Filme aus Österreich, Schweiz und Deutschland auf der 65. Berlinale 2015 – Eine etwas verspätete deutschsprachige Bärennachlese.

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Cinemaxx

Die 65. Berlinale 2015Foto: St. B.

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DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern – Ein Film von Stina Werenfels nach einem Theaterstück von Lukas Bärfuss im Panorama

Der Trend, Kinofilme für das Theater zu adaptieren, ist nach wie vor ungebrochen. Dass es auch andersherum ganz gut funktionieren kann, zeigt nun die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels mit ihrem neuen Werk DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern. Der Film basiert auf einem Theaterstück des bekannten Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss, das 2003 in Basel von Barbara Frey mit Sandra Hüller in der Hauptrolle uraufgeführt wurde. Im Film ist nun die vielversprechende Nachwuchsschauspielerin Victoria Schulz in der Rolle der 18jährigen Dora, die nach dem Absetzen der Medikamente ihren Körper entdeckt, zu erleben. Ihr Spiel der sexuell Erwachenden und ganz naiv aber bewusst ihren Trieben folgenden jungen Frau wirkt vollkommen natürlich und niemals peinlich.

Ausgehend von einer ausgelassen Kindergeburtstagsparty beginnt nach dem Absetzen der Pillen bei Dora eine Pubertät im Schnelldurchlauf, der die verständnisvollen Eltern (Jenny Schily und Urs Jucker) nicht gewachsen sind. Das sogenannte „Scheidenpimmelchen-Spiel“, das bei ihnen nur noch gelegentlich für Lust sorgt, soll nun für Dora zum festen Bestandteil ihres neuen Lebens werden. Und in Peter (Lars Eidinger, den Part des geheimnisvollen, zwielichtigen Manns in Filmen auf der Berlinale einmal mehr grandios verkörpernd) trifft sie auf den Mann, der ihr das, wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz ermöglicht. Das erste Treffen der beiden in einer U-Bahn-Toilette, auf die Dora dem von ihr angehimmelten Pharmavertreter folgt, inszeniert Regisseurin Werenfels als Mischung aus unschuldig, neugierigem Flirt mit Granatapfelsymbol und brutaler Vergewaltigung.

DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern - Foto © Alamode Film

DORA oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Foto © Alamode Film

Die „Neurosen“ der Eltern entspinnen sich dann ob der sexuellen Aktivitäten ihrer Tochter zwischen angespannter Liberalität und Kontrollwahn bis hin zu vollkommener Hilflosigkeit und sexuellem Frust, der angesichts der Schwangerschaft Doras in Eifersuchtsanfälle der Mutter münden, die selbst gern noch ein „gesundes“ Kind bekommen würde. Das auch Dora ihre unangenehmen Erfahrungen mit Liebe und Sex macht, spart der Film aber nicht aus. Beim Versuch Peters sie zu einem Dreier mit einem Kollegen zu animieren, sagt Dora zum ersten Mal nein, was Peter dann zwar akzeptiert, sich aber mehr und mehr aus der für ihn schwierig werdenden Beziehung verabschiedet.

Die unklare Figur des völlig frei von jedweder Verantwortung agierenden Peter ist ein anderer Aspekt des Films, dem Stina Werenfels allerdings weiter nicht allzu viel an Bedeutung beimisst. Da sind dann der Projektionslust der Zuschauer keine Grenzen gesetzt. Wie Mutter und Tochter, wenn auch auf recht dramatische Weise, doch noch zu einer letztendlich für beide Seiten akzeptierten und entspannten Sexualität finden, ist eine schöne Pointe am Schluss und kann in den Schweizer Kinos schon ab dem 19. Februar bewundert werden. In Deutschland startet der Film am 21. Mai 2015.

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Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern
Schweiz / Deutschland 2015, 90 Min
Regie: Stina Werenfels
Buch: Stina Werenfels, Boris Treyer
Kamera: Lukas Strebel
Mit: Victoria Schulz, Jenny Schily, Lars Eidinger, Urs Jucker u.a.

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Die Filme Ein idealer Ort und Im Sommer wohnt er unten sind die Preisträger des ‚Dialogue en perspective‘ in der Perspektive Deutsches Kino

Neben dem Schweizer Max-Ophüls-Preisträger Chrieg gab es noch zwei weitere Preise in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Den DFJW-Preis ‚Dialogue en perspective‘ teilten sich diesmal zwei Filme. Den Hauptpreis der Jury erhielt der mittellange Spielfilm Ein idealer Ort von Anatol Schuster. Der 40minüter des 30jährigen Regisseurs beschäftigt sich mit der weit verbreiteten Landflucht in Mecklenburg-Vorpommern. Während sich hier nur noch eine die Blaskapelle in kämpferischen Tönen übt, ist das Dorf zwischen Ferkelfabrik und Biosphärenreservat am Verfallen.

Ein idealer Ort - Foto (c) wirFILM

Ein idealer OrtFoto (c) wirFILM

In den Hauptrollen des Ehepaars Frank und Kathrin, das sich nach Jahren entschließt ihr Haus zu verkaufen und die Stadt zu ziehen, sind mit Matthias Neukirch und Jule Böwe zwei weitere prominente Berliner Theaterschauspieler besetzt. Frank hat sich so gut es geht mit Job und Blaskapellenmitgliedschaft in die Dorfgemeinschaft integriert und möchte eigentlich auch lieber bleiben. Kathrin dagegen plagen Ängste, auch bedingt durch einen nicht näher beschriebenen Autounfall, die sie mittels ominöser Klopftherapie-Anleitungen aus dem Internet aufzulösen versucht.

Das Lebensgefühl ihrer Tochter Anna zwischen Techno, zwei Dorfjungen und dem Kampf gegen die Ferkelfabrik ist ihnen genauso fremd wie ihr Sohn Otto mit seiner autistisch künstlerischen Überbegabung. Auf den Teenager Anna wirkt der Vater nur noch peinlich. Der Film beschreibt das Unvermögen von Menschen Entscheidungen zu treffen und ihr gemeinsames Leben wieder neu zu gestalten. Das Foto einer glücklichen Familie vor ihrem Haus für den Immobilienmakler ist nur gestellt. Es herrschen allgemeine Stagnation und Zweifel. Trotzdem bieten die Charaktere des Films noch jede Menge Raum zur Ausgestaltung. Der Stoff von Anatol Schuster hat durchaus Potential für einen 90minüter in Petto.

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Ein idealer Ort
Deutschland 2015, 40 Min
Regie, Buch: Anatol Schuster
Kamera: Julian Krubasik
DARSTELLER: Matthias Neukirch, Jule Böwe, Raja Rexin, Lukas Kühl, Robert Schupp, Radik Golovkov, Barbara Philipp, Jürgen Hartmann, Eva-Maria Blumentrath, Sebastian und Martin Fulbrecht

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Die Jury vergab noch eine Lobende Erwähnung an Im Sommer wohnt er unten, den Debutlangspielfilm von Regisseur Tom Sommerlatte. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten hier das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Eine nicht ganz unübliche Konfliktsituation, die hier in dem doch recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich angesiedelt ist. Im elterlichen Ferienhaus hat es sich Matthias (Sebastian Fräsdorf) mit Freundin Camille (Alice Pehlivanyan) und ihrem Sohn Etienne (William Peiro) gemütlich gemacht. Er hält nicht viel von beruflicher Karriere und lebt auf Vaters Kosten in den Tag hinein. Die Ruhe ist vorbei, als Bruder David (Godehard Giese) mit seiner Frau Lena (Karin Hanczewski) eine Woche zu früh ins Idyll mit Swimmingpool platzt. Das recht geschäftstüchtige Alphatier ist ziemlich angespannt, da er wegen des Fortpflanzungswillens seiner Frau und auch geschäftlich stark unter Druck steht. David beginnt sofort Bruder und Freundin zu gängeln und besteht darauf, das Zimmer zu wechseln sowie den Sohn Camilles wegzuschicken.

Im Sommer wohnt er unten - Foto (c) SamuelArnaud

Im Sommer wohnt er untenFoto (c) Samuel Arnaud

Der eher antrieblose Matthias lässt sich das zunächst gefallen. Erst als Camille beginnt David immer wieder erfolgreich herauszufordern, fängt auch er an, seine Lage zu überdenken. Es entspinnt sich ein schönes Spiel um Balzgehabe, Eifersucht und Rivalität zwischen den Brüdern und ihren Frauen, das den zentralen Austragungsort Haus und Pool bestens zu nutzen weiß. Es macht Spaß den beiden Paaren bei ihrem Kampf um männlichen Herrschaftsanspruch und weibliche Autonomie zuzusehen, bei dem die beiden konträren Brüder sich auch endlich wieder etwas näher kommen. Blut erweist sich hier auf eine andere Art dicker als Wasser und das leidige Geld, das David in Mengen verzockt hat, als ziemliche Erotikbremse. Regisseur Tom Sommerlatte nimmt bewusst auch Anleihen bei bekannten französischen Autoren-Filmen, mixt aber einen ganz eigenen Sommer-Cocktail, der beim Publikum gut ankommen dürfte. Der Kinostart ist für Herbst 2015 geplant.

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Im Sommer wohnt er unten
Deutschland / Frankreich 2015, 100 Min
Regie, Buch: Tom Sommerlatte
Produktion: Iris Sommerlatte
Kamera: Willi Böhm
Montage: Anna Kappelmann
Szenebild: Babett Klimmeck
Mit: Sebastian Fräsdorf, Godehard Giese, Karin Hanczewski, Alice Pehlivanyan und William Peiro

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Der letzte Sommer der Reichen und Superwelt – Zwei österreichische Spielfilme in den Sektionen Panorama und Forum

Um Machtspiele und Familienhierarchien geht es auch in Der letzte Sommer der Reichen, dem neuen Spielfilm des österreichischen Regie- und Schauspiel-Enfant-terribles Peter Kern, der im letzten Jahr seinen 65. Geburtstag feierte. Der Verfechter einer ganz speziellen Filmästhetik und eines etwas abseitigeren Humors findet dafür jedoch wieder wesentlich explizitere Bilder. Kern lässt die Liebe zur Schönheit des Lebens wie der Ekel über die Welt, wie sie ist, nicht in Ruhe. Und da ein Prophet im eigenen Land bekanntlich wenig gilt, hat Peter Kern wohl auch schon seit längerem ein Panorama-Abo auf der Berlinale.

Hanna von Stezewitz (die franz. Schauspielerin Amira Casar), die Hauptfigur in Kerns Film, ist eine Frau, die weiß was sie will, und es sich im Zweifelsfall auch nimmt. Die mondäne Modedesignerin und reiche Konzernerbin nutzt ihre Macht dabei schamlos aus, sexueller Missbrauch junger, naiver Models inklusive. Sie schreitet in Lack und Leder durch die feine Wiener Gesellschaft aus reichen Gönnern, Bankiers sowie anderen Aasgeiern aus Kunst und Politik. Ihren Ekel darüber lässt die als Mäzenin gern Gesehene mit einem exquisiten Hang zur Provokation freien Lauf. So sind der Zynikerin auch Bordelle lieber als ein Kunst- und Kulturzentrum mit ihrem Namen. Denn nur bei den Prostituierten zeigt die harte Hanna auch ihre weiche, verletzliche Seite. Natürlich auf eine recht bizarre und eher masochistische Art.

Der letzte Sommer der Reichen – (c) Nanook Film

Im zwielichtigen Milieu der Zuhälter engagiert Hanna auch den Mörder ihres verhassten Großvaters (Heinz Trixner) mit Nazivergangenheit, der ans Bett gefesselt in einem Schloss mit riesigen Räumen und willfährigen Bediensteten haust. Hier taucht Kern auch wieder tief in dunkle Kapitel deutsch-österreichischer Geschichte ein. Dass die sich nach echter Liebe sehnende Hanna dann aber ausgerechnet der jungen Nonne Sarah (Nicole Gerdon), die den Großvater pflegte, verfällt, wird ihr schließlich zum Verhängnis. Hanna sind nun außerdem selbst geheimnisvolle Killer auf den Fersen, was Kerns thematisch überbordenden Film etwas in Richtung pittoreske Krimigroteske kippen lässt, die er wieder satt mit klassischer Musik von Mozart bis zu Wagners Tristan und Isolde untermalt.

Ob nun SM, Prostitution, Geldgier, Macht- und sexueller Missbrauch oder die Kritik an Medien, Korruption, Finanzkapital und Kirche, mit dem Beackern von gleich mehreren gesellschaftlichen Tabuthemen gleichzeitig verliert der Film etwas sein Ziel aus den Augen. Kern vermag schon sehr gut die wahren Perversionen der kapitalistischen Konsumwelt zu offenbaren. Sein als große Gesellschaftssatire angelegter Film ist aber als Farce nicht überdreht oder schräg genug und als echte Provokation wiederum etwas zu brav. Neben dem Ex-Model Casar vermag einzig Ex-DDR-Schauspielstar Winfried Glatzeder in einer schönen Nebenrolle als Hannas geheimnisvoll devoter Privatsekretär zu brillieren, und ist sich auch eines kleinen Seitenhiebs auf seine Dschungelcamp-Vergangenheit nicht zu schade.

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Der letzte Sommer der Reichen
Österreich 2015, 91 Min
Regie und Buch: Peter Kern
Kamera und Produktion: Peter Roehsler
Mit: Amira Casar, Nicole Gerdon, Winfried Glatzeder, Helmut Berger, Margarete Tiesel, Nicole Beutler, Paul Matic, Florian Feik

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Nicht ganz so forsch und bunt wie Peter Kern geht sein österreichischer Schauspielkollege Karl Markovics mit seinem zweiten Spielfilm an die ganz menschlichen Verwerfungen der modernen Gesellschaft heran. Er schlägt mit Superwelt leicht ironische, wesentlich leisere, damit aber nicht weniger treffende Töne an. Diese offenbaren sich der Supermarktangestellten Gabi (Ulrike Beimpold) als göttliche Eingebungen, die sie erst unmerklich dann aber immer öfter sehr intensiv heimsuchen. Gabis Mann Hannes (Rainer Wöss) arbeitet bei der Straßenmeisterei einer kleinen Gemeinde in der Steiermark. Beide haben Haus, Garten und erwachsene Kinder, wobei Tochter Sabine bereits selbst verheiratet ist, Sohn Ronni (Nikolai Gemel) als Unteroffizier aber noch die Vorzüge des Hotels Mama genießt.

Superwelt - Foto (c) Thimfilm / Petro Domenigg

SuperweltFoto (c) Thimfilm / Petro Domenigg

Regisseur Markovics zeichnet hier den typischen Alltag einer berufstätigen Frau, die nebenbei auch noch ganz traditionell und selbstverständlich den Haushalt schmeißt. Das Ausscheren Gabis aus den eingefahrenen Gleisen einer Ehe, die nichts Überraschendes mehr bringt, ist Hannes dann auch zunächst vollkommen unbegreiflich. Sie haben es doch fast geschafft, ist sein zynischer Kommentar. Gabis Fasten und Aerobic-Training hält er in ihrem Alter schlicht für nutzlos. Eine neue Waschmaschine oder ein neuer Kühlschrank wären drin, die Küche muss reichen bis zum Ende. Aber kann denn das schon alles sein? Irgendwann verlässt Gabi einfach Supermarkt, Mann und Haus, um sich, den Einsagungen der inneren Stimme folgend, auf eine kleine Reise zu machen.

Mit Liebe und Verständnis für die Wünsche und Ängste seiner Protagonistin folgt Markovics Gabis Weg, der sie wie auf eine kleine, wundersame Passion durch die malerische Landschaft mit weiten Feldern und langen Straßen führt, auf einen gestressten Kurierfahrer, Bauarbeiter bei der Vesper, Soldaten und eine kleine Hochzeitgesellschaft treffen lässt. Brennende Büsche, Zweifel, Verwünschungen, die Verleugnung des eigenen Sohnes und ein reinigender Gewitterguss machen daraus aber kein biblisches Martyrium, sondern die Geschichte einer ganz gegenwärtigen Frau, der die Spießigkeit und die sie umgebende Ignoranz, der Fluch der ständigen Verfügbarkeit und Verlust jeglicher Zukunftsträume zu schaffen machen. Karl Markovics ist ein feinsinniges Gesellschaftsportrait gelungen, dem es nicht an nötigem Humor und Weltsicht mangelt. Kinostart Österreich: 20.03.2015

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Superwelt
Österreich 2015, 120 Min.
Regie, Buch: Karl Markovics
Kamera: Michael Bindlechner
Mit: Ulrike Beimpold, Rainer Wöss, Nikolai Gemel, Angelika Strahser, Thomas Mraz, Sibylle Kos, Michael Scherff, Harri Stojka

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