Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 2 – Ein blutleerer „Macbeth“ am DT und „Richard III.“ als Solo-Nummer in der Schaubühne.

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Tilmann Köhler knallt das blutrünstige Königsdrama Macbeth eher blutleer an die Sperrholzwand des DT

Macbeth, das späte blutrünstige Königsdrama von William Shakespeare, wird oft und gerne an deutschen Bühnen aufgeführt. Die heutigen Interpretationsmöglichkeiten des schicksalsbeladenen Karrieristen, der auf seinem Weg zur Macht über Berge von Leichen geht, sind dabei sehr vielgestaltig. Am Thalia Theater Hamburg deutete Luc Perceval den blutgeilen Königsmörder als posttraumatischen Kriegsheimkehrer. In Karin Henkels zum Theaterreffen eingeladener Münchener Inszenierung spielte gar eine Frau die Hauptrolle. Mal abgesehen von dem musikalischen Versuch Schottenstück. Konzert für Macbeth, das vor zwei Jahren von David Marton, bei dem man eh nie so genau weiß, was er da eigentlich macht, an der Volksbühne inszeniert wurde, stand der Macbeth in Berlin 2002 das letzte Mal auf dem Spielplan. Christina Paulhofer, die angeblich auch nicht wusste, worum es im Macbeth eigentlich geht, stellte in der Schaubühne Shakespeares Mörderpärchen samt schicker Komparserie auf einen langen Catwalk, spielte das Stück dann aber eher in die Breite.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Wieder in die Länge geht es in einer die gesamte Bühne einnehmenden Trichterschräge mit Tilmann Köhler, dem nach Stefan Puchers zwittrigem Was ihr wollt die zweite von insgesamt drei neuen Shakespeareinszenierungen am Deutschen Theater zugefallen ist. Köhler, seit 2009 als Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden eigentlich recht erfolgreich, hat bereits 2012 an den Kammerspielen mit Wajdi Mouawads Verbrennungen eine eher lauwarme Regiearbeit abgeliefert und 2013 Ödön von Horváths Jugend ohne Gott recht uninspiriert mit Schauspielschülern in der Box inszenierte. Nun feiert er mit dem blutigen Tyrannen Macbeth seine Premiere auf der großen Bühne des DT und hat, um es vorwegzunehmen, auch diesmal leider kein besonders glückliches Regiehändchen dabei.

Durch eine schmale Öffnung am Ende des besagten Sperrholztrichters (Bühne: Karoly Risz) zwängt sich zu Beginn ein undefinierbares Menschenknäul, das nur mit Unterhose bekleidet hechelnd, stöhnend und rülpsend die Schräge zur Rampe herunter kullert. Ein tierisches Bündel nackter Leiber, aus der Finsternis des Höllenschlundes in die Welt geworfen, diese nun ebenfalls schicksalhaft durcheinander zu wirbeln. Es sind die Schauspieler Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur, die sich um Kleidungsstücke aus mitgeschleppten Plastiktüten balgen und – „schön ist schlimm, und schlimm ist schön“ – die Hexen verkörpern, die dem siegreichen Feldherrn Macbeth weissagen, erst Thane of Cawdor und später sogar König von Schottland zu werden.

Wenn sie nicht die Shakespeare’schen „Schicksalsschwestern“ geben müssen, spielen die fünf Darsteller König Duncan (Matthias Neukirch) und dessen Sohn Malcom (Thorsten Hierse), Macbeth‘ Gefolgsmann Banquo (Felix Goeser), dessen Sohn Feance (Timo Weisschnur) und seine wie IS-Kämpfer vermummte Mörder, Macduff (Elias Arens), der den Tyrann Macbeth schließlich zur Strecke bringt, dessen Frau und Sohn, oder andere schottische Thanes und Diener. Sie agieren dabei oft als Gruppe, oder direkt aus ihr heraus. Lassen sich danach aber immer wieder in die anonyme Masse zurückfallen. Das hat zunächst Drive, verliert sich dann aber immer öfter in szenischen Mätzchen und symbolträchtigen Bildern. Ekel kann hier auch nicht aufkommen, Köhler verweigert jegliches Ausmalen der Mordtaten mit Theaterblut.

Die Idee, Shakespearestücke und besonders den Macbeth ausschließlich mit Männern zu besetzen, ist nicht neu. Sei es nun aus elisabethanischen Theatertradition, oder um dem Ganzen einen besonderen künstlerischen Mehrwert abzugewinnen. Zu besonderem Ruhm kam dabei der Düsseldorfer Macbeth von Jürgen Gosch, der beim Theatertreffen 2006 eine Ekeltheater-Debatte auslöste. In ihrer besonderen Körperlichkeit und den Lautmalereien der Darsteller erinnert Köhlers männlicher Hexenhaufen auch ein wenig an Goschs denkwürdige Inszenierung. Nur vermag Köhler nicht auf Dauer Funken aus dieser Konstellation zu schlagen. Irgendwann hat sich der Witz seiner Idee aufgebraucht und die Darsteller werden schließlich, durch sich öffnende Luken des Trichters schauend, zu schwarzgewandeten Stichwortgebern der eigentlichen Hauptperson.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Und die wirkt nun geradezu diametral zu dem um sie herum wuselnden Einheitsbrei aus Geistern und Menschen. Am „Theater der Preisträger“, wie sich das DT selbst neuerdings nennt, gehört die Rolle des Macbeth natürlich niemand anderem, als dem frischgebackenen Fernsehpreisträger Ulrich Matthes. Dessen mit düster tiefliegenden Augen gestalteter Tatortbösewicht hat wohl dann auch Köhler bewogen, ihn als Mörder Macbeth zu besetzen. Allerdings wirkt Ulrich Matthes hier zunächst eher wie ein unentschlossener, zweifelnder Prinz Hamlet, dem, obs edler im Gemüt, erst seine Lady den Drang nach Blut und Macht schmackhaft machen muss. Diese hat es aber noch weit schlimmer getroffen. Während sich Matthes ins ausdrucksvolle Deklamieren, Augenrollen und Brustschlagen flüchtet, muss Maren Eggert wie fremdelt umherschreiten und schließlich, kleine Taschenlampe brenn, im Wahnsinn das Blut beider Taten als Lichtflecken an den Bühnenhorizont schreiben.

Die Inszenierungsidee Köhlers nährt sich aus einem im Programmheft abgedruckten, recht umfangreichen Essay zur Rezeption des Macbeth in Vergangenheit und Gegenwart. Die Deutung des Geschehens als Reaktion des autonomen Subjekts in einer „Welt im Umbruch“, dessen „Seinsordnung“ ins Wanken gerät, begründet aber nicht zwingend auch dessen Taten. Köhler legt den Schwerpunkt auf die monologisierenden Protagonisten, die dabei ihre Begierden, Selbstzweifel und Ängste reflektieren. Allerdings wirkt das bei Macbeth, seiner Lady und selbst noch im Dialog des Macduff mit dem vorm Tyrannenmord zurückschreckenden Malcom, der über seine eigenen Machtgelüste vor der Rampe ins Publikum philosophiert, einfach nur uninteressant und manieriert.

Köhlers Theater entlarvt sich dann schließlich auch in Macbeth‘ Schlussmonolog zu recht höchst selbst als „… ein wandelnd Schattenbild / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn‘ … / Das nichts bedeutet.“ Also alles nur ein Hirngespinst? Das klingt bei Matthes‘ heiligem Pathos nicht gerade nach Selbstironie. Doch jeder hat irgendwann eine zweite Chance. Vorausgesetzt man hätte eine Ahnung von dem, was man eigentlich will. Jürgen Gosch, den Hellmuth Karasek im Spiegel nach dessen erstem Versuch, den Macbeth 1988 an der Berliner Schaubühne zu inszenieren, noch einen Feldwebel schimpfte, der Shakespeare schleife, hat es fast zwanzig Jahre später bewiesen. Also noch viel Zeit für den 35jährigen Tilmann Köhler.

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Macbeth
Von William Shakespeare
Deutsch von Dorothea Tieck
in einer Fassung von Sonja Anders und Tilmann Köhler
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Dramaturgie: Sonja Anders, Hannes Oppermann
Mit: Ulrich Matthes als Macbeth und Maren Eggert als Lady Macbeth sowie Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur

Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Premiere im Deutschen Theater war am 19.03.2015

Termine: 25.03., 28.03., 07.04., 16.04. und 24.04.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/macbeth/

Zuerst erschienen am 21.03.2015 auf Kultura-Extra.

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King Eidinger – Thomas Ostermeier inszeniert an der Schaubühne die Tragödie von König Richard III. als Solo-Nummer mit angeschlossenem Hofstaat

Den Macbeth hatte, wie oben bereits erwähnt, also Christina Paulhofer schon 2002 an der Berliner Schaubühne auf langem Catwalk inszeniert. Ein Drama, das Thomas Ostermeier in seiner Shakespeare-Sammlung noch fehlt und Schaubühnenstar Lars Eidinger neben seinem grandiosen, über 250-mal gespielten Hamlet auch gut zu Gesicht stünde. Ostermeier hat sich aber für Richard III. entschieden und damit den Reigen der Shakespeare-Tage in Berlin bereits am 7. Februar eröffnet. Nun kommen die passionierten Theatergänger und -Fans also in den Genuss, zwei der blutigsten Shakespeare-Dramen voll von machthungrigen Karrieristen, intriganten Höflingen und gedungenen Königsmördern mit zwei der beliebtesten Schauspieler der Stadt parallel sehen zu können. Ein Vergleich der sich sicher lohnt, auch wenn der Macbeth mit Ulrich Matthes am DT etwas blutleer daherkommt und sich letztendlich trotz Kürzungen auch etwas in die Länge zieht.

Richard III_Schaubühne_März 2015

Richard III. in der Schaubühne
Foto: St. B.

Langeweile lässt Schaubühnenintendant Ostermeier bei seinem Richard trotz 155 Minuten am Stück ohne Pause aber gar nicht erst aufkommen. Es geht sofort fulminant mit wummernden Beats nebst Live-Schlagzeugbegleitung (Thomas Witte) sowie allerlei Hofgeschranz und Flitter zur Partytime im dunklen Halbrund der Bühne. Nicht einfach nur eine Londoner Straße, nein, eine ganze Arena hat Jan Pappelbaum in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut, mit Tribüne und hochmontierten Rängen, fast wie im alten Londoner Globe. Die Rückwand ist mit Lehm bestrichen, hölzerne Laufgänge mit Treppen und Stahlstangen bieten Möglichkeiten zum Klettern und Spielverlagerung von der Ebene der Bühne in die luftige Höhe. An einem langen Elektrokabel hängt ein Mikro mit eingebautem Spot und Videokamera vom Schnürboden. Von diesem vielseitigen Hilfsrequisit wird die berüchtigte, finstere Hauptfigur Richard Plantagenet, Herzog Gloucester aus dem Geschlecht der Yorks dann auch reichlich Gebrauch machen.

Gefeiert wird also der Sieg in den sogenannten Rosenkriegen, der dem Hauses York mit Edward IV. die Nachfolge auf dem englischen Königsthron für den von Richard ermordeten Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster sichert. Der körperlich behinderte und sich auch sonst benachteiligt fühlende Richard wirkt in dieser ausgelassenen Feierblase wie ein Fremdkörper. Für den teils trashigen, teils zeitlos klassischen Schick ihrer Kostüme zeichnet Architektentochter und UdK-Professorin Florence von Gerkan verantwortlich. Sie hat schon einige hochkarätige Opern-Inszenierungen ausgestattet, was auch gut ins Bild dieses fast schon wie eine rockige Seifenoperette daherkommenden Intrigantenstadls passt. Die Hauptfigur Richard dagegen steht auf krummen Beinen ist eingeschnürt am Kopf und trägt einen umgeschnallten Buckel.

Auftritt Lars Eidinger, der, nach dem er vergeblich versucht hat, sich dem Treiben zuzugesellen, das erste Mal zum Mikro greift und seinen berühmten Eingangs-Monolog hält. Da Richard, von der Natur betrogen, für sich erkannt hat, dass er sich sichtlich nicht zum Liebhaber eignet, ist er entschlossen, ein Scheusal zu sein, das bedenkenlos Intrigen einfädelt, um sich die Krone auf seine Weise zu holen. Das performt nun dieser Eidinger/Richard in einer geradezu faszinierenden Besoffenheit seiner selbst. Die Faszination für den Zuschauer liegt dabei in der bewussten Unverfrorenheit, sich ohne Rücksicht an die Macht zu intrigieren. Richard schmeichelt, buckelt, lügt, lässt Köpfe rollen und bekommt sogar Lady Ann (Jenny König) ins Ehebett, deren Mann und Schwiegervater er eigentlich ermordet hat.

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Richard III. in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declaire

Zu Diensten sind ihm dabei durchgängig willige, selbst machtgierige Emporkömmlinge, Günstlinge der Krone und ein schwaches, verfettetes Bürgertum. Oder besser noch, sie sind ihm, da selbst untereinander verfeindet, nicht weiter im Weg. Wer nicht mehr benötigt wird wie Lord Hastings (Sebastian Schwarz) oder droht selbst gefährlich zu werden, wie der ebenso skrupellose Herzog Buckingham (Moritz Gottwald), wird abserviert. Richard macht selbst vor seinen Brüdern Edward (Thomas Bading) und Clarence (Christoph Gawenda) und seinen jungen Neffen nicht halt, die hier ganz nett durch lebensecht wirkende Handpuppen dargestellt werden, denen die anderen Schauspieler Stimme und Händchen leihen. Zur närrischen Auflockerung bietet Shakespeare ein tumbes, über Gewissen philosophierendes Mörderpärchen, das hier dankbar von Robert Beyer und Thomas Bading hinchargiert wird. Dabei gibt es endlich auch etwas Theaterblut, das aus Clarence Hals in den Zirkussand fliest.

Auch die Frauen haben schöne Auftritte. Die Wut und Hasstiraden von Jenny Königs Lady Anne oder von Eva Meckbach als ebenfalls zur Witwe gemachten Königin Elisabeth bieten ein wenig Gegenwind, den ihnen Richard aber postwendend wieder aus den Segeln zu nehmen versteht. Robert Beyers alles und alle verfluchende Ex-Königin Margaret bekommt sogar Szenenapplaus. Aber es bleibt wenig Zeit für Ausdifferenzierungen einzelner Charaktere, was bei Shakespeare ja auch so nicht unbedingt angelegt ist. Ostermeier inszeniert das alles recht schnell und schnoddrig, fast wie einen schwarz-humorigen Krimiplot im Gangstermilieu, was eine schöne Volte zum vermutlich angesteuerten Ziel dieser Inszenierung, dem allgemein dreckigen Geschäft der Politik schlagen könnte. Wenn da nicht immer wieder alles auf die eine Person zulaufen würde.

Der Herr im Ring bleibt Lars Eidinger, der sein Publikum fest in der Hand zu haben scheint. Das suggestive Machtspiel zwischen Erwartungen und Klischees, Schauer, Ekel und der Faszination des Bösen beherrscht er mit einer Leichtigkeit, die alle anderen Mitspieler geradezu in den Schatten stellt. Allerdings gerät ihm dabei die Zurschaustellung der bodenlosen Abgründigkeit seiner Figur fast schon zur Manie. Ostermeier gönnt seinem Schauspielking dazu noch ein bedeutungsschwangeres Ende. Eidinger reflektiert sich erst mit weißer Quarkmaske im Spiegel (da ist er dem zweifelnd monologisierenden Macbeth des Ulrich Matthes am DT am nächsten) und geht dann vom Toten-Albtraum im Bett über zum fahrigen Schattenfechten gegen mehrere unsichtbare Richmonds. Kokettiert hier etwa einer auch mit dem Fluch der eigenen Popularität? So what. A Horse is a Horse, und nie da wo man es braucht. Ein Tisch tut es auch. Zur Erklärung des Bösen kann man wie immer einiges im Programmheft lesen. Von Auszügen aus Machiavellis Fürst, über Macht- und Gewaltkalkül nach Philipp Reemtsma bis zur Psychologie der Figur Richards nach Sigmund Freud. Letztendlich ist das alles aber nur unnützer, theoretischer Ballast für einen dann im wahrsten Sinne des Wortes gut abgehangenen Titelhelden.

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Richard III_Lars Eidinger_Schaubühne

Lars Eidinger ist Richard III. – Foto: St. B.

Richard III. (30.03.2015)
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Florence von Gerkan
Musik: Nils Ostendorf
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mit: Lars Eidinger, Moritz Gottwald, Eva Meckbach, Jenny König, Sebastian Schwarz, Robert Beyer, Thomas Bading, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, am Schlagzeug: Thomas Witte

Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, keine Pause

Premiere war am 07.02.2015 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 06.04., 07.04., 01.-05.04, 08.05., 09.05., 30.05. und 31.05.2015

Infos: www.schaubuehne.de

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