Das Maxim Gorki Theater und das Ballhaus Ost zeigen Monologestücke aus der islamischen Welt zwischen Aufstand und Terror.

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Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“ Albert Camus

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Aufstand – Im Rahmen des „Voicing Resistance“-Festivals am Maxim Gorki Theater inszeniert András Dömötör ein Monolog-Stück der bekannten Publizistin und Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak im Studio R.

Momentan wird allerorten an den friedlichen Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht. In diesem Kontext veranstaltet das Maxim Gorki Theater seit dem 7. November das Festival „Voicing Resistance“ im Studio R. Es wäre trotz Megafon im Veranstaltungs-Plakat fast unbemerkt geblieben, wenn nicht eine Performergruppe mit dem schönen Namen Zentrum für Politische Schönheit im Rahmen des Festivals die Gedenkkreuze für die Toten an der Berliner Mauer ebenso unbemerkt abgeschraubt und sich damit auf den Weg an die außereuropäische Grenze begeben hätte, mit der Absicht, dort den unmenschlichen Grenzzaun abzubauen. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Und damit sind nicht nur die vielen Ertrunkenen vor Lampedusa gemeint. Die allgemeine Aufregung war groß, und die Einmischungsversuche deutscher Politiker in die Kunstausübung des kleinen Theaters am Berliner Festungsgraben, das gerade noch als Vorzeigeobjekt gelungener Integration sowie Theater des Jahres in aller Munde war, nahmen daraufhin erschreckende Ausmaße an.

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 „Erinnern ist Aufstand!“

(C) Esra Rotthoff

(C) Esra Rotthoff

Die Publizistin und seit einem Jahr auch feste Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters Mely Kiyak, Tochter aus der Türkei stammender kurdischer Einwanderer, schreibt in ihrer monatlichen Kolumne auf der Website des Theaters zum Thema „Grenzen überschreiten“: „Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. (…) Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!“

Parallel hat Mely Kiyak nun also auch ihr erstes Theaterstück geschrieben. In Aufstand (im Juni am koproduzierenden Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführt) geht es neben Protest und Widerstand vor allem auch um das wichtige Thema Erinnerung. Der Protagonist des Stücks ist ein junger kurdischer Lehrer aus Diyarbakır, einer Stadt im Südosten Anatoliens in der Türkei. Er vertritt dort von 8 bis 12:30 Uhr als türkischer Staatsbeamter die Grundsätze des Landes, ist aber nach halb eins Künstler, der in seinen Videoarbeiten das Unrecht des Staates Türkei an der kurdischen Bevölkerung kritisiert. Das bedeutet für den Lehrer die Wahrheit nicht auszusprechen zu können – als Künstler fühlt er sich dagegen aber geradezu verpflichtet dies zu tun. Ein Leben zwischen innerer Zerrissenheit und permanentem Ausnahmezustand. Während er als Gast des DAAD in Berlin eine Performance vorbereitet, die per Video in eine Galerie in Istanbul übertragen werden soll, erzählt er uns, seinem Publikum, die Geschichte von der Unterdrückung des kurdischen Volkes in der Türkei.

Sein Künstlername ist Bênav, was so viel heißt wie anonym, ohne Namen, da er seinen kurdischen Namen offiziell nicht benutzen kann und seinen türkischen Namen nicht benutzen will. Seine Familie ist, als er noch ein Junge war, aus ihrem Dorf vertrieben worden, was er in einer Videoarbeit Lese ich die Karte falsch? thematisiert hat. Dagegen haben türkische Künstler Unterschriften gesammelt und somit seine Teilnahme an einer Ausstellung in Deutschland verhindert. Bênav erzählt von der ständigen Bevormundung und Kontrolle des Staates, die vom Verbot der Sprache bis zu direkten Repressionen der türkischen Armee gegen die Kurden reicht. Selbst noch in Deutschland lassen ihn Künstlerkollegen aus der Türkei bei einem Empfang des DAAD ihre Überlegenheit spüren.

„Stell dir vor, es ist Revolution, und die falschen Leute zetteln sie an.“

Nachdem im Frühjahr 2013 die allgemeinen Proteste gegen die türkische Regierung im Istanbuler Gezi Park ausgebrochen sind, keimt nun auch neue Hoffnung bei Bênav. Doch in Istanbul angekommen, fühlt er sich keiner der unterschiedlichen Gruppen zugehörig. Den Lippenbekenntnissen derjenigen, die ihn einst anschwärzten und nun „Wir sind alle Kurden“ rufen, kann er nicht glauben. „Jetzt wo ihr selber rebelliert, weil ihr die Schnauze voll habt von diesen ganzen Schweinereien, die um euch herum passieren, kommt ihr und sagt: ‚Ist das keine Schweinerei, wie sie mit uns umgehen?’ Jetzt, wo ihr merkt, dass die Zeitungen Scheißdreck verbreiten, kommt ihr und fragt: ,Sind diese Medien kein Skandal?’ Nein! Das sind keine Schweinereien, das ist kein Skandal! Das lief doch immer schon so.“ Enttäuscht fährt Bênav wieder nach Diyarbakır zurück.

Mely Kiyaks Aufstand - Foto (C) Felix Grünschloß Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyaks AufstandFoto (C) Felix Grünschloß
Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyak zeichnet das Portrait eines Künstlers, den seine Wut über die Ungerechtigkeit in seinem Land überall anecken lässt, der aber dennoch nicht aufgeben will immer wieder daran zu erinnern. Seine innere Zerrissenheit hindert ihn nicht daran, einen guten Job für die Kinder und mit seinem unangepasst rebellischen Geist Kunst gegen die Dummheit zu machen. Der Schauspieler Mehmet Yılmaz spricht mit unverfälschter Emotionalität und auch einem leicht ironischen Unterton Kiyaks in ihrem typischen, sehr direkten Kolumnenton verfassten Text. Den Rahmen der geplanten Videoaktion zum Thema Demonstrationen nutzt der ungarische Regisseur András Dömötör (der bereits mit Marianna Salzmanns Notizen über Hurenkinder und Schusterjungen das Thema Rebellion aufgegriffen hat), um auch das Publikum direkt mit einzubeziehen. Die Interaktion wird zum unmittelbaren Ausgangspunkt einer kleinen Exkursion in Bürgerrechte und die aktuelle Protestkultur.

Die Ausführungen Bênavs, als Mittler von Kiyaks Gedanken, drehen sich unmittelbar auch um Ereignisse aus der deutschen, türkischen, kurdischen und armenischen Geschichte. Der Holocaust und der Genozid an den Armeniern, ein ebenso heikler Vergleich wie der der Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen. Und so gestaltet sich auch dieses Stück unversehens zum Beispiel für die künstlerische Rebellion gegen eine von oben übergestülpte Erinnerungskultur.

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Aufstand
Monolog eines wütenden Künstler
von Mely Kiyak
Koproduktion mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe
Premiere in Karlsruhe war am 27.06.2014
Premiere im Studio R des Maxim Gorki Theaters: 20.11.2014
Regie: András Dömötör
Dramaturgie: Daniel Richter
Bühne & Kostüme: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Yılmaz

Dauer: 75 Minuten ohne Pause

weitere Vorstellungen
im Maxim Gorki Theater: 11.12., und 26.12.2014
im Badischen Staatstheater Karlsruhe: 28.11., 07.12.2014 und 11.01.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/aufstand/
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/1800/

Zuerst erschienen am 22.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Hussein – Ein modernes Heldenpoem des libanesischen Theatermachers Omar Abi Azar inszeniert von Lucie Zielke im Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

Parallel zum Festival „Voicing Resistance“ im Maxim Gorki Theater, das auch mit Stücken und Performances zu Rebellion und Krieg in der Türkei und Syrien aufwartet, feierte am Freitagabend im Ballhaus Ost der arabische Theatermonolog Hussein seine Berlin-Premiere. Das Berliner Theaterprojekt suite42 hat in Koproduktion mit der Beiruter Zoukak Theater Company eine Inszenierung zum aktuellen Thema Islamistischer Terror erarbeitet.

Das Thema ist gerade bei uns wieder sehr aktuell, wie man an den Erfolgen salafistischer Prediger erkennen kann, deren Werbungen auch immer mehr junge Leute aus Deutschland folgen und sie in den islamischen Krieg gegen die westliche Welt oder direkt zu den Terroristen des Islamischen Staats (IS) in die Kriegsgebiete Syriens und des Iraks ziehen lassen. Die Berliner Regisseurin Lydia Ziemke ist diesem Phänomen nachgegangen und auf das bereits vor drei Jahren entstandene Heldenpoem Hussein des libanesischen Theaterautors Omar Abi Azar gestoßen, das antike Heldenmythen mit den Vorstellungen über moderne Kämpfer verbindet.

Hussein ist nicht nur ein gebräuchlicher arabischer Vorname sondern auch der des schiitischen Märtyrers der Schlacht von Kerbala (680), Al-Husain ibn Ali, einem Enkel des islamischen Propheten Mohammed. Ein schier erdrückendes Erbe für den Protagonisten des Monologs, den der libanesische Schauspieler Junaid Sarieddeen darstellt. In rotem Umhang mit Schwert und blutigem Körper steht der Held sichtlich erschöpft nach dem Kampf vor uns. „Ich heiße Hussein, heute bin ich geboren“, beginnt Omar Abi Azars Langgedicht, dessen Text zunächst nur als Leuchtschrift auf einen schrägen Podest mit weißem Laken, auf dem gefüllte Gläser stehen, projiziert wird. Dazu hört der Zuschauer den Klagegesang der Musikerin Houwaida Goulli.

HUSSEIN im Ballhaus Ost - Foto (c) Piero Chiussi

HUSSEIN im Ballhaus Ost – Foto (c) Piero Chiussi

Ein ständig klingelndes Handy scheint minutenlang den Helden aus dem Konzept zu bringen, bis sich herausstellt, dass auch das zur Inszenierung gehört. Sarieddeen lädt nun das Publikum ein, im zweiten Teil auf Stühlen neben dem Podest Platz zu nehmen. Er verteilt die Gläser mit einem Getränk, das Whiskey sein soll und von dem er selbst reichlich trinkt. Der Monolog entspinnt sich nun auf arabischer Sprache und zieht den Zuschauer durch die ungewohnte aber eindrückliche Sprachmelodie und Körperperformance des Darstellers in seinen Bann. Unterstützung erfährt er dabei durch einen Jungen, der mit dem Handy zu spielen beginnt, einer Frau, die die Liebe des Helden darstellt und einen alten Mann in Soldatenmantel mit weiß geschminktem Gesicht.

Schließlich verlagert sich das Geschehen auf die Zuschauertribüne, über deren Stufen nun wieder die deutsche Übersetzung des Textes läuft. Omar Abi Azars Poem handelt von der Zerrissenheit und Müdigkeit eines Kämpfers, der kaum gestorben erneut vielfach aus den Eingeweiden des Toten aufersteht. Der sehr poetische Text verweist neben den muslimischen Quellen auch auf Helden der Antike wie den fluchbeladenen Ödipus und den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus, dessen Frau über zwanzig Jahre auf ihn warten musste. Der Held ist gefangen zwischen Tradition, Armut und den Verlockungen der modernen Welt. Seine Zweifel betäubt er mit Alkohol. Dem Ringen um Liebe und Glück steht aber nur die Banalität seiner unumkehrbaren Illusionen vom Paradies gegenüber. Ein Kreislauf der Geschichte, dem er nicht zu entrinnen vermag. Ein eindrucksvolles Drama über die Zweifelhaftigkeit andauernder Heldenverehrung.

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Hussein – Ein Heldenmonolog
Eine Produktion von suite42 (Berlin) und zoukak (Beirut) in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.

Autor: Omar Abi Azar / Regie: Lydia Ziemke / Spiel: Junaid Sarieddeen, Lucie Zelger / Design: Claire Schirck / Live Musik: Houwaida Goulli / Dramaturgische Mitarbeit: Elke Ranzinger / Assistenz: Jamila Al-Yousef / Übertitel: David Maß

in arabischer, französischer und deutscher Sprache

Dauer: ca. 50 Minuten ohne Pause

Premiere war am 21. November 2014

nächste Termine: 6. – 9.5.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/hussein/

Zuerst erschienen am 23.11.2014 auf Kultura-Extra.

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