Hirnwütig und hirnrissig – Zweimal Georg Büchner zum Spielzeitauftakt im Berliner Ensemble und der Schaubühne

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Strammgestanden! – Leander Haußmann inszeniert Georg Büchners WOYZECK-Fragment am Berliner Ensemble

Woyzeck_ BE_ Plakat

Foto: St. B.

Man kann Büchners getriebenen Soldaten und irren Frauenmörder Franz Woyzeck als Titelheld einer Mörderballade oder eines wirren Mörderreigens darstellen, ihn mit den Zuschauern in einen Käfig auf der Bühne sperren (alles Inszenierungsversuche der letzten Jahre in Berlin), oder man kann ihm auch ein paar Leidensgenossen in wüstenfarbenen Camouflageuniformen an die Seite stellen. So nun Leander Haußmann am Berliner Ensemble. Ein ganzer Trupp Bewaffneter stampft hier unter strengem Kommandoton mit den Stiefeln über die Bühne. Erste zarte Worte Woyzecks (Peter Miklusz) mit seiner Marie (Johanna Griebel) werden dadurch jäh unterbrochen, und der Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie rückt wieder ein zum Dienst.

Den hirnlosen militärischen Drill mit seinem Gleichschritt und den gegenseitigen Demütigungen hatte Leander Haußmann schon in seinem mit eigenen Erlebnissen angereicherten Spielfilm NVA (2005) karikierend vorgeführt. Mit dem Woyzeck von Georg Büchner macht er ihn auch zum Thema seiner neuen Inszenierung am BE und stellt nach seinem fulminanten Hamlet aus dem letzten Jahr eine weitere unruhige, von Gedanken gebeutelte Männerfigur der Dramengeschichte auf die Bühne.

Zeigte Katie Mitchell in The Forbidden Zone an der Berliner Schaubühne noch den Krieg aus der Perspektive der ohnmächtigen Frau, so fügt Leander Haußmann die des zum Töten gedrillten Soldaten hinzu. Er macht aus Büchners Woyzeck nicht einfach nur das Drama eines armen, irren Menschen, der im Eifersuchtswahn seine Geliebte Marie ersticht, Haußmann sieht im Woyzeck auch das Drama einer Zurichtung des menschlichen Individuums zur willenlosen Kampf- und Tötungsmaschine. Und er zeigt das mit echten Theaterbildern von Menschen, um mit Büchner zu sprechen, aus „Fleisch und Blut“ bestehend.

Woyzeck am BE - Foto (c) Lucie Jansch

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Erst durch die Zurichtung mit der vom Doktor (Traute Hoess) verordneten Erbsensuppe, die der Proband hier löffelweise eingetrichtert bekommt, und dem Drill in der Truppe wird Woyzeck zum willenlosen Objekt degradiert. Liegestütze, Exerzieren, Feudeln. Hier steht einer in der Hierarchie auf der untersten Stufe, was er auch immer wieder zu spüren bekommt. Den Irrsinn der Dressur vervollkommnet eine Slapsticknummer mit Affe, Klappstuhl, Bier und Banane. Traute Höss als stotternder Jahrmarktsausrufer, dem das Wort Potentat nicht über die Lippen kommen will und Peter Luppa, der vom Affen auf dem Stuhl direkt zum Soldaten mutiert. Die Truppe kreist dabei zum Peitschenknall als astronomische Zirkuspferdchen.

Die Eliten halten Woyzeck für moralisch verkommen und dumm. Selbst versinken sie in lähmende Agonie und Melancholie vor dem alternativlosen Gang der Welt. Diese Welt, wie sie ist, dreht sich, und dem Hauptmann (Boris Jacoby) schwindelt nur beim Gedanken daran. Es ist gut philosophieren, wenn andere die Suppe im wahrsten Sinne des Wortes auslöffeln müssen. Haußmann bricht die Lanze für den armen Landser Woyzeck und lässt ihn seinen Hauptmann chaplinesk einseifen. In einem Anflug von eigenem Größenwahn schneidet er ihm zur Figaro-Arie Rossinis den Hals durch.

Woyzeck am BE -

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Leander Haußmanns Inszenierung ist genauso wundersam getrieben und hirnwütig wie der großartige Woyzeck des Peter Miklusz, der direkt von seiner Rolle als Brechts Hans im Glück von der Probenbühne auf die großen Bretter des BE gewechselt zu haben scheint. Es schwingen hier Albernheit, Spielwut und die Musik aus so manchem Vietnamkriegsfilm wie etwa Full Metall Jacket mit. Von My Wild Love Went Ridin‘ bis This Boots Are Made For Walking, Haußmanns GIs marschieren zur Flower-Power-Musik von Joan Baez, Canned Heat, The Doors oder Nancy Sinatra.

Es bleibt aber auch das Drama der Marie. Im roten Kleid steht Johanna Griebel auf die Bühne immer zwischen dem großen Schatten des Kinderwagens am Bühnenhintergrund und der großen Lust zum Leben. Und dazu fehlt es nicht nur am nötigen Kleingeld. Melanie singt vom Nickel und Dollar, Dollie Parton Love Is Like a Butterfly. Und so fliegt Marie in die Hände des Tambourmajors (Luca Schaub), einem langen schönen Schlacks mit Federhut und wüstem Schläger. Die Sünde lockt sie in ein Zelt mit Leuchtaugen.

Die Truppe ist ein Branndewein saufender, lallender Haufen, der das „Bedürfnis totzuschlagen“ als von Gott gegeben bezeichnet. Der zur Eifersucht getriebene Woyzeck hetzt über die Bühne, den Tod im Schlepptau, der ihm als irr kichernder Waffenhändler sein Arsenal vorführt. Das letzte Liebes- und Totenbett der Marie wird ein Moosgeflecht aus getarnten Soldaten, die ihn auch noch anfeuern. Dem Publikum ruft der zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Mörder gewordene Woyzeck wütend zu: „Was gafft ihr. Guckt Euch selbst an.“

Woyzeck am BE Premierenapplaus für Leander Haußmann - Foto: St. B.

Woyzeck am BE. Premierenapplaus für Leander Haußmann – Foto: St. B.

Haußmann mixt Büchners lose Szenenfragmente neu zusammen und stellt sie in logische Folge. Damit, dass er die Parabel des traurigen Mädchens nach dem Grimm’schen Sterntalermärchen an den Schluss stellt, gelingt ihm ein weiterer wundersamer Coup. Auf einem ausgerollten blauen Teppich mit lauter glitzernden Sternen versammeln sich noch einmal alle wie in einem schönen melancholischen Traum. Die Welt ist ein umgestürzter Hafen oder Nachttopp, und das BE wieder ein Theater. Man kann das sehen wie man will. Großer Beifall für Leander Haußmann und sein Ensemble.

WOYZECK
von Georg Büchner
Berliner Ensemble Premiere vom 06.09.2014
Regie und Bühne: Leander Haußmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Ausbilder der Soldaten: Rainer Clemens
Mit: Peter Miklusz (Woyzeck), Johanna Griebel (Marie), Luca Schaub (Tambourmajor), Raphael Dwinger (Andres), Antonia Bill (Margreth), Traute Hoess (Narr), Peter Luppa (Kind), Boris Jacoby (Hauptmann), Marko Schmidt (Unteroffizier), Matthias Mosbach (Unteroffizier), Marvin Schulze (Unteroffizier), Felix Lüke (Unteroffizier), Hannes Lindenblatt (Unteroffizier)
und: Sharon Joy Liedke, Carmen Romero Velasco, Heidrun Schug; Rainer Clemens, Riccardo Drews, Mario Erbherr, Oliver Gabbert, Thomas Göhing, Marcus Hahn, Raik Hampel, Bjoern Jarkowski, Franz Jarkowski, Carsten Kaltner, Robert Landschek, Marc Lippert, Paul Marwitz, Detlef Matthes, Haiko Neumann, Valentin Olbrich, David Pino Moraga, Alexander Petau, Michel Podwojski, Nils Rech, Benjamin Schwarweit, Thomas Schenk, Mathias Schlicht, Ralf Tempel, Christian Tiedge, Dietmar Lukas Treiber, Jan Wirdeier

Termine:
19., 23. und 27.09.2014
20., 26. und 27.10.2014

weitere Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/101/woyzeck

Zuerst erschienen am 07.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Welch Ironie – Patrick Wengenroth langweilt mit Büchners melancholischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne

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Leonce und Lena  an der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena an der Schaubühne – Foto: St. B.

Die Welt ist eine Scheibe, und an der Berliner Schaubühne eine ganz besonders schöne. Sie ist rund, schräg und dreht sich, und man kann nicht von ihr abrutschen, da es schon Mühe bereitet, überhaupt auf sie hinaufzukommen. Sie kann auch Nebel und Musik, und ein schräges Stück von Georg Büchner kann man auch auf ihr spielen. Das alles muss aber vorher erst noch erklärt werden. Wir wollen ja nicht dumm sterben oder gar aus lauter lange Weile, weil man nichts versteht vor lauter Pipi und Popo. Das hat sich sicher auch Patrick Wengenroth, der Mann fürs Komische an der Schaubühne, gedacht. Und schickt darum Ulrich Hoppe auf die Scheibe, der, nach dem er sich mit einiger Mühe hochgezogen hat, auch noch erwartungsvoll angestarrt wird.

„Was wollen Sie von mir? Ich habe alle Hände voll zu tun.“ beginnt dieser als Leonce, Prinz von Popo, seinen Vortrag über den melancholischen Müßiggang und weitere brennende Fragen wie den ganzen, blöden Sau-Sack-Sinn und andere Peinsäcke. Aber das ist nicht etwa schon Büchners Lustspiel Leonce und Lena, sondern Rainald Goetz‘ bitterböser Klagenfurt-Monolog, den Wengenroth nicht zum ersten Mal bemüht – lässt sich damit doch so schön die beschissene Kunst- und Literaturszene ironisieren. Wo oben und wo unten ist und wie das scheiß Leben geht, wird aber auch heute Abend niemand erfahren. Der Schnitt ins Hirn bleibt aus, dafür gibt es die Prinzenrolle.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Popliterat Goetz trifft auf Popregisseur Wengenroth, der sich auch diesmal nicht zu schade ist, in Netzstrümpfen und mit Elvistolle sein Debut als Peter, König von Scheißegalien, zu geben. Ein Udo-Lindenberg-Lookalike wird aber nicht mehr aus ihm werden, wenngleich er auch schon ganz erfolgreich eine Lindenberg-Revue im Studio der Schaubühne inszeniert hat. Wetten, dass? Das zumindest bietet Popo-Prinz Leonce dem lustigen Kerl Valerio an, der hier gar nicht so lustig ist und auch nicht so genannt werden möchte. Jule Böwe krabbelt mit auf die Scheibe und spielt abwechselnd den Narren mit Hütchen oder Rosetta, die Angebetete des melancholischen Prinzen.

Aus lauter Langeweile und der Liebe überdrüssig, gibt der Prinz Rosetta den Laufpass und läuft dann mit Valerio vor der Aussicht, nun selbst König von Popo bzw. Scheißegalien zu werden, genItalien. Und so werfen Wengenroths Spieler weiter den selbst schon ironischen Texten Büchners noch jede Menge faule Witze hinterher. Wie war das noch gleich mit der grünen Langeweile? Dazu sinniert Ulrich Hoppe als Kermit der Frosch über die Schwierigkeit grün zu sein. Aha.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Ironie des Schicksals, dass Prinz Popo gerade das, was er eigentlich fliehen möchte, auf der sich unablässig drehenden Glücksscheibe wiederfinden muss. Auftritt Lena, Prinzessin von Pipi (Iris Becher), die auch nur irgendein weiteres It- und Covergirl der Pop(o)Historie im Klunkerlook ist. Beide liegen dann ein wenig auf dem Scheibenrasen rum, singen was von der Melancholie und so, und Jule Böwe stellt noch ein paar Hasenattrappen dazu. Bis Musiker Matze Kloppe schließlich ein Einsehen hat, den Discoladen dicht macht und die zwei Schmusehasen doch noch beschließen, Hochzeit zu machen.

Bei Büchners Automatenhochzeit bekommt dann noch das Theater sein Fett weg. Nichts als Kunst und Mechanismus. Scheiß Spiel. Und das ist der Unterschied zu Leander Haußmann. Sein Woyzeck wird erst zur Maschine gemacht, während Wengenrohts Büchner-Imitate von Beginn an Musikboxen sind, in die man nur Geld hineinwerfen muss, damit Kunst rauskommt. Für die Erkenntnis braucht es allerdings geschlagene zwei Stunden. Der Rest ist Hobby. Die Welt als Scheibe ist dann wohl doch kein so weitläufiges Gebäude, wie der Narr Valerio meint. Immerhin bekommt er endlich eine Hose und einen Ministerposten. Wengenroths König Peter gibt die Regie-rung ab und dem Prinzen eine zerknitterte Papp-Krone. „Geht einfach nochmal euren Text durch. Bis später, euer Party-Peter.“ Melancholie, du kriegst mich nie klein, tönt es mit Gisbert zu Knyphausen. Ein klarer Fall von Denkste.

Leonce und Lena in der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto: St. B.

Leonce und Lena
Ein Lustspiel von Georg Büchner
Schaubühne am Lehniner Platz (06.09.2014)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider
Mit: Iris Becher, Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Patrick Wengenroth

Premiere war am 4. September 2014.

Termine:
19.09.2014, 20.30 Uhr
20.09.2014, 20.30 Uhr
06.10.2014, 20.00 Uhr
07.10.2014, 20.00 Uhr
10.10.2014, 20.00 Uhr
12.10.2014, 19.30 Uhr

weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/leonce-undlena.html/m=221

Zuerst erschienen am 08.09.2014 auf Kultura-Extra.

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