichts anderes macht die Bundesregierung seit Jahren. Gauck liefert lediglich neue Munition als Aufmunterung an die deutschen Politiker, dies nun endlich auch entsprechend parlamentarisch zu parafieren.

Am Berliner Ensemble endet alles vorhersehbar folgenlos. Nach dem gescheiterten Versuch Kochs, die Arbeiterschaft beim Heimbordellbesuch bei der unter sexuellem Notstand leidenden Frau des Kaumann (Ursula Höpfner-Tabori) zu agitieren, verfällt die Truppe schnell in eine Art Lagerkoller, bekriegt sich gegenseitig („Der Krieg hat uns nicht umgebracht, aber bei ruhiger Luft im stillen Zimmer bringen wir uns selber um.“) und fokussiert ihre Wut schließlich auf den Abweichler und potentiellen Verräter Fatzer. Ein Schlüsselsatz des Einpeitschers Koch ist: „Nach uns kommt nichts. Aber solange wir da sind, geschieht alles richtig.“ Und somit ist die Hinrichtung Fatzers ausreichend begründet. Wer der „dreckige Staat“ ist, der sie hier letztendlich richtet, verraucht in der letzten Maschinengewehrsalve. Da gibt es selbstredend keine Sieger mehr. Das ist retrospektiv alles sehr schön gedacht und gemacht, aber auch ein großer Kotau vor der restaurativen Spielweise des Claus Peymann’schen BE. Und wie wir wissen, hatte Manfred Karge den Schlüssel zum buchstäblichen Aufschließen der Brecht’schen Parabel schon in der Hand, ihn aber anscheinend über die Jahre wieder verbummelt. Oder ist er etwa doch klüger geworden? Man möge es beim Gang ins BE selbst entscheiden. Der Text Brechts lohnt es allemal.

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UNTERGANG DES EGOISTEN JOHANNES FATZER
Regie: Manfred Karge
Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Musik: Alfons Nowacki
Mit: Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Marina Senckel; Roman Kaminski, Michael Kinkel, Joachim Nimtz, Stephan Schäfer, Martin Schneider, Felix Tittel, Thomas Wittmann, Matthias Zahlbaum
Premiere war am 28. Juni 2014
Weitere Termine: 10. 7. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 30.06.2014 auf Kultura-Extra.

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