Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater mit dynamischem Antiaggressionstraining, Sextalk und viel Improvisiertem (Teil 1)

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Der Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater, frisch gekürt zum Theater des Jahres, wurde am letzten Wochenende mit gleich drei Premieren gefeiert. Den Anfang machte am Freitag Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt, das er zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis entwickelt hat. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Am Samstag lotete Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin aus. Als Zugabe konnte man am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes sehen, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt mit Tanz und Sextalk vor und im Maxim Gorki TheaterFoto: St. B.

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FALLEN – Die Tanztheaterproduktion von Sebastian Nübling und Ives Thuwis beschäftigt sich mit der Gewalt im öffentlichen Raum

Für die erste Premiere der Spielzeit wurde auf dem Platz vor dem Gorki extra eine kleine Arena errichtet – die Simulation eines öffentlichen Raums, wie es ihn bereits zu den Sportwettkämpfen im antiken Griechenland oder aber auch für populäre Vergnügungen in Form von blutigen Kampfspielen im alten Rom gab. Der Hintergrund für diese bauliche Idee (Bühne von Muriel Gerstner) ist ein nicht minder fürchterlicher: Körperliche Gewalt – meist ausgehend von Gruppen junger Männer, die sich ihre Opfer immer wieder scheinbar willkürlich aussuchen. Auch wenn Statistiken belegen, dass Berlin nicht die Hauptstadt der Jugendkriminalität ist, erschrecken doch die Meldungen von der Brutalität, mit der solche Taten begangen werden.

FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

im Sand vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Bekannte Beispiele dafür sind ein 2011 auf einem Berliner U-Bahnhof von Jugendlichen zusammengetretener 29jähriger Mann und der 2012 auf dem Alexanderplatz erstochene 21jährige Jonny K. Die Gründe dafür mögen verschiedenster Natur sein. Soziale Ungleichheit, Ausländerhass, Mangel an entsprechenden Freizeitangeboten, der bloße Kick etc. etc. Alles läuft aber immer auf eine Spaltung der Gesellschaft hinaus, in Arm und Reich oder Stark und Schwach. Alkohol, gewaltverherrlichende Videospiele oder Filme dienen meist nur noch als Verstärker der eh schon latent vorhandenen Gewaltbereitschaft. Da übertönt der Ruf nach mehr Sicherheit in der Gesellschaft schnell den nach ausgleichender Gerechtigkeit.

Der Abend beginnt mit der szenischen Darstellung einer solchen Tat, indem einer der jungen Spieler von drei anderen zu Boden gerissen und getreten wird. Dazu hört man undeutlich die Stimmen aus einer U-Bahnstation. Danach ist Stille. Die zehn ganz in Schwarz gekleideten jungen Männer beginnen nun in aller Seelenruhen, als wenn nichts geschehen wäre, ein ausgedehntes Lauftraining. Aber der Lauf wird langsam immer schneller, bis alle bei dröhnenden Geräuschen zu gehetzten Sprints ansetzen und sich dann im vollen Lauf immer wieder gegenseitig rempeln, umstoßen, grätschen und mit größtem Körpereinsatz ineinander rennen. Das ganze Spiel wird sich zum Ende hin wiederholen. Wohl ein Ausdruck dafür, dass sich solche Taten jederzeit wieder ereignen können. Ein schier auswegloser, ermüdender Automatismus aus nicht enden wollender Gewalt.

Das ist im Grunde genommen kein herkömmliches Tanztheater. Es wirkt zuweilen wie ein äußerst dynamisches Anti-Aggressionstraining, wenn sich die Spieler gegenseitig schleppen, auch mal umarmen, auffangen oder wieder wegstoßen. Entwickelt sich daraus auch keine echte dramatische Spannung, bleibt alles immer in Bewegung. Die Spannung erzeugen hier im wahrsten Sinne des Wortes die Körper der jungen Männer selbst. Es geht natürlich auch um die Ästhetik und Erotik der Gewalt. Dem Kick beim Fight Mann gegen Mann. Mit Muskelspielen, Breakdance-Solos und beim gemeinsamen Posen (was bei den Zuschauern doch eher für Erheiterung sorgt) provozieren die Männer, demonstrieren ihre Macht, Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft. Ausdruck eines gruppendynamischen Prozesses. Echte Tanzeinlagen sind da selten und sorgen für kurze Entspannung.

Premierenbeifall für FALLEN vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Premierenbeifall für FALLEN in der Arena vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Der Kampf erzeugt immer auch einen Unterlegenen, das Opfer der Gewalt, das man billigend in Kauf nimmt. Auch das wird hier gezeigt. Demütigung, Umherzerren des Opfers, flehende Schreie, verzweifeltes Eingraben und Boxen in den Sand. Das sind die starken, eindrucksvollen Szenen der Performance. Das titelgebende FALLEN ist hier auch mehrdeutig zu verstehen – als bloßes Umfallen, ohnmächtiges Fallen oder auch Sich-selbst-wieder-Fallenlassenkönnen, als herbeigesehnter Ausweg aus der Gewaltspirale. Ein hilfesuchender Blick der Männer geht hier in Richtung Abendhimmel. Trotz der großen körperlichen Verausgabung aller Spieler glückt es der Inszenierung nur bedingt Gewaltentstehung zu erklären. Sie bleibt ein darstellerischer Versuch, der immerhin ansehenswert ist.

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Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Der Regisseur wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann. Mit Gewalt und Rache scheint Nübling sein Thema für die Spielzeit gefunden zu haben. Da ist es gut, dass andere Produktionen für den nötigen emotionalen Ausgleich sorgen werden.

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FALLEN
Inszenierung: Sebastian Nübling / Ives Thuwis,
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Ursula Leuenberger
Musik: Tobias Koch
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Besetzungsliste: Hassan Akkouch / Tamer Arslan / Mehmet Ateşçi / Jan Bluthardt / Jerry Hoffmann / Taner Şahintürk / Dimitrij Schaad / Aram Tafreshian / Hasan Taşgin / Paul Wollin

Premiere in der Arena vor dem MGT: 12.09.2014

Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/fallen/

Termine:
Di 16.09., Mi 17.09., Fr 19.09., Sa 20.09., So 21.09., Mi 24.09., Do 25.09., So 28.09., Mo 29.09.2014

Zuerst erschien am 13.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Let’s talk about Sex – Yael Ronen und ihr Ensemble loten die „Erotic Crisis“ geplagter Großstädtern aus.

Die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen war bisher vor allem dafür bekannt, die Probleme von Jugendlichen aus Krisenregionen dieser Welt (Die dritte Generation, Common Ground) oder sogar einen Abend über Gott und die Welt (The Day before the last Day) auf die Bühne zu bringen. Ihre neue Produktion am Maxim Gorki Theater verortet sie dagegen in der privaten Kampfzone der zwischenmenschlichen Paarbeziehungen. Die Darsteller gehen diesmal auf der Bühne frontal die Schwierigkeiten eines gemeinsamen erfüllten Sexlebens und des Schamgefühls an, offen darüber zu reden. Über Sex spricht man nicht. Sex hat man, oder eben nicht.

EROTIC CRISIS am Maxim Gorki Theater - Foto: Esra Rotthoff

Sextalks am Maxim Gorki Theater – Foto: Esra Rotthoff

Am Beginn steht dann auch ein Bild, was wohl symptomatisch für die Schlafzimmer geplagten Großstädter sein soll. Ein sich unruhig im Bett wälzendes Paar, das wie in einem Alptraum den Koitus-Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauschen muss. Beim ersten Paar, Maya und Jan (Orit Nahmias und Thomas Wodianka), läuft im Bett schon lange nichts mehr. Man steckt tief in der Sex-Krise. Das andere, Kumari und Rafael (Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenković), mit einem, wie zu hören, wohl ganz erfüllten Sexleben, wird sich erst noch in die Krise hineinmanövrieren. Es geht um die oftmals sehr weit auseinandergehenden Auffassungen, was denn nun wirklich guten Sex ausmacht und wie man, im durchaus doppelten Wortsinn, gemeinsam dahin kommt. Die eine Beziehung wird daran zerbrechen, die andere über Umwege vielleicht zu einer neuen Art Sexualität finden.

Der gesellschaftliche wie persönliche Druck diesbezüglich scheint enorm. Das will uns jedenfalls dieser Abend vermitteln. Das Fernsehen lebt es vor. Serien wie Sex and the City, Masters of Sex, Wahre Liebe oder Sex-Talks und Reportagen aus dem Rotlichtmilieu sind der Renner auf allen Kanälen. Guten Sex haben, gehört zum A und O einer Liebesbeziehung. Und die Sex-Branche weiß mit entsprechenden Hilfsmittelchen und visuellem Anschauungsmaterial dem Abflauen der sexuellen Begierde entgegenzusteuern. Stress im Alltag und Job oder zu große Erwartungen an das Projekt Partnerschaft und Familie, all das kann einer andauernden Libido mitunter abträglich sein. Missverständnisse und eine steigende Sex-Müdigkeit führen zu Problemen und münden oft in Streit. Und so wird man auch am Anfang nicht müde, einige dieser Klischees über den Sex in der Paarbeziehung von der Rampe aus ins Publikum zu werfen.

Zwischen allen Stühlen bzw. Betten sitzt da Singlefrau Susan (Mareike Baykirch), die sich nach außen über den Job definiert und als sexuelles Neutrum behauptet: „Ich bin mein größtes Projekt.“ oder „Wer braucht schon eine Beziehung?“ Die Computerspezialistin hackt sich lieber heimlich in das Lebend der Anderen ein, und holt sich so die Befriedigung ihrer uneingestandenen Bedürfnisse. Ihre Figur wirkt schon sehr spleenig gezeichnet, und später auch etwas freakig, wenn Susan sich dann mit Rafael, der aus seiner zu kompliziert gewordenen Liebesbeziehung ausbrechen will und bei ihr den reinen Sex sucht, über die verschiedenen Levels beim Spielen von Porno-Games austauchen.

Vorurteile gegenüber Singles spielen dann ebenso eine Rolle wie das gegenseitige Erzählen von sexuellen Fantasien und die Probleme, diese zu artikulieren, ohne gleich für pervers gehalten zu werden. In fantasievollen Leder- und Latex-klamotten posen die Vier zu Jimi Hendrix‘ Foxy Lady wie bei einer Fetischparty oder schrägen Paartherapie und drucksen mehr oder weniger verschämt herum. Das mündet in einige Szenen von großer Situationskomik, wenn etwa Orit Nahmias‘ Maya ihre Fantasie in Hebräisch zum Besten gibt, und man als der Sprache nicht Mächtiger nur Hamas, CIA und Hotel in Abu Dhabi versteht.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Ärger trifft es da den Rafael von Aleksandar Radenković, der durch die Konditionierung mittels der Pornovideos seines Vaters als Jugendlicher ein etwas verqueres Frauenbild vermittelt bekam, und nun ziemlich hardcore von seinem ersten Mal im Auto erzählt. Diese Erfahrung hat ihn damals etwas verunsichert zurückgelassen und sich prägend auf sein weiteres Sexualleben übertragen. Der angelernte Automatismus ist sein Problem, den Freundin Kumari auch mal so beschreibt: „Du bearbeitest mich, als wäre ich eine kaputte Waschmaschine.“

Natürlich geht es nicht nur allein um die Erotik oder Mechanik beim Sex, auch wenn man damit hie und da ein wenig übers Ziel des Abends hinaus schießt. Dass das alles nicht zu einer Aneinanderreihung von ironischen Kabarettnummern wird, verdankt die Inszenierung den hervorragenden Darstellern, die bereits in Produktionen von Yael Ronen und Falk Richter aus der letzten Spielzeit zu sehen waren. Und vor allem der Tatsache, dass die Textfassung, die Yael Ronen zusammen mit ihrem Ensemble erarbeitet hat, irgendwann auch dahin geht, wo es sehr persönlich wird und anfängt wirklich weh zu tun.

In mehreren Monolog- und Dialogszenen sprechen die Protagonisten offen über ihre Zweifel, Ängste und Wünsche. Man stellt fest, den Partner nicht wirklich zu kennen, oder dringt erst gar nicht zu ihm durch. Immer wieder mündet der Dialog in das Schweigen eines der Partner, bis es nicht mehr geht. Der verzweifelte Jan kann und will nicht über seine Unlust am Sex reden. Was Maya schließlich veranlasst zu gehen. „It’s finished. There ist no us.“ Und Kumari singt ihrem untreuen Rafael mit Where did you sleep, last night ein paar Zeilen Curt Cobain nach. Trotz allem wirkt die gezeigte Emotionalität nie übertrieben gespielt oder gar peinlich. Kein Wohlfühlabend also, aber einer der Mut machen soll.

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Erotic Crisis (UA)
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Amit Epstein
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Jens Krüger
Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Mareike Baykirch, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Aleksandar Radenković, Thomas Wodianka.

Premiere im MGT: 13.09.2014

Dauer: ca. 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: www.gorki.de

Termine:
19.09., 20.09., 28.09. und 08.10., 10.10., 14.10.2014

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