Große Vögel, kleine Vögel – Die Berliner Puppenbühne Das Helmi adaptiert Pasolinis Filmsatire im Ballhaus Ost

___

italienisches Filmplakat

italienisches Filmplakat

Nach einem kurzen Ausflug in die Theater-Hochkultur (Faust-Marathon und Kleists Ritterspiel Das Käthchen von Heilbronn) sind die Helmis mit ihren pusseligen Schaumstoffpuppen seit geraumer Zeit wieder recht erfolgreich am Ballhaus Ost im heimischen Prenzlauer Berg zu sehen. Ob nun Der Name der Rose, Sündenstadt oder Starwurst, die Literatur-, Comic- und Film-Verwurstungen der Berliner Puppenbühne Das Helmi sind Kult im Kiez. In ihrem neuen Streich hat sich die Truppe um die Brüder Florian und Felix Loycke, Emir Tebatebai und Brian Morrow den 1966 entstandenen Film Uccellacci e uccellini (dt. Titel: Große Vögel, kleine Vögel) des italienischen Regisseurs, Dichters und Kommunisten Pier Paolo Pasolini vorgenommen. Eine der wenigen Komödien des sozialkritischen Kultfilmers der italienischen Unterschicht.

Eine gefährliche Lachattacke nannte Pasolini selbst Uccellacci e uccellini im musikalischen Vorspann von Ennio Morricone, den auch das Helmi leicht umgedichtet zur Vorstellung der Mitwirkenden adaptiert hat. Der Film erzählt „die Geschichte eines ruhigen Spaziergangs in Richtung Glück und Hoffnung auf goldene Ideale“. Vater Marcellino und Sohn Ninetto (verkörpert von dem bekannten Komödianten Totò und dem jungen Schauspieler Ninetto Davoli) streichen durch die Randzonen der italienischen Vorstädte. Auf ihrem Weg folgt ihnen ein sprechender Rabe, der die beiden in politisch-philosophische Debatten über Gott, Christus, den Hunger der Welt, Marx und die Revolution verwickelt. Zur Veranschaulichung erzählt er ihnen die titelgebende Parabel über die Falken und Spatzen, denen sie im Auftrag des heiligen Franziskus das Evangelium predigen sollen. Doch Vater und Sohn erweisen sich als ziemlich ignorant und erklärungsresistent. Am Ende landet das nervende Federvieh im Kochtopf.

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

Nicht ganz so tragikomisch wie Pasolini sieht das Helmi die Sache. Für etwas Melancholie ist hier nur der knittrig dreinschauende Schaumstoff-Mond über der wackeligen Brechtgardinenstange des fadenscheinigen Vorhangs zuständig. Vater und Sohn heißen hier Emilio (Emir Tebatebai) und Solino (Solène Garnier). Ihnen begegnen gleich mehrere gefiederte Schaumstoff-Einflüsterer aus der Stadt der Ideologie im Land des Kapitals. Doch nachdem ihre Kuh keine Milch mehr gibt, sind die beiden hier recht sympathisch wirkenden Kleinbürger aus der Stadt der Dummen eher auf der Suche nach der Straße der Hummer. Und was bei Pasolini noch karge Provinz war, würde man heute wohl eher als Berliner Speckgürtel bezeichnen. Nach Bertolt Brecht kommt das Fressen bekanntlich vor der Moral, und darüber stehen nur noch die fleischlichen Gelüste. Die Freuden am Wegesrand, denen sie in Gestalt der üppigen Straßenprostituierten Luna (Julia Gräfner) begegnen.

Der heilige Franz von Assisi (Dasniya Sommer) taucht natürlich auch noch in Gefolge jutebesackter Jünger auf, und die schöne Parabel mit der Predigt an die gewalttätigen Falken und die demütigen Spatzen wird nach einem gesungenen Vierjahreszeitengebet (Komm lieber Mai und mache, Der Herbst ist da, etc.) endlich auch erhört, bis die Spatzen es von den Kirchendächern pfeifen: Liebe statt Fasten. Es folgt ein schaumstoffknuddeliges Übereinanderherfallen im Namen der Liebe von Vögeln, Bienen, Blumen und Menschen. Doch auch diese schöne Utopie bekommt einen Knacks. Nicht so die andauernde Helmi-Attacke auf die Lachnerven des Publikums. Im Folgenden wird die Bühne erst so richtig zugemüllt und fröhlich aufgeräumt mit allerhand Ideologien und Weltanschauungen. Es wird gerockt das die Federn fliegen, Fidel Castro tritt auf und Gaststar Franz Rogowski (Love Steaks, Victoria) gibt ein Lookalike des schwulen Pasolini in Anzug und Sonnenbrille. Der Regisseur ist hier wohl auf der Suche nach unverbildeten Laiendarstellern für seine Filme unter den Naturburschen eines ausgelassenen Fußballmatchs.

Foto (c) Dasniya Sommer

Foto (c) Dasniya Sommer

Gänzlich die Straße der beiden glückssuchenden Tramps verlassend, begibt sich die Inszenierung auf ein ganz anderes Filmset. Es ist eine Parodie der Parodie. Das Helmi gibt nun ziemlich detailgetreu die zwei, einem manieristischen Gemälde nachempfundenen, äußerst farbigen Kreuzabnahmeszenen aus Pasolinis halbstündiger Bibelfilm-Satire La ricotta (Der Weichkäse). Cora Frost als Orsino Wellino (den im Film Orson Wells verkörpert) lässt den Regie-Macho raushängen und Brian Morrow gibt den hängenden Jesus und anschließend noch den guten Schächer, der hier kein Stück Weichkäse und auch nichts von der üppigen Cateringtafel abbekommt. Auch ein gelungenes Statement zum Thema Nächstenliebe und Ignoranz sowie ironischer Seitenhieb auf die eitle Kunst- und Filmszene.

Am Ende zitiert Heinz vom Obdachlosentheater „Die Ratten“ in einer Videoeinspielung auf die dünne Brechtgardine den Linken-Chef Gregor Gysi: „Der Kapitalismus hat nicht gesiegt. Er ist übrig geblieben.“ Und den Brecht hat Heinz dann tatsächlich auch noch in petto mit einem Auszug aus dem Lied von der Moldau: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer am verhangenen Himmel über dem Horizont, zu dem die beiden komischen Vagabunden bei Pasolini schon vor fast fünfzig Jahren in Richtung neue Zeit aufbrachen. Die andauernden Fragen nach der Gerechtigkeit in der Welt berechtigen dann wohl auch diese leicht ironisch Zugabe. Auch wenn hier einen recht kurzweiligen Abend lang auf Schaumstoffköpfe geklopft wird, muss niemand Angst haben, wegen Ideologieverdachts den Hals umgedreht zu bekommen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ein großer Spaß zum Nachdenken für Jung und Alt.

Foto (c) Das Helmi

Foto (c) Das Helmi

***

Große Vögel, kleine Vögel (22.02.2015)
Das Helmi nach Pier Paolo Pasolini
Premiere am Ballhaus Ost: 13.02.2015
von und mit Cora Frost, Solene Garnier, Julia Gräfner, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Franz Rogowski, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Burkart Ellinghaus, Jenny Dechene, Ceca Stanic, ehrliche arbeit – freies kulturbüro

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 15., 16. und 17.05.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/grosse-voegel-kleine-voegel/

http://www.das-helmi.de/index.php/produktionen/197-grosse-voegel-kleine-voegel

__________

Comments are closed.